Uwe Lübbermann, der Moderator und Nicht-Geschäftsführer des Unternehmens „Premium Cola“ hat neulich auf Twitter einen ganz wunderbaren Tweet verfasst, den ich hier einmal aus Aufhänger für mich benutze, ein paar Fragen nach unserer Weichheit nachzugehen:

Ja, was wenn wir gar nicht hart werden wollen? Und wenn dieser Versuch, „nicht hart zu werden“ sehr viel sinnvoller ist als wir uns das oft klarmachen? Und wenn er als Vorsatz vielleicht auch gar nicht ganz so leicht umzusetzen ist?

Warum werden wir hart? – Im Grunde handelt es sich eine reine „Abwehr-Reaktion“: Wir wollen nicht verletzt werden. Vielleicht haben wir auch Angst vor unseren eigenen gewaltvollen Gegenreaktionen, die wir gerade dann an den Tag legen, wenn wir vorher „nicht hart genug geworden sind.“ Also: Hart-Werden als prophylaktisches Ich-lasse-Dich-mich-nicht-auf-unangenehme-Weise-Berühren-damit-ich-nicht-hinterher-Dich-auf-unangenehme-Weise-berührte.

Klingt ja eigentlich nicht ganz unschlau, um nicht zu sagen: klingt ganz vernünftig so. Wir werden hart, um uns zu schützen und andere vor uns zu beschützen. Wir werden hart, weil es sehr wirksam schlechte Berührungen zwischen uns unwahrscheinlich macht. Wenn wir knorrig wie ein alter Baum, knallhart wie gehärtetes Adamantium und unbeugsam wie ein „Man of Steel“ werden, ist es in der Tat sehr unwahrscheinlich, dass irgendeine zwischenmenschliche Begegnung uns noch auf eine unangenehme Weise nahe geht. Wir können dann ganz relaxt bleiben. Super cool.

Ein klitzekleiner Kollateralschaden tritt dabei leider auch auf: Das Kind wird ein wenig mit dem Bade ausgeschüttet. Denn auf diese Weise, durch das Hart-Werden, verhindern wir nicht nur sehr wirksam schlechte Berührungen zwischen uns. Wir verhindern auf diese Weise Berührungen überhaupt. Und das hat leider ein paar recht dumme Folgeeffekte.

Wollen wir diese negativen Wirkungen des Hart-Werdens nicht, wollen wir in dieser spitzen, kantigen und scharfen Welt aber auch nicht ständig verletzt-werden und verletzen, dann werden wir uns wohl nach anderen Wegen und Mitteln umsehen, um dem Verletzt-Werden auszuweichen. Wir werden dann realisieren, dass Hart-Werden eben ein Mittel zum Zweck ist. Und dass es zum gleichen Zweck auch ganz andere Mittel gibt, die uns berührbar bleiben lassen.

Weich-Bleiben hat daher zur Voraussetzungen, dass wir für uns Wege finden, mit unserer Verletzbarkeit anders umzugehen. Denn unsere Verletzbarkeit ist ein menschliches Faktum. Wir sind ziemlich weiche Wesen. Nicht nur körperlich (Insekten können davon ein Lied singen), sondern noch viel mehr in seelischer Hinsicht. Unsere ganz besondere Verletzbarkeit ist das, was uns alle menschlich macht. Wir sind verwundbare Wesen, auch wenn wir in 9 von 10 schmerzhaften Momenten diese unsere vermaledeite Leicht-Verwundbarkeit gern für immer loswerden würden. – Dementsprechend ist die Auswahl an seelischen Kettenhemden und dreifach gehärteten Ritterrüstungen schier unendlich. Daran mangelt es ganz bestimmt nicht. Den Arsenalen der Unverwundbarkeit wird sicher nie das Material oder der Erfindungsreichtum ausgehen.

Weich-Bleiben scheint daher viel mit Voraussicht, Umsicht und Besonnenheit zu tun zu haben. Mit rechtzeitigem Ausweichen. Und mit der Gabe der Stimme, die uns sinnvolle Koordination und angenehmere Formen der zwischenmenschlichen Berührung ermöglicht.

Aber vielleicht ist das ja doch alles gar nicht das Problem? Vielleicht geht es auch einfach darum, dass wir uns blöd vorkommen, wenn wir weich bleiben, „wo doch Härte gefordert ist“. – „Weichei“ ist ja nicht ganz von ungefähr ein gern gebrauchtes Schimpfwort. Und selbst Frauen scheinen in unserer harten Welt mittlerweile die Vorzüge des überdeutlich sichtbaren Hart-Werdens für sich entdeckt zu haben.

Wenn es also rein um Status geht, um die Frage „Wer von uns beiden ist mehr wert?“, die untrennbar mit der Frage nach der größeren Härte verkoppelt ist, dann, ja dann hätten wir einen globalen Härte-Wettbewerb zwischen uns am Start, in dem dann „der Weich-Bleibende der Dumme ist“.

Für die Möglichkeit weich zu bleiben, bräuchte es in diesem Fall dann wohl auch eher institutionelle Lösungen. Lösungen, die die Frage nach dem Status aus dem Spiel nehmen.

„Nur mit Härte kommt man nach oben“ wäre dann das universelle Gesetz aristokratisch organisierter, hierarchischer Gesellschaften. Gesellschaften, in denen man auf seine weiche-allzuweiche Menschlichkeit scheißen muss (und dann auch auf die der anderen), um eine Position zu ergattern, in der man dann ganz „safe“ ist. Die einen schützt. Die eigene Position als Panzer, die man allerdings nur sehr gut gepanzert ergattern und erhalten kann. Wieder-weich-werden verboten! Bei Gefahr des tödlichen Status-Verlusts!

Die Souveränität der Weichheit wäre in einer solchen Gesellschaft völlig unbekannt. Weichheit würde mit „Gewichtlosigkeit“ assoziiert. Mit einem „Du zählst hier nicht“. Kein Wunder dann, wenn in einer solchen Gesellschaft alle Menschen sich darin überbieten wollen, „harte Männer zu sein“.

Weichheit, die Gewicht hat, Weichheit die Kraft hat, Weichheit, die Wirkung hat: Alles unbekannte, irreale, fantastische Größen in einer Welt, in der man nicht nur glaubt, dass „nur die Harten in den Garten kommen“, sondern in der man auch das ach so verletzliche Leben vor diesem Übergang ins ewige Paradies nicht sonderlich wertschätzt. Unvorstellbar auch, wenn nicht einfach unerheblich, dass weich-bleibende, unverhärtete Menschen möglicherweise deutlich mehr Spaß, Freude und Verbundenheit in ihrem Leben haben. Dass sie mehr Sinn empfinden, so ganz ungeschützt vor dem Leben, das sie nicht durch die trennenden Glaswände von Laboratorien betrachten.

Die situativen Verhärtungen der Angst und der Wut, die wir als Menschen alle kennen, lassen sich eben leicht auf Dauer schalten und zur Grundlage ganzer Lebensphilosophien und Gesellschaftsformationen machen.

Soweit meine windelwachsweichen Gedanken zum Thema „Weich bleiben“.