Auf Youtube kann man sich – so kriege ich’s über meine Frau mit – eine unendlich Zahl von Videos anschauen, in der von Followern zu Gurus gemachte Menschen einem die eine, immer gleiche Botschaft ins Hirn beamen:

In getragenem Ton, im prä-erlösten Flüstern oder im demonstrativ-erlösten Pathos predigt der Psycho-Guru, dass wir alle selbst für unser Glück verantwortlich seien. Man solle sich frei machen von seiner Opferhaltung, man möge erkennen, dass das eigene Denken die Welt erschafft, etc. etc.

Frank Farrelly, jenes einer irischen Großfamilie entsprungene Therapie-Genie, hat mal gesagt, die meiste psychologische Literatur sei so geschrieben als stamme sie aus der Feder eines New Yorker Einzelkindes; sprich: andere Menschen und damit menschliche Interdependenz kommen im psychologischen Denken eines ganz bestimmten Typs schlicht nicht vor. Diese Art von psychologischem Denken passt allerdings fantastisch gut zu einer Gesellschaft, die keine Politik kennt, sondern die vom Dogma des Privatismus beherrscht wird.

Was ist Politik?

Politik besteht in Institutionen und Verfahren, die es uns ermöglichen, unsere Abhängigkeit voneinander bewusst zu gestalten. Es handelt sich um ein von uns gemeinsam hervorgebrachtes „Meta-System“, mit dem wir auf die systemischen Zusammenhänge zwischen uns bewusst gemeinsam Einfluss nehmen können. Genau in dieser Form und genau zu diesem Zweck wurde die Politik von den ollen Griechen im ollen Athen erfunden.

Bestehen solche Institutionen und Verfahren nicht, gibt es keine Möglichkeit für uns, als Gemeinschaft auf unsere Beziehungen zwischen uns bewusst Einfluss zu nehmen. Das wirft uns zurück auf uns selbst – und vereinzelt uns. Es gibt dann „den Bürger“ im eigentlichen Sinne des Wortes gar nicht, sondern es gibt nur den Privatmenschen, der schauen muss, wo er selbst bleibt; und wie er auch noch unter diesen furchtbaren Bedingungen glücklich werden kann. Ein privatistischer Wettbewerb um’s Glücklich-Sein kommt in Gang, wenn Politik ausfällt.

Das Fehlen von Politik in einer Gesellschaft macht alle Menschen dieser Gesellschaft automatisch zu Asozialen. Die Interdepenzen bestehen zwar weiterhin, denn wir Menschen sind nun einmal, ob’s uns gefällt oder nicht, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, „hypersoziale Lebewesen“, aber wir haben dann nur noch privaten Einfluss auf sie, keinen politischen. Und das bringt uns alle gemeinsam in eine Ohnmachtsposition gegenüber der Gesellschaft, die wir selber sind.

Diese Ohnmachtsposition wird von der Psychologie für Asoziale schlicht verleugnet. Sie versucht sie auszublenden. Im Grunde ist ihre Botschaft: „Es gibt keine Politik“, womit sie unter derzeitigen Bedingungen (fehlende Institutionen) auch vollkommen richtig liegt. Leider kippt ihr diese schlichte Feststellung all zu leicht in ein „Es kann keine Politik geben“. Das heißt: Wirklich wirksame, nicht-illusionäre Auswege aus der menschlichen Ohnmachts-Position werden von ihr wirksam verstellt. Die Psychologie für Asoziale ist antipolitisch, ähnlich wie ihre Vorform: der Platonismus, der seit 2400 Jahren ganz ähnliches versucht.

Die Psychologie für Asoziale: Wiedergänger des Platonismus

Auch die platonische Philosophie wollte dem Einzelnen als Einzelnen ein Mittel zur selbstständigen Linderung seines Leidens an die Hand geben, nachdem das politische Projekt „Athen“ vom Ansturm der Perser und Makedonier vernichtet worden war. Von Gesellschaftsformen also, die die von den Griechen erfundene „Politik“ nicht kannten. Die Philosophie sollte den Menschen von ungünstigen politischen Rahmenbedingungen zunächst unabhängig machen und „veredeln“. Und in diesem „veredelten Zustand“ sollte dann der einzelne heroische Mensch wiederum positiv auf die menschlichen Gesellschaften einwirken. Von außen sollte das Gute in die Politik kommen, mit Philosophenkönigen als „re-entry“. Soweit der platonische Plan.

Erst in der Modernen Gesellschaft wurde die ursprüngliche, vor-platonische Bedeutung von Politik wiederentdeckt, mit einem gehaltvollen Begriff von „Bürgertum“ und der Forderung nach aktiver Mitbestimmung aller Mitglieder eines Gemeinwesens. Nach allgemeinem politischen Austausch und wechselseitiger Beratung. Nach der Gleichwertigkeit und Gleichwürdigkeit aller Menschen. Nach gleichem Gewicht in der Politik. Nach gleichem Einfluss aller Bürger auf Gesetzgebung und staatliche Maßnahmen. Das alles kulminiert im Begriff der „Demokratie“.

Allerdings näherte man sich dem wiederentdeckten Begriff des Politischen zunächst in übervorsichtigen, inkonsequenten Vorformen, die zu einer unvollständigen Demokratisierung dieser Gesellschaften führten. Daran dürfte die durchgehende Wirkung, die der Platonismus auf die Gesellschaft entfaltet hatte, nicht ganz unschuldig sein. Das platonische „Die Meisten sind dumm“ führt nun einmal direkt zum Misstrauen in die für Politik zentrale Instanz: Zum Misstrauen in den Bürger und zum fehlenden Vertrauen in die transformativen Wirkungen der wechselseitigen Beratung der Bürger als Bürger. Wir tun uns mit einer durchgehenden Demokratisierung unserer Gesellschaft einfach schwer, solange wir die Angst weiter bejahen, die uns der Platonismus vor der menschlichen „Unvernunft“ eingebläut hat. Mit einem Vernunftbegriff, der aus heutiger Sicht „psychologisch stark unterinformiert“ ist, der aber zugleich noch tief in unseren Institutionen, unserer Sprache und unserem Denken verankert ist.

Platoniker wie die Psychologen-Gurus für Asoziale wollen dabei erkennbar unser Bestes. Sie wollen überflüssiges menschliches Leiden lindern. An dieser Absicht ist nichts auszusetzen. Allerdings ist es doch recht auffällig, wie hartnäckig ignoriert wird, dass die gewählten Mittel nicht zu den versprochenen Effekten führen. Außer den Strohfeuern kurzzeitiger Linderungen, die jeder auslösen kann, der irgendwie Hoffnung verspricht, haben diese Interventionen nichts anzubieten.

Denn die Psychologie für Asoziale versucht genauso wie „die philosophische Lösung“ Platons alle menschlichen, wechselseitigen Abhängigkeiten auszublenden: Die Bedürfnisnatur des Menschen, die entscheidende Rolle, die emotionale Resonanz für uns spielt, unsere soziale Verletzlichkeit, unser soziales Glück, im Grunde: Unsere Menschlichkeit. Platonismus wie moderne Guru-Psychologie sind Mittel für die Über- und Unmenschlichkeit, und daher denkbar unbeständig. Sie salbadern an uns vorbei, weil sie uns als Menschen nicht nehmen wie wir sind, sondern so wie wir unter unmenschlichen Bedingungen sein müssten, um mit unmenschlichen Bedingungen dauerhaft klar zu kommen. Menschen, die die Psychologie für Asoziale für bare Münze nehmen, scheitern zuverlässig an ihrer eigenen Menschlichkeit.

Das für uns Menschen fundamentale Faktum, dass der Mensch als Einzelner, dass der unpolitische Mensch in einer durch und durch verzweifelten Position ist, weil er nicht auf das Einfluss nehmen kann, was Einfluss auf ihn hat, wird so penetrant ignoriert, dass es zum Lachen ist. Die Psychologie für Asoziale scheitert an dieser Ausblendung. Aber im verzweifelten Zustand sind wir Menschen eben nur bedingt lernfähig. Ohne Hoffnung kann ein leidender Mensch nicht leben. Und eine völlig illusionäre Hoffnung ist immer noch besser als gar keine Hoffnung. – Die Psycho-Gurus gehören also dazu. Sie werden uns solange begleiten, bis wir wieder eine wirklich politische Gesellschaft geschaffen haben, in der der Bedarf  an Sterndeutern, Handleseweiblein, Glaskugelschauern, Budenzauberern und „Du-kannst-es-Dir-selbst-besorgen“-Illusionisten von ganz allein gegen Null geht. Denn wenn wir über politische Verfahren Einfluss aufeinander haben, können wir die spröde Selbstbefriedigungs-Psychologie loslassen. Wirklicher Einfluss macht den Anschein von Einfluss überflüssig.

Die Psychologie für Asoziale ist ein Ausdruck des vor-politischen Zustands unserer Gesellschaft, in der wir uns in eine Welt gesetzt finden, die zwar auf tausend Weisen in unsere Lebensvollzüge, in das, was wir wollen und tun können, eingreift, wir aber keinerlei wirksame Rückmeldung auf diese Systemeffekte geben können. Oder zumindest keine, die diese Systemeffekte verändern und beeinflussen.

Die Psychologie für Asoziale ist – wie so vieles – selbst die Ursache der Krankheit als deren Heilung sie sich verkauft. Sie folgt dem Muster des „Mehr vom Selben“.

Moderne Psychologie ist politisch, denn sie fokussiert Systemzusammenhänge, anstatt sie auszublenden

Die Psychologie selbst ist dabei längst über diese Asozialen-Ideologie hinaus gegangen. Mit Protagonisten wie Carl Rogers, Thomas Gordon, Frank Farrelly, Helm Stierlin, Gunther Schmidt, der ganzen Palo-Alto-Gruppe, u.v.a.m. ist sie längst „sozial“ geworden, oder wie wir eben neuerdings sagen: „systemisch“. Die Wechselwirkungen zwischen Menschen werden in dieser Psychologie nicht ausgeblendet, sondern anerkannt, fokussiert und aktiv genutzt. Es handelt sich also, wenn man so will, um eine „politische Psychologie“.

Dass die Beziehungsqualität entscheidende Bedeutung für die psychische Verfassung des Einzelnen hat und der Einzelne nicht allein über die Qualität seiner Beziehungen entscheiden kann ist für die moderne Psychologie genauso trivial und selbstverständlich, wie diese Einsicht für unsere bisherigen „offiziellen Diskurse“ fremd ist, die vom exakten Gegenteil ausgehen. Nimmt man die Einsichten der modernen Psychologie wahr, ist ein Fokus auf Politik: Bewusste Gestaltung unserer Institutionen, mit der wir die Beziehungsqualität zwischen uns bewusst steigern können, ein guter und gangbarer Weg, um das persönliche Wohlergehen des Einzelnen zu garantieren. Die moderne Psychologie ist deswegen eine politische Psychologie, weil sie zeigt, dass Politik aus der psychologischen Verfassung der biologischen Gattung homo sapiens heraus eine Notwendigkeit für uns alle ist. Wir haben nicht die Wahl, ob wir politische Wesen sind oder nicht. Die Ausblendung unserer politischen Natur, der Vorgang, den ich hier „Psychologie für Asoziale“ nenne, hat für uns Folgen, unter denen wir alle mit absoluter Zuverlässigkeit leiden und die wir im Privaten gar nicht auflösen oder beseitigen können; sondern nur durch eine Wiederentdeckung des Politischen.

Mein persönlicher Lebensweg ist sehr von dem – wie ich heute denke – nur vermeintlichen Gegensatz von Psychologie und Politik bestimmt. Wenn ich ihn grob nachzeichne, könnte man seinen bisherigen Verlauf so darstellen:

Politische Probleme –> Psychische Probleme –> Agonales, kämpfendes politisches Engagement –> Psychotherapie für Asoziale –> Politische Psychotherapie –> Psychologisch aufgeklärtes Engagement für demokratische Institutionen, für eine Re-Politisierung der Gesellschaft

Getragen ist dieser Weg von der Suche nach Lösungen, die unsere Probleme bei ihren Wurzeln packen und nicht nur ihre Symptome zu lindern versuchen, so ehrenwert das im Moment der „Ersten Hilfe“ auch sein mag. Erste Hilfe wird zum Problem, wenn es nur bei Erster Hilfe bleibt und eine Gesellschaft nur die Notversorgungen der Ersten Hilfe kennt und nichts sonst.

Aus meiner Perspektive ist die Psychologie für Asoziale eine mit ebenso viel Verzweiflung wie Vorsatz ergriffene Weigerung sich weiterzuentwickeln. Diese Weigerung ist psychologisch auch sehr gut nachvollziehbar, denn es führt uns durch eine Durchgangsstation erhöhten Ohnmachtserlebens, wenn wir die politischen Wurzeln unserer psychischen Probleme anerkennen. Da ja die politischen Mittel zu fehlen scheinen, ist der Wegfall der Illusion der reinen Individualität des eigenen Leidens (und damit der individuellen Lösbarkeit) mit völliger Verzweiflung verbunden.

Die Psychologie für Asoziale kann also durchaus „menschenfreundlich“ interpretiert werden: Sie legt einen schützenden Mantel um diese Verzweiflung. Dass sie mit diesem Zaubermantel eine Illusion verkauft, mindert ihre primäre Wirkung nicht, Selbstwirksamkeitshoffnungen auszulösen, die die unmittelbare Verzweiflung des Einzelnen lindern. Das ist für jeden, der sich gerade ohnmächtig fühlt, überaus verlockend. Erste psychologische Hilfe um den Preis der Verhinderung einer Weiterentwicklung des Bewusstseins hin zur Einsicht in die Notwendigkeit einer Reform unserer politischen Institutionen.

Viele glauben, dass psychische Probleme in unserer Gesellschaft relativ selten sind. Dass nur sie selbst und einige wenige andere unter ihnen leiden. Viele andere glauben zwar auch, dass nur wenige Menschen in unserer Gesellschaft solche Probleme haben, aber dass sie selber eben zu der großen Mehrheit gehörten, die keine psychischen Probleme hätten. – Wenn sie dann in einer „persönlichen Krise“ entdecken, dass dem nicht so ist, sind sie ein dankbares und williges Opfer der Psychologie für Asoziale. Diese „persönliche Krise“ steht natürlich in keinerlei gesellschaftlichen Zusammenhängen, sondern findet auf einer einsamen Insel statt, versteht sich.

In Wirklichkeit handelt es sich um Probleme, die so allgemein verbreitet sind, dass ihre individuelle Zuschreibung, ihre Privatisierung ein schlechter Witz ist, der davon nicht besser wird, dass er wieder und wieder und wieder erzählt wird. Das allgemeine psychische Leiden von uns heute lebenden Menschen ruft nach dem, was man „Selbsttherapie der Gesellschaft“ nennen könnte. Oder eben: Nach der Schaffung einer politisierten Gesellschaft, nach geeigneten demokratischen Institutionen, die die individuelle Einflussnahme auf kollektive Prozesse verallgemeinern, normalisieren und so für uns alle zuverlässig erwartbar machen. Bürger, in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes „Bürger“, haben recht wenig Bedarf an einer Psychologie für Asoziale, haben kaum Verlangen nach psychologischer Selbstbefriedigung.

Die Wahrheit, dass die meisten menschlichen Psychoprobleme faktisch außerhalb von psychiatrischen Kliniken und Psychotherapie-Praxen gelöst werden (Noni Höfner), ist demokratisch ausbaufähig.

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