„Integration“ ist ein recht schillerndes, waberndes Wort in unseren öffentlichen Debatten. Eben mehr ein Wort als ein Begriff.

Griffiger wird es, wenn wir das Wort Integration einmal wie folgt verstehen: In welchem Ausmaß wir gehaltvolle Gespräche, tiefergehenden, emotional bedeutsamen Kontakt zu Menschen unserer Gesellschaft haben, die ganz anders sind und ganz anders leben als wir selbst.

In einer desintegrierten Gesellschaft haben die Bürger solchen Kontakt fast ausschließlich zu „Ihresgleichen“, also zu Bürgern, die ähnlich sind wie sie selbst.

In einer integrierten Gesellschaft haben die Bürger auch solchen Kontakt regelmäßig zu Bürgern, die ganz anders sind und leben wie sie selbst.

Man kann das auch für sich selbst einmal testen und sich fragen, „wie integriert“ man eigentlich ist. Dazu muss man sich bloß die Frage stellen:

Wie lange ist es eigentlich her, dass ich ein gehaltvolles, emotional bedeutungsvolles Gespräch mit jemandem hatte, der

  • deutlich älter ist als ich selbst („der Elterngeneration angehört“)?
  • deutlich jünger ist als ich selbst („der Kindergenereation angehört“)?
  • deutlich mehr besitzt als ich selbst?
  • deutlich weniger besitzt als ich selbst?
  • der einen anderen Bildungsabschluss hat als ich selbst?
  • der eine andere sexuelle Orientierung hat als ich selbst?
  • der einen anderen Glauben/eine andere Weltanschauung hat als ich selbst?
  • der in einer völlig anderen beruflichen Situation ist als ich gerade?
  • der in einer völlig anderen familiären Situation ist als ich gerade?

Sicher sind noch weitere solche „Integrations-Testfragen“ denkbar.

Die Desintegriertheit der Modernen Gesellschaft ist sicher kein individuelles Problem, das sich durch individuelle Anstrengung überwinden lässt. Dafür sind die Systemeffekte verfehlter politischer Institutionen viel zu wirkmächtig. Das heißt: die individuellen Kosten für jeden einzelnen von uns sind viel zu hoch, die durch die von uns gemeinsam fehlkonstruierten Institutionen verursacht werden. Es ist keine Lösung, sich Sylvestervorsatz-mäßig vorzunehmen, „neugierig auf andere zu bleiben“ und „regelmäßig über den Tellerrand zu schauen und bewusst das Gespräch mit jenen zu suchen, die einem in der eigenen Gesellschaft fremd sind“.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Solche individuellen Anstrengungen und Initiativen schaden sicher nicht. Nur lösen sie nicht das strukturelle Integrations-Problem, das die Moderne Gesellschaft hat.

Man braucht also keine Glaskugel, um vorhersagen zu können, dass die Antworten auf die oben angedeuteten Integiertheits-Testfragen für die allermeisten von uns so ausfallen, dass wir auf nahezu alle sagen müssten: „Verdammt lang her“. Oder „Kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal war.“

In einer Modernen Gesellschaft dagegen, die sich endlich in eine vollständige, funktionierende Demokratie entwickelt hat, würden die Antworten auf die gleichen Fragen regelmäßig anders ausfallen. Denn so eine Demokratie wäre eine Demokratie mit starken, verfassungsmäßig etablierten deliberativen Verfahren. Mit anderen Worten: Wir würden dann als Bürger regelmäßig Bürgern begegnen, die in vieler Hinsicht ganz anders sind und ganz anders leben als wir selbst. Und das in gehaltvollen, emotional bedeutsamen Gesprächen. Und nicht nur auf der Straße oder in Interaktionen vom Typ „was kostet das?“ und „haben Sie noch einen Wunsch?“.

„Integration“ ist in einer modernen, liberalen Gesellschaft eine Leistung, die von allen Bürgern gemeinsam erbracht werden muss. Sie kann nicht von Einzelnen erbracht werden. Sie kann auch nicht „von der Politik“ erbracht werden, wenn wir darunter die armen, überforderten Berufspolitiker und politischen Parteien in ihrem von politischem Konkurrenzdruck geprägten Leben verstehen.

Wenn wir aber sagen: „Integration kann nur von uns allen gemeinsam geleistet werden“, dann ist damit eben auch nicht gemeint, dass wir uns jetzt alle auf die Brust schlagen, lauthals Besserung geloben und aus dem Stand unser alle unser Alltagsverhalten ändern, obwohl unsere politischen Institutionen weiterhin anti-integrativ wirken. Diese Vorstellung kann man „Politik-Voodoo“ nennen: Mit einem Fingerschnippen sind wir mal einfach eben völlig anders als bisher. Aus reiner Einsicht.

Die eigentliche Bedeutung von „Integration kann nur von allen Bürgern gemeinsam geleistet werden“ ist daher: Wir schaffen politische Verfahren und Institutionen, die uns alle regelmäßig politisch beteiligen. Wir senken für uns alle systematisch die individuellen Kosten der Zusammenkunft im Raum des Politischen, in dem wir gehaltvolle Gespräche in emotionaler Resonanz miteinander haben können. Als die Verschiedenen und Verschieden-Bleibenden, die wir in einer Liberalen, Modernen Gesellschaft sind.

Denn „Integration“ heißt in einer Modernen Gesellschaft eben gerade nicht, dass wir irgendwie alle gleich oder ähnlich werden müssen (oder auch nur können). Sondern dass wir uns als Verschiedene regelmäßig begegnen und dabei eine Form des Austauschs haben, durch die wir uns immer neu verbinden. Die Gemeinschaftlichkeit der Modernen Gesellschaft ist, so könnte man auch sagen, harte emotionale Arbeit, die man keinem ersparen kann, der „ein Bürger“ sein will.

Da sich das aber heute kaum noch „von allein“ oder „zufällig“ oder „aus privater Initiative“ ergeben kann, braucht es genau dafür eben die „die Politik“. Allerdings nicht das, was wir bisher „Politik“ nennen, sondern eine Politik, die in unmittelbarer Begegnung der verschiedenen Bürger besteht. Als Grundlage und Verfassung der Gesellschaft.

„Integration“ passiert unmittelbar und zwischenmenschlich. „Integration“ passiert regelmäßig zwischen allen Bürgern. Oder sie passiert eben nicht. Dann ist „Integration“ eben auch nur so ein weiteres Wort, das wir uns in unseren vielen unkonstruktiven, unproduktiven und wechselseitig demütigenden „politischen Debatten“ um die Ohren hauen. Dann ist „Integration“ nur ein weiterer Marschflugkörper im  innergesellschaftlichen Krieg zwischen uns, den wir institutionell auf Dauer schalten und den wir irrtümlich „Politik“ nennen.

 

 

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