Menschen, die mich schon etwas länger kennen, wissen meist: Ich bin kein sonderlich friedlicher Mensch. Ich trage – wie so viele – die Insignien des „Kriegers“ mit mir herum. M.a.W.: Es gibt in mir eine Liebe zum Krieg, die ich trotz zahlreicher intensiver Bemühungen, sie los zu werden, als gute alte Freundin mit in mein Grab hineinnehmen werde. Das hat wie immer natürlich historische Gründe. Und wen solcher Privatkram wirklich interessiert, der kann diese Gründe gerne am Ende dieses Artikels hier nachlesen. Psychologische Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind ja wichtig und so.

Gerade weil der Krieg ein guter alter Bekannter von mir ist, kann ich ihm wenig abgewinnen. Für Kriegsromantik bin ich nicht zu haben, denn die unmittelbaren Verletzungen und die auch lange nach seiner Beendigung fortdauernden Zerstörungen, die jeder Krieg mit sich bringt, sind mir all zu präsent. Ich könnte auch sagen: ich spüre diese Spätfolgen als „Ablagerungen“ Tag für Tag in jeder verdammten Zelle meines Körpers.

Ich sähe daher gern eine Gesellschaft, die sich selbst dauerhaft befriedet, die nicht nur dem Krieg abschwört, sondern die auch den Bedingungen, die ihn überhaupt erst möglich und wahrscheinlich machen, systematisch das Wasser abgräbt. Und tatsächlich halte ich eine solche Gesellschaft für möglich, für ganz realistisch erreichbar. Das hat eher therapeutische Gründe: Also Gründe, die man unmittelbar erleben kann, wenn man sich viel diesseits und jenseits der therapeutischen Linie bewegt hat. Gründe die man kennt, wenn man erlebt hat, wie seelische Befriedungsarbeit aussieht, abläuft und sich anfühlt.

Bleibt dieser Wunsch aber nicht nur frommer Wunsch, sondern wird er zum Willen, d.h. zu einem Wunsch, für den man tätig wird, stellt sich die Frage, wie jene Institutionen ins Leben kommen können, die genau das leisten: Eine dauerhafte Befriedung der menschlichen Gesellschaft zu leisten. Und das in einem gesellschaftlichen Kontext, der alles andere als friedlich ist, in dem es „Parteien“ gibt, „Wettbewerb“, „Kämpfe“ und „Kampagnen“, also in einer Gesellschaft, die man nach wie vor als Kriegerkultur bezeichnen muss, in der Durchsetzungskraft gegen die eigenen Mitbürger immer noch häufig positiv bewertet wird.

Was diese Institutionen sind, die den Wandel von einer aristokratischen Kriegerkultur in eine demokratische Care-Kultur unterstützen, ist für mich mittlerweile nicht mehr rätselhaft. Ich bin mir sicher, dass eine flächendeckende Einführung von Bürgerkonventen in unser politisches System genau das leisten wird: Mit Losverfahren, dadurch erreichter bewusster politischer Durchmischung der Bürger, unmittelbaren wertschätzenden Dialog und Austausch und dadurch nebenbei gewonnener Einfühlung in die so ganz andere Lebenssituation der eigenen Mitbürger. Ich glaube auch, dass dadurch viel Coaching- und Therapiebedarf in unserer Gesellschaft einfach wegfallen würde. Politik könnte, ja kann ein Therapeutikum sein, indem nicht mehr therapeutische Spezialisten sich den armen „Gefallenen“ zuwenden, sondern in dem wir einander auf Augenhöhe begegnen und uns wechselseitig helfen, uns nicht in unguten Fixierungen zu verrennen und zu versteifen. Als Freie und Gleiche. Als Bürger.

Das Naheliegendste, um solche Institutionen ins Leben zu bringen, sie bekannter zu machen, „öffentlichen Druck zu erzeugen“, etc., wäre es nun, eine gut gemachte, geschickte politische Kampagne für das Losverfahren und Bürgerräte zu führen. Also eine politische Kampagne für Institutionen, die politische Kampagnen bleibend überflüssig machen.

Und ich als alter, braver, guter Krieger frage mich nun also, ob so eine Kampagne sich von anderen politischen Kampagnen unterscheidet (nur weil ihr Inhalt ein „besonderer“ ist), oder ob sie nicht eher auch all die Nachteile und Spätfolgen mit sich bringt, die politische Kampagnen ganz grundsätzlich an sich haben, wenn man sie in einer Gesellschaft führt, die in sich völlig differenziert, uneins, zerstritten und gespalten ist?

Klar würde mir so eine Kampagne vermutlich viel Spaß machen: Von Gleichgesinnten umgeben, mit denen man über so vieles nicht mehr diskutieren muss, weil es „für uns“ selbstverständlich ist. Eine gemeinsame „Mission“, auf der wir den armen unwissenden Mitbürger da draußen das Licht der politischen Wahrheit bringen. Politische Engel in düsteren Zeiten.

Ich würde ja sagen: „Bleiben Sie dran! Es bleibt spannend! – Wird der Held der Geschichte seinen kriegerischen Neigungen erliegen oder wird er in Schönheit und Innerlichkeit sterben!?“

Die nächste Folge wird bestimmt Aufschluss darüber bringen…

 

 

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