Das Problem mit der illiberalen Gesellschaft ist, dass die wenigsten von uns sie noch wirklich aus eigenem Erleben kennen.

Es gibt sie in zwei Zuständen: Dem natürlichen Zustand und dem Zustand, indem man sie (vergeblich) künstlich herbeizuführen versucht.

Der natürliche Zustand der illiberalen Gesellschaft ist die Stammesgesellschaft. Hier fällt „der Staat“ weitestgehend mit „der Familie“ zusammen und es gibt nichts, was das eine vom anderen zuverlässig trennt.

Dabei wird auch erkennbar: Illiberale Gesellschaften sind immer „gated communities“, in denen das Gesetz gilt: „Man macht das halt so“. – Von außen, aus einer liberalen Gesellschaft heraus betrachtet sieht „man“ aber, dass das nichts anderes heißt als: „Hier machen wir/die das so.“ – Die illiberale Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die ihre eigenen Institutionen nur sehr schwer in Frage stellen kann. Sie braucht dazu immer wieder „heldenhafte Rebellen“. Illiberale Gesellschaften können die Anpassung ihrer Institutionen nicht aus eigener Kraft auf Dauer stellen.

Im Grunde hat schon Hegel in seiner Rechtsphilosophie das Prinzip der illiberalen Gesellschaft sehr hellsichtig analysiert: Indem er das, was er „die bürgerliche Gesellschaft“ nennt, zwischen „Familie“ und „Staat“ stellt, vollzieht er eine Analyse dessen, was in der Modernen Gesellschaft unabänderlich passiert ist: Das Prinzip der Familie kann nicht mehr staatsbildend werden. Die illiberale Gesellschaft ist in der Moderne eine Gesellschaft, die sich immer noch als „Familie“ zu begreifen versucht – Und damit immer zuverlässig scheitern muss. Denn das Prinzip der Familie ist Konformität: Gleichheit in der Besonderheit, nicht Verschiedenheit in der Allgemeinheit.

Die Verschiedenheit kommt durch die Bejahung der Individuation: durch die individuelle Freiheit in die Gesellschaft – und führt so überhaupt zu dem, was wir „Die Moderne Gesellschaft“ oder „Die Liberale Gesellschaft“ nennen. Hier haben wir private Freiheitsrechte, durch die wir das allgemein anerkannte Recht erhalten, die familiären Bande zu verlassen und die Konformität einfordernden Ketten zu sprengen. Und es sind eben diese privaten Freiheitsrechte, die wir mittlerweile ganz selbstverständlich genießen, die die Familie vom Staat trennen. – Wir können das in allen Verhältnissen, Beziehungen und Details der Modernen Gesellschaft wiederfinden: Z.B. im Unterschied zwischen (familiär) arrangierten Ehen vs. der „romantischen Liebesheirat“, die dadurch zustande kommt, dass zwei Individuen „willkürlich“ beschließen, sich aneinander zu binden. Oder in der Standesgesellschaft, in der von der Familie erwartet wird dass die Kinder (meist: der älteste Sohn) den Betrieb weiterführen, vs. der Freiheit der Berufswahl, in der Kinder allerlei Geschlechts den Beruf wählen können, den sie wollen. Oder in der beengten Kleinstaaterei, die einen „vogelfrei“ macht, wenn man den Ort seiner Familie ohne amtlichen Passierschein verlässt, vs. die örtlichen „Freizügigkeit“, die wir in der Modernen Gesellschaft mittlerweile „für ganz normal und selbstverständlich“ halten.

Man könnte das immer so weiterführen. Es ist aber auch so schon, mit diesen wenigen Beispielen klar zu sehen, dass Hegel in seiner Rechtsphilosophie weniger eine philosophische Affirmation des autoritären preußischen Staats wiedergegeben hat, als vielmehr eine philosophische Affirmation der modernen Liberalität der Gesellschaft: Setzt sich ein familiär verstandener Staat oben auf diese von privaten Freiheiten gebildete Gesellschaft drauf, so wirkt er wie ein gewaltsames Prinzip, dass sich gegen die privaten Freiheit setzt. Der Staat negiert dann die Gesellschaft mit all ihren privaten Freiheiten, er kann sie „als Familie“ nicht in sich integrieren.

Hat man Hegels Gedankengang nachvollzogen, steht außer Frage, dass die Moderne Gesellschaft nicht mehr hinter ihre Liberalität zurück kann. Selbst dann nicht, wenn Gedanken vom Typ „Zurück ins Goldene Zeitalter“ in der Gesellschaft übermächtig werden. – Warum das überhaupt regelmäßig immer wieder passiert, dazu kommen wir noch weiter unten in diesem Artikel.

Die künstliche Form der illiberalen Gesellschaft gibt es in zwei Unterformen: Eine bedingt durch eine ökonomische Monokultur, die andere bedingt durch politische Ideologien, die sich aus fehlender Einsicht in die Bedürfnisse der Modernen Gesellschaft aktiv gegen die Liberalität der Gesellschaft richten.

Ökonomische Monokultur kann unter bestimmten Bedingungen zu einer illiberalen Gesellschaft auch in der Moderne führen, indem sich wenige Familien über ihren privilegierten Zugang zu den für diese Ökonomie entscheidenden Ressourcen eine hervorgehobene, zentrale Stellung im Staat verschaffen. – Für die Bürger eines solchen Staates ist es dann unmöglich, ein gutes Leben zu führen, wenn sie nicht möglichst nah an jener Familie und ihrer „Gunst“ stehen. Das gesamte gesellschaftliche Geschehen kreist dann zentriert um jene Familie und das ganze Streben der Menschen in dieser Gesellschaft geht dann darauf, möglichst nah an jener Familie zu sein.

Es ist aber keineswegs zwingend, dass eine ökonomische Monokultur dazu führt, dass Illiberalität entsteht, wie wir an mehreren heute existierenden Staaten sehen können. Und gerade das ist überaus interessant, denn es verweist uns auf ein anderes Prinzip als die uns teilende und Verschiedenheit zwischen uns forcierende Kraft der Ökonomie als Grund dafür, warum und wie Illiberalität sich auflöst.

Politische Ideologien, die sich Anti-Liberalität auf ihre Fahnen schreiben, die also mit Macht und Gewalt zurück zur Konformität der Familie wollen, und das als Staatsform, bringen jenes andere Prinzip überdeutlich heraus: Sie werden ausgrenzend und nutzen gerade die trennenden Unterschiede zwischen uns Menschen (die die liberale Gesellschaft überhaupt erst herausgebracht und in sich integriert hat), um sich gegen eine Hälfte der Differenz herauszubilden. Sie sind also Negationen.

Aus diesem Grund ist es aus philosophischer Sicht fast ein Witz, dass man gerade diese dann naturgemäß sehr instabilen Staatengebilde „totalitär“ genannt hat. Denn gerade sie sind eben nicht totalitär. Und das macht gerade ihr Problem aus, aus dem sie in der Modernen Gesellschaft niemals Stabilität gewinnen können und immer nur vorübergehende Erscheinungen sind. Uns entgeht das als involvierte Bürger meist, weil wir über das riesige Tamtam und die unglaubliche Freisetzung an Gewalt, Demütigung und Grausamkeiten, die solche illiberalen Ideologien mit sich führen, übersehen, dass sie in-sich-fragil sind. Wir machen sozusagen den Fehlschluss von Lautstärke und Gewalt auf Stabilität. – Wir könnten jedoch heute bereits sicher wissen (wenn wir es denn wissen wollen), dass die Gewalt jener „Staaten“ eine direkte Folge ihrer Fragilität ist. Sie sind so brüchig und instabil, dass sie derart viel Gewalt und Zwang freisetzen müssen, um sich überhaupt instand zu setzen und für kurze Zeit in der Geschichte halten zu können.

Kurzgesagt: Die liberale Gesellschaft ist weitaus „totalitärer“ als die kurzlebigen Staaten, die aus anti-liberalen Ideologien heraus entstehen. Liberale Gesellschaften integrieren all die menschlichen Unterschiede, die möglich sind und immer wieder neu entstehen. Sie müssen menschliche Unterschiede nicht aus sich ausgrenzen. Sie müssen sie nicht mit Gewalt, Zwang und Bedrohung künstlich unterdrücken.

Das Problem der liberalen Gesellschaft ist ein ganz anderes. Und die Ungelöstheit dieses Problems führt zuverlässig immer wieder zum Entstehen anti-liberaler Ideologien, die sich dann mit Gewalt zwischen uns Bahn zu brechen versuchen, bevor sie – nachdem sie unendlich viel menschliches Leid verursacht haben – wieder in sich zusammenbrechen und zurück zur liberalen Gesellschaft führen.

Das Problem der liberalen Gesellschaft besteht darin, dass sie die Unterschiede, die im privaten Alltag durch die von ihr garantierten privaten Freiheitsrechte entstehen, auf einer anderen, politischen Ebene wieder zusammenführen muss, ohne sie dabei einzuebnen. Denn jenes „Einebnen“ wäre wiederum das illiberale, familiäre, konformität-präferierende Prinzip.

Dieses Problem hat die Moderne Gesellschaft seit ihrem Entstehen, also seit etwas mehr als 200 Jahren schlichtweg ungelöst gelassen. Sie hat es nicht ernst genommen. Und wir können sagen: Es war bereits von Anfang an wissbar, dass das kaum gut gehen würde.

Die Liberale Gesellschaft ist also bereits seit 200 Jahren in Saft und Kraft. Das Rad der Geschichte kann auch gar nicht zurückgedreht werden. Und das selbst dann nicht, wenn wir das alle wollten. Denn dies ist nichts, dass man „wollen oder nicht wollen“ kann. Es besteht in dem für uns Unverfügbaren, das wir selber sind. Wir sind sozusagen „verurteilt zur liberalen Gesellschaft“. Oder mit einem Schopenhauer-Wort: „Wir können zwar tun, was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen.“ – Unser Wollen hat Grundlagen, die wir nicht willentlich negieren können.

Was der Modernen Gesellschaft allein fehlt, sind Verfahren und Institutionen, in denen sie die Unterschiede, die das freie Privatleben freisetzt, politisch anerkennt. – Und diese Anerkennung kann sich nur in unmittelbarer Zusammenkunft der Bürger vollziehen.

Es war daher ein großer politischer Irrtum, das Politische in der Modernen Gesellschaft a) vorwiegend über Parteien zu organisieren. Und es war  b) ein genauso großer politischer Irrtum anzunehmen, dass in einer Gesellschaft, die derartige Unterschiedlichkeit zwischen den Menschen zulässt, darauf verzichtet werden könnte, dass alle Bürger aktiv am politischen Gesellschaft teilnehmen; dass also in einer solchen Gesellschaft noch „Repräsentanz“ möglich sei.

Auch unsere große Präferenz dafür, „Demokratie“ als das System der Anerkennung der durch die Liberalität entstehenden Unterschiede mittels „Wahlen“ zu bewerkstelligen, ist eine Folge unseres Unverständnisses für die Moderne Gesellschaft, in der wir nun schon lange leben. Man könnte sagen: Wir haben immer noch ein stark unterkomplexes Bild von unserer Gesellschaft. Und damit verbunden: Ein stark unterkomplexes Bild von uns selbst. Dass wir glauben, Wahlen könnten befriedigende Politik hervorbringen, ist eine direkte Folge jener Übervereinfachung, zu der wir immer noch neigen.

Das Problem ist nun: Ohne solche Zusammenkünfte, die eigentlich erst „wirklich demokratisch“ sind, kann sich keine Korrektur unseres unterkomplexen Bildes von uns Menschen der liberalen Gesellschaft ereignen. Erst in der ständigen unmittelbaren Begegnung der Bürger als dauerhafter politischer Verfassung des Modernen Staates kommt die Liberale Gesellschaft ganz zu sich selbst.

Solange wir glauben, dass nur Wenige für die Vielen „Politik machen könnten“, obwohl die Unterschiede zwischen uns durch unsere Liberalität bedingt gewaltig sind, wird die Liberale Gesellschaft instabil bleiben. Nicht in dem Sinne, dass sie je wieder dauerhaft in eine Illiberale Gesellschaft transformiert werden könnte. Sehr wohl aber in dem Sinne, dass wir es aus einer „Sehnsucht nach Gemeinschaft“ heraus dann immer und immer wieder vergeblich versuchen werden.

Ein Großteil der liberalen politischen Theoriebildung versteht dieses Problem schlichtweg nicht, weil es „uns“ nicht versteht. Das geht bis hin zur Luhmannschen „Systemtheorie“, die zwar die Herausbildung der Unterschiede, die für die liberale, moderne Gesellschaft typisch sind, in einer unübertreffbaren Genauigkeit nachvollzieht und beschreibt. Ausgeblendet bleibt dabei jedoch das natürliche und nicht-beseitigbare menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft, Vertrauen und wechselseitiger Anerkennung. Dieses Bedürfnis ist „eine eigene Macht in der Welt“. Und wird es dauerhaft mit Füßen getreten, bagatellisiert und ignoriert, wird ihm also die gesellschaftliche Anerkennung verweigert, so reckt dieses Bedürfnis dann eben in pervertierter Form sein durch unsere Ignoranz hässlich gewordenes Haupt.

Demokratie, wenn wir sie richtig verstehen: Als notwendige Komplementierung der Liberalen Gesellschaft, befriedigt dieses gleiche Bedürfnis wirklich; und nicht nur, wie jene anti-liberalen Staatsversuche, scheinbar.

Das bedeutet: Wenn es an Demokratie fehlt, werden wir uns voraussichtlich ewig zwischen einem Liberalismus ohne Politik und einer Politik ohne Liberalismus hin- und herwerfen. Unfähig im einen Befriedigung zu finden. Und unfähig im anderen sowohl Befriedigung als auch Stabilität zu finden. Denn beide Formen sind haltlose Negationen unserer Selbst, auch wenn die eine davon deutlich schlimmer ist als die andere.

Denn Demokratie ist die notwendige Selbstbestätigung der Liberalen Gesellschaft. Sie schafft im Politischen einen Ort, an dem die Gesellschaft in allen Unterschieden wieder mit sich zusammenkommt, anstatt auf einen solchen Ort einfach zu verzichten und ihn für überflüssig zu halten. Erst die vollständig ausgebildete Demokratie ist ein Politischer Liberalismus, der wirklich geworden ist.

 

 

 

 

 

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