Der Entschluss zu leiden scheint unsinnig, obwohl er so verbreitet ist. Wir sprechen dabei nicht von akutem Schmerz, akuter Angst, akutem Verlust. Wir sprechen dabei nicht von jenen finsteren Zeiten, in denen eine Gesellschaft sich in Auflösung befindet und wir ins Kriegsstrudel geraten; nicht von Unfällen und nicht von Folterkammern. Wir sprechen beim Entschluss zu leiden vom ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Also davon, dass Angst und Schmerz von uns selbst chronifiziert und scheinbar „ohne Not“ auf Dauer gestellt werden.

Der Sinn selbstgewählten Leidens scheint symbolischen Charakter zu haben. Dieses Symbol ist nicht zwingend nach außen gerichtet. Der Mensch, der sich entscheidet zu leiden, sagt zu sich selbst: „Würde ich es mir einfach gut gehen lassen, würde ich das Leid, das mir in der Vergangenheit widerfahren ist, ja rückblickend rechtfertigen. Ich würde mit meinem Gutgehen sagen: Das war in Ordnung so. Denn es hat mich zu einem guten Leben geführt.“ Der Entschluss zu leiden verweigert sich dieser „Rechtfertigung des Leidens“. Er macht das gegenwärtige Leiden zu einem Symbol für das vergangene Leiden und das dabei empfundene Unrecht. Daher wird das Leiden willkürlich gewählt. Es bedeutet so viel wie: „Nichts kann DAS wieder gut machen. Und daher ist nichts in Ordnung. Gar nichts!“

Bei einigen Menschen kann das Leiden auch solidarischen Charakter haben und generationenübergreifend werden: Die Tochter oder der Sohn entschließt sich, keine Befriedigung zu finden, keinen Erfolg zu haben, keine Freude zu empfinden, um damit ein Elternteil (oder beide) bewusst nich zu übertreffen, „und damit ins Unrecht zu setzen“. So als ob das eigene, gegenwärtig erreichbare Glück bedeuten würde, dass das vergangene Unglück der Eltern vermeidbar gewesen sei. Es ist also reine Treue zu den Eltern, aus der Leiden gewählt wird: „Ich übertreffe Dich nicht, lieber leide ich genauso wie Du. Mit meinem heutigen Leiden erkläre ich Dein Leiden für unvermeidlich. Dich trifft keine Schuld. Wir sind vereint in gemeinsamem Leid.“ Dieser Entschluss kann völlig unabhängig von den ausgesprochenen oder unausgesprochenen Wünschen der Eltern selber sein, die möglicherweise zugleich den eigenen Kindern wünschen, „sie sollen es besser haben als wir!“

Dagegen können wir natürlich den Entschluss setzen, in unserem ganz normal verrückten Alltag Spaß zu haben. Sehenden Auges, trotz all der Verluste, Vergeblichkeiten, vorhandener Schmerzen und begründeten Befürchtungen. Dieser Entschluss, wenn möglich, auch noch aus der letzten situativen Scheiße emotionales Gold herauszuholen, kann ebenso ehern sein wie der Entschluss, zu leiden: Ein Basisprogramm des eigenen psychischen Betriebssystems, unabhängig von den Umständen. Oder genauer: Entschlossen, alle möglichen sich bietenden Umstände zum einmal gesetzten Zweck zu nutzen („zu utilitarisieren“).

Ist dieser Entschluss, Spaß zu haben, „gesund“, so lässt er Luft für einen irreduzierbaren Rest an Situationen, die im Alltag, jenseits von gesellschaftlichen Ausnahmezuständen, nur 1-5 % aller Unglücksfälle ausmachen. Situtationen, in denen der Versuch, „auch daraus noch seinen Spaß zu ziehen“, unmenschlich wird. Für dieses akute Unglück ist der unmittelbare Ausdruck von Schmerz, Angst, Trauer und Wut reserviert.

Der Entschluss zu leiden nutzt diese „Lücke“ gerne, um sich auszubreiten. Er erklärt schnell auch die 95-99% anderen Fälle, in denen trotz Enttäuschung, Missgeschick, Verlust oder Schädigung noch Freude möglich wäre, zu Situationen, in denen Freude unangemessen ist: „Darüber darf man nicht lachen!“. Oder: „Darüber macht man keine Witze!“ sind noch die direktesten Formen dieser Ausweitung. Meist ist der Vorgang subtiler und schreitet schleichend voran, bis das Leben sich erfolgreich in ein einziges Jammertal voller jeweils aktueller Anlässe zu Leiden verwandelt hat. Jeder einzige dieser Anlässe rechtfertigt für sich das aktuelle Leiden und ist damit der Einsicht entzogen, dass das Leiden gewählt ist und willkürlich herbeigeführt wurde.

Trotz dieses Risikos, dass der eigene Entschluss zu Leiden diese Lücke nutzt, scheint es keine gute Idee zu sein, „positives Denken“ absolut zu setzen. Denn das, was wir hier den „Entschluss, Spaß zu haben“ (= nicht zu leiden) nennen, muss atmen können, und ist etwas ganz anderes als die Unterdrückung von Gefühlen wie Angst, Trauer und Wut. Der Entschluss, Spaß zu haben, ist nicht viel mehr oder weniger als der sich durch Handeln umsetzende Entschluss, solche Gefühle nicht künstlich auf Dauer zu stellen oder, wie wir manchmal sagen, sich nicht dauerhaft „von ihnen beherrschen zu lassen“. Nur der Entschluss zu Leiden setzt die Dinge für sich so, dass zwischen Verdrängung von Gefühlen und Nicht-dauerhaft-von-Gefühlen-Beherrscht-werden lediglich ein schmaler Grat sei. Die Kultivierung von Freude lässt sehr viel Luft auch für Trauer, Angst und Wut. Sie sieht sich gerade nicht im Widerspruch zu jenen anderen Grundgefühlen. So ist es auch bei uns Erwachsenen, ähnlich wie bei Kindern, möglich, mehrere dieser Gefühle gleichzeitig zu empfinden. In der natürlichen Logik der Gefühle gibt es kein Ausschlussverhältnis. Nur der Entschluss zu Leiden setzt künstlich den Imperativ einer logischen Eindeutigkeit, nach der das eine Gefühl nicht sein könne, während zugleich ein anderes Gefühl bereits vorhanden ist.

Der Entschluss, Spaß zu haben im Leben, und es sich in allen möglichen Wechselfällen, Unkontrollierbarkeiten und Schicksalsschlägen gut gehen zu lassen, ist seitens des Entschlusses zu Leiden auch noch ganz anderen „Angriffen“ ausgesetzt.

Sehr verbreitet sind zum Beispiel Gedanken von der Form: „Darf ich es mir den gut gehen lassen, darf ich hier und jetzt Spaß haben, wenn es doch zugleich anderen Menschen (hier im Raum, ganz woanders) schlecht geht? Gibt es nicht so etwas wie eine ‚Pflicht zum Mitleiden‘? Oder doch zumindest so etwas wie eine Art Anstand, es nicht zu sehr krachen zu lassen, während andere Menschen leiden?“

Hier hilft ein Gedankenexperiment: Was genau wird für den anderen Menschen besser, wenn ich ebenfalls leide? Würde er mir das wünschen? Würde er das von mir verlangen? Und selbst wenn ja, warum? In was für ein Verhältnis, in was für eine Beziehung setzt uns das zueinander?

Wo der Entschluss zu Leiden seine Findigkeiten hat, kann auch der Entschluss, Spaß zu haben, seine eigenen Wege, Tricks und Mittelchen haben. Oft gehen diese Tricks gerade durch den Schmerz und die Peinlichkeiten hindurch: Wenn wir die eigene Neigung zur Verrücktheit auf die Schippe nehmen. Indem wir über uns selber lachen. Auch hier wird der Schmerz nicht verdrängt, sondern geradezu offensiv anerkannt. Es wird ihm lediglich die Macht entzogen, sich zu einer dauerhaften Größe in unserem Leben zu machen. Wir haben unseren Spaß dann gerade daran, uns nicht von unseren eigenen Neigungen zum Leiden beherrschen zu lassen.

Advertisements