Die Kurzantwort auf die Frage danach, wie wir machtfreie Räume schaffen können, in denen keiner von uns andere von uns dominiert, also weder ich Dich dominiere noch Du mich dominierst, lautet:

„Mit Vorsatz.“

Unser privater Alltag ist durch und durch von Machtverhältnissen zwischen uns durchzogen. Genauer: Von Machtasymmetrien zwischen uns. Und diese Machtungleichheiten haben drastische Folgen für uns und unsere Beziehungen zueinander.

Zugleich ist klar, dass Machtasymmetrien sich immer wieder neu herausbilden in unserem Alltag, selbst in einem Kontext, der weitgehend frei davon ist, dass körperliche Gewalt im Spiel ist oder auch nur die Androhung der Anwendung körperlicher Gewalt. Denn Machtasymmetrien kommen auch dadurch zustande, dass der eine Mensch den anderen Menschen einfach „mehr braucht“ als umgekehrt. Denn dadurch kommt der eine von uns gegenüber dem anderen von uns „an den längeren Hebel“. Solche Machtasymmetrien bekommen schnell ihre Eigendynamik und verfestigen sich dann als „Status“.

Ein „machtfreier Raum“ ist also alles andere als selbstverständlich. Er ist etwas besonderes zwischen uns, das bewusst hergestellt werden muss, wenn wir unser Leben nicht als „ewigen Kampf um die Macht“ verbringen wollen: Gefangen in Statusspielen vom Typ „fixierte hierarchische Positionen, die wir anstreben oder eben nicht anstreben“. Und man darf nicht verschweigen: Es soll ja auch Menschen geben, die das ganz toll finden, ihr Leben als ewigen Kampf um Anerkennung zu gestalten.

Nach meinem politischen, historischen und philosophischen Wissen, ist ja „Politik“ ursprünglich gedacht gewesen als jener künstliche, bewusst hergestellte machtfreie Raum. Ein Raum für die Begegnung der Menschen als Bürger, das heißt als „Freie und Gleiche“, in Absehung von den Machtverhältnissen, die außerhalb jenes Raums des Politischen, also im Privaten zwischen uns herrschen. Ein Raum, den wir bewusst herrschaftsfrei gestalten und bei dem wir sehr penibel darauf achten, dass sich in ihn auch keine Herrschaft einschleicht. Ein Raum, in dem Gewalt verpönt ist und jeder gehört wird. Ein Raum, in dem wir die Verbindung zwischen uns mit den empathischen Mitteln der freien Rede herstellen; also im bewussten Rückgriff auf Mittel, die in uns ebenso natürlich angelegt sind, wie unsere Neigung zur Gewalt und Herrschaft. Ein Raum, in dem wir uns deswegen anders anhören und zuhören können, weil eben Machtfreiheit Bedingung dafür ist, dass wir als Menschen uns überhaupt wechselseitig zuhören können.

Das Politische wurde also erfunden (oder vielleicht: gefunden) als Einsicht in die Erfordernisse der „Natur des Menschen“: Dass wir bedürftige Wesen sind, keine perfekten, bedürfnislosen Götter. Wesen, die vielleicht offen und frei zuhören sollen, aber deswegen noch lange nicht offen und frei zuhören können, wenn bestimmte Bedingungen (i.e.: Machfreiheit) nicht gegeben sind. – Der Raum des Politischen wird also geschaffen als eine gemeinsame Anstrengung der Menschen, die sich selbst die Bedingungen verschaffen, unter denen sie sich dann wechselseitig frei begegnen und anhören können.

Mit diesem Raum des Politischen, machen wir Menschen uns zu „Bürgern“. Allerdings nur dann, wenn wir diesen Raum alle gleichermaßen regelmäßig besuchen. Wenn also auch die Abstandnahme zum jeweils Eigenen, zum Privaten bei allen Menschen eines Gemeinwesens gleich häufig ist.

Die vorsätzliche Etablierung des Politischen in einer menschlichen Gemeinschaft verändert daher alle Einzelnen. Und sie verändert auch das Klima der Gemeinschaft selbst. Und das in einem beinahe unvorstellbaren Ausmaß; zumindest aus der Perspektive einer vollkommen unpolitischen Gemeinschaft aus gesehen, die jene machtfreien Räume nur vom Hörensagen kennt.

Der Raum des Politischen ist also prädestiniert dazu, jener machtfreie Raum zu sein, den wir brauchen, um in ihm gemeinsam Gesetze, Regeln und Verfahren festzulegen, von denen wir uns dann in unserem Alltag nicht als fremdbestimmt erleben. Sondern die Ausdruck unserer gemeinsamen Freiheit sind. Der politischen Freiheit, die uns auch in unserem Alltag freier fühlen lässt. Weil sie uns ein Mittel an die Hand gibt, jene Regeln und Institutionen zu verändern, wenn sie nicht mehr passen. Wenn unsere eigenen Regeln und Institutionen beginnen, uns mehr zu bedrücken und zu schaden als uns zu unterstützen und zu stärken.

Der Raum des Politischen wird von uns also bewusst abgesetzt von allen Räumen des Privaten und ihren Gesetzmäßigkeiten. Durch unsere gemeinsamen Festlegungen im Raum des Politischen beeinflussen wir vielmehr indirekt, welche Gesetzmäßigkeiten im Privaten herrschen sollen und welche nicht. Aber wir nehmen diese Festlegungen selbst eben frei vor. Das heißt auch: Private Freiheit ist ohne die Realisierung des Politischen als machtfreiem Raum gar nicht möglich. Erst die Politik macht uns als Menschen frei. Allerdings nur dann, wenn die Vorgänge im Raum des Politischen selbst machtbefreit sind. Wenn die privaten Herrschaftsverhältnisse „draußen bleiben“, außen vor dem Raum des Politischen. Wenn wir eine sehr klare Linie ziehen zwischen dem Privaten, in dem Machtasymmetrien zugelassen sind, und dem Politischen, in dem wir uns Machtasymmetrien kategorisch verbieten. Und dieses Verbot institutionell stützen, indem wir politische Verfahren schaffen, die uns allen einen exakt gleichen Zugang zum Raum des Politischen verschaffen, also per Zufallsauswahl, mit dem demokratischen Losverfahren.

Und das geht eben nur mit Vorsatz. Aus Einsicht in unsere eigene Natur als Menschen und ihre bleibenden Erfordernisse: Dass wir alle uns nur dann frei fühlen, auch in unserem privaten Alltag, wenn wir Politik als Freie und Gleiche realisieren.

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