Politil war einmal gedacht als Raum für nicht-strategische Kommunikation zwischen den Bürgern.

Das klingt für uns heute nur deswegen so befremdlich, weil wir selbst bislang keine politischen Räume geschaffen haben, sondern etwas anderes, dass wir irrtümlich „Politik“ nennen. Wir haben einen ziemlich merkwürdigen Politikbegriff institutionalisiert.

Strategische Kommunikation besteht darin, dass ich mein menschliches Gegenüber zu einem ganz bestimmten Verhalten bewegen will – Und dass ich nun nach den geeigneten kommunikativen Mitteln suche, um beim anderen genau dieses Verhalten auszulösen.

Der Gegensatz zu strategischer Kommunikation, man könnte es „empathische Kommunikation“ nennen, besteht darin, dass ich keine solchen von vornherein feststehenden Verhaltens-Ziele in der Kommunikation verfolge.

Auch in der nicht-strategischen, empathischen Kommunikation will ich natürlich etwas. Aber was ich mit empathischer Kommunikation erreiche ist etwas vollkommen anderes: Ich will, dass wechselseitiges Verstehen entsteht, dass ich Dich, Deine Lage und Deine Motive besser verstehe, und dass Du mich, meine Lage und meine Motive besser verstehst. – Und dass wir dann von dort aus, aus diesem tieferen Verständnis heraus bessere Handlungs-Lösungen finden, als sie aus einer strategischen Kommunikation heraus jemals möglich gewesen wären. Empathische Kommunikation ist vorrangig prozessorientiert. Gerade über ihre Ergebenisoffenheit, durch ihre gezielt Auflösung unserer Ergebnisfixierung erzielt sie bessere Ergebnisse als die strategische Kommunikation. Dabei geht es der empathischen Kommunikation durchaus um die Qualität dieser Ergebnisse („bessere Ziele, bessere Maßnahmen“), aber sie erreicht diese höhere Qualität, in dem sie den sozialen, zwischenmenschlichen Prozess deutlich mehr beachtet und systematisch würdigt. Über die höhere Qualität der Kommunikation kommt sie zu neuartigen Lösungen, löst Frontstellungen auf und erleichtert Veränderungen, die den Beteiligten ansonsten bedrohlich erscheinen könnten.

Wir könnten daher auch sagen: Empathische Kommunikation ist innovativ, was die Handlungsziele angeht, strategische Kommunikation ist höchstens innovativ, was die Handlungsmittel angeht. Um die spezielle Form von Innovativität zu gewährleisten, die im Politischen möglich ist, ist Politik aber eben auf ehrliche Selbstoffenbarung auf allen Seiten angewiesen. Und die ist unter strategischen Bedingungen (wenn alle Seiten einen verkappten Krieg gegeneinander führen) schlicht nicht zu erwarten.

Politik als Raum für nicht-strategische Kommunikation ist daher nur dann möglich, wenn wir sie quer zu Parteien, Fraktionen und Lagern organisieren und verhindern, dass das Prinzip der Lagerbildung in den Raum des Politischen eindringt und sich in ihm fortsetzt. Denn in diesem Fall ist, wie wir es derzeit ständig erleben, uns auch im Raum des Politischen nur noch strategische Kommunikation möglich.

Und das ist offen gesagt eine ziemliche Verschwendung. Wenn auch im Raum des Politischen strategisch und nicht empathisch kommuniziert wird, braucht es den Raum des Politischen eigentlich gar nicht. Das, was strategische Kommunikation leistet, ist im Raum des Privaten sehr viel besser aufgehoben.

Was die Gewöhnung an strategische Kommunikation uns mit der Zeit übersehen lässt: Auch mit empathischer Selbstoffenbarung bewegen wir den Anderen durchaus. Nur eben auf völlig andere Weise als wenn wir strategische Kommunikation benutzen.

Es wäre daher falsch zu behaupten, empathische Kommunikation sei nicht manipulativ. Denn das würde bedeuten, dass sie einfach wirkungslos und sinnlos wäre. Dass der Raum des Politischen ursprünglich als Raum für empathische Kommunikation gedacht ist, schließt vielmehr die Wahrnehmung mitein, dass es auch „gute Manipulation“ gibt.

Von einem Zustand aus, der nur strategische Kommunikation kennt, ist das freilich schwer nachzuvollziehen. Denn in diesem Zustand (heimlicher Krieg aller gegen alle) geht es die ganze Zeit über einzig darum, der Manipulierende und nicht der Manipulierte zu sein. Und entsprechend verhalten sich dann alle. Offene Selbstoffenbarung, die dem anderen empathisches Andocken und sinnvolle Resonanz überhaupt erst ermöglicht, kann man in so einem Zustand lange suchen. Und die seltenen Fälle empathischer Kommunikation werden daher dann über den grünen Klee gelobt – so wie Verdurstende in der Wüste das Wasser loben -, aber diese hehren Beispiele werden dennoch erwartbar nicht nachgeahmt. Viel zu riskant!

Wer ist schon so blöd, mitten in einer tobenden Schlacht das Visier hochzuklappen und den anderen erkennen zu lassen, wie es ihm geht? Sorgsames Verbergen der eigenen Motive ist die Grundtugend jedes guten Kriegers! Wenn der „Feind“ nicht erkennt, wie es einem geht und was man vorhat, ist das der größte strategische Vorteil, der sich nur denken lässt!  …Der Empathie, den Möglichkeiten des Friedens, der sinnvollen Verhaltensabstimmung und der gemeinsamen Ermöglichung sozialer Innovationen ist dieses strategische Sich-Bedeckt-Halten nur halt leider sehr wenig förderlich.

Im Erzeugen technischer Innovationen waren Kriegsführung und strategische Kommunikation dagegen schon immer ganz ordentlich unterwegs..

Heute, in einem Zeitalter, in dem Krieg im Grunde völlig sinnfrei geworden ist, wäre es eigentlich an der Zeit wieder zu entdecken, dass Politik einmal in völligem Gegensatz zu Kriegsführung und strategischer Kommunikation gestanden hat. Und dass Politik ursprünglich genau zu diesem Zweck erfunden wurde: Ein gänzlich anderes Verhältnis zwischen den Bürgern zu etablieren und kontinuierlich zu pflegen.

Wer will, dass alle Bürger ihre Rüstungen und Waffen zu Hause lassen, wenn sie den Raum des Politischen betreten, muss daher dafür sorgen, dass der Raum des Politischen ein „sicherer Ort“ ist. Ein Ort, an dem ich erwartbar und zuverlässig nicht verletzt werde, wenn ich mich zeige und von meinen wahren Bedürfnissen spreche. Und an dem sich der andere genauso offen und verletzlich zeigt, wie ich das tue.

Es geht in der Politik vorrangig um eine emotionale Stabilität zwischen uns. Um erwartbare Empathie. Solange wir das nicht begreifen und institutionelle Konsequenzen aus unseren eigenen Friedens-Bedürfnissen ziehen, wird auch die Politik nur ein weiterer Ort für Kämpfe, Schlachten und Kriege zwischen uns sein. Viel sozialer Fortschritt ist so nicht zu erwarten. Höchstens Fortschritte in der Waffenentwicklung. Die dann immer ganz schnell auch von „der Gegenseite“ aufgegriffen werden. Denn einen Krieg möchte jeder von uns nur höchst ungern verlieren.

Politik, die begreift, was in „der Politik“ möglich ist, setzt bei der universellen menschlichen Verwundbarkeit und Berührbarkeit an. Sie sorgt dafür, dass wir nicht hart werden müssen, um nicht spürbare und schmerzhafte Reaktionen aneinander zu erleiden. Sie sorgt dafür, dass wir miteinander weich und berührbar bleiben können. Sie sorgt dafür, dass wir unser Miteinander überhaupt einmal anders erleben als einen immer weiter fortgesetzten Krieg.

Wird der Raum des Politischen von uns so verstanden: Als eine strukturelle Intervention in unsere eigenen, unverlierbaren kriegerischen Neigungen, die zugleich unsere friedlichen und empathiefähigen Anlagen als Menschen bewusst nutzt und bewusst triggert, dann wird Erstaunliches zwischen uns möglich:

Wir erleben dann Umgangsformen aneinander, die wir uns eben noch gar nicht vorstellen konnten. Eine Kooperativität, die uns heute unwahrscheinlich erscheinen muss. Wir erleben unsere Mitbürger dann völlig anders als wir sie uns aus unserer Privatheit und Getrenntheit heraus vorstellen. Vor allem aber erleben wir uns selbst dann völlig anders. Im Spiegel unserer Mitbürger lernen wir auch uns selbst völlig neu kennen. Möglicherweise liegt darin sogar unsere größte Angst: Weil wir befürchten, dass wir uns in der bewussten Demaskierung als eine Art Monster entpuppen. Es darf jedoch als sicher gelten, dass wir im Spiegel unserer Mitbürger etwas ganz und gar anderes finden.

Es gibt viel für uns zu entdecken, im Raum der Politik.

 

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