Vor nicht allzu langer Zeit habe ich für mich die Möglichkeit und die Folgen eines Weltstaates noch sehr negativ bewertet. Mein Gedanke war: Ein Weltstaat kann keine Konflikte zwischen uns verhandeln und befriedigen, sondern wird unvermeidlich selbst zu einem Magnet für gesellschaftliche Konflikte. Zu einem Trigger, an dem sich gesellschaftliche Konflikte aufbauschen und entladen. Zu einem dauerhaften Streitpunkt, der den in uns Menschen angelegten Kampfmodus auf Dauer schaltet. – Wer das im Detail nachlesen möchte, inklusive Kontext, wie man zu dieser Ansicht kommen kann, findet meinen damaligen Gedankengang hier.

Mittlerweile denke ich anders darüber: Ich glaube, dass ein demokratischer Weltstaat möglich ist, der es uns wiederum ermöglicht, einander auch auf globaler Ebene friedfertig, neugierig, offen und lösungsorientiert zu begegnen.

Diese bei mir veränderte Meinung hat damit zu tun, dass ich „Demokratie“ mittlerweile anders auffasse, als ich das noch vor anderthalb Jahren getan habe. Und das verändert zugleich auch mein ganzes Denken darüber, was eigentlich „ein Staat“ ist: was Staaten leisten, was sie uns als Menschen ermöglichen, wann sie in einem guten Zustand sind und wann sie in einem schlechten Zustand sind.

Fasst man Demokratie mehr prozessual auf und weniger formal, wird Demokratie zu nicht mehr und nicht weniger als zu einer Form „allgemeiner Begegnung“ der Menschen, die gemeinsam ein Gemeinwesen bilden und darstellen. Einer Form, in der sich die Bürger als Bürger begegnen – und damit systematisch als Gleichrangige und politisch Gleichwürdige. Diese allgemeine Begegnung wird in einer Demokratie so gestaltet, dass sie konstruktiv abläuft, wertschätzend und ergebnisoffen. Demokratische Institutionen antizipieren, dass wir uns und unsere Meinungen verändern, wenn wir uns als Menschen auf diese Weise begegnen.

Damit zieht die Demokratie die Konsequenz aus einer Entdeckung, die bereits die antike, athenische Demokratie machte: Dass „die Verfassung“ in den Bürgern selbst liegt und „die Polis“ damit viel weniger einer Ort ist als vielmehr eine ganz bestimmte Weise, miteinander umzugehen und zusammenzuleben.

Für unsere heutige Zeit, in der die globalen Beziehungen zwischen uns längst unüberschaubar und alltäglich geworden sind, in der es also faktisch ein Weltbürgertum gibt, aber zugleich keinen dieses Weltbürgertum ins Politische transportierenden Weltstaat, kann diese Entdeckung überaus fruchtbar sein. Denn längst hat unser aller Alltagshandeln weitreichende Folgen für unsere „Weltmitbürger“ – und deren Handeln für uns -, aber wir verfügen nicht über die politischen Institutionen, um dieses unser Handeln auf friedfertige und konstruktive Weise zu koordinieren, anstatt auf kriegerische und kompetitive Weise.

Als Mensch, dem erlaubt wurde, sich viele Jahre lang ausschließlich mit politischer Philosophie zu beschäftigen, fällt mir mittlerweile kein einziger Grund mehr ein, aus dem jene demokratische Verfahren, die auf lokaler, regionaler, nationaler und kontinentaler Ebene zwischen uns gute Koordination stiften, nicht auch auf globaler Ebene möglich sein sollen.

Das Hauptargument gegen einen Weltstaat: Dass dieser nicht demokratisch sein könne, hat daher für mich heute keine Stichhaltigkeit mehr.

Man könnte sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Wenn wir gute menschliche Koordination zwischen uns haben wollen, kommen wir heute gar nicht mehr ohne einen Weltstaat aus, mit dem gleichen Gewaltmonopol, das wir bereits auf nationalstaatlicher Ebene kennen. Wenn diese Koordination zwischen uns aber wirklich stattfinden und nicht nur vorgespielt sein soll, also politische Realität statt frustrierendes Polit-Schauspiel, dann müssen sowohl lokale, regionale, nationale und kontinentale Regierungen zugleich gezielt demokratisiert werden. Jede Demokratisierung, die die Bürger politisiert, aktiv einbezieht und zu wirklichen Autoren ihres Gemeinwesens macht, ist heutzutage bereits erkennbar ein Beitrag zu einem Weltstaat, der sich absehbar zwischen uns „ergeben“ wird.

Denn zumindest für den philosophisch verdorbenen Menschen ist es undenkbar, dass es ein Weltbürgertum dauerhaft ohne einen Weltstaat geben kann. Ob dieser Weltstaat ein Gut oder ein Übel für uns ist, hängt allein davon ab, ob wir verstehen, dass „Politik“ und „Demokratie“ Synonyme sind, dass es keine „undemokratische Politik“ gibt, sondern dass mangelnde Demokratie schlicht und einfach bedeutet, dass Politik im eigentlichen Sinne des Wortes gar nicht existiert.

Die unproduktiven Dauerkonflikte, die wir Menschen heute miteinander haben, der ständige Streit ohne substantiellen Fortschritt, die permanente Vertiefung der Gräben zwischen uns – Das alles deutet heute in die eine, gleiche Richtung: Wir brauchen heute deutlich mehr Demokratie als wir bereits erreicht haben. Und wir brauchen – deutlich mehr demokratische Alltäglichkeit und deutlich tiefere demokratische Institutionen vorausgesetzt – einen Weltstaat.

 

 

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