So wie wir Demokratie bisher organisieren, sieht sie wie folgt aus:

Die Bürger werfen wild irgendwelche Themen in den Ring (- und das tun sie durchaus nicht alle im gleichen Ausmaß). Berufspolitiker greifen dann diejenigen dieser Themen auf und machen sich auf diejenige Weise zu öffentlichen Anwälten dieser Themen, die ihnen am wahrscheinlichsten eine Wahl ihrer Person oder ihrer Partei zu garantieren scheint. Der niemals endende Wahlkampf ist das bestimmende Moment in einer solchen politischen Unordnung.

Ein Zusammenhang zwischen dem, was uns als Bürger politisch jeweils gerade wirklich wichtig wäre und dem, was dann politisch beschlossen wird, besteht dabei nur der Behauptung nach. Faktisch gibt es keinerlei Zusammenhang. Und das ist auch niemandes Fehler oder „Versagen“. Sondern eine einfache Auswirkung dessen, dass auf diese Weise niemals ein Zusammenhang zwischen dem entstehen kann, was den Bürgern wichtig ist und was politisch entschieden und umgesetzt wird.

Politik auf diese Weise zu organisieren ist chaotisch, zufällig und anhaltend frustrierend. Tief frustrierend für alle Beteiligten. Diese Art der Organisation von Politik ist frustrierend für die Bürger genauso wie für die Berufspolitiker. Und sie ist frustrierend sogar für Interessengruppen, von denen man immer behauptet, zumindest sie würden von so einer Organisation von Politik profitieren.

Wäre es nicht viel klüger, wir würden zunächst einmal die Bürger selbst untereinander klären lassen:

a) Was ist ihnen überhaupt gerade politisch wichtig? Welche Themen gehören aus der Wahrnehmung des Souveräns auf die Agenda?

b) Was genau sie bei dem, was ihnen politisch gerade wichtig ist, überhaupt gemeinsam wollen? Was genau ist überhaupt gerade der Wille der Bürger bei Thema XYZ?

Auf diese Weise könnten gewählte Berufspolitiker einen geklärten und eindeutigen Auftrag der Bürgerschaft aufnehmen und politisch handwerklich umsetzen, anstatt wild spekulieren zu müssen und sich gar nicht so wirklich darum scheren zu können, was die Bürger überhaupt wollen.

Anhaltende politische Gestaltungslust würde ständigen politischen Blockade-Frust ersetzen. – Eine deutlich befriedigendere Demokratie wäre die Folge.

Der einzige Nachteil, den ich erkennen kann bei dieser besseren Art, Demokratie zu organisieren: Er würde uns als Bürgern allen gleichermaßen einen höheren politischen Zeitaufwand abverlangen: Dass wir – wenn das Los auf uns fällt – uns für einen kurzen, überschaubaren Zeitraum von unseren privaten Lebensvollzügen losmachen und gemeinsam den Raum des Politischen betreten. Um ihn gemeinsam zu gestalten.

Ich denke, eine gut organisierte Demokratie ist nur zu diesem Preis zu haben. Verschonen wir uns als Bürgerschaft weiterhin von Politik, überlassen wir sie ganz und gar gewählten Berufspolitikern, die heutzutage davon nur völlig überfordert sein können, wird immer nur jenes wilde Gemurkse herauskommen, das wir derzeit beobachten und seit langen Jahren erleiden. Auch an überflüssiges Leiden kann man sich gewöhnen. Bei uns als Einzelpersonen ist es so, dass wir uns dann oft erklären, dieses oder jenes Leiden sei einfach unvermeidlich.

Außenstehende Menschen sehen aber meist sehr klar: Wir behaupten hier nur deswegen, dass das Leiden unabänderlich ist, weil die Einsicht in die Änderbarkeit überaus schmerzhaft wäre. Viel schmerzhafter als das bereits lieb gewohnte Leid. Diese Einsicht ginge einher mit dem Realisieren, dass man schon die ganze Zeit über sein Leben mit völlig unnötigem Aufwand belastet und bedrückt hat. Dass das bisher tapfer erduldete Leiden schlichtweg sinnlos war. Menschen von Außen können einem helfen, diesen Schmerz auszuhalten und dadurch alte, ungute Gewohnheiten loszuwerden.

Kleines Problem: Bei Gesellschaften und politischen Ordnungen gibt es dieses Außen nicht.

 

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