Politik als Konflikt / Politik als Kooperation

Bei allem, was mich an der politischen Philosophie des Thomas Hobbes stört, bin ich wohl auch heute noch mindestens zu einem Drittel „Teilzeit-Hobbesianer“. Das liegt schlicht und einfach daran, dass Hobbes zwei für alle produktive Politik entscheidende Einsichten in aller Deutlichkeit wahrgenommen und erstmals mit vielen Details dargelegt hat:

1) Unproduktive Konflikte

Bestimmte Formen von Konflikt, Konflikte die nicht von Beziehungen getragen sind, sind unproduktiv für die Politik. Sind wir Menschen mit solchen Konfliktsituationen konfrontiert, beginnen wir systematisch in den Konflikt zu investieren. „Wir rüsten uns“. Diese Energie, die wir unter solchen Bedingungen in den Konflikt stecken (müssen), fehlt dann produktiveren, kooperativeren gesellschaftlichen Prozessen. Solche Konflikte bringen nichts voran, sie vernichten nur Energie, Leben und Lebensqualität. In solchen Konflikten wird nichts besser, aber vieles Gute kann dann nicht mehr zum Tragen kommen.

Hinzu kommt der Mechanismus, dass der, der für den Konflikt gerüstet hat, diesen Konflikt dann auch austragen will. Ist ein bestimmtes Konfliktniveau einmal etabliert, beginnt es, sich selbst zu nähren. Individuell meist gerechtfertigt dadurch, „dass man ja angegriffen worden sei und sich ja nur verteidige“. All das findet sich bei Thomas Hobbes bereits im Detail analysiert. Hobbes beschreibt auch schon die meisten Konsequenzen beschrieben, die ein solchen Konfliktniveau für uns als Menschen hat. „Unbeteiligte“ gibt es in solchen Konflikten nicht, höchstens als Illusion oder als Träumerei, die dem unguten Zustand entfliehen und so ein wenig Linderung verschaffen will. Konflikt wird zu einem Strudel, der alles in sich hineinreisst. Der Kriegszustand wird allgemein, zu einer Normalität, auf die sich alle einstellen und an die wir uns alle anpassen.

Folgt man Hobbes, wird man Politik in einer liberalen Gesellschaft, die sich durch  nicht stark belastbare, lose Beziehungen auszeichnet, bewusst auf nicht konflikthafte Weise organisieren. Zumindest nicht so, dass einander feindselig gegenüberstehende Parteien in der Bürgerschaft entstehen. Konflikte ohne Beziehungen, die sie tragen und halten, sind immer ungut für menschliche Kooperation und damit auch immer unproduktiv für eine Gesellschaft.

Alles wird dann zum potentiellen strategischen Schachzug in einem ewigen Kampf, der alle anderen gesellschaftlichen Vorgänge überlagert. Jeder von uns muss dann annehmen, dass das was der andere tut, nur aus dem Grund geschieht, sich uns gegenüber besser zu stellen. Ganz so wie es in einem Krieg ist. Nur dass wir hier dann eben von einem „Krieg aller gegen alle“ sprechen. Gute Beziehungen, die immer von nicht-naiven Wohlwollens-Unterstellungen leben, sind in einer solchen Gesellschaft die heroische Ausnahme. Wohlwollen und gute Beziehungen sind einfach nicht erwartbar. Und was nicht erwartbar ist, hat es immer schwer im Entstehen. Die Gesellschaft dichtet sich sozusagen selbst ab gegen die Möglichkeit guter Beziehungen. Schlechte Beziehungen werden systemisch. Die Unterstellung von Wohlwollen wird dann tatsächlich sehr real und spürbar zu einer Naivität, die man sich besser so schnell wie möglich abgewöhnt.

Statt Cortisol-senkenden Beziehungsformen haben wir dann Beziehungen, die die Cortisol-Ausschüttung bei uns allen ankurbeln. Und das als Dauerzustand. Dazu, dass vor allem die Qualität unserer alltäglichen Beziehungen unseren Cortisol-Grundlevel regelt, findet sich bemerkenswerterweise auch in schlauen Ratgeber-Artikeln nichts. Nach Hobbes, mit Hobbes und gegen Hobbes hat sich eine Psychologie für Asoziale ausgebreitet und flächendeckend in unserer Gesellschaft durchgesetzt.

Es stresst uns als Menschen, in so einer Gesellschaft zu leben. Es bringt unsere schlechtesten Seiten systematisch zu Vorschein und kultiviert sie geradezu.

2) Gestaltbarkeit der politischen Institutionen

Hobbes geht dabei über die reine Problemanalyse hinaus und bietet eine systematische Antwort an, die beansprucht, unproduktive Politik in produktive Politik umwandeln zu können, zermürbenden Dauerkonflikt in eine gemeinsame Arbeit an Lösungen, die für alle Beteiligten funktionieren oder zumindest von allen mitgetragen werden können, ohne dass sich darüber ständig neuer, mörderischer Konflikt entfacht:

Es sind unsere Institutionen, mit denen wir uns selbst auf Konflikt oder auf Kooperation polen. Es sind unsere Institutionen, mit denen es wir uns ermöglichen, einander unsere besten oder unsere schlechtesten Seiten zu zeigen. – Und dann eben auch fest damit rechnen zu können, wie uns andere Menschen begegnen werden, so dass wir uns darauf selbst einstellen können. Vermittelt über unsere Institutionen pegeln wir also das ethische Niveau in unserer Gesellschaft. Und nicht über moralische Appelle an uns als Einzelne, außer wir wollen solche Appelle selbst als Institution verstehen, die dann jeweils drastische Folgen für uns haben, wenn wir ihnen nicht nachkommen.

Moralisiererei ist immer eine halbe Bedrohung mit Verachtung, Ausschluss von Kooperation, wenn nicht mit Tod: „Und bist Du nicht willig (so wie ich das will), so bist Du der Kooperation unwürdig und gehörst Du fortan nicht mehr dazu!“ Moral ist die Vorstufe einer Kriegserklärung, mit der wir den anderen rechtzeitig auf Linie zu bringen versuchen, so dass wir uns die Gewalt selbst sparen können. Aus diese Grund kommt Moral so schlecht an bei uns, wenn sie nicht von einer Beziehung getragen wird, die unverbrüchlich ist. Produktiv ist Moralkommunikation nur dort, wo der verlässliche Nicht-Ausschluss von Beziehungen überdeutlichst mitkommuniziert wird.

Hobbes glaubte in seiner Zeit die fehlende Wirksamkeit von Moral und Individualethik zu beobachten: Sie verhinderten die Bürgerkriege nicht, die seine Zeit erschütterten. Er nahm auch an, dass es sich um ein universelles, überzeitliches Phänomen handele, die mit unserer Natur als Menschen verknüpft sei. Sein Grundeinwand gegen die aristotelische Tugendethik oder (vorwegnehmend) die kantische Pflichtenethik ist konsequentialistischer Natur: Sie funktioniert nicht. Die Individualethik ist wirkungslos gerade dann, wenn es am meisten auf sie ankommt. Und darüber verzweifeln wir wieder und wieder. Wir zweifeln dann am Menschen, an der Welt, an der Gesellschaft, an Gott (wenn wir vorher einen hatten). Angesichts des Ausmaßes an Gewalt, Bosheit und fehlender Empathie, zu denen wir alle fähig sind, scheint uns dann alle Hoffnung verloren. Dieser Verzweiflung entzog sich Hobbes, indem er keine individualethischen, sondern institutionenethische Konsequenzen aus den beobachtbaren, regelmäßigen Bürgerkriegen zog, mit denen wir uns immer wieder wechselseitig heimsuchen.

Mit geigneten Institutionen gewinnen wir Menschen unsere Handlungsfähigkeit zurück. Wir ermöglichen es uns, auf einander auf andere Weise Einfluss zu nehmen als durch wechselseitige Bedrohung, Strafe und Belohnung. Nach Hobbes haben wir daher als Menschen vorwiegend nicht die Verantwortung für unser Verhalten als Einzelne, sondern wir haben vorwiegend Verantwortung dafür, welche Institutionen wir haben, mit welchen Verhalten wir unser Verhalten kollektiv formen. Qua Institutionen polen wir uns entweder auf Konflikt oder auf Kooperation. Die Individualethik macht Sinn nur auf der Grundlage einer funktionierenden Institutionenethik, die ihren Job macht. Ohne Institutionenethik brauchen wir keine Ethik mehr. Dann brauchen wir möglichst durchschlagskräftige Waffen und möglichst dick gepanzerte Bunker.

Politische Institutionen arbeiten entweder an der Kultivierung unserer kriegerischen Neigungen und Tugenden, oder sie arbeiten an der Kultivierung unserer Kooperationsfähigkeit und Möglichkeiten, Einsicht in die Lebensvollzüge unserer Mitbürger zu gewinnen und darüber neue politische Lösungen zu entdecken. Viele dieser innovativen politischen Lösungen sind für uns überraschend, ungeahnt und unerwartet. Sie leben von einer einerseits unbegründeten, andererseits sich stets erfüllenden Hoffnung: Dass im Konflikt selbst bereits die neuartige Lösung liegt, wenn wir institutionell die Möglichkeit geschaffen haben, uns einander in nicht-feindseliger Weise zuzuwenden.

Hobbes ist also einer der ersten systematischen Institutionenethiker der Menschheitsgeschichte. Und dieser Verdienst bleibt ihm aus meiner Sicht, gleich was man sonst alles an ihm auszusetzen hat.

 

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Der Mensch und das Spiel der Bedürfnisse (Skizze)

Einer der interessantesten Aspekte an der (Nicht-)Mechanik der menschlichen Bedürfnisse besteht darin, dass eigene Bedürfnisse genauso wie Bedürfnisse anderer Menschen „von außen“ in unser Bewusstsein eindringen.

Wir erleben das, wenn wir z.B. „plötzlich merken“, dass wir hungrig, müde, gelangweilt, angeekelt, genervt, erfreut, etc. sind.

Menschliche Bedürfnisse, bzw. ihre Wahrnehmung über Gefühle sind für unser Bewusstsein zunächst „Störungen“.

Störungen, die die Aufmerksamkeit und die Arbeitsweise unseres Bewusstseins verändern sollen. Und zwar so, dass sie unsere Handlung neu und anders ausrichten – Bis eben das entsprechende Bedürfnis befriedigt ist.

Diese vergleichsweise „mechanische“ Betrachtungsweise der internen Abläufe in uns als Menschen wird dadurch gebrochen, dass durchaus auch der umgekehrte Vorgang möglich ist – Und im Grunde ständig passiert:

Wir sind zu beliebigen Assoziationen zwischen Handlungsstrategien und „Bedürfnisaktivierungen“ fähig. In der Regel vermittelt durch andere Menschen, mit denen wir Positives verbinden (die wir bewundern, von denen wir uns gemocht oder geliebt fühlen). In diesem Sinne gilt: „Jeder andere Mensch ist für uns ein potentielles Tor zu (für uns) neuen Welten“.

Diese willkürlichen (im Sinne von: „Könnten auch völlig anders sein“) Verbindungen zwischen Handlungsstrategien und Bedürfnissen können gesellschaftlich stabilisiert sein, d.h.: Viele Menschen teilen sie (in der Regel via Sprachen) miteinander und bestätigen sich wechselseitig darin, dass es sich um keine willkürlichen Verbindungen handele, sondern um notwendige. Es sind dann in unserem subjektiven Empfinden „natürliche Verbindungen“.

In diesem Sinne hat man oft von der Kultur als „zweite Natur“ für uns Menschen gesprochen.

Das ändert aber nichts daran, dass Kultur selbst willkürlich durch uns veränderbar ist. Vor allem dann, wenn die willkürlich stabilisierte Assoziation von bestimmten Handlungsstrategien und bestimmten Bedürfnissen (= Kultur) dysfunktional für uns geworden ist.

Das ist genau dann der Fall, wenn für uns wichtige und nicht ewig aufschiebbare Bedürfnisse durch bestimmte, kulturell stabilisierte Handlungsstrategien dauerhaft unbefriedigt bleiben.

Man könnte auch sagen: Unser eigentliches Wesen als Menschen, das sind unsere Bedürfnisse. Sie bilden den Kern alles unseren Denkens und Handelns. Widersprechen Denken und Handeln dauerhaft dem unabwendbaren Imperativ der Bedürfnisbefriedigung (richten sich also Denken und Handeln gegen das Leben selbst), dann entstehen daraus Kräfte, die auch genormte, kulturell stabilisierte Handlungsstrategien in Frage stellen können, die uns bis vor kurzem als „natürlich“ oder „notwendig“ oder „unabänderlich“ erschienen sind.

Bedürfnisse sind die unhintergehbare Größe im menschlichen Leben. Wir können (als erwachsene Menschen) sie eine Zeitlang aufschieben, wir können sie verdrängen, wir können mit ihnen spielen und verschiedenste Strategien zu ihrer Befriedigung ausprobieren. – Aber wir können uns nicht völlig von ihnen entkoppeln.

Tun wir das, handeln wir also so, als seien wir „unbedürftige Wesen“ (i.e. die altgriechische, technische Definition eines „Gottes“), zahlen wir immer einen hohen Preis.

Unser Leben selbst ist etwas Unverfügbares für uns. Wir können es negieren. Aber nie lange und dauerhaft. Es legt uns nicht fest auf bestimmte Experimente, ihm gerecht zu werden. Aber es legt uns darauf fest, dass wir an bestimmten Experimenten, die ihm dauerhaft nicht gerecht werden, nicht dauerhaft festhalten können, sondern dann zu neuen Experimenten übergehen müssen.

Man könnte das in Anlehnung an Popper „Praktisches Falsifikationsprinzip des menschlichen Lebens“ nennen.

Menschliche Bedürfnisse bilden eine Art Orientierung oder Kompass für das menschliche Handeln. Allerdings nicht in einer einfachen „Ein Problem – Eine Lösung“-Verbindung, sondern in einer viel komplexeren Form. Diese komplexere Form lautet skizzenhaft in etwa: „Viele Probleme gleichzeitig – Viele verschiedene mögliche Lösungen zu jedem einzelnen Problem davon“.

Das ist das Nicht-Mechanische daran. Und das ist auch der Grund, warum unsere Bewusstsein ständig von unseren Bedürfnissen (und denen anderer Menschen) verwirrt ist. Unser Bewusstsein versucht feste Ordnung in eine Struktur zu bringen, die überhaupt keine feste Ordnung verlangt, sondern eher Achtsamkeit, Neugier und die Bereitschaft zu ständigen sinnvollen Experimenten, mit denen wir unsere eigenen Gewohnheiten durchbrechen. „Sinnvoll“ heißt hier: Mit ständiger Überprüfung, ob die Experimente auch unseren vielfältigen Bedürfnissen einigermaßen gerecht werden. – Das ist unserem Bewusstsein zu aufwändig und anstrengend. Denn das Bewusstsein ist auf Ökonomie angewiesen und daher auf Gewohnheiten, Denkschubladen, Fixierungen. Eine Gewohnheit bedeutet: „Ich hinterfrage diese Verbindung zwischen meinen Handlungsstrategien und menschlichen Bedürfnissen gerade nicht, sondern gehe einfach mal aus, dass das im Großen und Ganzen gerade schon so passt.“

Gewohnheiten sind auf der individuellen Ebene das, was auf der gesellschaftlichen Ebene „Kultur“ oder eben „Institutionen“ sind.

Und es gibt immer auch „schlechte Gewohnheiten“, die von ihrer Leistung, unsere Bedürfnisse auf die relative best mögliche Art zu befriedigen, hinterfragt werden können. Liegen menschliche Bedürfnisse all zu lange all zu sehr brach, dann werden sie meist auch hinterfragt. So gut wie immer, mit kleinen, tödlichen Ausnahmen.

Will man hinterfragungswürdige Institutionen reformieren, so kann man das nur von den dauerhaft unbefriedigt bleibenden Bedürfnissen derjenigen Menschen tun, die diesen Institutionen ausgesetzt sind und die diese Institutionen erschaffen haben und am Leben erhalten. – Kultur (= Abstellen auf Gewohnheiten, Nicht-Infragestellung von Institutionen) und Demokratie (= Systematisches, ständiges Infragestellen von Gewohnheiten und Institutionen) befinden sich dabei in einem dauerhaften Spannungsverhältnis zueinander.

Dabei geben die Bedürfnisse der Menschen zwar nicht die Richtung der Reform-Experimente vor, sie sind aber dennoch das bleibende Kriterium dafür, ob eine Reform „gelungen“ oder „misslungen“ ist. Denn der Anspruch jeder institutionellen Reform ist der, dass das „Gesamtbefriedigungsniveau“ menschlichen Zusammenlebens nach der Reform höher ist als vorher. – Und das lässt sich eben nur am Menschlichen messen. Genauer: Es lässt sich nur am Innenleben der Menschen jener Gesellschaft messen.

Daher sind menschliche Gefühle – als äußerbare Signale über aktuelle Grade menschlicher Bedürfnisbefriedigung – politisch relevante Größen, die in unserer Politik besser nicht ignoriert werden, sondern systematische Berücksichtigung finden können. Die Demokratie ist jene Staatsform, die den Anspruch hat, genau das zu tun: Ständig institutionelle Experimente zu wagen und mit kulturellen Gewohnheiten zu brechen.

Die Demokratie kann das, weil sie – anders als alle anderen Staatsformen – einen inneren Kompass hat, mit dem sie sich beständig aktiv verbindet: Die Gefühle der Bürger, die bewusst in den politischen Prozess eingebracht werden, als Auskünfte über aktuelle Befriedigungsgrade, die mit den jeweils gerade gegebenen gesellschaftlichen Institutionen erreicht werden.

Indem die Demokratie die Bürger, alle Bürger durch das demokratische Losverfahren aktiv in die Politik bringt und damit politische Maßnahmen an die Befriedigung, die sie ermöglichen, rückkoppelt, ermöglicht sie sehr viel offensivere und mutigere institutionelle Experimente als sie in anderen Staatsformen gewagt werden können, denen eine solche systematische Rückkopplung ans Menschlich-Allzumenschliche fehlt.

Wer gut innerlich verbunden ist, kann im Außen deutlich mehr ausprobieren. Weil er sich darauf verlassen kann, schnelle Rückmeldung zu bekommen, ob er sich gerade auf einen potentiell tödlichen Irrweg begeben hat oder ob er sich auf dem Weg in eine Region voller neuer, ungeahnter, lustvoller Möglichkeiten befindet.

Das gilt für ganze Gesellschaften ganz genauso wie für einzelne menschliche Individuen.

Warum wir keine Demokratie haben

1 Warum haben wir keine Demokratie?

2 Warum-Fragen führen zu nichts. Höchstens zum Immer-Gleichen. Zu dem, was schon ist.

3 So habe ich das nicht gemeint. Ich meinte: Inwiefern haben wir keine Demokratie?

4 Wir haben keine Demokratie, solange nicht alle Bürger gleich stark an der Politik, an der Gesetzgebung, an der Kontrolle über ihren Staat beteiligt sind.

5 Politische Gleichheit ist das Prinzip der Demokratie?

6 Ja.

7 Und warum nun haben wir diese politische Gleichheit zwischen den Bürgern nicht?

8 Die bessere Frage wäre: Wie bekommen wir mehr politische Gleichheit?

9 Was haben wir überhaupt davon, wenn wir Demokratie – pardon – wenn wir politische Gleichheit haben?

10 Frieden zwischen den Bürgern, Einheit, Austausch, Beruhigung. Vielleicht sogar freundschaftliche Verbundenheit. Und eine handlungsfähige Politik, in der sich keine Fraktionen und Lager gegenseitig blockieren. In der Parteien sich nicht gegenseitig so sehr fesseln und zermürben, dass gar nicht mehr politisch gehandelt werden kann.

11 Wirklich? Unmittelbare Mitbestimmung? Mit den gleichen Menschen, die soviel Unsinn tun und soviel Sinnvolles lassen? Mit den gleichen Menschen, die sich gegenseitig wahlweise Bosheit oder Dummheit unterstellen?

12 Mit den gleichen Menschen. Ja. Wenn wir sie politisch gleich stellen. Gleich auf die Höhe ihres eigenen Staates. Wenn politischer Einfluss völlig alltäglich, selbstverständlich und allgemein wird. Wenn wir das schaffen, dann, ja dann haben wir Demokratie.

Wilde Demokratie, chaotische Politik

So wie wir Demokratie bisher organisieren, sieht sie wie folgt aus:

Die Bürger werfen wild irgendwelche Themen in den Ring (- und das tun sie durchaus nicht alle im gleichen Ausmaß). Berufspolitiker greifen dann diejenigen dieser Themen auf und machen sich auf diejenige Weise zu öffentlichen Anwälten dieser Themen, die ihnen am wahrscheinlichsten eine Wahl ihrer Person oder ihrer Partei zu garantieren scheint. Der niemals endende Wahlkampf ist das bestimmende Moment in einer solchen politischen Unordnung.

Ein Zusammenhang zwischen dem, was uns als Bürger politisch jeweils gerade wirklich wichtig wäre und dem, was dann politisch beschlossen wird, besteht dabei nur der Behauptung nach. Faktisch gibt es keinerlei Zusammenhang. Und das ist auch niemandes Fehler oder „Versagen“. Sondern eine einfache Auswirkung dessen, dass auf diese Weise niemals ein Zusammenhang zwischen dem entstehen kann, was den Bürgern wichtig ist und was politisch entschieden und umgesetzt wird.

Politik auf diese Weise zu organisieren ist chaotisch, zufällig und anhaltend frustrierend. Tief frustrierend für alle Beteiligten. Diese Art der Organisation von Politik ist frustrierend für die Bürger genauso wie für die Berufspolitiker. Und sie ist frustrierend sogar für Interessengruppen, von denen man immer behauptet, zumindest sie würden von so einer Organisation von Politik profitieren.

Wäre es nicht viel klüger, wir würden zunächst einmal die Bürger selbst untereinander klären lassen:

a) Was ist ihnen überhaupt gerade politisch wichtig? Welche Themen gehören aus der Wahrnehmung des Souveräns auf die Agenda?

b) Was genau sie bei dem, was ihnen politisch gerade wichtig ist, überhaupt gemeinsam wollen? Was genau ist überhaupt gerade der Wille der Bürger bei Thema XYZ?

Auf diese Weise könnten gewählte Berufspolitiker einen geklärten und eindeutigen Auftrag der Bürgerschaft aufnehmen und politisch handwerklich umsetzen, anstatt wild spekulieren zu müssen und sich gar nicht so wirklich darum scheren zu können, was die Bürger überhaupt wollen.

Anhaltende politische Gestaltungslust würde ständigen politischen Blockade-Frust ersetzen. – Eine deutlich befriedigendere Demokratie wäre die Folge.

Der einzige Nachteil, den ich erkennen kann bei dieser besseren Art, Demokratie zu organisieren: Er würde uns als Bürgern allen gleichermaßen einen höheren politischen Zeitaufwand abverlangen: Dass wir – wenn das Los auf uns fällt – uns für einen kurzen, überschaubaren Zeitraum von unseren privaten Lebensvollzügen losmachen und gemeinsam den Raum des Politischen betreten. Um ihn gemeinsam zu gestalten.

Ich denke, eine gut organisierte Demokratie ist nur zu diesem Preis zu haben. Verschonen wir uns als Bürgerschaft weiterhin von Politik, überlassen wir sie ganz und gar gewählten Berufspolitikern, die heutzutage davon nur völlig überfordert sein können, wird immer nur jenes wilde Gemurkse herauskommen, das wir derzeit beobachten und seit langen Jahren erleiden. Auch an überflüssiges Leiden kann man sich gewöhnen. Bei uns als Einzelpersonen ist es so, dass wir uns dann oft erklären, dieses oder jenes Leiden sei einfach unvermeidlich.

Außenstehende Menschen sehen aber meist sehr klar: Wir behaupten hier nur deswegen, dass das Leiden unabänderlich ist, weil die Einsicht in die Änderbarkeit überaus schmerzhaft wäre. Viel schmerzhafter als das bereits lieb gewohnte Leid. Diese Einsicht ginge einher mit dem Realisieren, dass man schon die ganze Zeit über sein Leben mit völlig unnötigem Aufwand belastet und bedrückt hat. Dass das bisher tapfer erduldete Leiden schlichtweg sinnlos war. Menschen von Außen können einem helfen, diesen Schmerz auszuhalten und dadurch alte, ungute Gewohnheiten loszuwerden.

Kleines Problem: Bei Gesellschaften und politischen Ordnungen gibt es dieses Außen nicht.

 

Die sichere Apokalypse

– Gespräch über den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik

1 Eins ist sicher: Die Apokalypse.

2 Meine Hoffnung ist ja: Dass kein Mensch sie erleben wird, den ich kenne und liebe.

3 Das hoffst Du?

4 Ja.

5 Ist das nicht sehr egoistisch?

6 Egoistisch? Ja! Und ein sehr sozialer Egoismus dazu!

7 Ist Deine Hoffnung groß?

8 Nun: Ja!

9 Was hat sie groß gemacht?

10 Ich denke: Die Liebe.

11 Nicht die Angst? Nicht die Verdrängung?

12 Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob sich Angst und Liebe ausschließen. Die Dynamik der Liebe scheint es mit Ewigkeit aufnehmen zu können in jedem Fall. Jederzeit.

Wie wir zur Sprache kommen

1 Wie kommen wir zur Sprache?

2 Aus dem Bauch. Aus dem Kopf. Aus dem Gehörten.

3 Aus dem, was sich gehört?

4 Aus dem, was sich gehört hat.

5 Und der Bauch? Und der Kopf?

6 Was die dazu sagen?

7 Ja.

8 Der eine sagt so, der andere sagt so.

9 Und der Rest? Sagt der nichts? Hat der nichts gehört? Gehört der sich nicht?

10 Die Füße und die Hände sagen, sie hörten nie auf, sich selbst zu gehören. Der Rest ist Schweigen.

11 Sind das dann nicht alles nur unerhörte Selbstgespräche?

12 Nicht nur. Nicht „nur“.

Show muss sein

1 Show muss sein.

2 Aber die richtige.

3 Woher weiß man, welches die richtige ist?

4 Das kommt dann schon, wenn…

5 Wenn…?

6 Wenn man dem die Zeit lässt zu kommen.

7 Das ist die Aufgabe? Dem Zeit zu verschaffen?

8 Ja, das ist die Aufgabe.

9 Sonst nichts?

10 Sonst nichts.

11 Geht’s nicht auch ohne Show?

12 Es ist immer Show. Und es könnte noch etwas mehr richtige Show geben.

 

Menschliche Vielfalt

Die unglaubliche menschliche Vielfalt, die die heutige Weltgesellschaft hervorbringt, ermöglich und aufrecht erhält, ist für uns alle nicht wahrnehmbar.

Zumindest so lange nicht, bis wir ihr im freien und offenen Gespräch begegnen.

Da jeder von uns in seiner eigenen gesellschaftlichen Blase lebt, in der er den meisten anderen Menschen dieser unserer Gesellschaft gar nicht begegnet, bleiben diese anderen und damit die ganze menschliche Vielfalt für ihn unsichtbar.

Wir glauben manchmal, dass uns Medien dabei helfen können, uns einen Zugang zu dieser Vielfalt zu erschließen, aber ich darf sagen: Das tun sie nicht. Nicht aus „Versagen der Medien“, sondern einfach, weil Medien dieses Erlebbar-Machen menschlicher Vielfalt gar nicht leisten können.

Diese Eindrücke gewinne ich durch meinen Beruf, in dem ich dieses ständige Teilweise-Verlassen meiner sozialen Filterblase habe, in dem ich tiefgehendere Gespräche mit allen möglichen Menschen dieser unserer Gesllschaft haben darf.

Oder wissen Sie, welche Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle, Pläne und Sorgen jener kenianische Unternehmer hat, der nach einem Studium in Europa von hier aus versucht ein großes Landwirtschaftsunternehmen in Kenia zu gründen? Oder wie es sich anfühlt, mit ihm offen zu sprechen? Wie er sich anfühlt im unmittelbaren, direkten Gespräch?

Oder jene Frau, die aus einem Öko-Unternehmen kommt, das ein deutscher Ingenieur gegründet hat, der im Ausland lebt, mit der Entwicklung mit Waffenentwicklungen reich geworden ist, und der jenes Unternehmen zur Entwicklung umweltfreundlicher Technologie als reine moralische Gewissensberuhigung gegründet hat. Die Folge: Das Unternehmen schrieb mehr als 20 Jahre keine schwarze Zahlen, es ist eine reine bezahlte Partyzone, weil der Zweck des Unternehmens für den Eigner durch seine pure Existenz erfüllt ist. Es muss nicht erfolgreich werden. – Wenn Sie jene Frau kennenlernen, die dort gekündigt hat, lernen Sie auch ihre Verzweiflung darüber kennen, dass sie dort Erfolg haben und etwas erreichen wollte, wo das nicht erwünscht war.

Oder jene fantastische rumänische Buchhalterin, die in ihrem Heimatland bereits viel Verantwortung getragen hatte, die von ihren rumänischen Freundinnen hier täglich belabert wurde, doch wie sie bei McDonalds als Burgerverkäuferin zu arbeiten.

Oder jener ägyptische Lagerleiter, der sich in eine Deutsche verliebt hatte, die in Ägypten Urlaub machte, in seinen jungen 20ern nach Deutschland kam, eine Familie gründete, und auch heute noch, nach gescheiterter Ehe und in seinen 50ern übersprudelt von unternehmerischer Loyalität, Leistungsbereitschaft und Freundlichkeit.

Oder jener über 60-jährige Schaltstellenleiter, der über Jahrzehnte hinweg das S-Bahn-Netz einer deutschen Großstadt mitverantwortet hat, in 3-Tages-Schichten. Ein Mann, der nebenberuflich Zauberkünstler ist, und der einem viel erzählen kann aus beiden Welten: Dem Wahnsinn der Organisation des öffentlichen Nahverkehrs, als auch darüber, dass das Zaubern vor Kindern viel schwieriger ist als vor Erwachsenen.

Oder jener langjährige Flugplaner von Airberlin, der dort Geschäftsführer hat kommen und gehen sehen, der einem die Hintergründe der Airberlin-Pleite aus der jahrzehntelangen Innensicht erzählten kann.

Oder jene Promovendin der Biologie, die von ihrem Doktorvater über 5 Jahre in den Wahnsinn getrieben wurde. Nicht aus Böswilligkeit. Sondern weil jener Mann so desorganisiert und desinteressiert war, dass er ihr ständig neue Überarbeitungsvorgaben für ihre Dissertation gab, die er dann in der nächsten Woche wieder vergessen hatte. Eine Frau, die nun einen Job in der Wirtschaft sucht, sich aber erst einmal psychisch von dem erholen muss, was diese 5 Jahre mit und aus ihr gemacht haben.

Oder jener ehemalige Vorarbeiter, ein echter „Leistungsträger“ in seiner Firma, der sich nie für etwas zu schade war, der immer alles gegeben hat und der heute daherkommt wie ein von der Bild-Zeitung erdachtes Hartz-4-Klischee. Ein Mann, dem die Arbeitswelt einmal zu viel den einmal zu dreckigen Stinkefinger ins Gesicht gehalten hat und der nun der Welt den Stinkefinger zurück zeigt.

Oder jener junge Mann, der sein ganzes Leben professioneller Rennfahrer werden wollte. Ein Typ, dem man es sofort abkaufen würde, wenn man ihn vor Kameras aus einem Formel-1-Wagen steigen sehen würde. Der aber leider nicht ins richtige Elternhaus oder an den Hockenheimring geboren wurde. Und der alles unternommen hat, um doch irgendwie im Rennsport Fuß zu fassen.

Oder jenen ehemaligen Crystal-Meth-Dealer aus Niederbayern, der nun einen regulären Job sucht. Der die ganze Betrietscherung durch Psychologen, Sozialarbeiter und Co. satt hat und einfach nur ein neues Leben will, raus aus dem Mist, einen Neuanfang.

Oder jenen ehemaligen Zeitsoldaten, der einem erzählen kann, wie es für ihn war, als bei einem Einsatz in Somalia die Kugeln um die Ohren pfiffen und Menschen um ihn herum zerfetzt wurden. Und der, wieder heimgekehrt, mit einem Orden und einem Schulterklopfen abgespeist, aber ansonsten allein gelassen wurde mit seinen Erfahrungen. Der einem erzählt, wie er in den Wald gefahren ist und dort symbolisch, seine Gefühle und einen Teil seiner Erinnerungen in einem Kästchen begraben hat.

Oder jene japanische Unternehmerin, die mit Anfang 20 für eine japanische Ladenkette einen großen Flagshipstore in einer deutschen Großstadt geleitet hat. Und die jetzt vor allem ihrem Freund dabei unterstützt, ein Restaurant in einer anderen deutschen Großstadt zu gründen.

Oder jene Frau, die über 40 Jahre Arbeit auf dem Buckel hat, zuletzt 30 Jahre bei einer Bank. Und die nicht mehr arbeiten muss und das Leben mit ihrem Mann genießen möchte.

Oder jener Mann, ebenfalls 30 Jahre beim letzten Unternehmen gewesen, der nun mit Anfang 60 noch einmal Arbeit sucht, weil er die Behanldung und Pflege seiner Frau zahlen muss, die schwer erkrankt ist. Ein Mann, den man zu jenen vielen „Säulen der Welt“ rechnen kann, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, der aber an seinen eigenen Belastbarkeitsgrenzen gekommen ist.

Oder jene Halb-Deutsche-halb-Russin, deren Eltern im Sowjektkommunismus nach Sibirien verschickt wurden, die dort aufgewachsen ist, aber nun schon langjährig in Deutschland lebt und ihre ganz eigenen Perspektiven auf beide Länder hat. Deren Kinder schon groß sind. Und die die Gelassenheit in Person ist.

Oder der ehemalige Sternekoch in mehreren Namhaften Restaurants, der über sein Alkoholproblem ins Straucheln geraten ist, der alles verloren hat, und der nun wieder als Koch arbeiten möchte. Einfach nur als Koch, ohne Renommee, ohne Allüren, einfach nur wieder im alten Beruf arbeiten.

Oder jener junge Mann, der nach einer ersten, mehrjährigen Berufsstation nun etwas Besseres sucht. Der sich nicht beklagt (wie so viele sich überhaupt nicht beklagen). Nicht darüber, dass er in seinem ersten Job nach Strich und Faden ausgebeutet wurde. Nicht darüber, dass sein erstes Unternemen wirklich mies organisiert war, dass die beiden Geschäftsführer sich spinnefeind waren, und dass derjenige, der formal sein Vorgesetzter gewsen ist, ein überheblicher Choleriker ohne Ahnung von und ohne Interesse für die Sache war. Ein junger Mann, der die Erfahrung mitnimmt und nun genauer weiß, worauf er im nächsten Unternehmen sehr genau schauen wird, bevor er sich darauf einlässt.

Oder, oder, oder… …ich könnte noch ewig so weitermachen und würde dabei bezogen auf jeden einzelnen Menschen immer nur vage andeuten, was ich im unmittelbaren Gespräch mit ihnen alles erfahren habe und wahrnehmen konnte. Meine Schilderungen: Auch sie sind alle nur Klischees. Weil weder Sprache noch Bilder echte Begegnungen mit Menschen transportieren können und was sich in ihnen alles ereignet.

Mit mehreren tausend Menschen bin ich so in den letzten Jahren über mehrere Stunden zusammengesessen, habe mir ihre Geschichten angehört, habe wahrnehmen dürfen, wie es sich anfühlt, ihrer Offenheit und ihren Meinungen unmittelbar ausgesetzt zu sein. Ich habe Fragen gestellt, auch von mir erzählt. Wir haben bewusst dasjenige Vertrauen zueinander entstehen lassen, das die Basis dafür ist, offen und ehrlich miteinander teilen zu können, was uns wirklich bewegt. Eine Offenheit, die es ermöglicht, miteinander wirklich gute, tragfähige Entscheidungen zu treffen und Handlungsmöglichkeiten zu finden. Möglichkeiten, die deswegen so stabil sind, weil sie nicht zwanghaft einen Teil der Wahrheit ausklammern. Die Möglichkeiten, die sich in der vertrauensvollen Offenheit finden lassen, sind stets besser als jene, die bestenfalls halb-informiert einfach losstiefeln, nur um dann von dem, was nicht gesagt wurde, unterwegs schmerzhaft eingeholt zu werden. Deswegen ist strategische Kommunikation so unergiebig: Sie führt dazu, dass beherzt schlecht informierte Entscheidungen getroffen und wenig tragfähige Lösungen umgesetzt werden. Wir Menschen zeigen und erzählen immer nur einen kleinen Teil, wenn wir mit strategischer Kommunikation konfrontiert sind. Wirklich zu spüren bekommt man andere nur in einem bewusst empathischen Setting.

Ganz offen: Ich wünsche all diese Erfahrungen jedem einzelnen Menschen. Sie verändert das eigene Bild von der Welt. Sie verändert auch das Bild, dass man der Menschheit an sich hat, genauso wie von den vielen verschiedenen „Arten“ von Menschen. Man wird misstrauisch gegenüber den Kategorien, die wir über andere Menschen bilden, wenn wir sie nur aus den Medien „kennen“. Oder nur aus gelegentlichen, flüchtigen Begegnungen, in denen keine Offenheit und kein echtes Interesse am anderen gegeben ist. Man merkt nur in der unmittelbaren Begegnungen und im etwas tiefergehenderen und offeneren Gespräch, was menschliche „Individualität“ heute eigentlich bedeutet. Wie groß die Vielfalt wirklich ist.

Auch aus diesem Grund bin ich ein Fan des demokratischen Losverfahrens: Ich finde, wir können nur dann gemeinsam auf gute Art „Gesellschaft machen“, wenn wir alle uns alle unmittelbar begegnen und im freien Gespräch der Gleichwertigen immer wieder neu kennen lernen.

Ich wünsche mir, dass deutlich mehr Menschen die Gelegenheit bekommen, „der ganzen Gesellschaft“ persönlich zu begegnen. Und damit der ganzen menschlichen Vielfalt, die unsere heutige Gesellschaft ausmacht, die für uns alle aber in unserem Alltag ungreifbar bleibt.

Eine Geselschaft, die das demokratische Losverfahren auf allen politischen Ebenen einführt, sorgt dafür, dass die Bürger als Bürger miteinander unmittelbar konfrontiert sind. Dass sie sich in die Augen schauen müssen, aber auch in die Augen schauen können, während sie gemeinsam miteinander Politik machen.

Dieses Institution sorgt dafür, dass eine völlig andere politische Kultur zwischen uns entsteht. Eine informiertere, gemäßigtere und lösungsorientiertere politische Kultur. Eine politische Kultur, in der jeder Gehör findet, in der aber auch jeder alle andern wirklich unmittelbar hören kann und einen unmittelbaren Eindruck davon bekommt, was bestimmte politische Entscheidungen für andere in ihren alltäglichen Lebensvollzügen wirklich bedeuten.

Ich kann mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, wie eine Gesellschaft mit sich selbst gut auskommen will, die auf diese Begegnungen verzichtet, die durch das demokratische Losverfahren hervorgebracht werden.

Es scheint mir ein Recht zu sein, dass wir alle erleben können, wie groß die menschliche Vielfalt heutzutage wirklich ist. Und möglicherweise ist es auch eine Pflicht, sich dieser Vielfalt heutzutage auszusetzen: Die Pflicht, sich dem Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst zur Verfügung zu stellen. Die Pflicht zu hören, wie es anderen geht. Und die Pflicht zu teilen, was das eigene Leben ausmacht und wie es vom Allgemeinen (den gemeinsamen Gesetzen) betroffen ist. Wie sich die allgemeine Politik ganz individuell auf einen auswirkt. Um von dort aus, aus diesem geteilten Wissen heraus, gemeinsam eine etwas bessere Politik hervorzubringen.

Es kann aber als sicher gelten, dass diese menschliche Vielfalt nicht mehr von alleine zusammenkommt. Ohne eine Institutionalisierung des demokratischen Losverfahrens, gammeln wir alle in unseren sozialen Filterblasen vor uns hin und träumen uns die anderen Menschen, mit denen zusammen wir eine Gesellschaft bilden. Und für diese nur geträumten Menschen, die aus Zahlen, Statistiken und Klischees bestehen, machen wir dann Politik. Dass solche Politik ein Alptraum ist, die glaubt, ohne das demokratische Losverfahren auskommen zu können, ist nicht sonderlich verwunderlich, wenn man mit den Vielen täglich zusammensitzt.

Die Demokratie, unsere Gesellschaft braucht fest institutionalisierte Lagerfeuer abseits unserer höchst verschiedenen Alltage. Politische Lagerfeuer, an denen wir uns in unserer ganzen Vielfalt direkt begegnen und unsere Lebenserfahrungen miteinander teilen. Nur so kann heute, im Zeitalter der menschlichen Vielfalt, gute Politik entstehen.

Freiheit

Eine der Lehren, die ich aus 10 Jahren intensiver Berufstätigkeit als Coach ziehen durfte und die sich wieder und wieder in der Praxis bestätigt, lautet:

Gib Menschen Handlungsoptionen, die sie selber spüren können, und sie treffen hochvernünftige Entscheidungen, setzen sie konsequent um und entdecken Neues für sich.

Mach Menschen Angst, und sie werden verrückte Dinge tun, die ungute Folgen für sie haben, und die sie wiederum mit neuen Verrücktheiten aus der Welt zu schaffen versuchen.

Dabei geht es vor allem um ein bleibendes Gefühl der Wahl. Sobald wir das Gefühl haben, eine Entscheidung zwischen gangbaren Alternativen treffen zu können, versetzt uns das unmittelbar in einen anderen, „erwachseneren“ Zustand, der viele unserer Dramen ebenso unmittelbar beendet.

Die wirksamste Form, Menschen spürbare Handlungsalternativen zu verschaffen, die ich bisher kennen lernen durfte, ist übrigens das hier.

Doch wir treffen solche Entscheidungen oder Entscheidungen zur Entscheidunsvermeidung immer eingebettet in Beziehungen. Die meisten Ängste, mit denen zumindest ich in meiner Praxis konfrontiert bin, sind erkennbar Beziehungsängste: Ängste wie sich Beziehungen verändern könnten, Ängste vor anderen ungut dazustehen, Ängste von anderen Menschen ausgeschlossen, verletzt oder beschämt zu werden, Angst vor Statusverlust, Angst vor Beziehungsverlust.

Der Vorgang, sich in einen handlungsfähigen Zustand zu versetzen, in dem man bewusst eine Wahl trifft, geschieht nicht im sozial luftleeren Raum. Es ist keine „asoziale Entscheidung“, sondern immer eine soziale Entscheidung.

Wenn wir daher sagen, dass Freiheit im Gefühl besteht, eine Wahl zu haben, bewusst zwischen mehreren Möglichkeiten abwägen und entscheiden zu können, so können wir den Beziehungsaspekt von Freiheit schlecht ausklammern.

Das ist auch der Grund, warum beinahe alle hellen Köpfe im Coaching-Business irgendwann auf den „systemischen“ Pfad eingeschwenkt sind. Und „systemisch“ im Coaching-Kontext heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass gegebene Beziehungsrelationen systematisch in die Coaching-Arbeit einfließen und grundsätzliche Berücksichtigung finden. Die schlichte Anerkennung des Umstands, dass wir Menschen keine einsamen Inseln sind und dass unsere Beziehungen zentrale Bedeutung für unsere Lebensführung haben.

Diese Würdigung von Beziehungen im Coaching geht damit los, dass anerkannt und bewusst genutzt wird, dass sich zwischen Coachee und Coach spontan ein „Beratungssystem“ herstellt, dass also gerade auch im Zusammensein eine Beziehung entsteht, die bewusst gestaltet werden kann und die wohl besser auch sehr bewusst gestaltet wird.

Indem die präsente Beziehung zwischen Kunde und Coach gewürdigt wird, kann auch gut auf die wichtigeren Beziehungen des Kunden in seinem Alltag eingegangen werden. Auf die Wünsche und Probleme dort, auf Handlungsmuster, die der Kunde verändern möchte. Eine solche Arbeit würdigt die Bedingtheit von Beziehungen, aber auch unseren heutzutage oft unerfüllt bleibenden Wunsch nach unbedingten Beziehungen.

Nehmen wir die Formel von „Freiheit in Beziehung“ so, dass sie vom Kunden gerade nicht verlangt, zu einer Art „Übermenschen“ zu werden, dann können wir sowohl wahrnehmen, dass wir uns wechselseitig in Beziehungen systematisch Angst machen oder Angst nehmen können.

Und dass bedeutet: Es gibt Beziehungsformen, in denen wir gleichzeitig alle miteinander freier werden (Das sind diejenigen Beziehungen, „in denen wir aufatmen“). Und es gibt Beziehungsformen, in denen wir gleichzeitig alle miteinander unfreier werden.

Angst ist vielleicht kein guter Ratgeber. Angst ist aber oft ein ganz brauchbarer Indikator für die bewusste Gestaltung von Beziehungen. Freiere Beziehungen können wir bewusst gestalten, indem wir vorhandene Ängste ernstnehmen. Wir können fragen, wie wir uns wechselseitg Angst machen. Wir können genauso auch ausprobieren, wie wir uns wirksam wechselseitig Ängste nehmen oder lindern können.

Wir Menschen sind überaus sozial verletzliche Wesen. Das heißt: Andere Menschen haben starke Wirkungen auf uns, ob uns das nun gefällt oder nicht. Wünsche nach einem Einsame-Insel-Dasein sind daher ebenso verbreitet wie nachvollziehbar. Solche Wünsche sind Wünsche danach, den negativen Auswirkungen schlechter Beziehungen, zu entgehen. Eben jener Beziehungen, in denen wir uns unfrei fühlen, die uns auf eine Weise formen, wir wir nicht geformt werden wollen. Wir hassen an solchen Beziehungen am meisten das, was sie aus uns machen, wie wir uns selbst in ihnen erleben.

Dass zugleich gute Beziehungen eine Linderung von Ängsten bewirken, in einer stärkeren, besseren und dauerhafteren Weise als das Alkohol, Ablenkung, Drogen oder Erschöpfung jemals können, wird dadurch nicht gemindert.

Ausstieg aus schlechten Beziehungen, die uns nicht gut tun, und die bewusste Gestaltung von guten Beziehungen, die uns zugleich beruhigen und beleben, sind daher ein Geschwisterpaar.

Beziehungen an sich sind weder ein Gut noch ein Übel. Sie sind eine Tatsache. Und einige von ihnen sind bewusst durch uns gestaltbar. Nach meinem Empfinden sind das „die guten“.

Werden Beziehungen bewusst gestaltet, machen sie uns frei, weil sie uns die Sicherheit geben, dass die Wahrnahme von Handlungsoptionen („Erwachsenenverhalten“) uns nicht der Beziehung berauben wird. Dass also die Beziehung die Freiheit trägt. Das ist für uns unmittelbar beruhigend. So beruhigend, dass wir in guten Beziehungen auf tausend neue, spannende Ideen kommen. Ideen, die unsere Freiheit erweitern. Wiederum: Ohne dafür mit „weniger Beziehung“ oder „schlechterer Beziehung“ bezahlen zu müssen.

Freiheit findet sich daher tatsächlich nur „in Beziehung“, niemals auf der Flucht vor ihnen. Jede Beendigung einer schlechten, nicht bewusst gestaltbaren Beziehung ist für uns automatisch der Beginn der Suche nach neuen, besseren Beziehungen. Denn wir alle, alle Menschen sehnen sich nach Freiheit.

 

Das Kopf-durch-die-Wand-Paradox

Wir Menschen sind ja in allem, was wirklich wichtig ist für uns selber, ziemlich unwissende Wesen.

Vor allem wissen wir nicht, was wir wann wie in welchem Ausmaß machen können, müssen, dürfen, wollen, um das zu bekommen, was wir gerade ganz besonders brauchen.

In allen solchen Situationen (strukturelle Unwissenheit über das eigene Tun, sprich: alle „ethischen Fragen“ im weitesten Sinne des Wortes) greift das, was ich nun schon länger für mich das Kopf-durch-die-Wand-Paradoxon* nenne. Es geht wie folgt:

Wenn ich irgendwas erreichen will im Leben, das hinausgeht über:

„ich mach mal die Schraube in die Wand und habe das schon hundert mal mit dem gleichen Typ Schraube und dem gleichen Typ Wand gemacht, und außerdem war ich dabei selber immer in so ziemlich der gleichen Verfassung“

…habe ich wahrscheinlich irgendeinen Impuls, wie ich mein Problem gerade angehen will. Mit anderen Worten: Ich probier‘ mal was aus.

Interessant wird’s – und nur da greift das besagte Handlungsparadox -, wenn ich damit nicht gleich erfolgreich bin: Das gewünschte Ergebnis will sich so, auf diesem Wege nicht gleich einstellen.

Nun kann man zwei Dinge sagen:

1.) „Klar, funktioniert so nicht. Probier ich halt was anderes aus.“ (Inklusive: Ich frag vielleicht andere um Rat, was man in so einer Situation so alles ausprobieren könnte).

Problem: Vielleicht wäre ich aber genau dann erfolgreich, wenn ich einfach weiter mit dem mache, was ich bereits versucht habe. Denn vielleicht ist es tatsächlich ein Problem, das sich durch reine Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen, Steter-Tropfen-Hölt-Den-Stein-Verhalten lösen lässt. Ändere ich bei jedem kleinen „so hat das nicht geklappt“ mein Verhalten, löse ich vielleicht viele für mich wichtige Probleme niemals. Im Coaching nennt man das auch manchmal „Jumping to conclusions“, hier in der Version: „So hat das bisher nicht geklappt.“ —> Sprung zu: „So klappt das niemals!“

Ich kann daher auch sagen:

2.) „Hat bisher nicht geklappt. Muss ich einfach dran bleiben. Es weiter, länger, härter, fester, stärker auf diese Wiese probieren!“

Problem: Vielleicht ist es eben doch eine dieser Situationen, in denen es gerade nicht darum geht, mehr Geduld, Kraft, Energie, Zeit, etc. zu investieren. Vielleicht ist es doch ein Problem von jenem Typ, bei dem man mit „Mehr vom Selben“ nicht zum Erfolg kommen kann. Oder zumindest nicht gerade zu kleinen Kosten. Und die kostengünstigeren Möglichkeiten finde ich eben nur, wenn ich etwas herumprobiere anstatt bei der erstbesten Strategie klebenzubleiben, die mir aus einem Reflex heraus eingefallen ist.

Andererseits: Hartnäckigkeit kann man sich antrainieren. Und vielleicht löse ich das Problem so nicht. Aber dafür lerne ich, wie man sich so richtig in was reinbeißt. Eben Durchhaltevermögen. – Ist ja auch was… 😉

Andererseits: Findigkeit kann man sich ebenfalls antrainieren. Und vielleicht lerne ich ja besser, mit Strategien herumzuspielen und die für mich einfachste und lustvollste Lösungsstrategie zu finden, auch wenn ich vielleicht doch mit reiner Hartnäckigkeit bei diesem Problem schneller zu einer Lösung gekommen wäre. – Also Investition in ein spielerischeres anstatt in ein verbisseneres Mindset. 😉

Ja, was denn nun?

Ich stelle mir solche Situationen so vor, dass ich – ganz ohne Werkzeuge – versuche, durch eine Wand in einen anderen Raum durchzubrechen. „Mit dem Kopf durch die Wand“ eben.

Und dann kann ich sagen:

„Gut, ich bin jetzt 10x gegen diese Wand an dieser Stelle angerannt. Und bisher bin ich noch nicht durchgebrochen. Das weiß ich sicher. Sonst weiß ich eigentlich nichts über diese Situation…

…es könnte also sein, dass ich durch die ersten 10x Anrennen die Wand bereits so destabilisiert habe, dass ich beim 11. Mal durchbreche. Dass also die ersten 10x „notwendige Vorarbeit“ waren, die mich jetzt zum Erfolg führen. Daher wäre es ziemlich dumm, gerade jetzt mit dem Anrennen aufzuhören…

…andererseits könnte es auch sein, dass ich noch 90x mal anrenne, die Wand immer noch nicht durchbrochen ist, und ich dann also nach 100x Anrennen immer noch vor der gleichen Frage stehe: Also ob ich nun zum 101. Mal auf diese Weise weiterprobieren will…

…oder ob ich jetzt anfange, an einer anderen Stelle anzurennen (die vielleicht dünner oder poröser ist), mir Werkzeug suche oder doch mal die ganze Wand abtaste, ob da irgendwo eine versteckte Tür ist…

…verdammt, was mach ich denn jetzt nun?“

In einer solchen Situation, in der also objektiv völlig unklar ist, ob es die klügere Idee ist, einfach hartnäckig weiter zu versuchen, was man angefangen hat, oder die Strategie zu wechseln, hilft m.E. eine ganz bestimmte Frage weiter. Eine Frage, die auf eine objektive Größe verweist, über die ich in dieser Situation sicheres Wissen habe. Ein Wissen, an das ich mich halten kann, und das mir klare Auskunft darüber gibt, was in dieser Situation die bessere Wahl für mich ist. – Diese Frage lautet:

Wie groß sind meine Kopfschmerzen bereits?

Mit der Antwort auf diese Frage bekomme ich einen ziemlich deutlichen Hinweis darauf, ob pure Hartnäckigkeit oder spielerische Findigkeit gerade das bessere Vorgehen für mich sind.

Und natürlich gibt es dickschädligere und dünnhäutigere Naturen. Also Menschen, die schon nach dem ersten vergeblichen Anrennen die Tür zu suchen beginnen. Und andere Menschen, die auch noch nach dem 1000sten Mal weiter anrennen…

Wir sind eben situationsspezifisch unterschiedlich.

Das Paradox ist durch bewusste Bezugnahme auf eigene Innenzustände jedenfalls recht gut auflösbar.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit! Der Nerd in mir muss jetzt wieder in die Mottenkiste, denn ich muss an die Arbeit…

 


*  Ich wurde darauf hingewiesen, dass es sich bei dem hier dargestellten Sachverhalt gar nicht um ein „Paradox“ im strengen Sinne des Wortes handele, sondern vielleicht eher um eine „Aporie“ oder eine stinknormale, alltägliche Ungewissheit, was eben gerade zu tun sei.

Mir sind all die Bezeichnungen tatsächlich Jacke wie Hose. Häufig sehen wir uns dabei zu, wie wir an Handlungsweisen festhalten, die wir vielleicht besser loslassen. Und genauso häufig sehen wir uns wild herumprobieren, wo sture Hartnäckigkeit möglicherweise die bessere Wahl wäre.

Der Kopfschmerz aber, ja der ist objektiv. Wir können ganze Welten auf seinem Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein errichten. Ein archimedischer Punkt. Ein cartesischer Ausgangspunkt. Eine göttliche Größe im menschlichallzumenschlichen Leben… 🙂