Die unglaubliche menschliche Vielfalt, die die heutige Weltgesellschaft hervorbringt, ermöglich und aufrecht erhält, ist für uns alle nicht wahrnehmbar.

Zumindest so lange nicht, bis wir ihr im freien und offenen Gespräch begegnen.

Da jeder von uns in seiner eigenen gesellschaftlichen Blase lebt, in der er den meisten anderen Menschen dieser unserer Gesellschaft gar nicht begegnet, bleiben diese anderen und damit die ganze menschliche Vielfalt für ihn unsichtbar.

Wir glauben manchmal, dass uns Medien dabei helfen können, uns einen Zugang zu dieser Vielfalt zu erschließen, aber ich darf sagen: Das tun sie nicht. Nicht aus „Versagen der Medien“, sondern einfach, weil Medien dieses Erlebbar-Machen menschlicher Vielfalt gar nicht leisten können.

Diese Eindrücke gewinne ich durch meinen Beruf, in dem ich dieses ständige Teilweise-Verlassen meiner sozialen Filterblase habe, in dem ich tiefgehendere Gespräche mit allen möglichen Menschen dieser unserer Gesllschaft haben darf.

Oder wissen Sie, welche Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle, Pläne und Sorgen jener kenianische Unternehmer hat, der nach einem Studium in Europa von hier aus versucht ein großes Landwirtschaftsunternehmen in Kenia zu gründen? Oder wie es sich anfühlt, mit ihm offen zu sprechen? Wie er sich anfühlt im unmittelbaren, direkten Gespräch?

Oder jene Frau, die aus einem Öko-Unternehmen kommt, das ein deutscher Ingenieur gegründet hat, der im Ausland lebt, mit der Entwicklung mit Waffenentwicklungen reich geworden ist, und der jenes Unternehmen zur Entwicklung umweltfreundlicher Technologie als reine moralische Gewissensberuhigung gegründet hat. Die Folge: Das Unternehmen schrieb mehr als 20 Jahre keine schwarze Zahlen, es ist eine reine bezahlte Partyzone, weil der Zweck des Unternehmens für den Eigner durch seine pure Existenz erfüllt ist. Es muss nicht erfolgreich werden. – Wenn Sie jene Frau kennenlernen, die dort gekündigt hat, lernen Sie auch ihre Verzweiflung darüber kennen, dass sie dort Erfolg haben und etwas erreichen wollte, wo das nicht erwünscht war.

Oder jene fantastische rumänische Buchhalterin, die in ihrem Heimatland bereits viel Verantwortung getragen hatte, die von ihren rumänischen Freundinnen hier täglich belabert wurde, doch wie sie bei McDonalds als Burgerverkäuferin zu arbeiten.

Oder jener ägyptische Lagerleiter, der sich in eine Deutsche verliebt hatte, die in Ägypten Urlaub machte, in seinen jungen 20ern nach Deutschland kam, eine Familie gründete, und auch heute noch, nach gescheiterter Ehe und in seinen 50ern übersprudelt von unternehmerischer Loyalität, Leistungsbereitschaft und Freundlichkeit.

Oder jener über 60-jährige Schaltstellenleiter, der über Jahrzehnte hinweg das S-Bahn-Netz einer deutschen Großstadt mitverantwortet hat, in 3-Tages-Schichten. Ein Mann, der nebenberuflich Zauberkünstler ist, und der einem viel erzählen kann aus beiden Welten: Dem Wahnsinn der Organisation des öffentlichen Nahverkehrs, als auch darüber, dass das Zaubern vor Kindern viel schwieriger ist als vor Erwachsenen.

Oder jener langjährige Flugplaner von Airberlin, der dort Geschäftsführer hat kommen und gehen sehen, der einem die Hintergründe der Airberlin-Pleite aus der jahrzehntelangen Innensicht erzählten kann.

Oder jene Promovendin der Biologie, die von ihrem Doktorvater über 5 Jahre in den Wahnsinn getrieben wurde. Nicht aus Böswilligkeit. Sondern weil jener Mann so desorganisiert und desinteressiert war, dass er ihr ständig neue Überarbeitungsvorgaben für ihre Dissertation gab, die er dann in der nächsten Woche wieder vergessen hatte. Eine Frau, die nun einen Job in der Wirtschaft sucht, sich aber erst einmal psychisch von dem erholen muss, was diese 5 Jahre mit und aus ihr gemacht haben.

Oder jener ehemalige Vorarbeiter, ein echter „Leistungsträger“ in seiner Firma, der sich nie für etwas zu schade war, der immer alles gegeben hat und der heute daherkommt wie ein von der Bild-Zeitung erdachtes Hartz-4-Klischee. Ein Mann, dem die Arbeitswelt einmal zu viel den einmal zu dreckigen Stinkefinger ins Gesicht gehalten hat und der nun der Welt den Stinkefinger zurück zeigt.

Oder jener junge Mann, der sein ganzes Leben professioneller Rennfahrer werden wollte. Ein Typ, dem man es sofort abkaufen würde, wenn man ihn vor Kameras aus einem Formel-1-Wagen steigen sehen würde. Der aber leider nicht ins richtige Elternhaus oder an den Hockenheimring geboren wurde. Und der alles unternommen hat, um doch irgendwie im Rennsport Fuß zu fassen.

Oder jenen ehemaligen Crystal-Meth-Dealer aus Niederbayern, der nun einen regulären Job sucht. Der die ganze Betrietscherung durch Psychologen, Sozialarbeiter und Co. satt hat und einfach nur ein neues Leben will, raus aus dem Mist, einen Neuanfang.

Oder jenen ehemaligen Zeitsoldaten, der einem erzählen kann, wie es für ihn war, als bei einem Einsatz in Somalia die Kugeln um die Ohren pfiffen und Menschen um ihn herum zerfetzt wurden. Und der, wieder heimgekehrt, mit einem Orden und einem Schulterklopfen abgespeist, aber ansonsten allein gelassen wurde mit seinen Erfahrungen. Der einem erzählt, wie er in den Wald gefahren ist und dort symbolisch, seine Gefühle und einen Teil seiner Erinnerungen in einem Kästchen begraben hat.

Oder jene japanische Unternehmerin, die mit Anfang 20 für eine japanische Ladenkette einen großen Flagshipstore in einer deutschen Großstadt geleitet hat. Und die jetzt vor allem ihrem Freund dabei unterstützt, ein Restaurant in einer anderen deutschen Großstadt zu gründen.

Oder jene Frau, die über 40 Jahre Arbeit auf dem Buckel hat, zuletzt 30 Jahre bei einer Bank. Und die nicht mehr arbeiten muss und das Leben mit ihrem Mann genießen möchte.

Oder jener Mann, ebenfalls 30 Jahre beim letzten Unternehmen gewesen, der nun mit Anfang 60 noch einmal Arbeit sucht, weil er die Behanldung und Pflege seiner Frau zahlen muss, die schwer erkrankt ist. Ein Mann, den man zu jenen vielen „Säulen der Welt“ rechnen kann, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, der aber an seinen eigenen Belastbarkeitsgrenzen gekommen ist.

Oder jene Halb-Deutsche-halb-Russin, deren Eltern im Sowjektkommunismus nach Sibirien verschickt wurden, die dort aufgewachsen ist, aber nun schon langjährig in Deutschland lebt und ihre ganz eigenen Perspektiven auf beide Länder hat. Deren Kinder schon groß sind. Und die die Gelassenheit in Person ist.

Oder der ehemalige Sternekoch in mehreren Namhaften Restaurants, der über sein Alkoholproblem ins Straucheln geraten ist, der alles verloren hat, und der nun wieder als Koch arbeiten möchte. Einfach nur als Koch, ohne Renommee, ohne Allüren, einfach nur wieder im alten Beruf arbeiten.

Oder jener junge Mann, der nach einer ersten, mehrjährigen Berufsstation nun etwas Besseres sucht. Der sich nicht beklagt (wie so viele sich überhaupt nicht beklagen). Nicht darüber, dass er in seinem ersten Job nach Strich und Faden ausgebeutet wurde. Nicht darüber, dass sein erstes Unternemen wirklich mies organisiert war, dass die beiden Geschäftsführer sich spinnefeind waren, und dass derjenige, der formal sein Vorgesetzter gewsen ist, ein überheblicher Choleriker ohne Ahnung von und ohne Interesse für die Sache war. Ein junger Mann, der die Erfahrung mitnimmt und nun genauer weiß, worauf er im nächsten Unternehmen sehr genau schauen wird, bevor er sich darauf einlässt.

Oder, oder, oder… …ich könnte noch ewig so weitermachen und würde dabei bezogen auf jeden einzelnen Menschen immer nur vage andeuten, was ich im unmittelbaren Gespräch mit ihnen alles erfahren habe und wahrnehmen konnte. Meine Schilderungen: Auch sie sind alle nur Klischees. Weil weder Sprache noch Bilder echte Begegnungen mit Menschen transportieren können und was sich in ihnen alles ereignet.

Mit mehreren tausend Menschen bin ich so in den letzten Jahren über mehrere Stunden zusammengesessen, habe mir ihre Geschichten angehört, habe wahrnehmen dürfen, wie es sich anfühlt, ihrer Offenheit und ihren Meinungen unmittelbar ausgesetzt zu sein. Ich habe Fragen gestellt, auch von mir erzählt. Wir haben bewusst dasjenige Vertrauen zueinander entstehen lassen, das die Basis dafür ist, offen und ehrlich miteinander teilen zu können, was uns wirklich bewegt. Eine Offenheit, die es ermöglicht, miteinander wirklich gute, tragfähige Entscheidungen zu treffen und Handlungsmöglichkeiten zu finden. Möglichkeiten, die deswegen so stabil sind, weil sie nicht zwanghaft einen Teil der Wahrheit ausklammern. Die Möglichkeiten, die sich in der vertrauensvollen Offenheit finden lassen, sind stets besser als jene, die bestenfalls halb-informiert einfach losstiefeln, nur um dann von dem, was nicht gesagt wurde, unterwegs schmerzhaft eingeholt zu werden. Deswegen ist strategische Kommunikation so unergiebig: Sie führt dazu, dass beherzt schlecht informierte Entscheidungen getroffen und wenig tragfähige Lösungen umgesetzt werden. Wir Menschen zeigen und erzählen immer nur einen kleinen Teil, wenn wir mit strategischer Kommunikation konfrontiert sind. Wirklich zu spüren bekommt man andere nur in einem bewusst empathischen Setting.

Ganz offen: Ich wünsche all diese Erfahrungen jedem einzelnen Menschen. Sie verändert das eigene Bild von der Welt. Sie verändert auch das Bild, dass man der Menschheit an sich hat, genauso wie von den vielen verschiedenen „Arten“ von Menschen. Man wird misstrauisch gegenüber den Kategorien, die wir über andere Menschen bilden, wenn wir sie nur aus den Medien „kennen“. Oder nur aus gelegentlichen, flüchtigen Begegnungen, in denen keine Offenheit und kein echtes Interesse am anderen gegeben ist. Man merkt nur in der unmittelbaren Begegnungen und im etwas tiefergehenderen und offeneren Gespräch, was menschliche „Individualität“ heute eigentlich bedeutet. Wie groß die Vielfalt wirklich ist.

Auch aus diesem Grund bin ich ein Fan des demokratischen Losverfahrens: Ich finde, wir können nur dann gemeinsam auf gute Art „Gesellschaft machen“, wenn wir alle uns alle unmittelbar begegnen und im freien Gespräch der Gleichwertigen immer wieder neu kennen lernen.

Ich wünsche mir, dass deutlich mehr Menschen die Gelegenheit bekommen, „der ganzen Gesellschaft“ persönlich zu begegnen. Und damit der ganzen menschlichen Vielfalt, die unsere heutige Gesellschaft ausmacht, die für uns alle aber in unserem Alltag ungreifbar bleibt.

Eine Geselschaft, die das demokratische Losverfahren auf allen politischen Ebenen einführt, sorgt dafür, dass die Bürger als Bürger miteinander unmittelbar konfrontiert sind. Dass sie sich in die Augen schauen müssen, aber auch in die Augen schauen können, während sie gemeinsam miteinander Politik machen.

Dieses Institution sorgt dafür, dass eine völlig andere politische Kultur zwischen uns entsteht. Eine informiertere, gemäßigtere und lösungsorientiertere politische Kultur. Eine politische Kultur, in der jeder Gehör findet, in der aber auch jeder alle andern wirklich unmittelbar hören kann und einen unmittelbaren Eindruck davon bekommt, was bestimmte politische Entscheidungen für andere in ihren alltäglichen Lebensvollzügen wirklich bedeuten.

Ich kann mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, wie eine Gesellschaft mit sich selbst gut auskommen will, die auf diese Begegnungen verzichtet, die durch das demokratische Losverfahren hervorgebracht werden.

Es scheint mir ein Recht zu sein, dass wir alle erleben können, wie groß die menschliche Vielfalt heutzutage wirklich ist. Und möglicherweise ist es auch eine Pflicht, sich dieser Vielfalt heutzutage auszusetzen: Die Pflicht, sich dem Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst zur Verfügung zu stellen. Die Pflicht zu hören, wie es anderen geht. Und die Pflicht zu teilen, was das eigene Leben ausmacht und wie es vom Allgemeinen (den gemeinsamen Gesetzen) betroffen ist. Wie sich die allgemeine Politik ganz individuell auf einen auswirkt. Um von dort aus, aus diesem geteilten Wissen heraus, gemeinsam eine etwas bessere Politik hervorzubringen.

Es kann aber als sicher gelten, dass diese menschliche Vielfalt nicht mehr von alleine zusammenkommt. Ohne eine Institutionalisierung des demokratischen Losverfahrens, gammeln wir alle in unseren sozialen Filterblasen vor uns hin und träumen uns die anderen Menschen, mit denen zusammen wir eine Gesellschaft bilden. Und für diese nur geträumten Menschen, die aus Zahlen, Statistiken und Klischees bestehen, machen wir dann Politik. Dass solche Politik ein Alptraum ist, die glaubt, ohne das demokratische Losverfahren auskommen zu können, ist nicht sonderlich verwunderlich, wenn man mit den Vielen täglich zusammensitzt.

Die Demokratie, unsere Gesellschaft braucht fest institutionalisierte Lagerfeuer abseits unserer höchst verschiedenen Alltage. Politische Lagerfeuer, an denen wir uns in unserer ganzen Vielfalt direkt begegnen und unsere Lebenserfahrungen miteinander teilen. Nur so kann heute, im Zeitalter der menschlichen Vielfalt, gute Politik entstehen.

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