Zukunftserwartungen sollen ja angeblich sehr wichtig sein für uns Menschen. Also am besten ist wahrscheinlich man hat keine. Weil es einem so gut geht, dass man kaum an die Zukunft denkt.

Zu denken geben könnte einem auch die Pandora’s-Box-Interpretation von Friedrich Nietzsche (der einer der glücklichsten Menschen der Weltgeschichte gewesen ist, lassen Sie sich von ihm da nichts anderes einreden): Dass die Hoffnung, die allergrößte der Plagen in der Büchse war.

Andererseits kann der Mensch wohl ohne Hoffnung kaum leben. Und wussten Sie, dass man CDU-Wähler und AfD-Wähler am genauesten anhand ihres „Pessimismus“ und „Optimismus“ unterscheiden kann, was Deutschlands Zukunft angeht? Also ich wusste das bis vor kurzem nicht.

Generell ist bekannt, dass Menschen, wenn man ihnen Angst macht, besonders stark dazu tendieren, reaktionär zu denken. Und wenn man ihnen Hoffnung macht, offen für Neues und progressive Ideen zu sein. Mittlerweile ist dieses Wissen allerdings schon so alt und verbreitet, dass es beinahe peinlich ist, das nicht zu wissen.

Wie man das mit dem immer wieder bestätigten Befund in Einklang bringen lässt, dass reaktionärer gepolte Menschen die glücklicheren sind, überlasse ich mal großzügig den vielen Psychologen, die so gerne dazu forschen.

Und dieses Buch hier, das in meinem Bücherschrank vor sich hingammelt, behauptet um die Verwirrung komplett zu machen, dass notorische Pessimisten sich selbst doppelt bestrafen: Einmal, weil sie sich selbst das Leben mit penetranten Katastrophen-Erwartungen versauern. Und zum zweiten Mal, wenn dann mal eine Katastrophe eintritt: Dann sind die notorischen Optimisten nämlich deutlich handlungsfähiger, bewältigen die Krise schneller und tragen weniger Schäden davon. Fies, ich weiß.

Dass der Pessimist am Ende immer Recht hat („Was steht auf dem Grabstein des eingefleischten Pessimisten? – ‚Ich hab’s Euch doch gesagt!'“) hilft ihm also gutes-Leben-technisch nicht so wirklich.

Aber vielleicht geht es für den geborenen-gewordenen Katastrophiker ja gar nicht um das gute Leben? – Wir werden es nie erfahren, denn gerade begabte Schwarzseher sind in diesem Punkt nicht sonderlich auskunftsfreudig. (Und Nietzsche müssen wir hier eben leider ausklammern. Sein „Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer tut das“ tut in diesem Zusammenhang nicht so wahnsinnig viel zur Sache.)

Nunja, ähem, dann doch vielleicht lieber mal persönlich: Ich bin ja auch einer von diesen leidenschaftlichen Apokalyptikern und schon beinahe berühmt-berüchtigt für meinen ausgemachten Kassandra-Komplex: Ich glaube, Übel schon lange vorher sehen zu können, wenn andere noch glauben, dass alles gut sei und nichts getan werden müsste. Besonders bezogen auf Sozialdynamiken darf ich man mich gern als „hypersensibel“ beschimpfen. Wenn in einer Beziehung, einer Familie, einer Firma, einer Mannschaft, einem Land (?) etwas ungut ist, kann man sich sicher sein, dass ich das so ungefähr 10.000 Meilen gegen den Wind riechen, hören, fühlen, schmecken kann. Und ja, natürlich will das keiner hören. Wie denn auch? Ist ja alles gut gerade.

Wohlergehen und gut eingeübter Optimismus sind eine Ressource. Man sollte sie also möglicherweise eher nähren als in Grund und Boden pessimistisieren. Dass Dumme an der ganzen Kassandrarei ist, dass die Zukunftserwartungen selbst keinen ganz unerheblichen Teil dessen ausmachen, was sich in Zukunft realisieren kann oder eben nicht. Sicher kennen positive und negative „selbsterfüllende Prophezeihungen“ Grenzen (So viel, wie heutzutage prophezeiht wird, bräuchten wir Myriaden von parallelen Realitäten, wenn es anders wäre). Aber es ist leider auch nicht so, dass sie gar keine Rolle spielen würden. Und Negativ-Szenarien haben leider gerade nicht das Potential, die Veränderungen auszulösen, die wir uns von ihnen versprechen. Das ist relativ gut dokumentiert für so ziemlich alle Kontexte, in denen „Change“ irgendeine Relevanz für uns hat. Der Ruf „Feuer! – Schnell alle Wasser holen!“ funktioniert halt wirklich nur in so einfachen Kontexten, in denen der Handlungsbedarf akut und unmittelbar ist. Sobald der Handlungsbedarf etwas langfristiger angelegt ist, die Handlungen komplexer werden und sozialen Abstimmungsbedarf erfordern, versagt das einfach Aktivierungsmuster der „Burning Platform“ regelmäßig.

Will man notwendigen sozialen Wandel unterstützen, müsste man also ständig die Zustände schön reden. Nach dem Muster: „Alles ist gut. Und gemeinsam könne wir das sogar NOCH etwas besser machen!“

Haben Menschen aber chronische Schmerzen, die sozial nur unzureichend gespiegelt werden, funktioniert diese strategische Schönrednerei nur bedingt. Man kennt das aus Unternehmen: die härtesten Zyniker sind die, die sich zu viele schöne Vorstandssonntagsreden reingezogen oder die sie am Anfang ihrer Zeit in der Firma etwas zu ernst genommen haben.

Fassen wir zusammen: Schwieriger, konfliktreicher sozialer Wandel braucht begründete Hoffnung. Offen für Hoffnung sind nur Menschen, denen es unmittelbar gut geht. Und es geht uns Menschen nur dann gut, wenn unsere Gefühle – gut oder schlecht – hinreichend viel und hinreichend angemessene soziale Spiegelung durch andere Menschen erfahren. Sagt zumindest die längste und umfangreichste Studie zum menschlichen Glück, die bislang jemals durchgeführt wurde.

Was ich damit sagen will: Sei zugewandt und offen für die Gefühle Deines lieben Mitbürgers – Und Du erschaffst eine bessere Zukunft.

So einfach und so schwierig ist das.

Denn wenn die Katastrophe da ist (und sie kommt zuverlässig immer irgendwann), brauchen wir Menschen Offenheit dafür, dass uns jemand Mut machen kann. Wir brauchen die emotionalen Ressourcen, die nötig sind, um sich auf eine positive Zukunftserwartung angesichts des Abgrunds einlassen zu können. Unsere guten Beziehungen von heute sind unsere möglichen Hoffnungen von morgen.

Was sich Progressive von Konservativen (nicht: von Reaktionären) über dies auch noch abschauen können, ist sicher die Gelassenheit angesichts einer bombenfest stehenden positiven Zukunftserwartung. Die ist auch ohne klassischen Gottesglauben samt Jenseitsgewissheit möglich. Aber das nur am Rande.

Und wer sich trotz handfester psychologischer Vernunftsgründe nicht zu religiösen Heilserwartung durchringen kann und dennoch gleich hier und heute anfangen will, in die eigene Gelassenheit zu investieren, findet in diesem schönen Büchlein eine erste Hilfe.

 

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