Virtuelle Kommunikation ist großartig. Sie erweitert unsere Möglichkeiten ganz beträchtlich. Für die spezifischen Zwecke von Demokratie ist die auf Text und Bilder reduzierte, virtuelle Kommunikation jedoch völlig ungeeignet. Und das hat benennbare Gründe:

In der Kommunikation in Text und Bildern können wir uns wechselseitig etwas vormachen: Wir können uns sehr leicht darüber täuschen, was unsere vielfältigen Beweggründe sind, „die hinter der sichtbaren Kommunikation stecken“. – Wir können uns sogar selbst sehr gut darüber täuschen, was unsere Beweggründe sind.

Der Glaube, dass virtuelle Kommunikation ausreicht, um gelingende Dialoge zu etablieren, beruht auf einem unterkomplexen Bild von der menschlichen Psyche und daraus folgend auch aus einem unterkomplexen Bild davon, was passiert, „wenn sich menschliche Psychen berühren“, d.h.: Wenn wir uns begegnen, austauschen, beraten. Wir sind viel weniger „mit uns selbst eins“, als wir äußerlich oft den Eindruck machen. Das macht zwischenmenschliche Kommunikation einerseits recht komplex. Andererseits öffnet genau das vielfältige Spielräume für Verhandlungen und Veränderungen zwischen uns.

Gelingende Kommunikation, wirklicher Dialog verändert uns. Wir gehen anders aus ihm hervor als wir hineingegangen sind. Weil wir andere berührt haben und von anderen berührt wurden. Das unterscheidet den Dialog von der Debatte, die uns nur insofern verändert, als sie uns verhärtet und unsere vorhandenen Fixierungen bestärkt. Die Reihen der Psyche schließen sich, wenn sie in den Kampfmodus schaltet und ihre „Positionen verteidigt“. Dann ist da keine oder kaum mehr Offenheit für den Gesprächspartner, der sich plötzlich auf der anderen Seite einer „Front“ verschoben findet, die der Debattenmodus aufmacht.

Demokratie ist eine Sozialform, die Dialoge zwischen den Bürgern fördert, etabliert und fest institutionalisiert. Sie versucht Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gelingende Kommunikation möglich wird und die Komplexität der Einzelnen nicht künstlich reduziert wird, sondern Raum bekommt, sich zu zeigen. Das verändert alle, die unmittelbar an diesen Dialogen beteiligt sind. Sie bleiben sich nicht gleich. Gewissermaßen werden sie überhaupt erst durch die unmittelbare Teilnahme an solchen Gesprächen zu „Bürgern“.

Virtuelle Kommunikation leistet all das nicht: Sie bestätigt vielmehr die Bilder, die wir von uns selbst haben. Und sie bestätigt die Bilder, die wir von den anderen Debattenteilnehmern haben. Sie verhärtet die Fronten. Sie führt zu Begegnungen, die mit unschöner Regelmäßigkeit die Lager verfestigen, außer wir geraten zufällig an andere, die uns sowieso schon recht ähnlich sind und unmittelbar zustimmen.

Demokratie, die die Vielfalt der Bürger in einer liberalen Gesellschaft wahrnimmt und ernstnimmt, kann daher nicht auf virtuelle Kommunikation setzen, um sich selbst ins Leben zu bringen. Sie braucht die unmittelbare Begegnung der Bürger. Weil wir uns nur dort mit unserer Komplexität, inneren Vielfalt, unserer Ambiguität und unseren Veränderungsbereitschaft konfrontierten können.

Wie gesagt: Virtuelle Kommunikation ist großartig. Aber spezifisch Demokratie braucht die unmittelbare Begegnung der Bürger. In maximaler Durchmischung. In einem bewusst macht-, konkurrenz- und hierarchiefrei gestalteten Raum. Dem Raum des Politischen, wie er ursprünglich gedacht war, als die Bürger der Polis noch so wenige waren, dass sie alle regelmäßig in einem gemeinsamem physischen Raum zusammen kommen konnten: Der Agora, dem Forum.

Heute, im Zeitalter der Großgesellschaften bedienen wir uns zum gleichen Zweck der Parlamente. Nur haben wir sie bisher so gestaltet, dass dort sich nur Lager, Parteien begegnen. Dass dort nur Debatten geführt werden. Dass dort nur die Heerführer bestimmter Themen und Haltungen sitzen, nicht aber die Bürger selbst, die viel offener, neugieriger und dialogbereiter sein können.

Wir brauchen, die Demokratie braucht die regelmäßige Zusammenkunft der Bürger in einem Raum. Die beste Möglichkeit, die mir persönlich bekannt ist, um das heute zu leisten, was Demokratie braucht, ist die regelmäßige Bildung repräsentativer „Mini-Bürgerschaften“ mithilfe der Zufallsauswahl von Bürgern. Das Losverfahren garantiert, wenn es regelmäßig und auf allen relevanten politischen Ebenen durchgeführt wird, dass sich die Bürger begegnen und einen beständigen Dialog miteinander haben.

Und das verändert alles zwischen uns. Denn es verändert uns. Auf eine Weise, die virtuelle Kommunikation nicht leisten kann.

Was wir oft vergessen bei den immensen Innovationen, Entwicklungen und technischen Erfindungen: Unsere eigene Hardware als Menschen steht. Sie mag aus uns sehr veränderbare, flexible Wesen machen. Weitaus veränderlicher und flexibler als es alle anderen uns bekannten biologische Spezies‘ sind. Und die Epigenetik klärt uns zudem darüber auf, dass diese Veränderlichkeit bis in unsere tiefsten Strukturen als biologische Wesen hineinreicht.

Das ändert aber nichts daran, dass der Grundbausatz „Mensch“ steht. Und der ist hervorragend dafür geeignet, in unmittelbarer zwischenmenschlicher Kommunikation aneinander anzudocken und gemeinsam Lösungen zu finden. Wir können einander „lesen“. Wir können uns auf gute Weise wechselseitig beeinflussen und verändern. Aber wir können das – kraft unserer biologischen Herkunft – nur in der Unmittelbarkeit von „körperlicher Anwesenheit in einem Raum“: Wenn wir Zwischentöne hören. Wenn wir Inkongruenzen zwischen Aussagen und Körpersprache wahrnehmen. Wenn Pausen eine Rolle spielen, Körperhaltungen, Tonlagen, Blicke, Gesten, Berührungen, etc.; vielleicht sogar – man will es gar nicht hinschreiben – Gerüche. Wir sind als biologische Wesen darauf angelegt, mit viel mehr Mitteln gleichzeitig aufeinander einzuwirken als mit den vergleichsweise „armen“ Mitteln Text & Bild. Auf diese viel komplexere, vielschichtigere Weise erzeugen wir auf ganz natürliche Weise beieinander „Resonanz“. Kommunikation, die von uns als „menschlich“ oder „gehaltvoll“ oder „lebensverändernd“ empfunden wird, besteht daher in der Regel aus weitaus mehr als nur aus Bildern und Texten.

Dialog ist im Unterschied zur Debatte auf diese körperliche Unmittelbarkeit angewiesen. Und virtuelle Kommunikation „filtert“ genau diese Unmittelbarkeit weg. Der Raum des Virtuellen ist daher ein prima „Debattenmedium“. Aber ein denkbar schlechtes Medium für demokratischen Austausch und demokratische Beratungen.

Und nein: Emojis sind kein adäquater Ersatz dafür. Auch bei ihnen ist es großartig, dass es sie gibt (ich persönlich liebe Emojis vielleicht sogar ein bisschen ZU sehr 😉 ). Aber auf Emojis lässt sich kein tiefergehender, uns verändernder Dialog aufbauen. Auf ihrer Grundlage lässt sich keine Demokratie in einer Gesellschaft etablieren.

 

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