Bei allem, was mich an der politischen Philosophie des Thomas Hobbes stört, bin ich wohl auch heute noch mindestens zu einem Drittel „Teilzeit-Hobbesianer“. Das liegt schlicht und einfach daran, dass Hobbes zwei für alle produktive Politik entscheidende Einsichten in aller Deutlichkeit wahrgenommen und erstmals mit vielen Details dargelegt hat:

1) Unproduktive Konflikte

Bestimmte Formen von Konflikt, Konflikte die nicht von Beziehungen getragen sind, sind unproduktiv für die Politik. Sind wir Menschen mit solchen Konfliktsituationen konfrontiert, beginnen wir systematisch in den Konflikt zu investieren. „Wir rüsten uns“. Diese Energie, die wir unter solchen Bedingungen in den Konflikt stecken (müssen), fehlt dann produktiveren, kooperativeren gesellschaftlichen Prozessen. Solche Konflikte bringen nichts voran, sie vernichten nur Energie, Leben und Lebensqualität. In solchen Konflikten wird nichts besser, aber vieles Gute kann dann nicht mehr zum Tragen kommen.

Hinzu kommt der Mechanismus, dass der, der für den Konflikt gerüstet hat, diesen Konflikt dann auch austragen will. Ist ein bestimmtes Konfliktniveau einmal etabliert, beginnt es, sich selbst zu nähren. Individuell meist gerechtfertigt dadurch, „dass man ja angegriffen worden sei und sich ja nur verteidige“. All das findet sich bei Thomas Hobbes bereits im Detail analysiert. Hobbes beschreibt auch schon die meisten Konsequenzen beschrieben, die ein solchen Konfliktniveau für uns als Menschen hat. „Unbeteiligte“ gibt es in solchen Konflikten nicht, höchstens als Illusion oder als Träumerei, die dem unguten Zustand entfliehen und so ein wenig Linderung verschaffen will. Konflikt wird zu einem Strudel, der alles in sich hineinreisst. Der Kriegszustand wird allgemein, zu einer Normalität, auf die sich alle einstellen und an die wir uns alle anpassen.

Folgt man Hobbes, wird man Politik in einer liberalen Gesellschaft, die sich durch  nicht stark belastbare, lose Beziehungen auszeichnet, bewusst auf nicht konflikthafte Weise organisieren. Zumindest nicht so, dass einander feindselig gegenüberstehende Parteien in der Bürgerschaft entstehen. Konflikte ohne Beziehungen, die sie tragen und halten, sind immer ungut für menschliche Kooperation und damit auch immer unproduktiv für eine Gesellschaft.

Alles wird dann zum potentiellen strategischen Schachzug in einem ewigen Kampf, der alle anderen gesellschaftlichen Vorgänge überlagert. Jeder von uns muss dann annehmen, dass das was der andere tut, nur aus dem Grund geschieht, sich uns gegenüber besser zu stellen. Ganz so wie es in einem Krieg ist. Nur dass wir hier dann eben von einem „Krieg aller gegen alle“ sprechen. Gute Beziehungen, die immer von nicht-naiven Wohlwollens-Unterstellungen leben, sind in einer solchen Gesellschaft die heroische Ausnahme. Wohlwollen und gute Beziehungen sind einfach nicht erwartbar. Und was nicht erwartbar ist, hat es immer schwer im Entstehen. Die Gesellschaft dichtet sich sozusagen selbst ab gegen die Möglichkeit guter Beziehungen. Schlechte Beziehungen werden systemisch. Die Unterstellung von Wohlwollen wird dann tatsächlich sehr real und spürbar zu einer Naivität, die man sich besser so schnell wie möglich abgewöhnt.

Statt Cortisol-senkenden Beziehungsformen haben wir dann Beziehungen, die die Cortisol-Ausschüttung bei uns allen ankurbeln. Und das als Dauerzustand. Dazu, dass vor allem die Qualität unserer alltäglichen Beziehungen unseren Cortisol-Grundlevel regelt, findet sich bemerkenswerterweise auch in schlauen Ratgeber-Artikeln nichts. Nach Hobbes, mit Hobbes und gegen Hobbes hat sich eine Psychologie für Asoziale ausgebreitet und flächendeckend in unserer Gesellschaft durchgesetzt.

Es stresst uns als Menschen, in so einer Gesellschaft zu leben. Es bringt unsere schlechtesten Seiten systematisch zu Vorschein und kultiviert sie geradezu.

2) Gestaltbarkeit der politischen Institutionen

Hobbes geht dabei über die reine Problemanalyse hinaus und bietet eine systematische Antwort an, die beansprucht, unproduktive Politik in produktive Politik umwandeln zu können, zermürbenden Dauerkonflikt in eine gemeinsame Arbeit an Lösungen, die für alle Beteiligten funktionieren oder zumindest von allen mitgetragen werden können, ohne dass sich darüber ständig neuer, mörderischer Konflikt entfacht:

Es sind unsere Institutionen, mit denen wir uns selbst auf Konflikt oder auf Kooperation polen. Es sind unsere Institutionen, mit denen es wir uns ermöglichen, einander unsere besten oder unsere schlechtesten Seiten zu zeigen. – Und dann eben auch fest damit rechnen zu können, wie uns andere Menschen begegnen werden, so dass wir uns darauf selbst einstellen können. Vermittelt über unsere Institutionen pegeln wir also das ethische Niveau in unserer Gesellschaft. Und nicht über moralische Appelle an uns als Einzelne, außer wir wollen solche Appelle selbst als Institution verstehen, die dann jeweils drastische Folgen für uns haben, wenn wir ihnen nicht nachkommen.

Moralisiererei ist immer eine halbe Bedrohung mit Verachtung, Ausschluss von Kooperation, wenn nicht mit Tod: „Und bist Du nicht willig (so wie ich das will), so bist Du der Kooperation unwürdig und gehörst Du fortan nicht mehr dazu!“ Moral ist die Vorstufe einer Kriegserklärung, mit der wir den anderen rechtzeitig auf Linie zu bringen versuchen, so dass wir uns die Gewalt selbst sparen können. Aus diese Grund kommt Moral so schlecht an bei uns, wenn sie nicht von einer Beziehung getragen wird, die unverbrüchlich ist. Produktiv ist Moralkommunikation nur dort, wo der verlässliche Nicht-Ausschluss von Beziehungen überdeutlichst mitkommuniziert wird.

Hobbes glaubte in seiner Zeit die fehlende Wirksamkeit von Moral und Individualethik zu beobachten: Sie verhinderten die Bürgerkriege nicht, die seine Zeit erschütterten. Er nahm auch an, dass es sich um ein universelles, überzeitliches Phänomen handele, die mit unserer Natur als Menschen verknüpft sei. Sein Grundeinwand gegen die aristotelische Tugendethik oder (vorwegnehmend) die kantische Pflichtenethik ist konsequentialistischer Natur: Sie funktioniert nicht. Die Individualethik ist wirkungslos gerade dann, wenn es am meisten auf sie ankommt. Und darüber verzweifeln wir wieder und wieder. Wir zweifeln dann am Menschen, an der Welt, an der Gesellschaft, an Gott (wenn wir vorher einen hatten). Angesichts des Ausmaßes an Gewalt, Bosheit und fehlender Empathie, zu denen wir alle fähig sind, scheint uns dann alle Hoffnung verloren. Dieser Verzweiflung entzog sich Hobbes, indem er keine individualethischen, sondern institutionenethische Konsequenzen aus den beobachtbaren, regelmäßigen Bürgerkriegen zog, mit denen wir uns immer wieder wechselseitig heimsuchen.

Mit geigneten Institutionen gewinnen wir Menschen unsere Handlungsfähigkeit zurück. Wir ermöglichen es uns, auf einander auf andere Weise Einfluss zu nehmen als durch wechselseitige Bedrohung, Strafe und Belohnung. Nach Hobbes haben wir daher als Menschen vorwiegend nicht die Verantwortung für unser Verhalten als Einzelne, sondern wir haben vorwiegend Verantwortung dafür, welche Institutionen wir haben, mit welchen Verhalten wir unser Verhalten kollektiv formen. Qua Institutionen polen wir uns entweder auf Konflikt oder auf Kooperation. Die Individualethik macht Sinn nur auf der Grundlage einer funktionierenden Institutionenethik, die ihren Job macht. Ohne Institutionenethik brauchen wir keine Ethik mehr. Dann brauchen wir möglichst durchschlagskräftige Waffen und möglichst dick gepanzerte Bunker.

Politische Institutionen arbeiten entweder an der Kultivierung unserer kriegerischen Neigungen und Tugenden, oder sie arbeiten an der Kultivierung unserer Kooperationsfähigkeit und Möglichkeiten, Einsicht in die Lebensvollzüge unserer Mitbürger zu gewinnen und darüber neue politische Lösungen zu entdecken. Viele dieser innovativen politischen Lösungen sind für uns überraschend, ungeahnt und unerwartet. Sie leben von einer einerseits unbegründeten, andererseits sich stets erfüllenden Hoffnung: Dass im Konflikt selbst bereits die neuartige Lösung liegt, wenn wir institutionell die Möglichkeit geschaffen haben, uns einander in nicht-feindseliger Weise zuzuwenden.

Hobbes ist also einer der ersten systematischen Institutionenethiker der Menschheitsgeschichte. Und dieser Verdienst bleibt ihm aus meiner Sicht, gleich was man sonst alles an ihm auszusetzen hat.

 

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