Die Grundeinsicht der Institutionenethik lässt sich salopp folgendermaßen zusammenfassen:

Unter Umständen verhalten sich Menschen großartig.

Unter Umständen verhalten sich Menschen schrecklich.

– Warum zur Hölle sprechen wir also nicht einzig und allein über die gemeinsame Gestaltung von Umständen?

Die Beobachtung der drastischen Wechselhaftigkeit menschlichen Verhaltens ist so alt wie die Menschheit selbst. Wir finden ausführliche Varianten oft im Kontext von „Zivilisationsverfall“, also wenn Kriege oder Bürgerkriege ausbrechen und „gute Menschen“ plötzlich Verhaltensweisen an den Tag legen, „die man ihnen so gar nicht zugetraut hätte“. Bei Thukydides im Peloponnesischen Krieg findet sich z.B. so eine Textpassage, inklusive Sprachanalyse, das, was im friedlichen Zustand eine Tugend genannt wurde, nun im Krieg als Laster gilt. Dass sich also auch das ganze Denken und die Bewertungen von Verhalten mitändern, wenn sich die Verhältnisse ändern. Und also gerade auch aus dem Denken in solchen Situationen keine Hilfe zu erwarten ist. Es ist vielmehr der anfälligste und verletztlichste Teil der menschlichen Natur, wenn gesellschaftliche Verfallsdynamiken einsetzen. Das Denken ist unser „Anpassungsorgan“, keine Größe, aus der Stabilität zu gewinnen ist. Wir könnten auch sagen: Denken ist reaktiv, nachträglich, nicht der gestaltende Teil in unserem menschlichen Laden.

In hoffnungsvoller Variante, mit einem Fokus auf die bewusste Gestaltbarkeit der Umstände in Form menschlicher Institutionen finden wir die Institutionenethik in der Neuzeit erstmals bei Thomas Hobbes, dem größten Optimisten unter den Politischen Philosophen. Bei Hobbes wird versucht, dem Denken einen aktiven und gestaltenden Part zurückzugewinnen. Aber eben nicht auf der Verhaltensebene. Sondern sozusagen auf einer „Metaebene“. Hobbes erkennt uneingeschränkt an, dass wir als Menschen dazu neigen, in Denken, Sprechen und Verhalten „Opfer der Umstände“ zu werden (und deswegen wird er manchmal für einen philosophischen Pessimisten gehalten). Aber er sagt zugleich: Wir haben als Menschen die Möglichkeit, die Umstände anzupassen, und so, indirekt, auf uns selbst einzuwirken. Er etabliert das Denken der Gestaltbarkeit einer institutionellen Reflexivität: Durch Institutionen können wir in wünschenswerter Weise auf uns selbst Einfluss nehmen. Und hier hat das Denken durchaus einen aktiven Raum, weil die Frage möglich ist: „Wie müssen die Institutionen sein, damit wir uns wünschenswert verhalten können?“ – Tritt dann unerwünschtes Verhalten aus, heißt es in dieser institutionenethischen Denken systematisch immer: Don’t blame people, blame institutions! Der Auftritt unerwünschten Verhaltens wird als Einstieg in die Reflexion über die Umstände überführt, unter denen dieses Verhalten aufgetreten ist. Das der Institutionenethik zugrundeliegende Menschenbild ist damit keineswegs „optimistisch“, wie manchmal missverstanden wird. Zumindest nicht im Sinne von „Alle Menschen sind im Grunde ihres Herzens gut“. Sondern das Menschenbild der Institutionenethik ist umständemäßig flexibel. Institutionenethiker haben keinerlei Probleme damit wahrzunehmen, in welche verrückten und bösartigen Zustände wir als Menschen alle kommen können, wenn die Umstände mies sind. Aber genausowenig muss der Institutionenethiker leugnen, wie gütig, kooperativ, fantasievoll, entwicklungsfähig, usw. wir Menschen allesamt sein können. Im Grunde hat der Institutionenethiker also gar kein „Menschenbild“ im herkömmlichen Sinne. Er schaut auf die Wandelbarkeit des Menschen, nicht auf Fixierungen und Verallgemeinerungen davon, wie wir alle eben nur manchmal, unter bestimmten Umstädnen sind.

Die Einsichten der Institutionenethik sind so universell, dass sie immer wieder neu entdeckt und neu formuliert werden, einfach, weil die „umständehalber“ Wandelbarkeit des Menschen selbst eine universelle und beobachtbare Tatsache darstellt. – Heutzutage kann man z.B. Unternehmer finden, die für sich das institutionenethische Denken entdeckt haben und es in ihrem Unternehmen konsequent umsetzen.

Die Primärumstände für alle Menschen sind dabei zunächst: Andere Menschen. Das gilt schon entwicklungspsychologisch. Und zwar insofern als alle Menschen – im artenübergreifenden biologischen Vergleich gesehen – „Frühgeburten“ sind und der empathischen Sorge und liebevollen Zuwendung anderer Menschen bedürfen, um überhaupt überleben und mehr noch: um überhaupt zu Menschen werden zu können.

Ich gehe davon aus, dass dieser Prozess nicht mit der Kindheit abgeschlossen ist. Dass also der menschliche Bedarf an emotionaler Spiegelung nicht einfach komplett „internalisiert“ werden kann und und ab da stabil läuft wie das Betriebssystem einer Informationstechnologie, in das nie wieder ein neues Programm eingebaut wird. – Nicht nur ein Kaspar Hauser wird mindestens „wunderlich“, wenn er über lange Zeit keine passsende emotionale Zuwendung durch andere Menschen bekommen hat, sondern auch ein Robinson Crusoe, wenn er keinen Freitag hat oder in Freitag keinen Freund findet. Wir Menschen sind für einsame Inseln nicht gemacht, sondern in jeder Hinsicht „hypersoziale Lebewesen“. Gute Gesellschaft ist eine Minimalanforderung für menschliches Leben und mehr noch für Menschlichkeit im engeren Sinne: Für empathisches Verhalten.

Die psychologische Einsicht in die hypersoziale Grundstruktur von Menschen – und damit eben auch in unsere ethische Verletzlichkeit – verträgt sich sehr gut mit dem eher politischen Zugang der Institutionenethik. Wir neigen dazu, einander als „Institutionen für uns“ zu denken, was dann in die üblichen Probleme der „doppelten Kontingenz“ führt: Ich denke mir Dich stabil und unveränderlich, um mein Verhalten an Dir auszurichten. Doch Du denkst Dir zugleich mich stabil und unveränderlich, um Dein Verhalten an mir auszurichten. – Da wir beide aber eigentlich „umständehalber veränderliche“ sind, erfahren wir einander niemals so „wie wir wirklich sind“, sondern immer nur so, wie wir sind, wenn wir auf diese Weise zusammen sind.

Unser Grundapparat, die Welt denkend zu erfassen, steigt schon bei diesem Komplexitätsgrad (also dem der doppelten Kontingenz) aus, vor allem dann, wenn wir gerade „in Aktion sind“. Das heißt: Operativ betrachten wir andere Menschen in der Regel als umstände-unabhängige, autonome Größen, was regelmäßig zu moralisierender Kommunikation führt: Schuldzuweisungen, die eigentlich auf das Verhalten bezogen sind, aber vom Adressaten dieser Kommunikation zuverlässig auf die Person als Ganze bezogen werden. Moralisierende Kommunikation hat deswegen so gut wie nie die Effekte, die wir mit ihr erzielen wollen, weil sich der, dem wir sie um die Ohren hauen, dabei auf sehr fundamentale und lebensbedrohliche Weise angegriffen fühlt. Wir glauben dabei zwar nur zu sagen: „Bitte änder dieses Verhalten!“ Doch was der andere hört, ist jedes Mal: „Ich verurteile Dich als kontaktunwürdig! Wenn Du so weitermachst, ist eine weiter Beziehung ausgeschlossen! Ich bedrohe Dich hiermit mit dem Ausschluss aus meiner Wir-Gruppe!“ Wenn man versteht, wie fundamental Zugehörigkeit für uns Menschen ist, hat man kaum weitere Fragen daran, warum moralisierende Kommunikation nicht funktioniert. Leider hilft diese Einsicht im Alltag nur wenig weiter. Denn kaum ist man mitten in der Beziehungsaction, schon hat man sie vergessen. – Ich selber bin ein ganz besonderer Held bei dieser Sache. Fragen Sie einfach mal meine Frau oder meinen Sohn.

Wir spiegeln uns als ständig wechselseitg. Und bei diesem Spiegeln gibt es „kein Anfang und kein Ende“. Es ist „zirkulär“, wie die Systemiker sagen. Jede Beziehung ist ein Beziehungssystem, schon in den ersten Milisekunden seines Enststehens. Jedes „der andere hat aber angefangen!“ ist eine Illusion, deren einzige Absicht die Rechtfertigung eigenen Verhaltens ist, das man selbst für fragwürdig hält oder von dem man befürchtet, dass es zur Infragestellung der eigenen Beziehungswürdigkeit führen könnte (Bedrohung durch Moralkommunikation, man erinnert sich).

Oft wird das im Alltag so gewendet, dass „man ja bei sich selbst anfangen könne“. – Und in gewisser Hinsicht stimmt das ja auch: Da wir wichtige Umstände für unsere Mitmenschen sind, hat unser eigenes Auftreten weit mehr Gewicht und „Impact“ auf das Verhalten anderer, als die meisten von uns sich in ihrem Alltag bewusst sind. Wir können uns also – rein theoretisch – selbst „zu Umständen machen“, an denen sich andere Menschen dann ausrichten und orientieren können. „Führung“ oder „Intitiative“ nenne wir das dann.

Mit diesem „fang doch einfach mal bei Dir selbst an“ gibt es nur leider ein klitzekleines Problem. Und mit der Institutionenethik bekommt man dieses Problem nicht nur systematisch in den Blick, sondern man kann auch Lösungen für den alternativen Umgang mit diesem Problem anbieten:

Wir alle sind keine Götter. Wir sind selbst so umständeabhängig, dass der ethische Imperativ „sei Du selbst der Wandel, den Du in der Welt sehen möchtest“ strukturell eine unmenschliche Überforderung ist. Und zwar für jeden von uns. – Der ethische Imperativ abstrahiert von den Umständen. Er fordert „Haltung“ gerade da, wo Haltung unwahrscheinlich wird. Er spricht einem moralischen Heroismus das Wort, an dem wir frustriert scheitern müssen. Und nicht selten steht am Ende der Entwicklung ganz besonders ausgeprägter Individualethiker ein menschenverachtender Zynismus. – Auch das ist nicht erstaunlich, sondern erwartbar: Wer die ethische Verletzlichkeit des Menschen ausblendet, wird eben zuverlässig davon enttäuscht, wie sich Menschen dann in Wirklichkeit verhalten.

„Warum reissen sich nicht alle einfach mal zusammen!?“ ist also keine sonderlich treffsichere oder wirksame Intervention in soziale Verhältnisse. Bzw.: Sie hat durchaus ihre Wirkungen. Nur eben wenig wünschenswerte.

Über die ganz unmittelbare Gestaltung unserer Alltagsbeziehungen hinaus, in denen wir heroisch versuchen können, „in Führung zu gehen“ und uns zu „guten Umständen“ für unsere Mitmenschen zu machen, gibt es eben noch eine zweite Interventionsform, die völlig anders ist als das, was wir im Privaten tun können: Die Politik.

Politik ist, wenn sie in ihrem Sinn voll erfasst wird, eine Interventionsform in Rahmenbedingungen menschlichen Verhaltens. Sie lebt von der Gestaltung der Umstände unseres privaten Alltagsverhaltens, die sie systematisch als „Institutionen“ auffasst. „Politik“ sagt also nichts anderes als „unsere Institutionen sind menschengemacht und daher durch uns als Menschen veränderbar.“ Politik ist eine gemeinschaftliche Intervention in die Gesellschaft, ohne solche gezielten Interventionen dazu neigt, Institutionen auszubilden, die zu wenig wünschenswertem Verhalten führen.

Politik ist daher für uns Menschen eine unverzichtbare Notwendigkeit. Wird Politik nicht praktziert, landen wir mit beobachtbarer Regelmäßigkeit alle miteinander in gesellschaftlichen Höllen.

Die Unterlassung von Politik führt dabei auch zuverlässig zu zwei Formen von Entfremdung, die einander wechselseitig befeuern:

Entfremdung von sich selbst.

Entfremdung von anderen.

„Entfremdung von sich selbst“ bedeutet, dass unsere Kommunikation mit anderen unwesentlich wird, umständlich und nicht mehr direkt auf die Dinge Bezug nimmt, die für uns individuell wirklich wichtig sind. „Unauthentisch“ sagen wir dazu auch manchmal. Da wir als Menschen äußerliche Bestätigung durch andere Menschen brauchen, um innere Eigenzustände überhaupt wahrnehmen und zu einem Teil unserer Welt machen zu können, ist unauthentische Kommunikation ein sicherer Weg, sich von sich selbst zu entfremden. Wir verheddern unser Bewusstsein dann in tausenderlei Dingen, ohne noch irgendwelche Prioritäten wahrnehmn zu können. Wir wissen gar nicht mehr, was für uns wichtig ist. – Wie verbreitet dieser Zustand „unauthentischer Kommunikation“ heutzutage ist, ist z.B. bei Thema „Bewerbung“ als „Kontaktanbahnung eines Arbeitsverhältnisses“ unmittelbar spürbar. Und zwar von beiden Seiten der Beziehung her. Wenn Sie ein paar tausend Menschen mal bei der Arbeitssuche darauf befragt haben, was ihnen bei ihrem nächsten beruflichen Schritt eigentlich wirklich wichtig ist (und was weniger), wissen Sie, was ich meine. – Über die Machtungleichheiten, Abhängigkeiten und damit verbundenen Ängste, die bei der Aufnahme von Arbeitsverhältnissen eine Rolle spielen, verlieren Menschen regelmäßig ihren inneren Kompass. Dass unglückliche Arbeitsehen die Regel sind, und zwar in einem weitaus höheren Ausmaß als das „eigentlich sein müsste“, ist von daher wenig verwunderlich. Wollte man das ändern, müsste man, eben: In die Institutionen intervenieren und „Politik machen“. Zwar kann man auch an die Individuen auf beiden Seiten appellieren und mit ihnen an der Verhaltenskorrektur arbeiten (und in der Tat lebe ich von genau dieser Tätigkeit), aber effektiver, stabiler und weitaus nachhaltiger wäre eben Politik.

Entfremdung von den anderen können wir auch „Fehlendes Fernstenfeedback“ nennen. Dabei meint „Fernster“ keinen Abstand in Kilometern, sondern eine emotionale Ferne: Andere Menschen sind „gefühlt“ kein Teil unserer Wir-Gruppe, obwohl wir beide Teil der gleichen Gesellschaft sind. Problematisch wird das allein deswegen, weil „Teil der gleichen Gesellschaft sein“ gleichbedeutend ist mit: Unser Verhalten hat wechselseitig Folgen füreinander (Doppelte-Kontingenz, again), aber wir haben keine Möglichkeit, die Umstände dieser wechselseitigen Beeinflussung so zu gestalten, dass das für uns beide gut ist.

Kurzgesagt entstehen genau auf diese Weise Kriege.

Die eigentliche Bedeutung der Entdeckung von Politik war daher die, dass es neben Kriegsführung überhaupt noch eine andere Weise gibt, in der wir Menschen sinnvoll aufeinander Bezug nehmen können, wenn zwischen uns schwerwiegende „Interessenskonflikte“ auftreten.

Das klingt weitaus trivialer als es eigentlich ist. Denn wenn wir heute in die von uns geschaffene Institutionenlandschaft schauen, dann sehen wir, dass wir die Möglichkeit der Beendigung von Kriegszuständen zwischen uns immer noch kaum systematisch ausschöpfen. Wir sind immer noch – ohne Not – kriegsführende Gestalten. Und wundern uns über das merkwürdige Verhalten „der anderen“.

Demgegenüber öffnet die Institutionenethik eine überaus hoffnungsvolle Perspektive. Sie sagt: Die Menschen, denen wir heute begegnen und die wir selber sind, müssen wir durchaus nicht sein. Wir können uns andere Institutionen erschaffen. Und mit ihnen werden wir andere. Ohne eine solche Politik bleiben wir allerdings genau das, was wir täglich aneinander erfahren. Wir haben die Wahl. Die Wahl unserer Institutionen.

 

 

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