Einer der interessantesten Aspekte an der (Nicht-)Mechanik der menschlichen Bedürfnisse besteht darin, dass eigene Bedürfnisse genauso wie Bedürfnisse anderer Menschen „von außen“ in unser Bewusstsein eindringen.

Wir erleben das, wenn wir z.B. „plötzlich merken“, dass wir hungrig, müde, gelangweilt, angeekelt, genervt, erfreut, etc. sind.

Menschliche Bedürfnisse, bzw. ihre Wahrnehmung über Gefühle sind für unser Bewusstsein zunächst „Störungen“.

Störungen, die die Aufmerksamkeit und die Arbeitsweise unseres Bewusstseins verändern sollen. Und zwar so, dass sie unsere Handlung neu und anders ausrichten – Bis eben das entsprechende Bedürfnis befriedigt ist.

Diese vergleichsweise „mechanische“ Betrachtungsweise der internen Abläufe in uns als Menschen wird dadurch gebrochen, dass durchaus auch der umgekehrte Vorgang möglich ist – Und im Grunde ständig passiert:

Wir sind zu beliebigen Assoziationen zwischen Handlungsstrategien und „Bedürfnisaktivierungen“ fähig. In der Regel vermittelt durch andere Menschen, mit denen wir Positives verbinden (die wir bewundern, von denen wir uns gemocht oder geliebt fühlen). In diesem Sinne gilt: „Jeder andere Mensch ist für uns ein potentielles Tor zu (für uns) neuen Welten“.

Diese willkürlichen (im Sinne von: „Könnten auch völlig anders sein“) Verbindungen zwischen Handlungsstrategien und Bedürfnissen können gesellschaftlich stabilisiert sein, d.h.: Viele Menschen teilen sie (in der Regel via Sprachen) miteinander und bestätigen sich wechselseitig darin, dass es sich um keine willkürlichen Verbindungen handele, sondern um notwendige. Es sind dann in unserem subjektiven Empfinden „natürliche Verbindungen“.

In diesem Sinne hat man oft von der Kultur als „zweite Natur“ für uns Menschen gesprochen.

Das ändert aber nichts daran, dass Kultur selbst willkürlich durch uns veränderbar ist. Vor allem dann, wenn die willkürlich stabilisierte Assoziation von bestimmten Handlungsstrategien und bestimmten Bedürfnissen (= Kultur) dysfunktional für uns geworden ist.

Das ist genau dann der Fall, wenn für uns wichtige und nicht ewig aufschiebbare Bedürfnisse durch bestimmte, kulturell stabilisierte Handlungsstrategien dauerhaft unbefriedigt bleiben.

Man könnte auch sagen: Unser eigentliches Wesen als Menschen, das sind unsere Bedürfnisse. Sie bilden den Kern alles unseren Denkens und Handelns. Widersprechen Denken und Handeln dauerhaft dem unabwendbaren Imperativ der Bedürfnisbefriedigung (richten sich also Denken und Handeln gegen das Leben selbst), dann entstehen daraus Kräfte, die auch genormte, kulturell stabilisierte Handlungsstrategien in Frage stellen können, die uns bis vor kurzem als „natürlich“ oder „notwendig“ oder „unabänderlich“ erschienen sind.

Bedürfnisse sind die unhintergehbare Größe im menschlichen Leben. Wir können (als erwachsene Menschen) sie eine Zeitlang aufschieben, wir können sie verdrängen, wir können mit ihnen spielen und verschiedenste Strategien zu ihrer Befriedigung ausprobieren. – Aber wir können uns nicht völlig von ihnen entkoppeln.

Tun wir das, handeln wir also so, als seien wir „unbedürftige Wesen“ (i.e. die altgriechische, technische Definition eines „Gottes“), zahlen wir immer einen hohen Preis.

Unser Leben selbst ist etwas Unverfügbares für uns. Wir können es negieren. Aber nie lange und dauerhaft. Es legt uns nicht fest auf bestimmte Experimente, ihm gerecht zu werden. Aber es legt uns darauf fest, dass wir an bestimmten Experimenten, die ihm dauerhaft nicht gerecht werden, nicht dauerhaft festhalten können, sondern dann zu neuen Experimenten übergehen müssen.

Man könnte das in Anlehnung an Popper „Praktisches Falsifikationsprinzip des menschlichen Lebens“ nennen.

Menschliche Bedürfnisse bilden eine Art Orientierung oder Kompass für das menschliche Handeln. Allerdings nicht in einer einfachen „Ein Problem – Eine Lösung“-Verbindung, sondern in einer viel komplexeren Form. Diese komplexere Form lautet skizzenhaft in etwa: „Viele Probleme gleichzeitig – Viele verschiedene mögliche Lösungen zu jedem einzelnen Problem davon“.

Das ist das Nicht-Mechanische daran. Und das ist auch der Grund, warum unsere Bewusstsein ständig von unseren Bedürfnissen (und denen anderer Menschen) verwirrt ist. Unser Bewusstsein versucht feste Ordnung in eine Struktur zu bringen, die überhaupt keine feste Ordnung verlangt, sondern eher Achtsamkeit, Neugier und die Bereitschaft zu ständigen sinnvollen Experimenten, mit denen wir unsere eigenen Gewohnheiten durchbrechen. „Sinnvoll“ heißt hier: Mit ständiger Überprüfung, ob die Experimente auch unseren vielfältigen Bedürfnissen einigermaßen gerecht werden. – Das ist unserem Bewusstsein zu aufwändig und anstrengend. Denn das Bewusstsein ist auf Ökonomie angewiesen und daher auf Gewohnheiten, Denkschubladen, Fixierungen. Eine Gewohnheit bedeutet: „Ich hinterfrage diese Verbindung zwischen meinen Handlungsstrategien und menschlichen Bedürfnissen gerade nicht, sondern gehe einfach mal aus, dass das im Großen und Ganzen gerade schon so passt.“

Gewohnheiten sind auf der individuellen Ebene das, was auf der gesellschaftlichen Ebene „Kultur“ oder eben „Institutionen“ sind.

Und es gibt immer auch „schlechte Gewohnheiten“, die von ihrer Leistung, unsere Bedürfnisse auf die relative best mögliche Art zu befriedigen, hinterfragt werden können. Liegen menschliche Bedürfnisse all zu lange all zu sehr brach, dann werden sie meist auch hinterfragt. So gut wie immer, mit kleinen, tödlichen Ausnahmen.

Will man hinterfragungswürdige Institutionen reformieren, so kann man das nur von den dauerhaft unbefriedigt bleibenden Bedürfnissen derjenigen Menschen tun, die diesen Institutionen ausgesetzt sind und die diese Institutionen erschaffen haben und am Leben erhalten. – Kultur (= Abstellen auf Gewohnheiten, Nicht-Infragestellung von Institutionen) und Demokratie (= Systematisches, ständiges Infragestellen von Gewohnheiten und Institutionen) befinden sich dabei in einem dauerhaften Spannungsverhältnis zueinander.

Dabei geben die Bedürfnisse der Menschen zwar nicht die Richtung der Reform-Experimente vor, sie sind aber dennoch das bleibende Kriterium dafür, ob eine Reform „gelungen“ oder „misslungen“ ist. Denn der Anspruch jeder institutionellen Reform ist der, dass das „Gesamtbefriedigungsniveau“ menschlichen Zusammenlebens nach der Reform höher ist als vorher. – Und das lässt sich eben nur am Menschlichen messen. Genauer: Es lässt sich nur am Innenleben der Menschen jener Gesellschaft messen.

Daher sind menschliche Gefühle – als äußerbare Signale über aktuelle Grade menschlicher Bedürfnisbefriedigung – politisch relevante Größen, die in unserer Politik besser nicht ignoriert werden, sondern systematische Berücksichtigung finden können. Die Demokratie ist jene Staatsform, die den Anspruch hat, genau das zu tun: Ständig institutionelle Experimente zu wagen und mit kulturellen Gewohnheiten zu brechen.

Die Demokratie kann das, weil sie – anders als alle anderen Staatsformen – einen inneren Kompass hat, mit dem sie sich beständig aktiv verbindet: Die Gefühle der Bürger, die bewusst in den politischen Prozess eingebracht werden, als Auskünfte über aktuelle Befriedigungsgrade, die mit den jeweils gerade gegebenen gesellschaftlichen Institutionen erreicht werden.

Indem die Demokratie die Bürger, alle Bürger durch das demokratische Losverfahren aktiv in die Politik bringt und damit politische Maßnahmen an die Befriedigung, die sie ermöglichen, rückkoppelt, ermöglicht sie sehr viel offensivere und mutigere institutionelle Experimente als sie in anderen Staatsformen gewagt werden können, denen eine solche systematische Rückkopplung ans Menschlich-Allzumenschliche fehlt.

Wer gut innerlich verbunden ist, kann im Außen deutlich mehr ausprobieren. Weil er sich darauf verlassen kann, schnelle Rückmeldung zu bekommen, ob er sich gerade auf einen potentiell tödlichen Irrweg begeben hat oder ob er sich auf dem Weg in eine Region voller neuer, ungeahnter, lustvoller Möglichkeiten befindet.

Das gilt für ganze Gesellschaften ganz genauso wie für einzelne menschliche Individuen.

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