„Nein, Herr Lipwig, du hast nur dein eigenes Todesurteil unterschrieben“, gab Vetinari zurück. Seine Stimme war plötzlich so kalt und tödlich wie ein fallender Eiszapfen. „Du hast unterschrieben, dass du am Galgen sterben wirst, weil du Verbrechen gegen die Stadt begangen hast, gegen das Gemeinwohl, gegen das Vertrauen zwischen Mitmenschen. Und du wurdest ins Leben zurückgeholt, weil die Stadt dich brauchte. Hier geht es um die Stadt, Herr Lipwig. Es geht immer nur um die Stadt. Dir ist natürlich bekannt, dass ich Pläne habe?“ (Terry Pratchett, „Schöne Scheine“)

Ja, es geht Vetinari um die Stadt. Und das, obwohl er der Tyrann von Ankh-Morpork ist. Und man versteht plötzlich, warum es einmal die Vorstellung gegeben hat, dass es eine Politik ohne Demokratie geben könne: Die ewige Fantasie „des guten Königs“ oder des „guten Diktators“ nährt diese Vorstellung von der Trennbarkeit von Politik und Demokratie.

Wir Heutige haben eher das Umgekehrte: Eine Demokratie (wenn man das so nennen will) ohne Politik. Gemeinwohlorientierung kennen wir nicht. Nicht die Gemeinwohlorientierung eines einzelnen „guten Herrschers“, und auch nicht eine Bezogenheit aller Bürger auf das Gemeinwohl, das ja eigentlich ihr eigenes Wohlergehen ist.

Freilich ist das im Grunde Unsinn: Eine Demokratie ohne Politik kann es genausowenig geben wie eine Politik ohne Demokratie, die von einem selbstlosen Individuum abhängen würde, das alle Bürger in ihrer Verschiedenheit versteht und den Bürgern in ihrer Verschiedenheit vollkommen gerecht wird. Ein übermenschliches Individuum, das all die Vermittlungsarbeit leistet, die geleistet werden muss, damit Bürgerkriege nicht die Regel sind. Ein solches Individuum gibt es nicht und kann es unter modernen Bedingungen auch gar nicht geben. – Außer natürlich in einem fantastischen Roman, dort ist so ein fantastisches Individuum möglich. Und ziemlich lustig.

Dennoch haben wir das Kunststück fertiggebracht, von „Demokratie“ zu sprechen, während wir die Politik soweit wie nur möglich von uns ferngehalten haben.

Dem Satz „Es geht um die Stadt. Es geht immer nur um die Stadt“ kann man daher heutzutage durchaus länger nachhören. Denn er könnte ein Angebot an uns sein. Ein Bezugspunkt. Und ein Grund für eine neue Art von Gemeinschaft, wie wir sie heute nicht mehr kennen.

„Neu“ und „nicht mehr“? Wie soll das zusammengehen?

Ich gehe davon aus, dass es eine heimliche, derzeit nur selten merkliche Sehnsucht nach einer Form von Zugehörigkeit in uns gibt, die unser privates Streben und unsere privaten Beziehungen übersteigt. Doch wir können den Bezugspunkt für diese Art von Zugehörigkeit nicht finden.

Und das nicht ohne Grund (wir sind ja alle nicht dumm): Denn alle Angebote, die man uns gibt oder die wir uns selbst erfinden könnten, sind Auslöschungen unserer Individualität und Verschiedenheit. Egal ob „Nation“, ob „Religion“, ob „Klasse“, ob „Beruf“, ob „Geschlecht“, ob „Wohnort“ oder „Familienstand“: Wir sind in diesen Formen von „Allgemeinheit“ nicht in unserer Besonderheit anerkannt. Immer nur in einem Aspekt, aber niemals in der Fülle unserer Besonderheiten, die wir eben manchmal „unsere Individualität“ nennen. Würden wir irgendeines dieser Konzepte politisch überhöhen und zum allgemeinen Prinzip erklären, aus dem in Zukunft unser Wohlergehen hervorzugehen hat, müssten wir uns sozusagen Teile aus uns herausschneiden, sie verleugnen oder für unerheblich erklären.

Alle Kandidaten für eine allgemeine Form, für „die Stadt“, die uns bisher einfallen, begründen daher immer nur unsere Unterordnung, Fremdbestimmung und Beherrscht-Werden.

Und weil wir eben nichts Allgemeines, keine Begründung von Gemeinwohl kennen, die nicht reine Unterdrückung wäre, meiden wir die Errichtung einer solchen Instanz überhaupt. Wir nennen es „den liberalen Staat“, aber das hat gerade nicht verhindert, dass wir ständig Fremdbesimmtheit durch diesen „unseren“ Staat erleben.

Man muss es in diesen Tagen immer dazu sagen: Das ist eine strukturelle Analyse, keine Verschwörungstheorie. Die Fremdbestimmtheit, mit der wir leben und die wir alle gemeinsam erzeugen, ist kein „Masterplan“ irgendeiner „herrschenden Klasse“, auch wenn das „von unten“ manchmal so aussehen kann. Wir leben vielmehr in einer Gesellschaft, in der alle, ohne Ausnahme, unfrei sind. Und der Grund dafür ist eben der: Es fehlt uns bislang eine Instanz, die allgemeine Freiheit überhaupt begründen und gewährleisten könnte.

Dort wo die Polis sein sollte, ist also eine Leerstelle in unserer Gesellschaft. Wir haben gute Gründe, diese Stelle leer zu halten und sie lieber mit Nichts zu füllen als mit irgendeiner Sache. Doch das rettet uns nicht. Vielmehr drängt immer wieder alles Mögliche hinein und „bewirbt“ sich darum, dieses Loch in der Gesellschaft zu füllen. Wir haben alle Hände voll damit zu tun, es zurückzudrängen und herauszuhalten. Wir sind in einem permanenten Abwehrkampf gegen alle Arten von „Tyrannis“ gefangen. Und immer ist die Gefahr gegeben, dass wir diesen Kampf gegen uns selbst auch mal wieder verlieren.

Mittlerweile, da das nun schon sehr lange so geht, haben wir uns an diesen ständigen Abwehrkampf gewöhnt. Wir halten ihn für „normal“ oder unabänderlich. Wir haben nicht nur die Hoffnung, sondern auch überhaupt die Vorstellung davon aufgegeben, dass es unter modernen Bedingungen eine Polis geben könnte.

Doch es scheint so zu sein, dass der Politikverzicht, für den wir uns damit entscheiden, keine dauerhafte Wahl für uns ist. Das Politische lässt sich nicht ausklammern oder wegerklären. Es lässt sich noch nicht einmal weginstitutionalisieren.

„Die Stadt“, so können wir sagen, ist ein unverlierbarer Teil von uns. Dieser Teil mag im Außen derzeit keine Entsprechung finden, keine verfassungsmäßigen Institutionen. Doch die Leerstelle verschwindet nicht, sie bleibt uns auch trotz all unserer Abwendung von ihr erhalten.

Freundlich gesprochen wartet die Stadt einfach auf uns. Bis wir soweit sind, uns wieder auf sie zu beziehen, sie uns zu eigen zu machen und zu verstehen, dass wir selbst die Stadt sind.

Die Möglichkeit der Stadt verschwindet nicht, wenn wir sie nicht zwischen uns errichten. Sie verschwindet auch nicht, wenn wir uns von ihr abwenden oder sie für unrealisierbar erklären. Sie verschwindet auch nicht davon, dass wir sie nicht kennen oder nicht verstehen, was überhaupt mit „Stadt“ gemeint sein könnte.

Die Stadt ist „ewig“ in dem Sinne, dass sie solange exisitiert, solange „Menschen“ existieren: Selbstreflexive Wesen, die sich empathisch miteinander verbinden und dadurch gemeinsam handeln können.

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