Adam Grant’s Ted Talk zu „Give and Take“ ist schon lange eine feste Bezugsgröße in meinen Gedanken. Das spiegelt sich nicht nur in der Menge an Artikeln, in die ich ihn hineinverwurstet habe. Auch in meinen Coachings „kommt mir immer mal wieder der Grant hoch“. Bevorzugt bei der Vielzahl an Kunden, die „Geber-Verhalten“ mit schlechter Selbstsorge verwechseln. Die sich also auch dort auf eine mechanische, reflexhafte Weise kooperativ verhalten, wo sie dafür immer wieder „auf’s Maul bekommen“. Menschen, die ihr Verhalten aus ethisch-moralischen Gründen nicht anpassen, obwohl sie sich selbst dadurch massiv und dauerhaft selbst schädigen, sind viel verbreiteter als man meinen könnte. – Aber man muss wohl einen Beruf wie Coach, Therapeut, Sozialarbeiter oder Arzt haben, um die volle Breite, Tiefe und Größe des ethisch motivierten menschlichen Elends vor Augen haben zu können.

Und obwohl ich aus institutionenethischen, strukturellen Gründen auch Zweifel an Grant’s individualethischem Ansatz habe (voll ausformuliert hier), bleibt Grant für mich ein guter Bezugspunkt und ein dauerhafter Auslöser von neuen Gedanken, Sichtweisen und Handlungsansätzen.

Das hat sich nun noch einmal neu bestätigt, als mir ein guter Freund, selbst ein eingefleischter „Giver“, Adam Grant’s Buch „Geben und Nehmen“ überlassen hat.

Mit dem, was ich dort finde, lässt sich noch einmal klarer sagen, was mir die Summe der Verbindung von Individualethik und Institutionenethik zu sein scheint:

Die Individualethik, wenn sie menschlich und nicht übermenschlich gestrickt ist, sucht systematisch Verhaltensweisen und Praktiken, die eine Gleichzeitigkeit von Bei-Sich-Sein und Beim-Anderen-Sein anstreben. Natürlich gibt es immer wieder auch indvidualethische Ansätze, die „Selbstlosigkeit“ für erstrebenswert halten. Doch diese Ansätze sind für viel Leid in der Welt verantwortlich, indem sie den Umstand aus der Rechnung streichen, dass wir alle keine bedürfnis- und gefühllosen Götter sind.

Die Institutionenethik sucht systematisch nach Verfahren, Institutionen, Gesetzen und politischen Maßnahmen, die es uns leichter anstatt schwerer machen, das individualethische Bei-Sich-Sein UND Beim-Anderen-Sein realisieren zu können.

In diesem Sinne verstehe ich z.B. auch das demokratische Losverfahren vor allem als eine menschliche Entlastung. Wenn ich in Rechnung stelle, dass wir in der Politik alle Empathie voneinander wollen, und dass das unter heutigen, modernen Bedingungen zugleich einen wirklich gewaltigen Aufwand für uns alle bedeutet, dann kann ich wahrnehmen, dass wir uns durch die Einführung des Losverfahrens das Leben leichter machen. Weil wir es mit dem Losverfahren für uns weniger anstrengend und aufwändig machen, den erhöhten Bedarf an Empathie zu decken, der typisch für die Moderne Gesellschaft ist. Im direkten, unmittelbaren, ruhigen Gespräch ist es leichter für uns Menschen, empathisch miteinander zu sein, als in medial vermittelter Kommunikation. Wir können uns leichter ineinander hineinversetzen. Und wir spüren leichter, worum es dem anderen wirklich geht, was also die eigentlichen Bedürfnissen hinter unseren manchmal ungeschickten Worten sind. Wir können wechselseitige Missverständnisse leichter erkennen und leichter gerade rücken.

Diese Erleichterung von Empathie durch das Losverfahren ist – institutionenethisch gesehen – zugleich eine Wahrscheinlicher-Machung von bürgerschaftlicher Empathie. Um nicht zu sagen: Eine gezielte Kultivierung von Empathie zwischen uns als Bürgern.

Die Institutionenethik ist ein zutiefst menschlicher Ansatz, weil sie systematisch berücksichtigt, dass gewünschtes ethisches Verhalten („Geber Verhalten“) nicht nur und nicht immer lustvoll ist, sondern oft auch sehr kostspielig, wenn nicht sogar selbstschädigend.

Indem wir „Politik machen“, also unsere gesellschaftlichen Institutionen bewusst so formen, dass Geber-Verhalten für uns alle weniger kostspielig, weniger heroisch, weniger märtyrerhaft wird, ersetzen wir also keine indvidualethischen Ansätze wie den von Adam Grant. Sondern wir machen es wahrscheinlicher, dass solche individualethischen Ansätze allgemein praktiziert werden. Weil die Zahl an selbstmörderischen Helden der Ethik an allen Orten zu allen Zeiten klein ist, braucht es nicht nur die Individualethik, sondern auch die Intitutionenethik. – Denn mit diesem universellen Mangel an Heldentum kann man glücklicherweise ganz fest rechnen. 😉 Es braucht die Institutionenethik und ihre praktische Umsetzung als Politik, weil es ein erstrebenswertes Ziel ist, sich sozial und zugewandt verhalten zu können, ohne darüber selbst unterzugehen. Die Politik ersetzt die individuelle Ethik nicht, sondern sie unterstützt sie systematisch, indem sie ethisches Verhalten für uns weniger kostspielig und deutlich lustvoller macht.

Die Hoffnung der Politik ist es, dass wir unsere Institutionen bewusst so formen können, dass aus gegeben Nullsummenspielen („Win-Lose“) in unserem Alltag Situationen werden, die es uns leichter machen, uns von unseren Konkurrenzneigungen zu lösen und auf Kooperation und Zugewandtheit umzustellen. Die Hoffnung der Politik besteht in der Möglichkeit, dass wir Win-Win-Spiele systematisch etablieren können. Und dass wir überall dort, wo Win-Win gerade nicht der Fall ist, „institutionell nachbessern“ können. Dass wir in solchen Situationen also nicht nur Akte heroisch-individualethischer Selbstaufopferung als Optionen zur Verfügung haben. Denn das wäre die klassische, tragische Konstellation, die von der Politik gerade aufgelöst werden soll und kann.

Politik ist „Institutional Engineering“ im Namen der Erleichterung ethischen, wünschenswerten Verhaltens, das dann eben nicht verlogen oder gar ausbeuterisch ist, sondern das voll und ganz das Wohlergehen auch desjenigen Menschen umfasst, von dem wir uns gerade wünschen, dass er sich bitte auch empathisch mit seinen Mitmenschen verhalten möge.

An diesem systematischen Blick, an diesem politischen Blick: „Wer aber hilft dem Helfer?“ fehlt es in unserer Gesellschaft mit ihren unmenschlichen Bildern vom Menschen noch ganz gewaltig.

Selbstempathie und Empathie mit Anderen werden durch gute Politik aus ihrem Gegensatz gegeneinander gebracht. Aus einem gewissermaßen künstlichen Gegensatz. Denn schaut man zunächst nur auf den Menschen als soziales und biologisches Wesen, dann sind Selbstempathie und Empathie mit Anderen eben gar keine Gegensätze, sondern bedingen und befeuern sich wechselseitig.

Dass solches Institutional Engineering gerade wegen der großen Unterschiede zwischen uns als Bürgern heutzutage nur noch sehr streng demokratisch erfolgen kann, setze ich dabei voraus. Denn was kostspielig ist und was wünschenswert ist, das können heute nur die Bürger selber wissen, und keine professionelle politische Repräsentanz der Bürgerschaft. Zu groß sind die Unterschiede und Individualitäten, als dass irgendein „weiser Politiker“ oder irgendeine „großherzige Partei“ wissen könnte, was die Bürger wirklich wollen und brauchen. Nur die Bürger selbst können gehaltvolle Aussagen dazu machen, was sie brauchen, um in ihrem Alltag leichter empathisch mit ihren Mitbürgern sein zu können. Nur die Bürger selbst können sich miteinander darüber sinnvoll austauschen, welche institutionellen Veränderungen ihnen die Verbindung von empathischem und selbstempathischen Verhalten im Alltag erleichtern werden (- und welche ihnen das erschweren würden).

Die Formung der eigenen gesellschaftlichen Institutionen so, dass empathisches Verhalten im Alltag für uns leichter und daher wahrscheinlicher wird, ist die zentrale und nicht-delegierbare Aufgabe von uns als Bürgern.

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