Wenn ich anderen Menschen im persönlichen, privaten Gespräche von meiner Begeisterung für das demokratische Losverfahren erzähle, höre ich viele Einwände und Bedenken. Mittlerweile, nach ca. 2 Jahren der Beschäftigung mit verschiedenen Los-Formaten und ihrer Realisierung, kann ich diese Einwände und Bedenken, die dabei regelmäßig aufkommen, herunterrattern wie eine kaputte Schallplatte (ja, ich bin kein ganz junges Semester mehr…).

Einer der häufigsten Einwände ist: „Das kommt nie. Denn das bedeutet ja für die gewählten Politiker einen gewaltigen Machtverzicht. Das ist doch bedrohlich für sie. Das lassen die doch nie zu!“

Ich glaube, dass wir uns täuschen, wenn wir so denken. Die Gespräche, die ich mit gewählten Politikern haben durfte, deuten vielmehr auf etwas anderes hin: Es gibt eine öffentlich unsichtbare und unerkannte Sehnsucht von Berufspolitikern nach dem mündigen Bürger. Heutige Politiker leiden darunter, und zwar nicht nur ein wenig, dass ihnen in unserer Gesellschaft ausschließlich „der unpolitische Bürger“ begegnet und gegenübersteht: Also Bürger in einem Zustand, indem sie unterinformiert und „parteiisch“ sind, fokussiert auf ihre Privatinteressen, aber völlig desinteressiert an den Bedürfnissen ihrer Mitbürger, die die gewählten Berufspolitiker ebenfalls vertreten sollen.

Man kann beim Zuhören im vertraulichen Gespräch förmlich hören, wie es Berufspolitiker zerreißt, andauernd diesen untereinander unvermittelten Wünschen, Sorgen, Gefühlen und Bedürfnissen der Bürger ausgesetzt zu sein. Und wie genervt sie davon sind.

Kurz gesagt: Gewählte Politiker kennen heute uns Bürger nur in „einem dummen und egoistischen Zustand“. Und eben nicht in dem informierten und auf das Gemeinwohl fokussierten Zustand, zu dem wir Bürger unter machbaren Umständen regelmäßig und zuverlässig in der Lage sind.

Sobald man Politikern klarmacht, dass die bisher hinter unserem lauten Geschrei versteckte „Demokratiekompetenz“ institutionell, durch geeignete Verfahren systematisch aufgeweckt werden kann, werden sie nach meinen Gesprächserfahrungen überaus hellhörig.

Das ist der Grund, warum ich diese Hürde der flächendeckenden Einführung von Losverfahren und Bürgerkonventen in unsere Demokratie für ein Realisierungs-Hindernis halte, das kaum der Rede wert ist. – An unseren gewählten Berufspolitikern wird das nicht scheitern. Die hochattraktive Entlastung, die ihnen eine solche Weiterentwicklung unserer Demokratie verschafft, kann man im unmittelbaren Gespräch mit Händen greifen. Der direkte Hinweis auf die realistische Aussicht, es in Zukunft mit weitaus besonneneren und informierteren Bürgern zu tun zu kriegen als sie das bisher erleben, reicht völlig aus, um Politikern ganz heftig das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen.

 

Advertisements