Gegen das Losverfahren kann man eigentlich nur sein, wenn man mit Demokratie an sich ein Problem hat.

Also damit, dass die Bürger als Bürger wirklichen Einfluss auf die Politik ihres Staates haben. Dass sie alle gleichen Einfluss haben. Und dass jeder Bürger ein potentieller aktiver Politiker ist.

Manchmal wird gegen das Losverfahren angeführt, es würde eine Art Fremdbestimmung oder fehlende Kontrolle in die Politik bringen. Dabei ist gerade das Gegenteil der Fall: Im Moment, ohne den Einsatz des Losverfahrens, leben wir im Zustand allgemeiner politischer Fremdbestimmung und fehlender demokratischer Kontrolle über unsere Politik.

Dieses Missverständnis beruht meiner Ansicht nach auf einem Missverständnis dessen, was eigentlich das Prinzip der Demokratie ist: Exakt gleicher politischer Einfluss aller Bürger.

Diese völlige politische Gleichheit der Bürger kann aber tatsächlich nur durch den Zufall, eben durch das Los erreicht werden, und durch kein anderes politisches Verfahren. Die Annahme, dass z.B. das Verfahren „ein Bürger –> eine Stimme für eine Partei/für eine Person“ politische Gleichheit erzeugen könne, ist so naiv und so gründlich durch die Realität widerlegt, dass ich mir manchmal an den Kopf fasse, wie wir nach all dem, was wir politisch schon hinter uns haben, noch ernsthaft an diesem Verfahren festhalten können? Sehen wir nicht, was vor sich geht? Ist es uns wirklich völlig gleichgültig, dass der politische Einfluss so dermaßen ungleich zwischen uns als Bürgern verteilt ist, wie das momentan der Fall ist? Dass eine reine Parteienwahldemokratie eine sehr weitgehend undemokratische Sache ist, weil sie uns Bürger sehr weitgehend unterschiedlich großen Einfluss auf die Politik verschafft?

Werden die bestimmenden Menschen hingegen per Los aus der Bürgerschaft ausgewählt, hat jeder von uns die exakt gleiche Chance, Einfluss auf das Gemeinwesen zu nehmen. Ganz automatisch ist dann keiner von uns mehr politisch privilegiert, noch können sich jemals wieder politische Privilegien wieder neu herausbilden. Vor allem dann nicht, wenn man solchen gelosten Gremien Weisungsmacht und personelle Kontrolle über gewählte Berufspolitiker zukommen lässt. – Eine solche Lösung ist schlichtweg eins: Sie ist schlau.

Und sie ist auch nicht neu: In der ersten Demokratie der Menschheitsgeschichte wählte man genau diese Lösung, um politische Privilegien systematisch zu vermeiden.

Der Entspannungseffekt einer solchen Institution auf die Bürgerschaft ist gewaltig: Weil sich jeder sicher sein kann, dass kein anderer mehr ihm gegenüber bevorzugt wird, können alle auf entspannte Weise an der Politik teilnehmen. Jeder hat die Sicherheit, wirklich „die gleiche Stimmkraft“ zu haben. Jeder hat die Sicherheit mit seinen Anliegen gehört und vertreten zu sein.

Das gilt vor allem für den großflächigen Einsatz des Losverfahrens: Auf allen Ebenen und regelmäßig, als feste, verfassungsmäßige, demokratische Institution. Denn so werden wir alle regelmäßig zu Politikern. Nicht, weil wir uns darum „bewerben“. Nicht weil wir genügend Geld einsammeln, nicht weil wir besonders toll reden können und nicht weil wir irgendwie eine politische Hausmacht aufgebaut haben. Sondern schlicht weil wir Bürger sind. Alle gleichermaßen.

Der Kampfcharakter in der Demokratie wäre mit einem Male dahin. Eine entspanntere, konstruktivere, lösungsorientiertere und auch sachlichere politische Kultur würde sich mit einem Male breit machen. Die Bürger hören einander dann wechselseitig zu. Sie hören auch Experten zu Sachthemen offener zu. Weil jeder für sich und für das Gemeinwesen in der Politik da ist und nicht „für eine Partei“. Das ganze Agonale und Kompetitive wäre mit einem Schlag aus der Politik verbannt. Also genau dasjenige Moment, das derzeit verhindert, dass wir gemeinsam zu guten und sachgerechten und Lösungen kommen in unserer Politik. Politischen Lösungen, die von einem tieferen Verständnis getragen sind, was bestimmte politische Entscheidungen jeweils für ganz unterschiedliche Mitbürger in ihren alltäglichen Lebensvollzügen bedeuten. – Ich bin fest davon überzeugt, dass wir nach der Einführung des Losverfahrens auf allen politischen Ebenen rückwirkend nicht mehr verstehen können werden, warum wir das jemals anders gemacht haben. Oder warum wir das Losverfahren nicht bereits viel früher eingeführt haben. Wie wir ohne Einsatz des Losverfahrens jemals auf die Idee kommen konnten, unser momentanes politisches System „Demokratie“ zu nennen.

Warum wir darauf verzichten, vom Losverfahren großflächig Gebrauch zu machen, ist mir daher ein vollkommenes Rätsel.