Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich politische Prozesse nur über Streit und Auseinandersetzung umsetzen können.

Das ist tatsächlich oft der Fall. Es gibt nur ein Problem dabei: Es generiert „Gewinner und Verlierer“, bzw. Menschen, die sich als solche empfinden und die danach weiterhin friedlich als Teil einer menschlichen Gemeinschaft zusammenleben können sollen.

Da wir Menschen antizipierende Wesen sind (ich weiß: man merkt oft nichts davon, es ist aber dennoch so), wissen alle Beteiligten, dass sie, wenn politische Prozesse als Auseinandersetzungen geführt werden, auf der Verliererseite landen können. Und das heizt viele Konflikte, die durchaus lösbar wären, künstlich an.

Wenn ich weiß, dass es ein Kampf ist, den ich führe, und dass ich vieles verlieren werde, was mir wichtig ist, wenn ich ihn nicht kämpfe, werde ich mich mit anderen zusammen tun, die von der gleichen Verlustangst beseelt sind – und wir werden gemeinsam alles tun, „um den politischen Gegner zu schlagen“. Und der andere, mein Gegner fürchtet und tut das exakt Gleiche. Und dann werden wir schon sehen, wer…

Auf beiden Seiten jeglichen als Streit ausgetragenen politischen Konflikts stehen daher Menschen, die glauben, „für eine gute Sache zu kämpfen“, selbst dann, wenn sie dazu andere Menschen diffamieren, instrumentalisieren, belügen, betrügen, verletzten, töten und foltern.

Von außen betrachtet, wenn man als Mensch also kein Teil dieses spezifischen Streits ist, sieht das so gut wie immer unsinnig aus. Man kann von außen, als nicht-involvierter Mensch sehr leicht sehen, dass alle am Streit beteiligten dabei verlieren. Wenn nicht den Kampf, dann einen Teil ihrer Menschlichkeit. Und oft ist der Gegner am Ende eines Streits, den man „gewonnen“ hat, ja nicht physisch vernichtet: Er lebt weiter – Und sinnt auf Rache für die „Demütigung der Niederlage“. Das führt in eine endlose Reihe von Konflikten, die niemals aufhört und sich bis in alle Ewigkeit weiterführt. Einer so sinnlos wie der andere. Einer so unproduktiv aufgelöst wie der andere. Und selbst wenn es zum Äußersten kommt und der andere tatsächlich „nicht mehr da ist“, darf man fest damit rechnen, dass man mit seinem glorreichen Sieg und der eigenen Art, den Konflikt zu führen, von Dritten beobachtet wurde. Dritten, die sich nun ihren Reim darauf machen, was das wohl für sie bedeutet, dass da einer ist, mit dem auch sie in Konflikt geraten könnten und der seine Konflikte auf diese Weise austrägt.

Wie gesagt: Wir sind alle antizipierende Wesen, die einander ständig beäugen und einschätzen, und die vorausberechnen, was das erkennbare Verhalten anderer wohl für uns selbst bedeuten möge. Dieses Antizipationsprogramm läuft bei uns allen ständig, es ist nicht aussetzbar und selbst wenn wir ignorieren, läuft es eben unbewusst ab.

Die ersten, die diese Logik im Detail beschrieben haben, waren Thukydides und Thomas Hobbes. In Teilen auch Machiavelli.

Viel interessanter als diese innere Logik des gewaltsam ausgetragenen Konflikts mit dem Ziel „den Gegener zu besiegen“ war die Entdeckung, dass es auch andere Wege gibt, gesellschaftliche Konflikte auszutragen. Und dass es möglich ist, diese Wege zu systematisieren und zu institutionalisieren.

Das – und nichts anderes – war die Geburtsstunde der „Politik“ im eigentlichen Sinne.

Schaut man auf unsere heutigen Formen, Politik zu organisieren, muss man nüchtern feststellen: Wir haben nichts kapiert. Wir organisieren Politik so, dass sie uns in Gewinner und Verlierer aufteilt. Wir bilden vorsätzlich gesellschaftliche Lager, die gegeneinander antreten, die sich Argumente, Kniffe und feindselige Strategien um die Ohren hauen. Die sich gegeneinander „durchsetzen“ wollen. Und fragt man Mitglieder der verschiedenen politischen Lager, so bekommt man von den Menschen „auf der anderen Seite“ Bilder gemalt, demzufolge sich dort wahlweise dumme oder bösartige Menschen befinden. Aber nicht Mitmenschen und Mitbürger, die exakt gleich wohlwollend und exakt gleich intelligent sind, wie man selbst es ist.

Die ollen Griechen, die die Politik im eigentlichen Sinne des Wortes erfanden, waren uns in diesem eindeutig Punkt voraus. Und das ist um so erstaunlicher, als es sich bei ihnen um eine zutiefst aristokratisch geprägte Sklavenhalter-Gesellschaft handelte, deren kriegerische Grundstruktur sich in einer hohen Präferenz für Wettbewerb (Agon) ausdrückte.

Wir leben deswegen in einer nicht nur vor-demokratischen, sondern auch in einer vor-politischen Gesellschaft, weil wir keine Institutionen und Verfahren zum Kern unseres Gemeinwesens gemacht haben, in denen wir einander mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zuhören und mit einer gewissen, auf Dauer geschalteten Penetranz zu verstehen versuchen, was die andere Seite bei einer Thematik wirklich bewegt – und erst danach gemeinsam entscheiden, was wir gemeinsam machen.

Stattdessen kaufen wir die dämonische Oberfläche, die unsere Mitmenschen für uns ohnehin immer haben, wenn sie nicht aktiv vertrauenswürdige Wohlwollens-Signale zu uns rüberschicken. Wir gestehen uns das ungern ein: Aber der Grundzustand, in der wir uns als Menschen einander gegenüber befinden, wenn wir diesem Grundzustand nicht aktiv entgegenwirken, ist der Zustand der wechselseitigen Bedrohlichkeit.

Das ist an sich weniger schlimm als es sich vielleicht anhört, denn es gibt in der Tat sehr gute Mittel, um diese reziproke Bedrohlichkeit wirksam und systematisch aufzulösen. Nur: durch unsere derzeitigen, „politischen“ Institutionen tun wir genau das eben nicht, sondern wir vertiefen stattdessen diesen Eindruck von der Ungeheuerlichkeit des Anderen noch künstlich. Man könnte auch sagen: Wir haben gesellschaftliche Institutionen geschaffen, die wir „politisch“ nennen, die aber in Wahrheit negative selbsterfüllende Prophezeihungen sind: Es wird immer schlimmer, weil wir den Menschen im „Gegner“ mit der Fortdauer gesellschaftlicher Konfikte immer weniger wahrnehmen können. Stattdessen steht auf der anderen Seite ein immer ungeheuerlicher werdendes Monster, dessen erfolgreiche Bekämpfung immer mehr „alle Mittel heiligt“.

Diese Mechanismen sind heute psychologisch ziemlich gut erforscht. Und auch ohne tiefere psychologischen Kenntnisse relativ leicht darstellbar. Wir haben nur leider bisher keinerlei politisch-institutionelle Konsequenz aus unserem Wissen darüber gezogen, wie wir als Menschen so gestrickt sind. Also wie wir uns zuverlässig verhalten, wenn wir im Streit-Modus sind, ohne dass dieser von einer tiefer gehenden Freundschaft getragen ist. Und wie wir uns zuverlässig verhalten, wenn wir einander freundschaftlich zugewandt sind, aber „ein Wörtchen miteinander zu reden haben“.

Kurzgesagt: Unsere „Politik“ rechnet mit Menschen, wie es sie überhaupt nicht gibt. Sie ist psychologisch naiv. Würden wir jenes „Erkenne Dich selbst“ ernster nehmen, läge unsere Priorität sofort auf einer tiefgehenden Reform unserer staatlichen Institutionen. Damit diese endlich politisch werden. Und uns endlich ermöglichen, miteinander politisch zu werden.

Die Wahrheit hinter „der Politik im eigentlichen Sinne des Wortes“ ist nicht Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es seinem bösen Nachbarn nicht gefällt, sondern: Es wird auch noch der beste Nachbar böse, wenn mir mein gutes Recht wichtiger ist als meine gute Beziehung zu ihm.

Unsere derzeitigen Institutionen machen aus uns ein Völkchen von einander feindselig gegenüberstehenden Rechthabern. Sie machen aus uns keine Mitbürger, die ihr Interesse, gut miteinander auszukommen, regelmäßig praktisch umsetzen könnten. Die sich zueinander in gute Beziehung setzen können, ohne darüber den guten Kontakt zu sich selbst und was uns gerade wichtig ist zu verlieren.

Jeder einzelne gesellschaftliche Konflikt hat heute sofort das Potential, „die Gemeinschaft zu sprengen“. Und das kein ganz kleines Problem bei Wesen, für die es völlig normal ist, ständig Konflikte miteinander zu haben.

Wir haben daher ein sehr grundlegendes Interesse daran, uns politische Institutionen zu geben, die uns antizipieren lassen, dass wir, egal was auch geschieht, das Gespräch nicht als „Verlierer“ verlassen werden. Und dass auch unsere Mitbürger, die andere Interessen haben, als Ergebnis unseres Austauschs und unseres Entscheidens genausowenig Verlierer sein werden wie wir. Klingt unmöglich? Ist aber der eigentliche, tiefere Sinn von „Demokratie“.