Es ist entweder unglaublich schwer ein Hegelianer zu sein oder all zu leicht. Die allzu leichte Variante lautet: Alles ist gut, wird sich rückblickend als gut erwiesen haben. Vernunft in der Geschichte lässt sich immer finden. Diese Kalenderspruchweisheit hat mit der Arbeit der Philosophie, wie sie Hegel sich vorgestellt hat, wahrscheinlich nicht gar so viel zu tun. Ohne diese Arbeit ist vielleicht die Geschichte von Vernunft durchdrungen, aber nicht die Philosophie als Tätigkeit, sich dieses Vernunft nachdenkend und aussprechend anzueignen. „Objektive Wahrheit ohne instant Zugänglichkeit für das Subjekt“ könnte man das nennen.

Hegel hat das Prinzip, dass und wie die Philosophie die Vernunft in der Geschichte findet, bei Aristoteles mindestens vorgebildet gefunden, wie Joachim Ritter sehr deutlich gezeigt hat.

„Vernunft in der Geschichte“ ist daher eine Zumutung. Denn sie mutet der Philosophie zu, sich erarbeiten zu müssen, was in der Geschichte wesentlich ist und was unwesentlich. Diese „wesentliche Geschichte“ allein ist gemeint, wenn zumindest bei Hegel von „Weltgeschichte“ die Rede ist.

Die Geschichtswissenschaft hat sich von solcher Anmaßung von Urteilskraft über Wesentliches und Unwesentliches schon lange gelöst. Ich selber habe ihr vor nun ca. 20 Jahren direkt dabei zuschauen dürfen, also: wie sich die Arbeit von Historikern vollzieht und welchen Sinn für Details jenseits von „wichtiger und weniger wichtig“ sie entwickelt hat. Alles, worüber man mit Blick auf das, was wir manchmal „Fakten“ nennen, Geschichten erzählen kann, eignet sich als Gegenstand der Geschichtswissenschaften. Und dass es die Geschichten selbst sind (die „Frames“, wie heute manchmal gesagt wird), die uns Fakten überhaupt finden oder wichtig finden lässt, macht die ganze Geschichte zu einer überaus interessanten Angelegenheit.

Der Mensch als ein Wesen mit begrenzter Zeit und – noch wichtiger – begrenzter Aufmerksamkeit steht unter dem Gesetz, dass alles, dem er sich zuwendet, für ihn „wesentlich“ wird. Allein die Zuwendung selbst ist eine performative Wertung eines Gegenstands als „wesentlich“ – und eine Abwertung aller anderen Gegenstände, die diese Zuwendung nicht erfahren als zumindest „unwesentlicher“. Wertungsfreiheit ist uns als Menschen leider nicht gegeben. Wir müssen über das, dem sich unsere Aufmerksamkeit zuwendet, ständig Entscheidungen treffen. Und dieser Entscheidungszwang kann nicht suspendiert werden. Außer vielleicht durch extreme Not.

Auch die Philosophie kann mit der Vernunft in der Geschichte nicht mehr viel anfangen. Scheint sie sich doch durch den Massenmord, die Massenfolter und die tiefe Unmenschlichkeit im 20. Jahrhundert selbst als völlig amoralisch zu diskreditieren, wenn sie in all dem immer noch die Vernunft sucht – und, schlimmer noch!, vielleicht sogar findet. Alle Vernunft in der Geschichte erscheint uns wie eine Rechtfertigung unserer vergangenen Verbrechen und dann eben auch: unserer zukünftigen Verbrechen. Nach dem Prinzip: Der Zweck („die Vernunft in der Geschichte“) heiligt die Mittel (vollkommene Entmenschlichung von Opfern und Tätern dieser Geschichte).

Die großen Linien werden freilich immer noch gesucht und auch gefunden. Sie nennen sich nur nicht mehr „die Vernunft in der Geschichte“, sondern erscheinen pragmatisch geläutert.

Vor diesem Hintergrund erscheint es als durchaus problematische Forderung, wieder „große Geschichten zu erzählen“ oder gar „positive Visionen für unsere Gesellschaft“ zu entwickeln.

Denn diese Geschichten können nicht ohne Bezugnahme auf unsere Vergangenheit erzählt werden, bewerten diese und bewerten auch Details in dieser Vergangenheit als „wichtiger“ oder „unwichtiger“.

Jede emphatische Vision unserer Zukunft, so könnte man meinen, enthält zumindest implizit ihre kleine Philosophie der Weltgeschichte. Ob sie die ganze Geschichte, mit allem, was es da zu erwähnen gegeben hätte, nun „durchdrungen“ hat oder nicht. Denn wie wir spätestens seit Nietzsche wissen, kann auch das Vergessen als Tugend angesehen werden, die Menschen eine Zukunft überhaupt ermöglicht. Oder nüchterner: Die Frage ist nicht, ob vergessen wird oder nicht, sondern was vergessen wird und was nicht. Und was das jeweils für Folgen für uns hat. Konstruktion der Zukunft und Konstruktion der Vergangenheit gehen Hand in Hand. Und immer sind sie gespeist von den erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen der Gegenwart, die ihr Recht fordert „und die Geschichte umschreibt“. – Scheinbar arbeitet sogar unser eigenes, individuelles Gehirn auf diese Weise.

Jeder Geschichte unserer Welt, jede Geschichte der Menschheit, der Politik, usw. erfindet sich daher eine Zukunft mit, die ihrer Logik folgt. Ob Verfallsgeschichte, dramatische Wendung, ewiger Kampf, dialektische Steigerung, etc. Die dramatischen Mittel und möglichen Strukturprinzipien eines solchen Geschichtenerzählens sind begrenzt und aufzählbar. Das „Material“ des Geschichtenerzählens ist unüberschaubar und unbegrenzt, aber die grundsätzlichen Arten, wie man Geschichten erzählen kann, sind endlich und überschaubar. Es gibt nicht gar so viele Erzähllogiken. Und das heißt für uns: Auch wenn wir „Weltgeschichten“ erzählen, müssen wir uns bei ihrer Struktur für eine aus wenigen Möglichkeiten entscheiden.

Diese unsere Erzählungen und die ihnen zugrunde liegende Eigenlogik bestimmen unsere „weitere Geschichte“ sicher nicht in der Form einer kausalistischen Determination. Aber sie bestimmt unsere Zukunft sicher mit, indem sie in spezifischer Weise unsere begrenzte Aufmerksamkeit fokussieren, unsere Energien bündeln und bestimmtes menschliches Verhalten wahrscheinlicher und anderes unwahrscheinlicher machen.

Man könnte also auch sagen: Vorsicht vor Geschichte! Vorsicht vor den Geschichten, die wir uns erzählen! – Denn eine „Vernunft“ findet sich in jeder einzelnen von ihr. Es fragt sich jeweils nur welche. Und was sie aus uns macht. Was wir mithilfe dieser Geschichte aus uns machen.

Ich z.B. wünschte mir, da ich einen recht speziellen Begriff von „Vernunft“ habe, ich wäre besser darin, Geschichten zu erzählen, in denen die Gefühle und Bedürfnisse von Menschen vorkommen und für uns greifbar werden. Doch ich vermute, dass die Filmemacher, Podcaster, Youtuber und Romanciers dieser Welt in dieser Hinsicht einen uneinholbaren Vorsprung haben. Ob das allerdings „gute Geschichten“ sind, also Geschichten, mit denen wir uns selbst zu einer Zukunft verhelfen, die wir auch haben wollen, weiß ich nicht. Manchmal zweifle ich als Geschichtensüchtiger doch sehr daran. Doch es gibt auch andere Geschichten, von denen ich finde, dass sie oft erzählt werden und möglichst viel Aufmerksamkeit bekommen sollten.

Eine handelt vom Klimawandel.

Und eine handelt ausschließlich von uns.

Es scheinen mir Geschichten zu sein, die Vernunft in die Geschichte bringen, indem sie vernünftigerweise unsere Bedürfnisnatur als Menschen würdigen: Nicht nur unser unersättliches Bedürfnis nach Geschichten. Sondern unser Bedürfnis nach Geschichten, in denen sowohl unsere menschlich-allzumenschlichen Bedürfnisse vorkommen als auch unsere Fähigkeiten, diesen unseren Bedürfnissen handelnd gerecht zu werden. Es sind Geschichten, die uns bewusst nicht zu „Helden“ machen, die aber durchaus einen Platz für uns in ihnen als Akteure vorsehen. Akteure, die im Zuge der Handlung vielleicht kein „happy end“ erleiden, aber doch hinterher etwas besser dastehen als vorher. Realistische „Erfolgsgeschichten“ oder „Entwicklungsgeschichten“ sozusagen. Von Heldengeschichten möchte zumindest ich in aller Entschiedenheit abraten, vor allem wenn es um die Weltgeschichte geht.

Solche heldenfreie Geschichten der Menschengemeinschaft sind weitaus anspruchsvoller als es sich vielleicht anhört.

Aber es hat ja auch nie jemand behauptet, dass „Vernunft in der Geschichte“ keine Arbeit sei.

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