Ich glaube, dass wir die heutige Komplexität, Vielfalt, die Möglichkeiten und die Grenzen des Menschlichen in vielen Situationen immer noch unterschätzen.

Das ist auch nicht unbedingt merkwürdig, denn es gibt viele Möglichkeiten und gute Gründe, diesen ganz alltäglichen Wahnsinn, der wir selber sind, vor unserem eigenen Bewusstsein zu verbergen. Unter vielen Umständen ist die gezielte Vereinfachung des eigenen Menschenbilds eine sehr rationale Operation, d.h. eine geeignete Anpassung an die gerade gegebenen Umstände.

Leider ist diese Vereinfachung nicht kostenfrei zu haben. Den ganz normalen menschlichen Reichtum eben mal kognitiv zu vernichten hat Folgen dafür, was zwischen uns möglich ist, wenn wir uns begegnen. Wir nehmen vieles nicht mehr wahr, „was durchaus ginge“ und wir halten zugleich notorisch für möglich, von dem wir wissen können, dass es menschlich unmöglich ist.

Menschen so wahrzunehmen, „wie sie sind“ und zugleich so „wie sie sein können“, erzeugt einen gewissen mentalen Aufwand; und wahrscheinlich einen sogar noch größeren emotionalen Aufwand. Und wir sind in neuen Beziehungen manchmal eher dazu bereit als in schon länger bestehenden.

Wirklich spannend wird diese Sache aber in der Beziehung zu jenen Menschen, mit denen wir in gar keiner unmittelbaren Beziehung stehen, mit denen wir aber mittelbar auf’s Engste verknüpft sind: In der Beziehung zu unseren Mitbürgern.

Vor allem eben zu jenen Mitbürgern, mit denen uns kaum etwas verbindet, außer eben jenem Mitbürgertum. Weil wir in der modernen, liberalen Gesellschaft alle in unseren Nischen und Milieus leben. Und aus diesen unseren ganz besonderen gesellschaftlichen Biotopen gibt es für uns kaum ein Herauskommen.

In diesem Verhältnis ist es für uns besonders einfach, es uns besonders einfach zu machen: Wir haben Klischeevorstellungen von unseren Mitbürgern „in all den anderen gesellschaftlichen Nischen“. Und diese Klischeevorstellungen erfahren so gut wie keine Korrektur durch das einzige Gegenmittel, das Klischeevorstellungen beikommen kann: Unmittelbare, gehaltvolle Begegnungen. Begegnungen, die nicht überformt sind von Konkurrenz oder hierarchischer Einseitigkeit. Denn beides: Konkurrenz und Hierarchie triggern wiederum die Bildung von Klischeebildern voneinander, so dass Begegnungen unter solchen Bedingungen kaum für eine realistischere Korrektur taugen. Ein realistischeres Menschenbild, das uns all die Komplexität, Vielfalt, Möglichkeit und Begrenztheit der ganz verschiedenen Menschen unserer Gesellschaft zu Bewusstsein kommen lässt, entsteht also weder, indem wir uns immer schön brav aus dem Weg gehen. Noch entsteht es, wenn wir uns in aufgeladenen Atmosphären begegnen, die offene oder heimliche Feindseligkeit der Begegnung erwartbar machen.

„Die Wahrheit über den Menschen“ kann für uns daher nur in regelmäßigen Zusammenkünften ans Licht kommen. Zusammenkünften, in denen Machtungleichheit und Wettbewerb bewusst aus dem Spiel genommen wird.

Die Demokratie, die sich ja als Staatsform versteht, in der Freie und Gleiche (= „Bürger“) sich zu einem Gemeinwesen vereinen, kann daher als direkte Konsequenz aus jenem „Nosce te ipsum/Gnothi seauton“ verstanden werden. Und das in doppelter Hinsicht:

Einmal insofern, als die Demokratie auf solche Zusammenkünfte der Bürger angewiesen ist, in denen die Bürger sich ständig neu kennenlernen und realisieren, „wie sie gerade wirklich sind“ und „was gerade gemeinsam möglich ist“ (und was nicht).

Und zum anderen insofern, als allein die Demokratie überhaupt in der Lage ist, uns ein realistisches Bild von uns selbst als Menschen zu verschaffen. Denn in philosophischer Hinsicht kann die Demokratie durchaus als ein Vehikel des Offenbar-Werdens der menschlichen Wahrheit verstanden werden. Also als eine Institution der (Selbst-)Erkenntnis.

Nur die Demokratie macht für uns die Wahrheit der menschlichen Vielfalt erlebbar. Erst die Demokratie ermöglicht es uns, uns selbst und einander nicht auf über-vereinfachende Wahrnehmungen zu reduzieren, die zwar immer „einen wahren Kern haben“, aber niemals die ganze Wahrheit über uns sind. Es reicht dafür nicht, dass diese ganze Vielfalt faktisch besteht. Sie muss auch von uns wahrgenommen und anerkannt werden können. Diese Möglichkeit verschafft uns allein die Demokratie und nur sie.

 

 

 

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