Es gibt zwei verschiedene Arten des Sich-Willkommen-Fühlens. Die eine ist davon bestimmt, dass wir es mit anderen Menschen zu tun haben, mit denen wir unmittelbar jede Menge „Themen“ und „Gewohnheiten“ teilen. Die wir ganz unmittelbar als „Fleisch von unserem Fleisch“ empfinden. Die „den gleichen Stallgeruch haben“. Von dieser Willkommenheit ist im Folgenden nicht die Rede. Sie ist zu einfach, zu banal, um aus ihr ein Thema zu machen. Denn sie ist entweder gegeben oder nicht gegeben. Sie lässt sich nicht herstellen. Wir können nichts gegen sie tun, wenn sie da ist. Und wir können nichts für sie tun, wenn sie nicht da ist. Diese Willkommenheit befindet sich auf der Ebene des menschlichen Seins, nicht auf der Ebene des menschlichen Handelns. Für die praktische Philosophie gibt sie daher nichts her.

Hinzu kommt, dass diese Art des Sich-Willkommen-Fühlens in der Modernen Gesellschaft immer weiter abnimmt, da über die von ihr ermöglichte Vielfalt des menschlichen Lebens die Selbstverständlichkeiten abnehmen, auf denen diese Art der Willkommenheit aufbaut. Wir treffen einfach viel seltener Menschen, mit denen wir sie unmittelbar erleben und bei denen wir sie empfinden. In ländlichen Regionen mag sie noch häufiger sein. Aber wie wir alle wissen, geht mit der Ausbreitung der Modernen Gesellschaft auch eine allgemeine Tendenz zu „Verstädterung“ einher, die auch nicht dadurch aufgehoben wird, dass es viele Städter lebensphasenweise wieder „auf’s Land zieht“. Denn es ist dann nicht so, dass die Ländlichkeit zu den Städtern zurückkehrt, sondern vielmehr so, dass die Städter die Stadt auf’s Land mitbringen. Auch diese Land-Rückkehr-Romantik trägt also zur fortschreitenden Verstädterung der Weltgesellschaft bei. Ich persönlich halte die Verstädterung sowohl für unaufhaltbar als auch für unumkehrbar. Auch sie ist also, so könnte man sagen, „eine Angelegenheit des Seins, nicht des Tuns“.

Ganz anders sieht es mit zweiten, anderen Art des Sich-Willkommen-Fühlens aus. Das ist die Art von Willkommenheit, die für Fremde typisch ist, die sich begegnen. Und da in der Stadt gewissermaßen ständig Fremde Fremden begegnen, ist es auch die für eine Städtische Kultur typische Form von Sich-Willkommen-Fühlen. Es ist zugleich die Art, für die wir etwas tun können, allerdings auch tun müssen. Denn sie stellt sich nicht von alleine ein. Sie „ist“ nicht, sondern wir tun sie oder wir tun sie nicht. – Und beides hat starke Auswirkungen auf unser eigenes Leben, das Leben der anderen und unser Miteinander Leben.

Willkommensgefühle sind machbar – Was genau also tun?

Was aber sind die Dinge, die wir für das Sich-Willkommen-Fühlen tun können? Wann fühlen wir uns willkommen?

In unserer dem naiven Solipsismus zuneigenden Kultur gerät diese Frage schnell ins falsche Fahrwasser. Ich bin mir sicher, dass heute viele Menschen, die diese Frage hören, zunächst daran denken, „was ich selbst dafür tun kann, damit ich mich willkommen fühle“, und die diese Auffassung der Frage auch noch für „erwachsen“ halten, für menschlich reif und eigenverantwortlich. Dass selbst bei einer Sache, die so sehr in zwischenmenschliche Beziehungen eingelagert ist, wie kaum eine zweite, so eine Auffassung überhaupt möglich ist, ist ein echtes Armutszeugnis unserer derzeitigen Gesellschaft: Wir versuchen auch noch Dinge, die nüchtern betrachtet wirklich nur miteinander möglich sind, „uns selbst zu besorgen“. Wir könnten daher für die Moderne Gesellschaft in ihrem dissoziierten, entfremdeten Zustand sagen, dass es sich um eine Gesellschaft fortgeschrittener, verzweifelter, vergeblicher Selbstbefriedigungsversuche handelt. Um eine ganze „Selbstbefriedigungskultur“, in der die Mitglieder dieser Gesellschaft sich absurderweise auch das noch selbst zu verschaffen versuchen, was nur miteinander möglich ist. In Ermangelung irgendeines Miteinanders werden dann eben auch menschliche Bedürfnisse, die nur durch andere befriedigt werden können „zur Eigenverantwortung des Einzelnen“. Man weiß nicht, ob es eher ein tragisches oder doch vielmehr ein durch und durch lächerliches Schauspiel ist, dass wir in dieser Hinsicht einander bieten. Angst vor befriedigenden Beziehungen durchziehen unser Leben, weil wir sie so selten finden können, dass wir auch bei Möglichkeiten, befriedigende Beziehungen anzubahnen und zu pflegen, uns lieber auf unser generelles Misstrauen gegenüber Beziehungen zurückziehen: Am Ende wird es wieder nur ein „Deal“ gewesen sein. Am Ende werden wir „über den Tisch gezogen“ worden sein. Begründetes Beziehungsmisstrauen als Lebensform.

Wenn wir die Frage nach der Machbarkeit von Willkommens-Gefühlen stellen, sollten wir uns daher bewusst sein, dass Willkommenheit ein wechselseitiger, reziproker Vorgang ist: Ein Gefühl, dass wir uns nicht selbst verschaffen können, sondern das wir nur durch eine freiwillige Gabe der Anderen erhalten. Willkommen-Sein ist ein Geschenk zwischen uns Menschen. Das ist durchaus paradox: Denn es ist ein Geschenk, obwohl wir nicht darauf verzichten können. Unsere Sehnsucht nach Willkommen-Sein verweist uns als Menschen auf unsere fundamentale emotionale Abhängigkeit vom Wohlverhalten anderer Menschen, auf das wir schlicht nicht verzichten können, egal wie klug wir uns anstellen und gleich wie sehr wir uns anstrengen. Willkommen-Sein gibt es nur mit unseren Mitmenschen.

Was also können wir tun, wenn wir anderen Menschen dieses Gefühl des Willkommen-Seins verschaffen wollen?

1.) Wahrnehmbare Neugier, Offenheit und Freude beim anderen

Wir fühlen uns willkommen, wenn der andere deutliche Signale sendet, dass er sich auf uns freut. In der Regel wird das von uns eher körpersprachlich und performativ ausgedrückt als mit dem Inhalt unserer Worte. Bei ersten Begegnungen hat das oft etwas damit zu tun, dass wir Neugier auf uns spüren. Dass wir vom anderen Raum und Redezeit geschenkt bekommen. Dass nach unseren Wünschen oder unserer Geschichte gefragt wird, auf eine Weise, die nicht zudringlich ist, sondern wahlweise behutsam oder spielerisch.

Bei wiederholten Begegnungen ist es dann oft die Wiedersehens-Freude, die wir spüren können. Dabei können wir, damit wir uns weiterhin willkommen Fühlen, auf Neugier beim Anderen nicht verzichten. Das führt zum bekannten Problem bei Langzeit-Beziehungen, dass wir vom anderen den Raum brauchen, uns immer neu und immer anders zeigen zu können. Dass also die Offenheit über das bereits Bekannt-Sein nicht verlorengeht.

Ein hartnäckiges „Dich kenne ich ja schon. Du …“ ist der Tod jeder Beziehung und so auch des Sich-Willkommen-Fühlens. Offenheit für den anderen ist der gemeinsame Nenner des Willkommen-Seins sowohl in neuen als auch in langjährigen Beziehungen.

2.) Eingang auf unsere Bedürfnisse – Artikulierte und manchmal auch unartikulierte

Ein weiterer Faktor des Sich-Willkommen-Fühlens bezieht sich darauf, dass wir Menschen beinahe immer voller Bedürfnisse stecken, sehr unterschiedlicher Bedürfnisse, das im Miteinander der Beziehung zum Anderen Raum braucht. Auch dieser Raum muss „geschenkt“ werden.

Das besteht durchaus nicht darin, dass der andere plötzlich für unsere Bedürfnisse verantwortlich wird. Es besteht vielmehr darin, dass unsere Bedürfnisse überhaupt gezeigt oder ausgesprochen werden können. Dass wir also unsere bedürftige Seite nicht vor dem Anderen verstecken müssen. Wenn das Bedürfniswesen, das jeder Mensch „nebenberuflich“ auch noch ist, Raum hat, stellen sich bei uns Willkommens-Gefühle ein. Auch das kann spielerisch oder behutsam geschehen.

In engen Langzeitbeziehungen ist es dabei unausweichlich, dass sich das einstellt, was wir „wechselseitige Rücksichtnahme“ nennen: Dass wir uns über unsere verschiedenen Bedürfnisse offen austauschen und dass ich das Faktum anerkenne, dass das, was ich tue und lasse, für Deine Möglichkeiten zur Befriedigung Deiner Bedürfnisse hat. Und dass Du anerkennst, dass das was Du tust und lässt, für Deine Möglichkeiten zur Befriedigung Deiner Bedürfnisse Folgen hat. – Das wiederum hat sehr weitgehende Folgen und uns oft verwirrende Folgen für den Begriff der „Verantwortung“.

In Langzeitbeziehungen ist das Gefühl des Willkommen-Seins daher ganz untrennbar damit verknüpft, dass wir ohne wechselseitige Schuldzuweisungen auskommen. Sondern dass wir beide unsere Bedürfnisse offen zeigen, die Verantwortung für sie übernehmen und uns dann auf das einlassen, was uns überaus verletzlich macht: Das Bitten um Rücksichtnahme, das Bitten auf ein Darauf-Eingehen.

Denn das ist die operative Form der Anerkennung dessen, dass Sich-Willkommen-Fühlen ein Geschenk ist, das uns der Andere macht. Und dass es auch immer ein Geschenk bleibt und niemals etwas anderes wird (z.B. kein „Recht“ unsererseits, keine „Pflicht“ andererseits).

3.) Möglichkeiten der Mitbestimmung: Wir werden gefragt, wir werden gehört, wir haben Einfluss auf das Gemeinsame

Willkommens-Gefühle werden zuverlässig gestört und verunmöglicht, wenn wir bei Entscheidungen „übergangen“ werden, die uns in ihren Folgen empfindlich mit betreffen.

Mehr muss man zum menschlich zwingenden Erfordernis einer vollständigen und wirksamen Demokratie eigentlich nicht sagen.

Aus unserem tiefen menschlichen Bedarf an Willkommenheit in dieser Welt leitet sich unmittelbar ein universeller Demokratie-Imperativ ab.

4.) Möglichkeiten, Beiträge zu leisten, die spürbar gewertschätzt werden.

Es ist für uns Menschen nicht möglich, auf Dauer Beziehungen miteinander zu führen, in denen wir nicht das Gefühl haben, einen wertvollen Beitrag für andere Menschen zu leisten, mit denen wir uns verbunden fühlen, eben „in Beziehung“. Kein Mensch fühlt sich als reiner „Empfänger von Leistungen anderer“ wirklich wohl.

Nimmt man uns daher die Möglichkeit auf eine Weise zum Wohlergehen anderer beizutragen, bei der wir „unseren Impact“ auch unmittelbar zwischenmenschlich wahrnehmen können (Lachen, leuchtende Augen, begeisterte Stimmen, Tränen der Freude, belebte Bewegungen beim Anderen), dann erleben wir „Sinnlosigkeit“.

Zu unserem Sich-Willkommen-Fühlen als Menschen gehört unverzichtbar dazu, dass auch unsere Möglichkeiten, anderen Menschen aus freien Stücken wohl zu tun, wahrgenommen und anerkannt werden.

Zum Willkommen-Sein gehört also die Möglichkeit, anderen Menschen das Willkommen-Sein-Gefühl zu verschaffen und das dabei eine gewisse Unmittelbarkeit gegeben ist, die für menschliche Beziehungen und Live-Begegnungen zwischen typisch ist.

Vor diesem Hintergrund könnten wir auch noch einmal einen genaueren Blick auf die Weise setzen, in der wir unsere Arbeitswelt institutionell gestaltet haben.

Denn natürlich sind Willkommen-Sein-Gefühle prinzipiell auch in der Arbeitswelt möglich; also in unseren Beziehungen zu unseren Kollegen, Kunden, Dienstleistern, Menschen in der Nachbarschaft unserer Unternehmen. Aufgrund der Art und Weise, wie wir Unternehmertum und Erwerbsarbeit organisiert haben, kann sich Willkommenheit dort aber kaum etablieren und wird immer wieder von Mangelgefühlen angegriffen.

Nicht Arbeit an sich wird von uns als „sinnvoll“ oder „verbindend“ empfunden (was heute so mancher Berufspolitiker zu glauben scheint, der Arbeitsmarkt-, Sozial- oder Wirtschaftspolitik macht), sondern Arbeit, in der Willkommens-Gefühle mit allen 4 hier aufgeführten Faktoren an der Tagesordnung ist. Wir neigen in unserer bisherigen Politik dazu, diese menschliche Seite der Arbeit kaum in unsere Überlegungen einfließen zu lassen. Sie spielt vor und in unseren politischen Entscheidungen kaum eine Rolle. Von daher halten wir es für „normal“, dass sich Arbeit an den meisten Tagen und in den meisten Momenten für uns schrecklich anfühlt. Sofern wir überhaupt noch in der Lage sind, überhaupt etwas bei unserer Arbeit zu empfinden und uns nicht mittels reiner Abstumpfung emotional abgekapselt und gegen den natürlichen Schmerz immunisiert haben, der sich immer dann einstellt, wenn uns die Willkommenheit gerade vollkommen fehlt.

Willkommenheit als universelle und politische Angelegenheit

Diese Faktoren des Willkommen-Seins sind meines Erachtens menschlich universell. Sie sind sicher nicht vollständig. Und sie gelten für alle Menschen, an allen Orten, zu allen Zeiten. Sie gelten in jeder Beziehung, in jeder Gruppe, in jeder Organisationsform, in jedem Gemeinwesen.

Fehlen diese Faktoren des Willkommen-Seins, so hat das immer Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen uns. In der Regel sind diese Folgen fehlenden Sich-Willkomen-Seins oder -Fühlens: Angst, Misstrauen, Missgunst, Abscheu, Hass, Streit und kalter oder heißer Krieg.

Umgekehrt hat auch die Gegebenheit dieser Faktoren des Willkommen-Seins zuverlässig immer Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen uns. Die Folgen von menschlicher Willkommenheit sind: Geborgenheit, Beruhigung, Offenheit, Freude, Inspiration, Bereitschaft zu Kooperation, Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, Wunsch, dem anderen Gutes zu tun und (weiter) zu seinem Wohlergehen beizutragen.

Nun ist es aber wiederum ein in unserer Gesellschaft verbreiteter Irrtum, eine Neigung zum Irrweg, wenn wir dieses „Herstellen von Willkommenheits-Gefühlen“ zu einer Sache der Ethik machen anstatt zu einer Sache der Politik. Wir glauben, dass man nur mit moralischen Imperativen agieren könne. Dass sich nun jeder Einzelne für sich aufmachen soll, um dem abzuhelfen, was jeweils allgemein im Argen liegt. Aus rein privater Initiative. Als Held des Alltags.

Wie man beobachten könnte, funktioniert das jedoch so gut wie nie. Der Grund dafür ist einfach: Als Einzelne sind wir von solchen Imperativen der Ethik vollkommen überfordert. Kein Einzelner kann sinnvoll zur Schaffung einer allgemeinen „Willkommens-Kultur“ beitragen, ohne eine Art Empathy-dry-out zu erleiden, in einem Umfeld, in dem alles auf „Jeder-ist-sich-selbst-der-Nächste“ ausgerichtet ist. In allen unseren sozialen Berufe sind die Wege gepflastert mit den emotionalen Leichen solcher vereinzelter „Helden der Empathie“.

Dass auch die Schaffung von Willkommenheits-Gefühlen und guten Beziehungen eine Sache der Politik ist, könnte man heute leicht verstehen. Wenn man nicht weiter an allgemeiner Entfremdung, an allgemeiner Fremdheit leiden will. Willkommens-Gefühle sind politisch machbar. Sie sind nur politisch machbar. Allgemeine menschliche Willkommenheit ist machbar durch eine institutionelle Vervollständigung unserer derzeit noch sehr unvollständigen Demokratie.

Advertisements