Ich durfte mich ja ein paar Jahre in der New-Work-Szene tummeln und dort viele überaus spannende Menschen und tolle Unternehmen kennenlernen. Viele davon sind nicht nur menschlich entspannter und haben im Arbeitsalltag einen spürbar empathischeren Umgang miteinander, sondern sie sind auch wirtschaftlich überaus erfolgreich (bemerkenswerte Innovationen, beeindruckendes Wachstum, Marktführer, etc.).

Um so auffälliger war für mich die fehlende Ausbreitung. Wenn etwas so offensichtlich so gut ist – und das teilweise schon seit vielen Jahren – würde man eigentlich erwarten, dass es sich beinahe epidemisch ausbreitet, dass es eine „Ansteckung“ gibt, einen gesellschaftsweiten „Pull-Effekt“.

Doch diesen Effekt gibt es wahrnehmbar nicht. Und das hat mir doch ziemlich zu denken gegeben.

Es gibt keine Unternehmen ohne Politik – Fragt sich nur welche Politik?

Schaut man rein strukturell auf die Sache, kann man Folgendes beobachten: Es kann zwar sein, dass ich in meinem Unternehmen „einfach nur meinen Job machen will“, d.h. ich übernehme Verantwortung für die in meiner Rolle im Unternehmen zu erledigenden Tätigkeiten, aber was ich dort tun kann und was nicht, berührt immer auch das, was all die anderen in ihren Rollen dort tun und was sie lassen. Es braucht also „Koordination“ unseres Handeln. Und das heißt mit anderen Worten: Es braucht „Politik“ im Unternehmen.

Politik kann man nun, wie wir aus der Politik im engeren Sinne des Wortes wissen, sehr unterschiedlich organisieren. Grob unterschieden stehen sich autoritär-aristokratische und beteiligende-demokratische Formen von Politik als unterschiedliche Möglichkeiten gegenüber. – Die demokratischen Formen gehen davon aus, dass es Entscheidungen gibt, „die alle betreffen“, weswegen dann dabei auch „alle mitreden und Mitverantwortung übernehmen müssen“. Autoritäre Formen gehen davon aus, dass es besser ist, wenn man „die Masse“ nicht mit politischer Verantwortung belastet, und dass einige wenige schon ganz allein wissen könnten, was für das große Ganze das Beste sei.

Da aber jeder in seinem Handlungsbereich unmittelbar und auf individuelle Weise von jenem „großen Ganzen“ betroffen ist, und das seine Handlungsmöglichkeiten ganz beträchtlich erweitert und einschränkt, gibt es viel individuelles Wissen an jeder Stelle im Unternehmen, das eigentlich in die Entscheidung über „das große Ganze“ einfließen müsste.

Das Problem autoritärer Politikformen ist nun: Diesen bottom-up-Wissensfluss gibt es in ihnen nicht. Weil die Möglichkeit, Sachentscheidungen autoritär zu entscheiden immer in die Möglichkeit kippt, auch Personalentscheidungen autoritär zu entscheiden, weil es nie nur um die Sache geht zwischen uns Menschen, sondern immer auch um die Art unserer Beziehungen, entscheiden die autoritären „Entscheider“ in aristokratisch organisierten Unternehmen strukturell unwissend und uninformiert.

Und genau das erleben dann „all unteren Chargen“ als „Fremdbestimmung“ oder „fehlende Selbstbestimmung“.

Nun haben sich alle Unternehmen, von denen ich oben gesprochen habe, mindestens teilweise selbst demokratisiert: Sie haben die Machtungleichheit zwischen „oben und unten“ im Unternehmen entweder abgeschafft, oder sie versuchen die Effekte der Machtungleichheit bewusst abzumildern, z.B. indem Teilbereiche kaum noch Rückfragen stellen müssen, Teams wie autonome Unternehmen im Unternehmen agieren, hierarchieübergreifende Entscheidungszirkel geschaffen wurden, u.v.a.m.

Politik der Gesellschaft –> Politik der Unternehmen

Wenn wir die beobachtbare fehlende Ausbreitung solcher Unternehmen mit diesem Hintergrund erfassen, können wir nun fragen: Was führt dazu, dass die autoritäre Unternehmensorganisation sich so hartnäckig hält, obwohl demokratische Formen menschlich so viel angenehmer und auch wirtschaftlich so viel erfolgreicher sind?

Und hier kommen wir dann zwangsläufig auf die Eignerstruktur, das Gesellschaftsrecht und die Funktionsweise des Kapitalmarkts, auf den sich viele Unternehmen angewiesen fühlen. Als Kürzel können wir sagen: Wir haben entfremdete Strukturen zwischen Eignern und Investoren einerseits und den Unternehmen, die ihnen formalrechtlich gehören, andererseits. Es gibt keine echte Beziehung zwischen beiden Seiten. Es gibt kein langfristiges Interesse der Eigner an der Entwicklung der Unternehmen, dem Wohlergehen der Kunden, dem Wohlergehen der Mitarbeiter. Für Investoren sind Unternehmen, so wie wir Wirtschaft organisiert haben, nur eine „Ware“: Man will dass sie „zahlenmäßig“ gut aussehen, damit sich ein Käufer findet, der glaubt, aus ihnen „noch mehr herausholen zu können“. Ein Investor hat in der Regel kaum mehr Interesse an den Gefühlen der an seinem Unternehmen beteiligten Menschen als wir an den Gefühlen von Tieren haben, die wir essen: Wir wissen, dass diese Gefühle existieren, aber so wirklich wichtig ist das für uns nicht.

Soweit es nach mir geht, kann man das den Menschen, die als Kapitalgeber für Unternehmen auftreten, noch nicht einmal vorwerfen. Es handelt sich um einen strukturellen Effekt, nicht um individuelle Amoralität. Nicht die Moralkeule ist angezeigt, sondern eine Veränderung der Strukturen, innerhalb derer wir unsere individuellen Entscheidungen treffen. Wo völlige Entkopplung gegeben ist und gar kein unmittelbarer, menschlicher Kontakt mehr stattfindet, ist die Minimalbedingung für wechselseitige Empathie und sinnvolle Verhaltenskopplung nicht vorhanden. Wir Menschen können nicht auf Bedürfnisse von Menschen Rücksicht nehmen, die wir gar nicht kennen, mit denen wir uns nicht austauschen, mit denen wir keine Beziehung haben.

Diese Entfremdung zwischen Unternehmen und ihren Geldgebern, diese völlige Beziehungslosigkeit, spiegelt sich hinein in die internen Strukturen von Unternehmen. Weil äußerlich Entfremdung herrscht, entfremden sich auch die internen Beziehungen. Das Management muss sich als Folge davon in seinem Handeln einseitig auf die Investoreninteressen fokussieren („die Zahlen sollen gut aussehen“), während alle anderen im Unternehmen an Zielen arbeiten, die viel unmittelbar mit den Kunden und der Befriedigung seiner Bedürfnisse „zu einem fairen Preis“ zu tun haben. Man arbeitet also aneinander vorbei, wobei ganz klar ist, welche Seite am längeren Hebel ist. Und damit auch: Wessen Bedürfnisse am Ende die wichtigeren sind im Unternehmen.

Aristokratische Unternehmen sind aristokratisch organisiert, weil eine demokratische Organisation auch ein demokratisches Verhältnis zwischen Unternehmen und Investoren zwingend erfordern würde. – Und das widerspricht schlichtweg unserem derzeitigen Rechtssystem. Unternehmer, die sinnvolle unternehmerische Strukturen zulassen, geben freiwillig Macht ab, die das Recht ihnen einräumt. Häufig mit durchaus nicht ganz untrivialen Fragen, was die „Verantwortung für das Unternehmen“ angeht, die formalrechtlich bei der Geschäftsführung zu liegen hat. Unser bisheriges Recht hat schlichtweg keinen Sinn und keine Kategorien dafür, dass die Verantwortung für ein Unternehmen bei allen an der Unternehmung beteiligten Menschen gemeinsam liegt. Es verlangt „eine Spitze“. Es verlangt „Hierarchie“. – Viele demokratischere Unternehmen haben daher eine Phase, in der sie recht ernsthaft über die Umwandlung in eine Genossenschaft nachdenken oder diese sogar vollziehen. Und das trotz des Bürokratiewusts, der ihnen dann abverlangt wird.

Nun können wir weiterfragen: Warum genau organisieren wir „Wirtschaft“ so, dass demokratische Unternehmen selten bleiben, obwohl es ganz offensichtlich für uns alle besser wäre, würden sie sich ausbreiten?

Wir können mit Blick auf das Bisherige sagen, dass uns das, was in der Wirtschaft einen Unterschied dafür machen würde, ob autoritäre oder demokratische Unternehmen verbreitet sind, über die Wirtschaft hinausführt. Es wird nicht in der Wirtschaft selbst entschieden, sondern in der Politik: Also dort, wo sich unser Gemeinwesen seine Gesetze gibt, die dann mittels des staatlichen Gewaltmonopols durchgesetzt werden.

Formal gesehen haben wir ja ein demokratisches Gemeinwesen, in dem wir alle gleichberechtigt gemeinsam bestimmen, wie die Gesetze dieses Gemeinwesens beschaffen sind. Und so auch gemeinsam bestimmen, wie die Gesetze beschaffen sind, auf deren Grundlage wir dann zusammen „Wirtschaft machen“.

Und da es formal gesehen also eine Demokratie ist, in der wir leben, müssten wir uns nun eigentlich fragen: „Warum ändern wir nicht einfach die Gesetze, wenn wir uns mit unseren derzeitigen Gesetzen selbst schädigen?“

Dazu müssen wir uns nun anschauen, wie Gesetze faktisch in unserem Gemeinwesen gemacht und verändert werden. Und wer dabei wie viel Einfluss hat. Wir können – ebenfalls grob verkürzend – sagen, dass es sicher nicht so ist, dass wir alle einen gleichgroßen Einfluss darauf haben. Das eigentliche Versprechen der Demokratie: Uns alle als Bürger politisch gesehen gleich wichtig zu machen, wird durch unsere bestehenden politischen Institutionen faktisch nicht eingelöst.

Wenn wir also danach fragen, warum sich demokratischere Unternehmen in unserer Gesellschaft trotz ihrer ganz offensichtlichen und unmittelbaren Vorzüge nicht ausbreiten, so lautet die Antwort ganz einfach: Weil unsere Demokratie auf politischer Ebene noch sehr unvollständig ist. Würden wir in einer vollständigeren Demokratie leben als wir es derzeit tun, wäre es für uns ein sehr viel Leichteres, Gesetze, mit denen wir uns selbst schaden, einvernehmlich abzuändern.

„New Work“ ist also kurz gesagt kein ökonomisches Problem. Sondern ein Politisches. Wer bessere Arbeitsstrukturen, demokratischere Unternehmen, wer selbstbestimmtes, erfüllendes Arbeiten will, tut gut daran, sich für eine weitergehende Demokratisierung unseres Gemeinwesens einzusetzen. Er tut gut daran, nicht nur sich zu politisieren, sondern sich für eine allgemeine Politisierung aller Bürger einzusetzen.

Denn dort – in der Ausgrenzung der Meisten aus der Politik, in der parternalistischen Entlastung der Meisten von ihrer unveräußerlichen politischen Verantwortung – liegt der Hase im Pfeffer.

Wer Selbstbestimmung im Beruf will, muss Teil eines Gemeinwesens sein, in dem alle Bürger aktive Mitbestimmer der Gesetzgebung und der staatlichen Maßnahmen sind. Ohne eine durchgehend politisierte Gesellschaft wird selbstbestimmtes Arbeiten immer nur das Nischenthema einiger weniger Privilegierter sein, die zufällig gerade die Arbeitsmarktmacht auf ihrer Seite haben.

Denn die, die dringend gebraucht werden, wurden schon immer gerne „politisch beteiligt“. Demokratie besteht aber in einer allgemeinen Klarheit darüber, dass es immer alle braucht. Dass es ein „Dich brauchen wir“ und „Dich brauchen wir nicht“ beim Entscheiden über Dinge, die für uns alle Folgen haben, nur eben verschiedene, nicht geben kann, ohne dass das negative Folgen für uns alle hat.

Wir leben in einer Gesellschaft, die die eigentlichen Güter der Demokratie großteils noch gar nicht kennt. Und auch das ist kein persönliches Versagen von uns Einzelnen. Was wir nicht unmittelbar kennenlernen, können wir auch kaum erfassen oder schätzen.

Demokratie als Freiheit in Verbundenheit

„Demokratie“ heißt nicht mehr und nicht weniger als dass es Wege kollektiver Selbstbestimmung gibt, die keine verkappte Herrschaft der einen über die anderen ist; Wege, auf denen der Wille aller Einzelnen zu einem Kollektivwillen zusammenkommt und sich jeder Einzelne in diesem gemeinsamen Wollen wiederfindet, ohne dabei Unterordnung zu empfinden.

Diese Realität der Demokratie macht es zugleich zu einem handfesten Irrtum, dass in einer Welt voller wechselseitiger Abhängigkeiten („Interdependenzen“) individuelle Selbstbestimmung ohne kollektive Selbstbestimmung möglich ist. Nur in einem Kosmos vollkommener Abgetrenntheit und völlig fehlender Einflüsse aufeinander wäre es so, dass jeder nur für sich Selbstbestimmung suchen könnte, ohne dass dabei am Ende Herrschaft der einen über die anderen herauskäme. Der Irrglaube, man könne auf Demokratie verzichten, blendet krampfhaft die schicksalhafte Verbundenheit aus, in der wir alle miteinander stehen. Demokratie zeigt hier einen bleibenden Ausweg auf, in der sie innerhalb der Abhängigkeiten Selbstbestimmung möglich macht. Wir können uns natürlich auch gegen demokratische Ordnungen entscheiden. Z.B. wenn wir die lächerlichen aristokratischen Spielchen um „wer ist Herr und wer ist Knecht“, den nervtötenden Kampf um Herrschaft zwischen uns bis in alle Ewigkeit weiter spielen wollen. Wenn wir uns also für ein Spiel entscheiden, das alle am Spiel Teilnehmenden unfrei macht. Ein Spiel, in dem Selbstbestimmung nicht vorkommt, sondern nur unverfügbare Regeln und sich daraus ableitende Strategien und Schachzüge. Eine perfekt organisierte Welt, mit der wir uns kollektiv darauf fokussieren, zu keinem Preis zu den Verlierern des Spiels zu gehören…

Man kann vor diesem Hintergrund hören, was diejenigen eigentlich sagen, die behaupten, dass Demokratie in Unternehmen unmöglich sei:

1.) „Ein demokratisches Staatswesen – die Voraussetzung für eine Ausbreitung von Demokratie aka Selbstbestimmung in Unternehmen – ist unmöglich. Wir können uns allgemeine Mitbestimmung vorspielen, aber wir können keine allgemeine Mitbestimmung organisieren.“

2.) „Arbeit wird immer reine Fremdbestimmung sein, wird für immer Sklaverei sein. Gewöhnt Euch daran! Schaut allein darauf, wo ihr selber bleibt! Rette sich, wer kann!“

Aristokratie aus Verzweiflung

Der Fehlschluss, der in einer unvollständigen Demokratie wieder und wieder gemacht wird, besteht darin, dass, weil in hierarchischen Beziehungen keine sinnvolle Verhaltenskopplung entsteht, sinnvolle Verhaltenskopplung überhaupt für unmöglich oder unnötig gehalten wird. Die Möglichkeit der Demokratie wird nicht wahrgenommen und auch nicht angestrebt, weil ja das unmittelbare Erleben in entfremdeten Strukturen – ohne die Erfahrung eines ständigen, freien, unmittelbaren Austauschs Gleichwertiger – zu „beweisen“ scheint, dass man sich in der Entfremdung einzurichten und an sie anzupassen habe.

So entstehen autoritätshörige Aristokraten, die ihre Anpassung an die Aristokratie mit Zähnen und Klauen verteidigen: Sie glauben nicht mehr, dass es ein Spiel ohne Verlierer geben kann. Und daher kann für sie auch „Demokratie“ dann nur noch ein Schachzug sein, der sie auf die Verlierer-Seite zu bringen versucht. Allgemeines Wohlergehen, wechselseitige Aufmerksamkeit und wechselseitige Fürsorge werden nicht erlebt. Und in der Folge als unmöglich gesetzt.