Politik kann von uns sehr verschieden gestaltet werden. Denn gemeinsame Entscheidungen von Menschen können mit oder ohne wechselseitiges Verständnis für die Bedürfnisse der Verschiedenen getroffen werden, die dabei mitentscheiden, weil sie von den Folgen der gemeinsamen Entscheidung betroffen sind.

Politik als menschliches Schicksal

Der Zwang zur Mitentscheidung ergibt sich sowohl aus der Betroffenheit selbst, als auch daraus, dass in einer Gesellschaft der Verschiedenen verschiedene Betroffenheiten und verschiedene Bedürfnisse zu erwarten sind. Nur in einer absolut gleichförmigen Gesellschaft könnte ein Bürger stellvertretend für die anderen Bürger wissen, was diese brauchen, ohne mit ihnen direkt gesprochen zu haben. Diese Art von Gleichförmigkeit zwischen Menschen gibt es in der Realität nicht. Sie existiert nur in der Theorie. Und in der Fantasie.

Nicht-Betroffenheit und damit Politikverzicht ist daher keine Option für uns Menschen. Nicht-Verschiedenheit der Bedürfnisse ist bei der grundsätzlichen Anpassungsfähigkeit des Menschen und der Vielfalt unserer Möglichkeiten und Lebensformen etwas, über das wir in unserer Politik zwar hinwegsehen können, das wir jedoch mit Politik nicht aus der Welt schaffen können.

Aus der grundsätzlichen Möglichkeit, ein solches „gemeinsames Entscheiden“ mit oder ohne Abstimmung der verschiedenen vorhandenen menschlichen Bedürfnisse vorzunehmen, ergibt sich, dass es zwei grundsätzlich verschiedene „Modi der Politik“ gibt: Die Demokratie und die Diktatur. Die Demokratie schafft Verfahren der ständigen Bedürfnisabstimmung und wechselseitigen Verständniserzeugung. Die Diktatur verzichtet auf solche Verfahren.

Folgen von Demokratie und Diktatur

Die Folgen von Demokratie und Diktatur, die Folgen eines gemeinsamen Entscheidens mit und ohne wechselseitiges bürgerschaftliches Verständnis sind nicht besonders rätselhaft, man kann sie auflisten:

a) Die Folgen von Entscheidungen, die aus einem wechselseitigen Verständnis der verschiedenen Bedürfnisse der verschiedenen Beteiligten hervorgehen (Demokratie):

  • Die Entscheidungsprozesse selbst laufen ruhig und geordnet ab, Dialog statt Debatte
  • Jeder kann sich sicher sein: „Ich werde wahrgenommen, ich werde gehört, ich habe Einfluss auf die Entscheidung; ich werde nicht ausgegrenzt, nicht über den Tisch gezogen; meine Bedürfnisse werden weder ignoriert noch bagatellisiert“
  • In der Vergangenheit getroffene Entscheidungen sind leicht korrigierbar, wenn sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen verändern, die wiederum die Bedürfnisstruktur der Beteiligten verändern; politische Entscheidungen sind auch leicht korrigierbar, diese Entscheidungen in der Realität andere Folgen haben als von den gemeinsam Entscheidenden erwartet.
  • Beim gemeinsamen Entscheiden entsteht eine größere Verbundenheit zwischen den Beteiligten, weil dem gemeinsamen Entscheiden ein intensiver, unmittelbarer Austausch vorangeht, der wechselseitig Empathie entstehen lässt.
  • Das Entscheiden wird zu einen gesellschaftlichen Lernprozess: Die Gesellschaft der völlig verschiedenen Bürger lernt sich selbst immer wieder neu kennen.
  • Die Entscheidungen selbst sind in der Regel überraschend „progressiv“. Politikstau (Verdrängung gesellschaftlicher Probleme, die gemeinsames Handeln benötigen) wird schon im Ansatz aufgelöst. Keine stuck states durch unproduktive Lagerbildung.
  • Alle von der jeweiligen Entscheidung betroffenen menschlichen Bedürfnisse, die in der Gesellschaft vorhanden sind, fließen systematisch in die Entscheidungen ein.
  • Institutionen („die guten und schlechten Gewohnheiten der Gesellschaft“) können jederzeit angepasst und verändert werden, wo sie anfangen unproduktive Effekte zu produzieren, die für uns als Menschen schädlich sind. Die Überhöhung und Ontologisierung von Institutionen wird systematisch aufgelöst. Alles kann jederzeit zur Disposition gestellt werden, ohne dass darüber tiefe Risse in der Gesellschaft bis hin zum Bürgerkrieg entstehen.

b) Die Folgen von Entscheidungen, die ohne wechselseitiges Verständnis für die verschiedenen Bedürfnisse der verschiedenen Beteiligten getroffen werden (Diktatur):

  • Viele vorhandene menschliche Bedürfnisse fließen nicht in die Entscheidung ein, werden bei ihr nicht berücksichtigt, werden „gesellschaftlich zurückgestellt“ und müssen in der Folge von den Einzelnen in ihrem Alltag zurückgestellt werden.
  • Sehr schnelle Entscheidungen sind möglich, die allerdings schon mittelfristig eine „Bedürfnis-Rückstellungs-Hypothek“ erzeugen. Das heißt: um so länger die Diktatur geht, um so größer wird der gesellschaftliche Ausnahmezustand durch den Druck, den die Verdrängung vorhandener Bedürfnisse erzeugt.
  • Es kommt zu einer allgemeinen Entsolidarisierung: Die verdrängten und gesellschaftlich nicht anerkannten Bedürfnisse erzeugen bei den Einzelnen einen so hohen Befriedigungsdruck, dass sie heimlich und auf Kosten der Gesellschaft befriedigt werden.
  • Es kommt zu „Perversionen“: Der Befriedigungsdruck wird umgelenkt in andere Formen, die für die Einzelnen nicht wirklich befriedigend sind. Diese Ersatzhandlungen werden um so mehr zur Normalität, um so länger die Diktatur andauert.
  • Die Sprache der Bedürfnisse wird verlernt. Menschen können nicht nur die Bedürfnisse anderer, sondern auch die eigenen Bedürfnisse nicht mehr unverfälscht wahrnehmen, weil sie im Alltag nicht mehr wechselseitig in der Kommunikation gespiegelt werden. Stattdessen sind wechselseitige Missverständnisse, starke Bewertungen, Beschämungen und Schuldzuweisungen der Normalfall in Interaktionen. Die Bürger eines diktatorischen Staates gewöhnen sich daran, dass es kein Verständnis gibt und passen sich daran an. Das heißt: Nicht nur das Verhalten verändert sich, sondern auch die kognitiven Strukturen und eben die Sprache der Bürger.
  • Politik wird zu einem ständigen „Kampf um die Macht“, also um die vorrangige Befriedigung der spezifisch eigenen Bedürfnissen, ohne Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer Bürger der gleichen Gesellschaft, weil die Diktatur eben genau darin: im Verzicht auf eine solche Rücksichtnahme besteht; alle Bürger können also sicher mit fehlender Rücksichtnahme rechnen. Selbst in die „Herrscher-Position“ (oder ihre Nähe) zu kommen ist dann der einzige sichere Platz in der Gesellschaft, der garantiert, dass die eigenen Bedürfnisse Raum und Berücksichtigung finden.

Der Sinn der Diktatur

Trotz dieser zahllosen negativen Effekte gibt es die Diktatur nicht ohne Grund. Sie hat einen Sinn als Reaktion auf Ausnahmezustände. Das ist auch historisch, am politischen Ursprungsort des Wortes „Diktatur“ klar erkennbar.

Die Diktatur ist für die politische Entscheidung im Notfall, im Ausnahmezustand, im Krieg gedacht. Das heißt die Diktatur ist für die gesellschaftlichen Zustände gedacht, in denen die Vorrangigkeit einiger weniger menschlicher Bedürfnisse vermeintlich klar ist, und in denen daher ohne weitere wechselseitige gesellschaftliche Abstimmung einfach und schnell gehandelt werden kann.

Diktatur ist nicht gedacht für den „Normalfall“, für den Alltag, oder, wie man auch sagen könnte: Für das alltägliche menschliche Leben mit seinen vielfältigen Bedürfnissen und seinem ständigen Abstimmungsbedarf zwischen ihnen. Die Diktatur ist ursprünglich existentiell lebensrettend „gemeint“, als gemeinschaftliche Form der menschlichen Lebenserhaltung. Sie korrespondiert damit auf gesellschaftlicher Ebene mit dem Notfallprogramm, das biologisch in jedem Einzelnen von uns angelegt ist und das bei uns in Situationen unmittelbarer Bedrohung „anspringt“.

Aristokratie und Diktatur

Das Problem mit der Diktatur ist nun, dass sie, obwohl eng zeitlich begrenzt gedacht, sich sehr leicht missbrauchen lässt zu einem ganz anderen Zweck: Zu gesellschaftlichem Statusgewinn auf Dauer. Oder mit anderen Worten: Zum Zweck der Etablierung einer Aristokratie im Alltag, einer aristokratischen Gesellschaftsordnung anstelle der Demokratie. Die Diktatur führt leicht in eine Aristokratie, in der die für die Demokratie typische unmittelbare Bedürfnisabstimmung und Pflege bürgerschaftlicher Verbundenheit nicht mehr stattfindet. An die Stelle der systematischen Bedürfnisabstimmung tritt ein klares „oben und unten“, in dem nur noch die Bedürfnisse einer vergleichsweise homogenen „Oberschicht“ zählen, während die Bedürfnisse der so entstehenden „Unterschicht“ gesellschaftlich systematisch vernachlässigt werden. Für überzeugte Aristokraten ist die Diktatur ein hilfreiches Mittel, um eine Aristokratie anstelle einer Demokratie im Alltag zu etablieren.

Und das passiert immer nach dem gleichen Muster, es ist immer das gleiche Spiel, das wir auch in der Modernen Gesellschaft wieder und wieder beobachten können:

Um diktatorische Herrschaft akzeptabel zu machen und demokratische Verständniserzeugungsprozesse zu diskreditieren, wird künstlich Not- und Mangel herbeigeführt und wird künstlich Not- und Mangeldenken bei uns als Bürgern getriggert.

Nach der Devise: „Ist die Not erst groß, wir eindeutig, was jetzt gebraucht wird und es braucht nur noch den mächtigen Ausführenden (Exekutive). Denn die Legitimation dieser Exekutive durch die menschlichen Bedürfnisse besteht ja bereits offensichtlich. Sie kann sich demokratisch-legislatorische Prozesse sparen. Angesichts der akuten Not wissen wir ja ganz offensichtlich, was die Bürger wollen. Das müssen wir erst gar nicht klären. Auch die Verschiedenheit der Bürger spielt keine Rolle. Angesichts der Not sind wir ja alle gleich und brauchen das Gleiche. Und das dringend! Daher müssen jetzt einige wenige das Heft des gesellschaftlichen Handelns in die Hand bekommen und beherzt durchregieren! Im Namen der Not! Im Namen des Drängenden! Im Namen des Volkes!

Das Diktat des Ausnahmezustands

Der Ausnahmezustand wird also willkürlich herbeigeführt, weil der Ausnahmezustand die Diktatur sinnvoll erscheinen lässt und eine Diktatur die dauerhafte Etablierung einer aristokratischen Ordnung ermöglicht.

Die Not, der Krieg und die Katastrophen sind daher die Freunde der überzeugten Aristokraten. Und einige von ihnen legen nicht die Hände in den Schoß, sondern arbeiten kräftig daran, dass die Not einkehrt bzw. niemals aufhört. Konflikte zu schüren, nach innen und außen war daher schon immer ein beliebtes Mittel aller aristokratischen Diktaturen, um ihre Selbstlegitimation zu stützen und die Wiederkehr der Demokratie zu blockieren.

Also die Wiederkehr eines gesellschaftlichen Zustands, in dem gemeinsames Entscheiden bewusst abgestimmt betrieben wird, in der Dialog an die Stelle von Debatte tritt, bürgerschaftliche Empathie an die Stelle von bürgerschaftlichen Kämpfen „um die Macht“.

Die Diktatur gibt immer vor, das Leben zu schützen, aber sie sorgt in Wahrheit dafür, dass das Leben unterdrückt wird, in krummen Bahnen verläuft und beginnt, sich gegen sich selbst zu richten. Sie unterminiert den Kontakt der Bürger zueinander und damit – das wir alle zutiefst soziale Wesen sind – den Kontakt der Menschen zu sich selbst. In einer aristokratischen Gesellschaft, die die Folge einer dauerhaften Diktatur ist, haben die Menschen exakt gleich wenig Zugang zu sich selbst wie zueinander. An die Stelle der natürlichen menschlichen Verbundenheit treten die Tugenden der Not und die Verehrung von Helden, Märtyrern und Kriegern; also die Verklärung von Formen des menschlichen Daseins, in denen wir mit unseren Bedürfnissen deswegen in schlechtem Kontakt sind, weil Überleben gerade alles ist, was zählt.

Kurzgesagt schalten Diktatur und Aristokratie das menschliche Leben und Miteinander dauerhaft in den Modus „Überlebenskampf“. Sie nutzen dazu das biologisch-psychologisch in uns angelegte Notfallprogramm.

Demokratie besteht dagegen darin, den Bedarf am Einsatz jenes Notfallprogramms nicht künstlich zu erzeugen und durch die bewusste Kultivierung bürgerschaftlicher Verbundenheit die allgemeine Sicherheit zu schaffen, „dass für alle gesorgt ist“.

Wie Diktatur für uns so attraktiv wird, dass wir darüber die Aristokratie wählen

Macht die Demokratie hierbei aber einen schlechten Job, indem sie diese Kultivierung eines ständigen unmittelbaren Kontakts und Austauschs der Bürger vernachlässigt oder für unerheblich hält, dann kommen regelmäßig „Sehnsüchte nach Diktaturen“ auf.

Denn von der Diktatur versprechen sich dann viele Bürger die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse, die sie in der Demokratie vermissen, in der unvollständigen Form, in der sie sie dann kennen gelernt haben.

Da die unvollständige Demokratie viele Bürger in ihrem Alltag bereits ständig mit dem individuellen Ausnahmezustand konfrontiert, erscheint die Diktatur nicht wie eine Bedrohung, sondern wie eine Lösung.

Und das spielt jenen in die Hände, die nichts weniger im Sinn haben als die regelmäßige und gleichwertige Zuwendung zu menschlichen Bedürfnissen, sondern allein den gesellschaftlichen Statusgewinn, der der einzig verbleibende Wert in einer aristokratischen Gesellschaftsordnung ist: „Nach oben kommen“.

Dass die Diktatur wie die Zerschlagung des gordischen Knotens erscheint, den eine unvollständige Demokratie mit ihrem unproduktiven hin- und her-Gefriemel nicht auflösen kann, macht sie so attraktiv für die Masse der Bürger.

Für die Wenigen, die dabei ganz anderes im Sinn haben, ist diese Ausgangslage ein gefundenes Fressen, das von ihnen zuverlässig genutzt wird. Und diese Wenigen gibt es immer und überall.

Die Arbeit der Politik

Formelhaft können wir sagen:

Eine bedürfnispolitisch wirksame Demokratie mit geeigneten Institutionen und Verfahren arbeitet daran, die in uns angelegte Kriegsneigung immer noch weiter zu reduzieren und bei allen Bürgern schon im Aufkommen wirksam „wegzuarbeiten“. Der eigentliche Zweck des Ganzen ist eine friedliche und mit sich selbst gut verbundene Gesellschaft, die Ausnahmezustände so weit wie möglich vermeidet.

Eine machtpolitisch wirksame Aristokratie mit geeigneten Aktionen und Maßnahmen arbeitet daran, die in uns angelegte Kriegsneigung ständig zu triggern und die dadurch künstlich freigesetzte Energie einem Oberkommando zu unterstellen, das dafür wechselnde innere und äußere „Ziele“ aussucht. Der eigentliche Zweck des Ganzen ist der Machterhalt des Oberkommandos. Ausnahmezustände helfen dabei und werden, sofern sie gerade fehlen, mit Vorsatz herbeigeführt.