Unser derzeitiges politische Treiben teilt sich auf zwischen denen, die Lösungen dafür realisieren, dass nicht alle Bürger gleichmäßig an Politik beteiligt sind, und denen, die Lösungen für die Folgen davon suchen, dass nicht alle Bürger gleichermaßen politisch aktiv sind.

Bemerkenswerterweise kommen letztere seit Jahrzehnten so gar nicht weiter, sondern drehen sich im Kreis, mit den immer gleichen Problemen und den immer gleichen Nicht-Lösungen. Diese Probleme werden nur mal ein paar Zentimeter nach links verschoben und dann wieder ein paar Zentimeter nach rechts verschoben. Gelöst wird nichts. Und gerechtfertigt wird das ganze Rumgeeier mit „In der Politik geht es nun mal um Kompromisse, da kriegt keiner so richtig, was er will“. Begründete Politikverdrossenheit wird aufgrund einem vermeintlichen Mangel an Alternativen zu einem idealen Zustand verklärt.

Man kann durchaus auf die Idee kommen, dass es sich hier um die klassische Aufteilung zwischen „Arbeit an der Linderung von Symptomen“ und „Arbeit an der Heilung“ handelt.¹

So wie einzelne Menschen auch kann ein Gemeinwesen „gesünder und kränker“ sein. Und die Anzeichen („Symptome“) von beidem sind nicht wirklich schwer zu benennen: In einem gesunden Gemeinwesen gibt es keine „Herrschaft“, keine politische Fremdbestimmung. Es gibt dort nur einen steten politischen Austausch aller Bürger als Freie und Gleiche.

Das Grundproblem der derzeitigen Krise der Gesellschaft

Wie bei jedem Problem, so stellt sich auch bei unserer gegenwärtigen Gesellschaftskrise die Frage, was denn überhaupt das Problem sei? Auf welche Weise können wir eigentlich ein „gesundes Gemeinwesen“ gemeinsam hervorbringen und erhalten? Worauf müssen wir achten? Worauf müssen wir uns konzentrieren?

Die Tragik der derzeitigen Situation ist, dass gerade diejenigen, von denen die Lösung unseres grundlegenden Problems abhängt, das Problem partout nicht verstehen und sich stattdessen in der Lösung von Folgeproblemen verstricken. Folgeprobleme, die niemals aufhören werden immer neu und immer anders zu entstehen, solange das Grundproblem ungelöst bleibt. Solange wir es einfach unbehandelt fortbestehen lasen.

Dieses Grundproblem lautet: Fehlende Verbundenheit der Bürger als Bürger. Fehlende politische Verbundenheit.

Progressive, zukunftsorientierte, kooperativ denkende und zuversichtlich-hoffnungsvolle Menschen, die sich eigentlich mit genau diesem unseren heutigen Grundproblem befassen sollten, beschäftigen sich stattdessen mit den Folgen der Folgen der Folgen der Ungelöstheit dieses Grundproblems.

Statt neue Lösungen für die Institutionalisierung einer bürgerschaftlichen Verbundenheit zu entwickeln und ins Leben zu bringen, beschäftigen sie sich mit Symptombekämpfungen: Damit, was unvermeidlich daraus folgt, wenn die Bürger als Bürger nicht miteinander verbunden sind und keinerlei politische Beziehung zueinander unterhalten.

Der restaurative Irrweg vom richtigen Ausgangspunkt

Die weitere Tragik unserer derzeitigen Situation besteht darin, dass die Einzigen, die das ungelöste Grundproblem der Modernen Gesellschaft wahrnehmen, Menschen sind, die zugleich einer völlig unmöglichen Lösung dieses Problems verfallen sind:

Dem Anti-Liberalismus.

Diese Menschen, nennen wir sie mal „die derzeit restaurativ Denkenden“, wollen zum Zweck größerer gesellschaftlicher Verbundenheit zurück zu einer gleichförmige(re)n Bürgerschaft, die es unter modernen Bedingungen nicht und nie wieder geben kann, die also unrealisierbar ist. Es gibt dieses restaurative Denken „von rechts“ und „von links“: Die einen wollen eine ethnische Homogenität der Bürger, die es unter modernen Bedingungen nie wieder geben kann. Die anderen wollen eine finanzielle Homogenität der Bürger, die es unter modernen Bedingungen ebenfalls nie wieder geben kann.

Dass beide Formen der Homogenität zwischen den Bürgern unter modernen Bedingungen nicht mehr möglich sind, ist dabei ganz unabhängig davon, ob wir diese konformistische Gesellschaft nun für überaus wünschenswert halten oder ob wir ihre Vorstellung als reinsten Horror empfinden. Das Restaurative ist ein politischer Traum, ein Delirium derer, die den Schmerz spüren, aber kein Heilmittel finden können.

Zugleich ist der restaurative Illiberalismus für alle Progressiven ein rotes Tuch. Und so verhalten sie sich dann eben auch: Wie blindwütige Stiere, die reflexhaft auf jenes Tuch losgehen.

Während die progressiven Kräfte sich also damit beschäftigen, den absurden Illiberalismus derjenigen zu „bekämpfen“, die zumindest das Problem wahrnehmen, auch wenn sie seine Lösung in einer unmöglichen Richtung suchen, bleibt das eigentliche Problem, das wir alle gemeinsam miteinander haben, unbeachtet, unbedacht, unbearbeitet und ungelöst.

Woher kommt das? Warum haben progressiv denkende Menschen ein so großes Problem damit wahrzunehmen, dass das gesellschaftliche Grundproblem unserer Tage in der fehlenden Verbundenheit der Bürger als Bürger besteht?

Bekenntnisse eines Unpolitischen

Ginge ich bei der Beantwortung dieser Frage von mir selbst aus, also von jemandem, der sicher zu den notorischen Umarmern des Neuen gehört und der ebenfalls lange den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen konnte oder wollte, so müsste ich sagen:

Ich hatte politisch „abgeschenkt“. Ich hielt Politik an sich für strukturkonservativ und damit gerade aus meiner entschiedenen Zukunftsorientierung heraus für völlig uninteressant für mich.

„Die gesellschaftliche Musik spielt woanders“ sagte ich mir: in den Unternehmen, in den Alltagsbeziehungen, in meiner eigenen psychischen Weiterentwicklung, kurz: in all dem, was man „das Private“ nennen muss.

Ich war also ein „Politikvermeider aus Überzeugung“, weil ich glaubte erkannt zu haben, dass die Politik in ihrer heutigen Verfassung im Großen und Ganzen schon ganz okay sei, ganz genau so, wie sie eben heute ist.

Vor allem aber glaubte ich, dass für meine starke Präferenz für Neues und Weiterentwicklung gerade im Politischen eben rein gar nichts zu holen sei. Dass es dort nichts wirklich Spannendes zu entdecken gäbe.

Das Spiel der Parteien schien mir gut so („Egomanen, die sich wechselseitig in Schach halten, so dass wir anderen friedlich unser Privatleben führen und gestalten können“), zugleich aber ein reines Schlachtfeld, von dem man sich als Mensch, der am eigenen Wohlergehen auch nur im minimal interessiert ist, besser soweit wie nur möglich fernhält.

Zum Problem der fehlenden Verbundenheit der Bürger als Bürger hat mich erst das wieder zurückgespült, was ich im Privaten, „in der Wirtschaft“, erlebt habe. – Und die Einsicht, dass das, was dort im Argen liegt, nicht dort, im Privaten gelöst werden kann, sondern eben sehr grundlegende, politische Fragen aufwirft.

Warum andere, die ich für „progressiv“ halte, diesen Weg bisher nicht sehen oder nicht gegangen sind, ist mir tatsächlich ein Rätsel.

Problemfinsternis

Vielleicht ist der Grund dafür aber auch völlig banal (wie bei so vielen für uns wirklich schmerzhaften Problemen):

Den Progressiven unter uns fällt es möglicherweise schlicht deswegen schwer, sich dem Problem fehlender politischer Verbundenheit der Bürger zuzuwenden, weil dieses Problem „bereits von den Restaurativen unter uns besetzt“ ist.

Das würde dann heißen, dass viele progressiv gepolte Menschen schlicht noch nicht verstanden haben, was die Grundoperation jeder innovativen Lösung ist: Dass man ein Problem und einen ganz bestimmten Lösungsversuch dieses Problems sehr leicht und zum Wohle aller voneinander trennen kann.

Das heißt in diesem konkreten Fall: Dass die progressiv Denkenden unter uns die absurde illiberale Lösung, von der restaurativ gepolte Menschen träumen, nicht im Geringsten übernehmen müssen, nur weil sie sich dem gleichen Problem zuwenden.

Diese einfach Trennung von Anerkennung des Problems und der Verfolgung eines ganz bestimmten Lösungswegs für dieses Problem scheint entweder kognitiv oder emotional zu anspruchsvoll zu sein. Ich habe einen leisen Verdacht, was von diesen beiden Möglichkeiten in diesem Fall zutrifft. 😉

Solange die Progressiven aber das Problem der fehlenden politischen Verbundenheit der Bürger einfach ignorieren und es damit den restaurativ Denkenden komplett überlassen (Menschen, die keine Lösungen haben, sondern nur Träume), werden wir als Gesellschaft uns weiterhin im Kreis drehen. – Alle miteinander verstrickt in sinnlosen, unproduktiven „gesellschaftlichen Kämpfen“, die niemals zu einer echten Lösung: zu wirksamen institutionellen Innovationen führen können.

Die Progressiven sind heutzutage gewissermaßen „reaktionär“ geworden über ihre Ignoranz gegenüber dem Problem fehlender politischer Verbundenheit:

Sie reagieren nur noch auf das, was die Restaurativen in ihrem unproduktiven Treiben tun, das aus dem von ihnen empfundenen Schmerz fehlender politischer Verbundenheit resultiert. Sie vertreiben sich ihre Zeit ausschließlich damit, ungeeignete Lösungen zu bekämpfen anstatt selbst andere, geeignetere Lösungen zu suchen.

Man könnte auch sagen: Für die Progressiven sieht unsere politische Welt derzeit so aus, dass ihnen die Restaurativen den Blick auf’s Problem verstellen; sie haben sich für sie „dazwischengeschoben“. Aus der Perspektive progressiv denkender Menschen können wir von einer „Problemfinsternis“ sprechen.

Ich für mein Teil bin sehr gespannt, was passiert, wenn die Progressiven unter uns eines schönen, sehr fernen Tages doch einmal aus jenem Schatten heraus treten, den der unmögliche restaurative Lösungsversuch für sie auf unser Problem wirft.

Ich denke, dann können wir uns auf einiges gefasst machen…

 


¹ Die Medizinmetapher „Krankheit – Symptome – Heilung“ scheint im Politischen recht heikel zu sein, „da es ja in der Politik kein Heil und keine Heilung geben könne“. – Aber ist das wirklich so? Gibt es wirklich keine Verfahren, in denen die Bürger Einigkeit miteinander erzielen können und gemeinsam handlungsfähig werden? Verfahren, in denen Politikinnovationen generiert werden, die nicht bei irgendeinem „Lager“ massiven Widerstand auslösen? Ist nicht die Annahme, dass es solche Verfahren nicht gibt und nicht geben kann, genau der Irrtum, der mit Thomas Hobbes und dem naiven, solipsistischen Liberalismus in unser Verständnis des Politischen gekommen ist? Ein Irrtum, der systematisch der zu einem autoritären Politikverständnis führt, das sich seitdem ebenso systematisch selbst blockiert? Weil es dann nur noch um ein „Ringen um die Macht“ gehen kann, bei dem jeder befürchtet auf die Verliererseite zu geraten und daher nicht mehr kooperativ eingestellt ist? Und nicht mehr offen für Neues?

M.E. ist die die Annahme „Politik ist kein ständiger notwendiger Vorgang gesellschaftlichen Heilung“ der Grund für das sehr grundsätzliche Missverständnis von Politik in der Modernen Gesellschaft.

Politik in der Modernen Gesellschaft leidet von Anfang an unter einer Misskonzeption. Unser heutiges Verständnis von Politik ist geprägt von einer Fixierung auf einen negativen Fokus: Dem Problem der Eindämmung zwischenmenschlicher Gewalt. Und das, obwohl Politik ursprünglich einen positiven, produktiven Fokus hatte: Den Mut, in gemeinschaftlichen Akten das eigene Schicksal als Gesellschaft in die Hand zu nehmen. Und auch das, was ich hier vorschlage, ist ein positiver Fokus: Die ständige Herstellung gesellschaftlicher Verbundenheit durch Politik, die ständige Stärkung der Verbundenheit von uns Menschen als Bürgern.

Man muss das nicht zwingend „Heilung“ nennen. Es scheint mir jedoch kaum bezweifelbar, dass wir in unserer aus guten Gründen zersplitterten, zerklüfteten und vielfach gespaltenen Gesellschaft einen großen Bedarf an ständiger aktiver Kennenlern- und Empathiearbeit haben, und dass wir Menschen als Einzelne von dieser Arbeit völlig überfordert sind. Wir können von uns nicht erwarten, zusätzlich zu allen anderen Anstrengungen, die uns die Moderne Gesellschaft aufbürdet, auch noch ständig zu den uns sehr weitgehend fremden Mitbürgern „Brücken zu bauen“; jedenfalls nicht aus privater, individueller Initiative. Empathiearbeit ist Arbeit und die emotionalen Ressourcen jedes einzelnen Menschen sind begrenzt. Hinzu kommt das Problem, dass wir gerade denjenigen Menschen unserer Gesellschaft, zu denen wir, um die Spaltung individuell zu überbrücken, am allerdringendsten Brücken bauen müssten, nicht oder in den für Brückenbau ungünstigsten Momenten im Alltag begegnet. Hinzu kommt auch das Problem der Machtungleichheiten in unseren privaten Beziehungen, die Empathie- und Beziehungsarbeit sehr wirksam blockieren und noch „heroischer“ (und damit noch unerwartbarer) machen. Indviduelle Lösungen funktionieren also nicht. Weil wir alle Menschen sind und menschliche Grenzen haben.

Wir brauchen daher politische Institutionen, mit derer Hilfe wir uns diese unter modernen Bedingungen absolut unverzichtbare Arbeit leichter machen. Demokratische Institutionen, mit deren Hilfe wir diese Arbeit vom Privaten ins Politische verlagern, so dass wir sie nicht als Privatmenschen, sondern als Bürger leisten können. Das macht einen viel größeren Unterschied als derzeit sowohl restaurativ als auch progressiv ausgerichtete Menschen zu ahnen scheinen.

 

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