Wir Menschen neigen dazu zu „kämpfen“, wenn wir den Eindruck gewinnen, dass unsere eigenen Bedürfnisse mit Füßen getreten werden. Und wir gewinnen diesen Eindruck schnell und reflexartig, das ist Teil unseres Überlebens-Notprogramms – In diesem Notprogramm sind wir nicht mehr bereit, auf die Bedürfnisse anderer Menschen einzugehen und ihnen in unserem eigenen Denken und Handeln Gewicht zu geben.

Will man daher den „Kampf aller gegen alle“ aus der Gesellschaft herausbringen, wird man ganz natürlich danach fragen, unter welchen Bedingungen wir Menschen denn eigentlich überhaupt bereit sind, uns den Bedürfnissen anderer Menschen zuzuwenden und, nachdem wir sie verstanden haben, diese Bedürfnisse anderer in unsere eigenen Handlungspläne systematisch einzubauen.

Glücklicherweise lässt es sich sehr klar benennen, was diese Bedingungen sind. Besonders zwei Bedingungen sind aller menschlicher und zwischenmenschlicher Erfahrung nach zentral dafür, dass wir den Bedürfnissen unserer Mitmenschen Raum, Gehör und Gewicht geben:

a) Wir brauchen Sicherheit, dass auch unsere eigenen Bedürfnisse Gewicht haben, gehört und nicht ignoriert werden im Denken und Handeln unserer Mitmenschen. In dem Moment, indem wir die Sicherheit gewinnen, dass wir im kommunikativen Raum nicht zu kurz kommen, werden wir offen für andere. Manchmal brauchen wir dieses Signal überdeutlich. Aber erfolgt diese Erfahrung stetig, wiederholt, beruhigen wir uns schnell und haben dann nicht mehr jenen Bedarf an überbordenden „auch Du bist hier wichtig“-Signalen.

b) Wir brauchen Unmittelbarkeit. Genauer: Das unmittelbare Gespräch, physisch, in einem Raum. Denn nur wenn wir die Bedürfnisse anderer unmittelbar körperlich miterleben können, wenn Sprache und Körpersprache zusammenkommen kann wirksame Empathie zwischen uns Menschen entstehen. – Aus der Ferne oder in der körperlosen Virtualität gibt es keine Empathie, sondern nur kognitive Projektionen. Und das ist nicht dasselbe.

Wenn wir in den Kampfmodus schalten, sagen wir damit also performativ entweder:

„Ich glaube nicht, dass meine Bedürfnisse für den anderen Bedeutung haben oder Bedeutung erlangen können. – Daher muss ich mich hier mit Gewalt durchsetzen. Mit Drohungen, mit Manipulation, mit Verlockung und Verführung. Oder eben wirklich mit physischer Gewalt.“

Oder wir sagen:

„Ja, möglicherweise könnte ich den anderen wirklich erreichen und er mich, wenn wir in einem ruhigen Moment und einer entspannten Atmosphäre ein unmittelbares Gespräch darüber führen könnten, was wir beide eigentlich brauchen. Nur haben wir diese Gelegenheit eben nicht, auf diese Weise miteinander zu sprechen. – Daher muss ich nun für mein Recht kämpfen…“

Es ist mittlerweile meines Wissens unumstritten, dass wir, um uns für die Bedürfnisse anderer zu öffnen, die Sicherheit brauchen, dass unsere eigenen Bedürfnisse Gewicht haben. Wir brauchen das „erkennbare Gehört-Werden“, das nur in unmittelbaren Gesprächen von Angesicht zu Angesicht wirksam wird. Durch körpersprachliche Feedback-Signale entsteht jenes Vertrauen, das wir brauchen, um uns selbst für das Überraschende und Fordernde am Anderen zu öffnen.

Existiert das Vertrauen nicht, weil entweder die Unmittelbarkeit fehlt oder das Gespräch durch Konkurrenz und Hierarchie verseucht ist, die den Effekt haben, dass ich unsicher werde, ob meine Bedürfnisse Raum haben, werden wir Menschen immer zuverlässig in den Kampf-Modus schalten. Weil das dann, unter solchen Umständen eben „vernünftig“ ist.

Gute Politik besteht daher in der Schaffung solcher Rahmenbedingungen, in denen unser Kampf-Reflex als Menschen nicht getriggert wird. Weil wir merken: Wir kommen zu Wort. Wir werden gehört. Wir haben Gewicht. Mit unseren vorhandenen Bedürfnissen. Zuverlässig. Wir müssen nicht kämpfen.

Solche Rahmenbedingungen sind durchaus institutionell herstellbar. Wir tun es bisher nur nicht. Im Grunde deswegen, weil wir noch nicht verstanden haben, wie wir Menschen funktionieren; von unserer biologisch-psychologischen Hardware her.

Oder freundlicher: Wir sind als Gesellschaft immer noch am üben, wie wir mit dem, was wir als Menschen sind, institutionell-verfahrenstechnisch am besten umgehen sollten. Wir experimentieren immer noch im Politischen. Wir sind noch lange nicht „am Ende der Geschichte“ angelangt. Wahrscheinlich werden wir das auch nie. Denn unsere Institutionen werden wir immer wieder neuen Situationen anpassen und in diesem Sinne „verbessern“ müssen.

Vielleicht sollten wir mal anfangen, die Ergebnisse unserer bisherigen politischen Experimente (Input –> Output) etwas ernster zu nehmen und daraus Konsequenzen für unsere zukünftigen Experimente zu ziehen. Anstatt uns zu sagen: „Das ist halt so“ oder „Das kann gar nicht anders sein.“

Denn diese Haltung: unsere Institutionen und ihren Output in Gedanken als unveränderlich und gegeben zu setzen, ist die denkbar unpolitischste Haltung, die wir einnehmen können.

 

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