Systemisches Konsensieren wird ja immer mal wieder als reines Entscheidungstool gesehen, das nur eben der einfachen Dafür/Dagegen-Mehrheitsabstimmung überlegen sei.

Mich hat das schon immer ziemlich irritiert. Denn der noch viel größere Mehrwert des Systemischen Konsensierens scheint mir darin zu liegen, dass eine Gruppe über dieses Verfahren ein tieferes Verständnis füreinander entwickeln kann. Und das ist hochrelevant für alle Gruppen von Menschen, die gemeinsam politische Entscheidungen treffen müssen, weil diese Entscheidungen in ihren Folgen alle menschlichen Mitglieder dieser Gruppe mehr oder weniger betreffen. Mit anderen Worten: Mir erscheint das Systemische Konsensieren vor allem als ein Verfahren zur Kultivierung von empathischer Verbundenheit zwischen uns. Dass es auch ein effizientes Entscheidungstool darstellt, ist nur ein „Nebeneffekt“ seiner Vertiefung von Verständnis und Verbundenheit zwischen den gemeinsam entscheidenden Menschen. Ohne diesen Fokus auf die Erzeugung von Verständnis, wo vorher keines war, erscheint mir auch das Systemische Konsensieren dem einfachen Abstimmen nur minimal überlegen zu sein.

Ich kann mir daher mit einer rein technizistischen Auffassung und Ausführung des Systemischen Konsensierens nur schwer anfreunden. Also mit Anwendungen des SK-Prinzips, die vom Glauben getragen sind, man könne sich den Austausch, das Fragen und das Zuhören dann einfach sparen, weil das Tool an sich ja so gut sei.

Zu dieser Auffassung komme ich natürlich nicht zufällig. Noch bevor ich vor ein paar Jahren über das Systemische Konsensieren gestolpert bin, war mir das „Gradients-of-Agreement-Tool“ untergekommen, das von Sam Kaner und anderen entwickelt wurde, und das von Marie Miyashiro in ihrem Buch „Der Faktor Empathie“ direkt mit einem vertieften Bedürfnisbewusstsein verknüpft wird (S. 184 ff.).

Die gemeinsam entscheidenden Menschen wissen dann nicht nur, wer wie abgestimmt hat (= wie viel Widerstand jemand hat gegen eine bestimmten Vorschlag, gemeinsam zu handeln). Sondern sie wissen dann auch, warum jedes Mitglied aus ihrer Gruppe jeweils nichts, wenig oder sehr viel gegen eine bestimmte gemeinsame Entscheidung hat. Sie kennen die Bedürfnisse hinter dem vorhandenen oder fehlenden Widerstand gegen einen Vorschlag. Bzw. hinter der Begeisterung für einen Vorschlag.

Alle wissen dann, worum es für alle als Einzelne jeweils eigentlich geht; im Zusammenhang mit einer bestimmten gemeinsamen Entscheidung.

Wir könnten auch sagen (und als philosophisch verdorbener Mensch neigt man sehr schnell zu so einer Redeweise): Es handelt sich eigentlich um ein Erkenntnistool.

Nur ist diese Erkenntnis eben nicht nach außen gerichtet, sondern nach innen: Wir finden etwas über uns selbst heraus. Wir finden gemeinsam heraus, was uns jeweils und was uns gemeinsam bewegt. Was für uns wichtig ist. Welche Gefühle damit verbunden haben. Welche unterschiedliche Bedeutung die äußeren Dinge für uns jeweils haben. Wir lernen uns über solche Formen des gemeinsamen Entscheidens, bzw. durch den Dialog im Vorfeld solchen Entscheidens immer wieder neu kennen.

Ein großer Fehler heutiger demokratischer Verfahren besteht nach meiner Wahrnehmung und Empfindung darin, dass sie zu viel voraussetzt, was wir „aus der Ferne“ schon übereinander wissen könnten, was aber in Wirklichkeit nur in einem bewusst Bedürfnisse fokussierenden, freien und empathischen Austausch herausgefunden werden kann.

Unsere derzeitige Form von Demokratie „weiß zu viel“. Bzw.: Sie glaubt zu viel zu wissen. Und zwar nicht über irgendetwas, sondern gerade über das, was für die Politik das wichtigste ist: Über die Verfassung der Menschen, die sich hin höchst unterschiedlichen Situationen und Lebenslagen befinden. Aus der Ferne und höchst oberflächlich taxieren unsere derzeitigen demokratischen Formen uns, schätzen uns ein, rechnen hoch, etc. – Aber sie sprechen nicht mit uns. Sie wissen daher im Grunde nichts über uns. Zumindest nichts, was politisch relevant wäre: Unsere politischen Verfahren wissen nichts darüber, was wir eigentlich wollen. Der Bürgerwille ist in unserer derzeitigen Demokratie eine unbekannte Größe. Und das nicht aus persönlichem Versagen von Politikern. Sondern aus ungeeigneten Verfahren heraus, in dem der Bürgerwille unbekannt bleiben muss, weil viele Bürger in ihnen ihre eigene Stimme nicht behalten und die Art und Weise des Austauschs, des Gesprächs und der Beratung verfahrenstechnisch so gesteuert wird, dass er nicht auf unsere Bedürfnisse fokussiert, dass wir gar nicht empathisch miteinander sein können. Es handelt sich um politische „Verfahrensfehler“, die wir dringend durch Reformen unserer Demokratie beheben sollten.

Es täte unserer Demokratie sehr gut, wenn sie, was die Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche von Menschen angeht, ganz systematisch ihre eigene Unwissenheit voraussetzen würde.

Denn nur vor dem Hintergrund einer Annahme der eigenen Unwissenheit über den Bürgerwillen macht ein Prozess, in dem wir immer wieder neu herausfinden, was verschiedene Bürger eigentlich brauchen und wollen, überhaupt Sinn. Nur dann werden wir in demokratischen Prozessen die Kultivierung von wechselseitigem Verständnis zwischen uns als Bürgern als eigenes, wichtiges, wenn nicht sogar als ihr wichtigstes Ziel sehen.

Eine bessere Demokratie als unsere derzeitige bekommen wir nur, wenn wir uns stärker füreinander interessieren als bisher. Nicht im kriegerischen Modus („wie kann ich meinen Feind besser ausschalten“, „wie kann ich größere Stimmenanteile auf meine Seite bringen“). Sondern im empathischen Modus, der sich darüber bewusst ist, dass wir auf Dauer miteinander in einer Gesellschaft zusammenleben, während wir zugleich als Einzelne hochgradig verschieden sind.

Dieses verstärkte Interesse der Verschiedenen aneinander im Kontext gemeinsamen Entscheidens kann nur durch gute politische Verfahren und Institutionen gewährleistet werden. Nicht durch die Anstrengung heroischer Einzelner. Wenn wir uns mehr füreinander interessieren wollen. Wenn wir neugieriger werden aufeinander. Und das nicht nur gelegentlich, sondern dauerhaft, dann liegt das daran, dass wir uns politische Institutionen gegeben haben, die uns das überhaupt erst ermöglichen. Und umgekehrt: Wenn es gesellschaftlich an Interesse füreinander fehlt, wenn nur Kampf, Debatte, Neid und Missgunst zwischen uns als Bürgern vorhanden sind, liegt das ebenfalls an den politischen Institutionen, die wir uns gegeben haben. Unsere derzeitige Krise der Demokratie läuft daher auf eine aus selbst-empathischen Gründen gespeiste, demokratische Verfassungsreform hinaus.

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