Der Begriff des „Bürgers“ wird in der Modernen Gesellschaft bisher vor allem mit drei Dingen in Verbindung gebracht:

Demgegenüber steht ein deutlich anderer „Bürger“-Begriff in der ersten Demokratie der Weltgeschichte: Der Begriff des „Polites“, der ebenfalls mit „Bürger“ übersetzt wird, obwohl er mit keiner der drei Bedeutungen identisch ist.

Verkürzend gesprochen sind nur aktive Politiker in diesem Verständnis „Bürger“. Es reicht nicht die reine Möglichkeit aus, sich am politischen Geschehen zu beteiligen. Es geht bei diesem Begriff von Bürgertum darum, ob diese aktive politische Beteiligung auch wirklich geschieht, oder ob die Politik faktisch von einigen wenigen Menschen bestimmt wird.

Typisch für diesen Begriff von Bürgertum ist, dass es in ihm „Politische Pflichten“ im engeren Sinne gibt. Also nicht nur Pflichten wie die Entrichtung von Steuern und nicht nur Pflichten wie die Befolgung der von dieser Gemeinschaft beschlossenen Gesetze – Pflichten, die beide auch Nicht-Bürger einschließen.

Sondern es gibt in diesem Verständnis von Bürgertum für alle Bürger politische Beteiligungspflichten: Politik wird als eine gemeinschaftlich zu erbringende Arbeit gesehen, der man sich als Bürger nicht einfach entziehen, und die man nicht einfach einigen wenigen auflasten oder an sie abdelegieren kann.

Das Problem der Modernen Gesellschaft ist, dass sie diese Pflicht zur aktiven politischen Beteiligung der Bürger an ihrem Gemeinwesen bisher nur unter illiberalen Vorzeichen kennt: Also von faschistischen und kommunistischen Staatsbildungsversuchen, in denen der einzelne Bürger den Raum des Politischen nicht als Freier und Gleichwertiger betritt, nicht als er selbst, sondern bereits „vorgeformt“ durch fremdbestimmende Erwartungen an ihn, wie er zu sein habe. Entgegen unserer Bezeichnung beider politischen Auffassungen als „totalitär“ müssten wir eigentlich sachlich richtiger sagen, dass Faschismus und Kommunismus gerade nicht totalitär waren, sondern ausschließend: Private Unterschiede wurden und werden in illiberalen Staatsauffassungen stets zur Eingangsbedingung des Bürgers in den Raum des Politischen gemacht. Nicht jeder darf und muss Bürger sein, sondern nur „die Richtigen“ (wer oder was auch immer bestimmt, wer diese „richtigen Bürger“ sind).

Wir können sagen, dass es die liberale Gesellschaft bisher versäumt hat, ihren eigenen, demokratischen Begriff vom Bürger zu bilden. Also einen Begriff von Bürgertum, der einerseits voll-inklusiv ist und niemanden aufgrund privater Charakteristika von aktiver Politik ausschließt, der aber andererseits eben auch von allen seinen Bürger politische Aktivität und aktiven Beitrag zum gemeinsamen Beraten und Entscheiden verlangt.

Ich denke, dass ein Reframing unseres Begriffs von Bürgertum, Bürgerschaft, Bürgerstatus ein gewisses Potential hat, ein konstruktiver Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Demokratie in der Modernen Gesellschaft zu sein.

Paradoxerweise ist es die Pflicht zum politischen Beitrag und nicht nur das Recht dazu, das dafür sorgt, dass wir uns alle als Bürger erleben, dass wir uns miteinander und mit unserem Gemeinwesen verbunden fühlen. Es ist unser politischer Beitrag, der eingefordert wird, durch den wir uns alle miteinander willkommen fühlen.

Die Grundlage dieser Auffassung von Bürgerschaft ist ein tieferes Verständnis davon, was „Politik“ eigentlich ist, und wie wenig selbstverständlich sie ist: Dass nicht jede Staatsform „politisch“ ist, weil zur Politik im engeren Sinne das wechselseitige Zuhören gehört. Ein politisches Zuhören, das institutionell sichergestellt werden kann – oder eben nicht.

Die Grundlage dieser neuen, alten Auffassung von Bürgerschaft ist auch, dass wir mit dem Begriff des „Volks“ nicht mehr gar so viel anfangen können, weil wir über unsere politischen Institutionen gezielt die unmoduliert tönende „Masse des Volkes“ in die vielfältigen Stimmen der Bürger auflösen und diese Vielfalt für uns politisch gut hörbar machen und nutzen.

Entgegen dem, was undemokratische Ansätze in der Staatsbildung glauben, ist auch in der Vielfalt der Bürger und durch sie hindurch politische Handlungsfähigkeit erreichbar (man könnte sogar sagen: sie ist NUR so erreichbar). Entgegen dem, was man derzeit in unserer noch sehr unvollständig institutionalisierten Demokratie täglich erlebt, sind durch die Vielfalt der sich alle gleichermaßen aktiv beteiligenden Bürger hindurch klare politische Arbeitsaufträge möglich.

Politische Willensbildung in der Demokratie ist gerade nicht darauf angewiesen, dass sich die Bürger künstlich „homogenisieren“, also z.B. in der Masse von Parteien oder ähnlichem untergehen. Politische Willensbildung und damit Politik als ganzes kann auch so von uns organisiert werden, dass die Vielfalt, die wir selbst sind und als solche gemeinsam entscheidet. „Bürgerschaft“ hat daher nichts mit Vereinheitlichung zu tun, sondern mit einer gezielten Begegnung und Wiederbegegnung der Verschiedenen. Entscheidend ist dabei aber nicht die Verschiedenheit allein (wie der naive, solipsistische Liberalismus glaubt, der zu einer unvollständigen Demokratie geführt hat, mit unbefriedigenden politischen Institutionen). Sondern genauso entscheidend ist eben auch die reale Begegnung der Bürger selbst, in der wir uns regelmäßig mit unserer Verschiedenheit konfrontieren. Indem wir im unmittelbaren Dialog miteinander Wege finden, uns einander empathisch und wohlwollen zuzuwenden, indem wir die Bürgerschaft des anderen anerkennen und auch auf die Anerkennung unserer eigenen Bürgerschaft durch ihn bestehen, bekommt unser Bürgertum für uns realen, greifbaren Gehalt.

Bürgertum ist dann für uns nichts mehr, das auf einem Papier steht und aus abstrakten Gedanken besteht, sondern Bürgertum ist für uns dann eine alltägliche politische Praxis: Teilnahme an den Beratungen darüber, wie wir gemeinsam leben wollen, welche Institutionen und Gesetze wir geben, welche staatlichen Maßnahmen wir gemeinsam beschließen.

Bürgertum bedeutet für uns dann auch, dass wir die von uns zu leistende, ständig notwendige politische Arbeit auf uns nehmen und dass wir nicht weiter dem Irrtum folgen, wir könnten uns vor dieser Arbeit drücken, sie von uns wegschieben, sie auf andere übertragen, ohne dass dabei einer für Bürger unwürdige Fremdbestimmung („Herrschaft“) entstünde.

Was wir uns durch diese unsere politische Arbeit als Bürger verschaffen, ist nicht nur Freiheit von Herrschaft, sondern das sind auch in mehrfacher Hinsicht bessere Beziehungen zwischen uns.

Das institutionell ermöglichte Erleben, dass Bürgertum eine ganz und gar „eigenartige Beziehung“ zwischen uns herstellt, die wertvoll für uns ist, dürfte dazu führen, dass wir wahrscheinlich, wie im antiken Athen, sehr schnell kaum mehr angereizt oder gar dazu gezwungen werden müssen, unseren eigenen bürgerschaftlichen Beitrag zur Politik zu leisten.

Der Bürgerstatus begründet dann eine Beziehung ganz und gar eigenen Typs zwischen uns als Menschen. Bürgerschaft als allgemeine, aktive politische Partizipationspflicht verstanden, verändert nicht nur das politische Klima zwischen uns zum Besseren. Es verändert auch uns selbst. Und es beeinflusst auch unsere privaten Beziehungen positiv. Denn es entlastet unsere privaten Beziehungen von ständig verkapptem Krieg und Feindseligkeiten, die sich zwischen uns unvermeidlich einstellen, wenn Bürgertum nur auf dem Papier besteht, es aber zugleich nicht aktiv institutionalisiert ist.

Ich glaube daher, dass wir uns einen großen Gefallen tun, wenn wir den antiken, aktiven Begriff von Bürgertum aufgreifen und ihn an unsere heutigen Gegebenheiten anpassen, ohne seinen Kern aufzugeben: Unveräußerlichkeit der politischen Verantwortung jedes einzelnen Bürgers und wechselseitige Begegnung aller Bürger, die bürgerschaftliche Empathie kultiviert.

Ich bin überzeugt, dass wir es uns mit geeigneten demokratischen Institutionen ermöglichen können, auch unter modernen Bedingungen „Politik“ miteinander zu haben und unsere Bürgerschaft von einem Papiertiger zu einer gelebten Realität für uns alle zu machen.

 

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