In einem kürzlich erschienenen Artikel, der sich mit gelingender/misslingender „Integration“ eingewanderter Menschen in Deutschland befasst, steht ein Satz, der sehr präzise zum Ausdruck bringt, wann wir Menschen uns zugehörig fühlen:

„Ich möchte aber, dass meine Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft nicht infrage gestellt wird, sobald ich unbequem werde.“

Es sind die unbedingten Beziehungen, Beziehungen, die gerade kein „Deal“ nach dem Muster Tit-for-Tat sind, die uns das Gefühl der Zugehörigkeit geben.

Unsere moderne, liberale und noch unvollständig demokratische Gesellschaft hat mit diesen unbedingten Beziehungen ein Problem. Wenn wir freundlich sind, können wir sagen: Sie setzt voraus, dass in Familien und Freundschaften solche unbedingten Beziehungen schon sicher entstehen und gepflegt werden.

Leider stellen wir uns aber nicht die Bedingungen, damit unbedingte Beziehungen „im Privaten“ sicher entstehen und gepflegt werden können. Und vielleicht ist das in einer modernen, liberalen Gesellschaft auch gar nicht möglich. Zu groß sind die Zentrifugalkräfte, zu groß die Vereinzelung, mit der jeder „nach dem Seinen“ strebt, was unmittelbare Bindungen belastet, auseinanderreißt oder eben zu „deals“ macht, die eigentlich nur für berufliche Beziehungen gelten sollten.

Gehören wir heute lebenden Menschen also nicht zufällig zu einer jenen immer seltener werdenden Familien, die in reiner Liebe zusammenhält, egal was das Leben auch bringt und was jeder einzelne tut, ein Familienverband aus reiner Liebe, ohne krumme, versteckte Deals, dann greifen wir ins Leere, was unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit angeht.

Dieses allgemein unerfüllte Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das die meisten Menschen in der modernen Gesellschaft in sich tragen, führt dazu, dass wir selbst ein Problem mit bedingungslosen Beziehungen bekommen: Da wir „nicht sicher gebunden sind“, wie die Entwicklungspsychologen sagen, werden wir in dieser Hinsicht allzu bedürftig. Wir werden ausbeutbar. Wir beginnen zu tun, was uns nicht gut tut, um dafür im Gegenzug „Zugehörigkeit“ zu bekommen. Obgleich genau dadurch niemals Zugehörigkeit entstehen kann, weil Zugehörigkeit eben darin besteht, nichts dafür tun zu müssen, um zugehörig zu sein. Wir werden völlig zurecht misstrauisch gegenüber anderen Menschen, weil wir wissen wie bedürftig wir sind, wie leicht wir zu etwas zu kriegen sind, wenn man uns unbedingte Beziehung vorspielt, wenn die richtigen Trigger da sind, die in uns den Gedanken auslösen, „hier könnte unbedingte Beziehung, hier könnte Zugehörigkeit für uns drin sein“. Sekten nutzen das aus. Manche Firmen nutzen das aus. Und vielen persönlichen Beziehungen soll das auch nicht ganz fremd sein. Also habe ich vom Freund einer entfernten Cousine gehört, die jemanden in ihrer Nachbarschaft jemanden kennt, der…

Und das Schlimmste dabei ist: Wir wissen das alles. Doch Wissen allein hat noch nie irgendein menschliches Bedürfnis befriedigen können. Und bei einem so fundamentalem Bedürfnis wie dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit hat das die Folge, dass wir sehenden Auges Dinge tun, von denen wir zugleich wissen, dass sie uns ewig unbefriedigt lassen werden. Dass wir so nie bekommen werden, was wir eigentlich bekommen wollen. Doch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist übermächtig. Und so tun wir trotzdem, was wir tun, wider besseres Wissen. Bewusstes sinnloses Handeln ist die Folge fehlender Zugehörigkeit. – Für menschliche Wesen ist so ein Verhältnis überaus demütigend. Es erfüllt uns mit Scham. Es macht uns kleiner als wir sind. Es deprimiert uns. Es gibt uns das Gefühl, dass mit uns etwas nicht stimmt, dass wir unwürdig sind, erfüllte Beziehungen zu haben. Denn das Gefühl „beziehungswürdig“ zu sein, ist gekoppelt an die regelmäßige Erfahrung von unbedingten Beziehungen: Wir machen etwas falsch, verhalten uns unkorrekt – und uns wird zwar das falsche, unkorrekte Verhalten unmittelbar gespiegelt, aber zugleich auch, dass darüber unsere Zugehörigkeit nicht in Frage gestellt wird.

Die einzige unbedingte Beziehung, die mir in der modernen, liberalen Gesellschaft bekannt ist, das einzige, aus dem echte Zugehörigkeit zumindest dem Potential nach entstehen könnte, ist die bürgerschaftliche Beziehung: Dass ich Deutscher bin, dass ich dem deutschen staatlichen Gemeinwesen angehöre, kann mir nicht aberkannt werden. Egal, was ich auch tue, egal wir groß meine Verfehlungen und Verbrechen auch sein mögen: Ich bleibe Mitglied dieses Gemeinwesens.

Doch hier stoßen wir auf ein neues, anderes Problem: Diese Art von Beziehung, die Beziehung von Bürger zu Bürger, besteht nur auf dem Papier. Und wir alle wissen, dass eine reine Papierbeziehung für uns als Menschen keinerlei Bedeutung hat. Wir empfinden keine Zugehörigkeit, wenn „sie nicht mit Leben gefüllt ist“. – Der Spruch: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau“ bringt das auf den Punkt. Beziehung ist für uns Menschen etwas Unmittelbares. Und das gilt für unbedingte Beziehungen erst recht.

Im Unterschied zur antiken Polis, die den Begriff der Bürgerschaft hervorgebracht hat, ist unser moderner Bürgerstatus bisher nur ein Papiertiger. Und das liegt nicht allein daran, dass wir in einer Großgesellschaft leben und nicht in einem überschaubaren Stadtstaat, in dem ohnehin nur ca. 10 -15%% der Einwohner den Bürgerstatus genossen haben. Es liegt vor allem daran, dass wir uns bisher nicht als Bürger begegnen. Um die unbedingte Beziehung der Bürgerschaft mit Leben zu füllen und für uns unmittelbar greifbar und bedeutsam zu machen, müssten wir uns als Bürger regelmäßig begegnen. Wir leben aber momentan in einer Demokratie, in der wir glauben, ohne solche Bürgerbegegnungen, ohne demokratisches Foren auskommen zu können. Wir haben zwar Orte politischer Begegnung: Unsere Parlamente. Aber gerade den Begegnungs-Aspekt, der Parlamente so wertvoll macht, haben wir „outgesourct“ an Berufspolitiker und zudem durch die Verzerrungen strategischer Parteipolitik unfruchtbar gemacht. Produktive politische Begegnungen finden in unserem Gemeinwesen derzeit nicht statt. Wir kennen momentan nur strategische politische Kommunikation, keine authentische politische Kommunikation.

Würden wir authentische Kommunikation in unsere Demokratie einführen, würden wir regelmäßige Begegnungen der Bürger als Bürger institutionalisieren, gäbe es auch in unserer heutigen, modernen, liberalen Gesellschaft unbedingte Beziehungen. Und dann gäbe es auch Zugehörigkeit. Ich gehe davon aus, dass es auch unsere privaten Beziehungen merklich entspannen wird, wenn wir die ohnehin bestehende, unbedingte politische Beziehung, in der wir alle stehen, mit Leben füllen, so dass diese Beziehung für uns greifbar und spürbar wird. Wenn wir diese Beziehung durch regelmäßige Aktivität von einem reinen Abstraktum zu einer gelebten politischen Praxis machen.

Ohne eine solche demokratische Praxis, sagen wir’s mal so salopp wie freundlich, wird’s schwierig mit Zugehörigkeitsgefühlen in der modernen Gesellschaft.

Und dass unerfüllte Bedürfnisse dieser Art machtvolle Phantasien von Zugehörigkeit hervorbringen, ewig unerfüllbare Träumereien, die sich Bahn brechen, darüber brauchen wir ebenfalls keine großen Beweise führen. Auch das wissen wir sehr gut. Solche politischen Alpträume hat das 20. Jahrhundert zur Genüge hervorgebracht.

Die naive Annahme der liberalen Gesellschaft, die sich nicht zugleich auch eine echte, gelebte Demokratie gibt, die sich durch regelmäßige Begegnung der Bürger als Bürger auszeichnet, besteht darin, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit in uns Menschen nicht gar so wichtig sei. Oder dass sich seine Befriedigung schon irgendwie von allein ergeben möge.

Doch wie wir nach über 200 Jahren von Experimenten mit diesem Verhältnis sagen können: Zugehörigkeit ergibt sich in der modernen Gesellschaft nicht mehr von allein. Und das war im Grunde auch schon von Anfang an absehbar. Und wir können heute mit der Sicherheit der Erfahrung davon ausgehen, dass ein einfaches „Weiter so“ diesen fundamentalen Zugehörigkeitsmangel nicht beheben wird. Und dass auch keine private Aktivität ihn beheben kann, egal, wie findig wir als Einzelne dabei sind. Es ist nicht „unsere Schuld“ als Einzelwesen, dass wir einen Zugehörigkeitsmangel haben. Es ist unsere Schuld als Gemeinwesen, dass wir keine institutionellen Konsequenzen aus einem allgemeinen menschlichen Bedürfnis ziehen, das ebenso allgemein unbefriedigt bleibt.

Und unbefriedigte menschliche Bedürfnisse haben Folgen für eine Gesellschaft, in der sie grassieren. Sie verschwinden nicht, nur weil wir sie ignorieren, bagatellisieren oder eben Ersatzbefriedigungen für sie suchen (worin wir Menschen besonders gut sind). Wenn das unbefriedigte Bedürfnis allgemein und dauerhaft ist, werden die unbefriedigenden Lösungen allgemein. Und dann haben wir das vor uns, was wir mit Blick auf unsere psychotherapeutischen Erfahrungen „eine verrückte Gesellschaft“ nennen müssen.

Eine verrückte Gesellschaft ist eine, die alle einzelnen Individuen verrückt macht, so dass die Verrücktheit normal wird. Da es für Gesellschaften aber keine Therapeuten geben kann, bleibt nur, dass wir uns gemeinsam aus dem Schlamassel ziehen, das wir gemeinsam täglich anrichten. Und das verweist uns nicht auf private Aktivitäten und Lösungen, sondern auf gemeinschaftlich-politische. Wir brauchen neue politische Institutionen, um uns gemeinsam ein allgemeines Gefühl der Zugehörigkeit zu verschaffen, damit unsere privaten Beziehungen zu entlasten und dadurch ein wenig weniger verrückt zu werden, als wir derzeit alle miteinander sind.

Das bedeutet aber nicht „eine andere Politik“. Sondern es bedeutet eine andere Art von Politik. Es weist darauf hin, dass tatsächlich Verfassungsreformen nötig sind, Anpassung unserer grundlegenden staatlichen Strukturen. Nicht die Gründung einer „neuen Partei“. Oder einer „politischen Initiative, Bewegung, Kampagne, usw.“. Das, was in Frage steht, wenn wir das Ausmaß des Problems fehlender Zugehörigkeit in der modernen Gesellschaft wahrnehmen, ist die grundlegende Form unseres Zusammenlebens. Und die wird nach wie vor durch die politische Verfassung entschieden; durch unsere grundlegenden staatlichen Verfahren, Institutionen, Gesetze.

Die Lösung, die ich daher für das Problem fehlender Zugehörigkeit vorschlagen möchte, ist daher das einer vorsätzlichen, allgemeinen Politisierung der Bürger als Bürger, durch dafür geeignete Institutionen, die uns nicht beengen und entfremden, sondern die uns Gelegenheit zu Selbstausdruck und zu beständigem wechselseitigem Einander-neu-Kennenlernen geben: Fest in der Verfassung verankerte Citizens‘ Assemblies im Losverfahren, die nicht auf gelegentlichen Zuruf, sondern die mit vorsätzlicher absoluter Regelmäßigkeit durchgeführt werden, um strittige politische Themen gar nicht erst strittig werden zu lassen und die „nebenbei“ das Gefühl unserer bürgerschaftlichen Verbundenheit stärken, pflegen und verankern.

Dann klappt’s auch mit „der Integration“. Ganz sicher. Denn „Integration“ ist heute kein Thema mehr, dass nur zugewanderte Menschen haben. Fehlende Integration ist ein Problem, das alle Bürger haben in einer Gesellschaft, die keinerlei Institutionen kennt, die Integration leisten, sondern nur solche, die uns voneinander entfernen, die uns voneinander trennen.

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