Ein Aspekt, der Bürgerkonvente im Losverfahren besonders charmant macht, ist, dass durch sie in dem Moment, in dem verbindliche Entscheidungen getroffen werden, die für alle Bürger Auswirkungen haben, bewusst Beziehungen zwischen den Bürgern gestiftet werden.

Ob bei einer politischen Entscheidung dieser empathische Kontakt zwischen den Bürgern vorhanden ist oder nicht, ist ein sehr zentraler Faktor für die Qualität des politischen Entscheidens. Oder, um es mit den Worten dieses Artikels über die lokale Demokratie in Barcelona zu sagen: Empathy is a political value.

Bürgerkonvente stiften diese Empathie zwischen Bürgern im Moment des politischen Entscheidens systematisch: Indem direkter, unmittelbarer Kontakt da ist. Indem Raum da ist, einander zuzuhören. Indem unserer ganz natürlichen Neigung zu Fraktions-, Fronten-, Lager- und Parteibildung sehr bewusst entgegengewirkt wird. Usw.

Ob gemeinsame Entscheidungen in großer empathischer Verbundenheit oder ganz ohne eine solche getroffen werden, ist ein Unterschied, der so groß ist, dass man seine Bedeutung gar nicht übertreiben kann. – Hier ein Artikel, der das Thema etwas länger und breiter auswalzt, anhand der unterschiedlichen Handhabung des Gruppen-Entscheidungstools „Systemisches Konsensieren.“

Das Elegante an ausgelosten Bürgerkonventen ist aber außerdem: Diese Verbundenheit wird punktgenau für den Moment des gemeinsamen Entscheidens erzeugt. Und das heißt auch: Die Bürger dürfen (und sollten vielleicht auch!) sich nach dem Prozess der Bürgerkonvents wieder „entbinden“, d.h. die Bürger dürfen sich danach wieder in ihre verschiedenen privaten Milieus, Bubble, Nischen, Welten zerstreuen.

In Bürgerkonventen kommen wir aus all diesen, sehr verschiedenen privaten Welten gezielt zusammen. Und wir verbinden uns in ihnen auch sehr bewusst und sehr schnell als Bürger: In einer ungewohnten emotionalen Tiefe dafür, dass wir ja eigentlich alle „Fremde“ füreinander sind. – Dieser Effekt ist bei solchen Formaten wieder und wieder und wieder beobachtbar und spürbar. Er tritt also absolut zuvelässig auf. Bürgerkonvente sind politische Empathiemaschinen. Empathie auch zwischen völlig fremden Menschen (und manchmal gerade zwischen diesen) kann sich unter dafür geeigneten Rahmenbedingungen sehr schnell aufbauen.

– Und auch sehr schnell wieder auflösen. Denn wir vermischen in gelosten Bürgerkonventen eben auch nicht das Private und das Politische. Beide Sphären bleiben getrennt. Nur weil wir in und während der Bürgerkonvente empathisch miteinander verbunden sind, sind wir es vorher und nachher noch lange nicht. Zumindest nicht auf privater Ebene. Die gehaltvolle Beziehung besteht nur im Raum des Politischen und bleibt dort. Sie besteht im Moment des gemeinsamen Entscheidens, aber nicht über ihn hinaus.

Auf einer höheren, gesellschaftlichen Ebene sind Bürgerkonvente dagegen durchaus als Mittel zu sehen, um die Gesellschaft besser mit sich selbst zu verbinden. Und so „verbundene Entscheidungen“ treffen zu können.

Denn politische Entscheidungen, die ja erstmal immer für alle Bürger „verbindlich“ sind, können dieses Verbindlichkeiten in der Umsetzung nur dann auch wirklich durchhalten, wenn sie aus einer Verbundenheit heraus getroffen worden sind.

Wird gesellschaftlich nicht in diese Verbundenheit investiert (lässt man also Losverfahren und Bürgerkonvente im Prozess des politischen Entscheidens einfach weg), so werden politische Entscheidungen getroffen, die zwar verbindlich sein sollen, die aber im Nachhinein in Frage gestellt werden; werden können; und oft auch in Frage gestellt werden müssen.

Politisches Entscheiden ist eigentlich überhaupt nur in völliger, momentaner Verbundenheit der politôn, der Bürger möglich. Bürgerschaftliche Verbundenheit ist etwas anderes als private Verbundenheit. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese politische Verbundenheit gezielt hergestellt werden kann, wann immer wir sie brauchen, um gemeinsam gute Entscheidungen zu treffen. Und es ist wichtig zu verstehen, dass wir sie gezielt herstellen müssen, wenn wir sie brauchen. Dass sie sich also nicht von allein herstellt oder einfach von sich aus „schon da ist“.

 

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