Was war, bevor Demokratie war?

Auch wenn die Unterschiede beinahe in jeder Hinsicht gewaltig sind: Mich persönlich beschwingt die Beschäftigung mit der ersten Demokratie der Weltgeschichte. Wahrzunehmen, was genau anders war. Aber auch, was möglicherweise zu unserer heutigen gesellschaftlichen Situation nicht ganz unähnlich ist. Vor allem aber beschäftigt mich die Frage, wie es überhaupt dazu kam, dass erstmals eine Demokratie (im engeren Sinne des Wortes) entstand? Was waren die besonderen Umstände? Die besonderen Triebfedern dieser Entwicklung? Was waren die Absichten und Gründe derjenigen Menschen, die sich erstmals demokratische politische Institutionen schufen?

Mit diesen Fragen finde ich mich immer wieder einig mit dem Historiker Christian Meier. Wie es ja oft eher die gemeinsamen Fragen sind, die uns einander besonders nahe bringen, und weniger die gleichen Antworten.

Auch Christian Meier scheint die Frage nach den ganz besonderen Umständen der Entstehung der ersten Demokratie anhaltend beschäftigt zu haben. Immerhin hat er einen ganzen Haufen Aufsätze und ein ganzes Buch zu genau diesem Thema verfasst.

Bei aller Komplexität und Erwägung aller möglichen Faktoren, die Meier anführt, kann man doch herauslesen, dass es seiner Ansicht nach vor allem eine Besonderheit war, die die Entstehung der Demokratie bei den Griechen begünstigte: Dass sich bei den „archaischen“, vor-klassischen Griechen keine Monarchie herausbildete, wohl auch gar nicht herausbilden konnte. Anders als in beinahe allen bekannten Hochkulturen vorher und nachher, die über einen längeren Zeitraum eine bestimmte Region prägten und dominierten, bildete sich kein „Reich“ heraus, kein „Königtum“, dessen Herrschaft dann jeweils religiös-theologisch abgesichert wurde, wie das für die damalige Zeit vollkommen üblich war. Wohl kannte man die „Tyrannis“ in einzelnen Städten. Doch solche politische Versuche blieben an Einzelpersonen gebunden, damit instabil und wurden nur in den allerseltensten Fällen „vererbt“. Und wenn, dann nicht über mehrere Generationen hinweg.

Meier spricht in diesem Zusammenhang auch immer wieder von der fehlenden „Disziplin“ bei den archaischen Griechen. „Herrschaft“ erschien ihnen mit den für Herrschaft notwendigen Anstrengungen kaum erstrebenswert. Ihr überaus ausgeprägter Ehrgeiz und Wettbewergsgeist richtete sich auf anderes. V.a. auf persönlichen Ruhm vor der „Griechenheit“, also vor einer unpolitischen Öffentlichkeit, die alle antik-griechischen Stadtstaaten (Poleis) umspannte und vereinte. Und denjenigen Ruhm, der ihre Energien band und kanalisierte, den konnte man in dieser Öffentlichkeit mit ganz Anderem erringen als dadurch, dass man sich zur Alleinherrschaft aufschwang, alle anderen unterwarf und ein „Reich“ begründete. Es ging ihnen „mehr um Rang als um Macht“ schreibt Meier (z.B. „Athen“, S. 135). Herrschaft und Monarchie waren es für die archaischen Griechen in ihrer emotionalen Kosten-Nutzen-Rechnung schlicht nicht wert, was man für sie aufwenden musste. Das gilt nicht nur für das, was man tun musste, um sie zu erringen, sondern mehr noch für das, was man tun musste, um sie zu erhalten. Es gab für die archaischen Griechen viel Besseres als Herrschaften zu errichten…

Auch wenn Sparta in Vielem eine Ausnahme zu dem hier Gesagten bildete, ist gerade diese Ausnahme das, was den Umstand fehlener Ausbreitung von Monarchien um so erstaunlicher macht: Den anderen Griechen schienen in ihren zahllosen Poleis das Beispiel der Spartaner offenbar nicht gerade nachahmungswürdig. Die Möglichkeiten, die die griechische Allgemeinkultur im vor-klassischen Zeitalter der prägenden Adelsschicht bot, waren zu vielfältig und affektbindend, um Sparta attraktiv zu finden.

Aus heutiger Sicht wirkt alles an dieser Kultur merkwürdig und paradox: Es gab zwar eine dominierende Adelsklasse, aber sie lebte miteinander egalitär und in sich ständig neu ausbalancierenden Gleichgewichten. Die Adelsklasse setzte sich von den Normalbürgern in den Poleis ab, blieb ihnen aber zugleich auch merkwürdig verbunden Es gab wohl eine klasseübergreifend geteilte Kultur und Solidarität innerhalb der Städte, zumindest zwischen „den freien Männern“. Es gab Abstiege aus und Aufstiege in den Adelsstand. Es braucht viel Fantasie, um in sich heute ein Gefühl aufzubauen, wie diese Unterschiede wohl für die damaligen Menschen dagewesen sein mögen. Wie sie sich angefühlt haben. Was den Menschen in ihrem Alltag wirklich wichtig war und was Selbstverklärung durch sie selbst oder rückwirkende Verklärung durch uns Heutige ist. Und natürlich muss man dabei heute ständig über seinen eigenen Moralischen drüber, dass man sich gerade mit einer frauenverachtenden, sklavenhaltenden Krieger- und Räuberkultur auseinandersetzt. Dass der Begriff „Mensch“ von den antiken Griechen nicht in dem Sinne gebraucht wurde, wie wir ihn heute verwenden, so dass es fragwürdig wird, was wir meinen, wenn wir von „den damaligen Menschen“ oder „den Griechen“ sprechen. Unsere modernen, teilweise deutlich höheren Anforderungen an eine Demokratie scheinen überall durch.

Trotz alledem kann man es bemerkenswert finden, dass diejenigen Menschen, die zwischen sich erstmals eine Demokratie errichteten, eine gleiche politische Herrschaft aller Bürger, vor diesem Schritt offenbar ein Haufen eigensinnige Ehrgeizlinge waren, ein Pack aristokratischer Halb-Anarchisten sozusagen.

Das Rätsel der Entstehung der attischen Demokratie fasst Christian Meier in eine doppelte Frage:

1.) Wie konnte eine eigene, formstabile Kultur ohne politische Stabilisierung durch eine Monarchie entstehen? (nach Meiers Ansicht gibt es in der Altertumsgeschichte kein anderes, ähnliches Beispiel für so einen Vorgang)

2.) Wie konnte die Entstehung des Politischen bei den Griechen, da es nicht von einem Monarchen oder vom Adel ausging, von den breiten Schichten her erfolgen? (das war die entscheidende zweite Voraussetzung für die Entstehung der antiken Demokratie)

Nach ausführlicher Ausbreitung seiner Antworten auf die erste Frage und im Übergang zu Antworten auf die zweite Frage gibt es in Meiers „Athen“ eine für mich sehr spannende Passage, die ich daher hier in ihrer ganzen Länge anführe:

„DIE GRIECHEN standen beim Versuch, ihre Gemeinwesen zu disziplinieren, vor eigenartigen Schwierigkeiten. Schließlich ist das Ganze einer Ordnung nach tieferen Erschütterungen sehr viel leichter in einem Willen zu gründen, als dass viele auf ein Ganzes verpflichtet werden können, das nirgendwo ist als in und zwischen ihnen. Wenn im einen Fall der Monarch als Quelle alles öffentlichen Handelns das System funktionieren lässt, müssen im andern Regeln und Institutionen erdacht und eingeführt werden, die von selbst funktionieren und in gewissem Sinne selbst die Quelle politischen Handelns zu sein haben. Es muss ein irgendwie geartetes Allgemeines in ihnen zum Handeln gebracht werden, ein Drittes, das oberhalb von allen ist, ohne dass es eine Instanz über ihnen gäbe. Und es muss mächtig sein, wenn es die Einheit in der konkreten Vielheit, die sie darstellen, zu schaffen imstande sein soll.

Wie aber fängt man die starke Diskrepanz zwischen den individuellen Interessen und dem Allgemeinen auf, die unter vielen herrschen muss? Wie bringt man sie dazu, in der Konkurrenz, im Konflikt ihrer Interessen jenes, das sie miteinander gemeinsam haben, stark und handlungsfähig zu machen?

Hier lag die Rolle des politischen Denkens, ohne das die griechische Demokratie kaum hätte entstehen können. Die Griechen hatten ja keine Griechen vor sich, von denen sie hätten lernen können, dass so etwas wie Demokratie überhaupt möglich war. Die kannten keine „bürgerliche Öffentlichkeit“, keine Universitäten. Während der Usurpator eine Stellung zu gewinnen sucht, die es schon gibt, musste hier allererst die Stellung selbst ausgedacht werden, die das Volk dann einnehmen sollte. Nicht auf einmal, sondern allmählich, aber doch so, dass stets gewisse Antizipationen erfolgten, damit die Ziele einigermaßen klar waren.

In diesem Zusammenhang entstand endlich ein Denken und Handeln, das sich auf die Form der Polis richtete. Hier ging es nicht einfach um Ausleben, Weitermachen und Stabilisieren vorhandener Eigenart, sondern um bewusste, tiefe Eingriffe. Das politische Vakuum sollte gefüllt werden.“

(„Athen“, S. 170)

Warum erscheinen mir diese Fragen, die Meier an die Geschichte Athens stellt und an die Entstehung der ersten, antiken Demokratie, überhaupt so bemerkenswert?

Ganz einfach: Weil sie eine frappierende Ähnlichkeit mit den Fragen haben, die ich mir nun schon länger in Bezug auf unser eigenes, heutiges Gemeinwesen stelle. Also in Bezug auf ein Gemeinwesen, das doch so ganz anders ist. Das doch so ganz andere Voraussetzungen und Gegebenheiten hat als der Stadtstaat von ein paar sklavenhalterischen altgriechischen Hanseln.

DAS erscheint mir bemerkenswert. Dass so verschiedene Zeitalter und Gesellschaften derart ähnliche Fragen hervorrufen, ist eigentlich nicht zu erwarten. Für mich jedenfalls war das eine echte polit-historische Überraschung. Ich hatte nicht erwartet, dass das vordemokratische Athen eine derart relevante Inspirationsquelle sein könnte für die institutionellen Reformen, vor denen wir heute stehen. Nicht in diesem Ausmaß.

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Über Gastarbeit und Tourismus – (Wie der Gast zum Mitbürger wird)

Wir leben in einer Gesellschaft, die so neu ist, dass ihr die Begriffe fehlen, ihre eigene Neuartigkeit zu erfassen.

So bleibt uns nur eine Annäherung über vereinzelte Beispiele, um das Neuartige, das wir selber sind und selber leben, halbwegs in unser Bewusstsein zu bekommen.

Dazu gehören z.B. auch die sich wechselseitig spiegelnden Phänomene der „Gastarbeit“ oder des „Tourismus“. Es fehlt mir persönlich die Zeit, die Kraft und – offen gesprochen – auch das Interesse, historische, ethnologische, soziologische und psychologische Studien zur Kenntnis zu nehmen, die zu beiden Phänomenen existieren.

Ich kann daher nur dreist behaupten, was andere dann leicht überprüfen und korrigieren mögen:

Dass beide Phänomene, in ihren Formen und in ihrer Ausbreitung völlig neuartig und einmalig sind in der bisherigen Menschheitsgeschichte.

Die Gastarbeit

Dass Massen an Menschen als Einzelne, nicht als große Familienverbände oder politische Einheiten, sich regional und global auf Wanderschaft begeben und von den Menschen, die dort derzeit ansässig sind, bewusst nur eine Teil-Integration erfahren (die z.B. politische Mitbestimmungsrechte & -pflichten bewusst ausschließt), ist mir von unserer Gegenwart in dieser Allgemeinheit und diesem Ausmaß bekannt.

Das antike Griechenland kannte zwar bereits „Metöken“ („Haushalts-Mitbewohner“) und bereits zu dieser Zeit wie auch später warb man in den unterschiedlichsten Gesellschaften um fähige Handwerker oder Menschen mit anderen, bestimmten Fähigkeiten. Häufig für die Kriegsführung. Oder aus taktischen Erwägungen in innenpolitischen Machtkämpfen. Auch die gezielte Ansiedelung ganzer Massen von Menschen in bestimmen Landstrichen hat es immer wieder gegeben. Ebenfalls aus den unterschiedlichsten Gründen. – Doch das, was wir heute „Gastarbeit“ nennen, ist spezifisch modern und ein überaus spannendes Phänomen, an dem sich viele Besonderheiten der heutigen Weltgesellschaft ablesen lassen.

Wir sind heute an einem Punkt, an dem sowohl die Quantität in die Qualität der Beziehung umschlägt, als auch an dem die Qualität der so gestifteten Beziehung Folgen für die mögliche Quantität der als zeitlich begrenzt gedachten Arbeitsmigration hat. Beides lässt Fragen aufkommen, die ursprünglich (zu Beginn der arbeits-bezogenen Auswanderung/Einwanderung) keine der beteiligten Seiten stellen wollte: Weder die mobilen Menschen noch die bereits dort ansässigen Menschen.

Diese ungern gestellten Fragen betreffen die menschlichen Gefühle der Zugehörigkeit, die wichtiger für uns sind als wir uns in einem Zustand unklarer, uneindeutiger Zugehörigkeit eingestehen möchten.

Eine gewisse Absurdität bekommen unsere Gefühle in Bezug auf die Gastarbeiterschaft vor dem Hintergrund der ebenso großen Allgemeinheit des Tourismus.

Der Tourismus

Der Tourismus sieht, oberflächlich betrachtet, aus wie eine einfache gegenläufige Wanderungsbewegung, die zwar zeitlich deutlich begrenzter ist und dem genau gegenläufigen Zweck dient: Anderen dienen & Geld verdienen hier / Sich-bedienen-lassen & Geld ausgeben dort, die aber interessanterweise ebenfalls Fragen nach Zugehörigkeit aufkommen lässt.

Es gibt heute nicht wenige Menschen „in reichen Ländern“, die von sich selber sagen, eine andere Weltregion, die typischerweise einkommensschwächer, vermögensschwächer und militärisch schwächer ist, sei „ihre zweite Heimat“. Inklusive persönlicher Bindungen und Freundschaften zu dort fest ansässigen Menschen.

Die Frage, wie der „Gast“ zum Mitbürger wird, stellt sich auch für jene Rentner, die aus Kosten-, Klima- oder Kulturgründen irgendwann andernlands einen festen Wohnsitz besorgen, an dem sie sich dann überwiegend aufhalten.

Sie mögen sich zwar als „Gäste“ fühlen und als solche behandelt werden. Doch „sie gehen nicht mehr weg“. Sie fangen stattdessen neue Dinge an in ihrer neuen Heimat, von denen anfangs nicht die Rede war und von denen auch sie selbst anfangs nichts ahnten. Es handelt sich also oft nicht um bewusste Vorhaben, sondern um „Entwicklungen“. Auch darin ähneln sie vielen „Gastarbeiten“.

Die Frage stellt sich vielleicht noch schärfer bei jenen Menschen, die aus reiner Begeisterung für „Land & Leute“ (Klima und Kultur) „auswandern“. Ganz allgemein sind Touristen ja zeitlich begrenzte Kultur- und Klimaflüchtlinge. Nur dass eben die zeitliche Begrenzung bei einigen von uns nicht mehr gar so ausgeprägt ist.

Oder bei „Expatriats“, die einfach nur Gastarbeiter mit akademischen Abschlüssen, gefragten Qualifikationen (wie unsere antiken Metöken) und mit Möglichkeiten sind, in ihrer neuen Heimat auch viel Geld auszugeben. „Vermögende Menschen“ eben.

Die Grenzen und Übergänge sind ganz offensichtlich fließend, und in dem Kunstwort „Expatriats“ (und anhand der Menschen, die so bezeichnet werden) wird dies nur besonders deutlich.

Erdenbürger?

Die Frage nach dem Mitbürgertum, „da wir hier nun schon einmal eine ganze Weile zusammen leben“ – und wichtiger noch, auch in Zukunft voraussichtlich wohl zusammenleben werden! – stellt sich heute überall auf der Welt. Es ist eine globale Frage. Und es ist eine global ungelöste Frage.

Wann der „Gastarbeiter“ zum „Expatriat“ wird (oder der „Flüchtling“) und wann der ausgewanderte Dauertourist zum gefühlten Mitbewohner wird, sind dabei nur Vorstufen zu einer Frage nach einem global-lokalen Mitbürgertum, das es uns ermöglicht, unser Zusammenleben (global wie lokal) friedlich miteinander zu regeln.

Und natürlich stellt sich dabei auch die globale Klassenfrage: Ob wir politische Pflichten und Rechte, also den Bürgerstatus rein oder vorwiegend nach finanziellem Vermögen vergeben wollen. Oder doch eher nach anderen Kategorien. Oder prinzipiell. Weil wir alle Menschen sind. Und weil wir als Menschen Verschiedenstes miteinander anfangen können; wovon sich vieles gut über Geld aushandeln lässt, manches von unserer finanziellen Ausstattung indirekt mitbeeinflusst wird und wieder anderes von unserem unterschiedlichen Vermögen völlig unabhängig ist. Vor allem aber lässt es sich nicht absehen, was wer in Zukunft mit wem wie anfangen kann und welche Rolle welches Vermögen dabei spielen wird. Menschliche Beziehungsdynamiken sind prinzipiell zukunftsoffen und voller unabsehbarer Überraschungen. Vor allem in einer liberalen Gesellschaft, die gesellschaftliche Einheit nicht mehr über Homogenitäts-Ideale zu erreichen sucht.

Es braucht hingegen nur wenig Fantasie, um sich auszurechnen, wohin uns als Menschheit unsere allgemeine Gastarbeit und unser allgemeiner Tourismus nach und nach führen: In eine Weltgesellschaft, in der die Frage nach politischer Zugehörigkeit (Pflichte und Rechte zur Mitbestimmung der Gesetze des Zusammenlebens) von uns auf etwas neue Weise verhandelt wird.

Denn unsere bestehenden, von unseren Vorfahren ererbten politischen Institutionen spiegeln eine Weltgesellschaft, in der die menschliche Mobilität keineswegs so allgemein war, wie sie heute für uns selbstverständlich ist. Und wenn die Mobilität in der menschlichen Vergangenheit doch einmal derart allgemein war, so lief sie keineswegs so friedlich und bürgerschaftlich ab, wie das Gastarbeit und Tourismus heute tun.

Es scheint mir daher als sicher, dass wir einen Weltstaat bekommen werden.

Unabhängig davon übrigens, ob unsere momentane persönliche Meinung die Entstehung einer solchen neuartigen politischen Institution für wünschenswert oder wenig wünschenswert hält.

Wir müssten schon allgemein Gastarbeit und Tourismus „verbieten“, um keinen Weltstaat zu bekommen. Beide Verbote erscheinen heute wenig wahrscheinlich.

 

 

 

 

 

 

Hierarchie, Demokratie, Staatlichkeit

Hierarchisch organisierte Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass es in ihnen ein Machtzentrum gibt, und dass es einem als menschliches Mitglied dieser Gesellschaft (äußerlich) um so besser geht, um so näher man diesem Zentrum der Macht ist.

Die Gründe, aus denen sich heraus ein solches Machtzentrum bildet und damit gesellschaftliche Hierarchie, können sehr unterschiedlich sein: So sehen wir an Gesellschaften, deren Wirtschaft sich im Kern auf eine einzelne Ressource gründet, z.B. Öl, dass die Kontrolle über diese eine Ressource das Zentrum der Macht ausbildet. Ähnliches gilt aber auch für Waffentechnik, die sich unter zentrale Kontrolle bringen lässt und dann Hierarchie durch überlegene Gewalt begründet. Ein dritter, in unserer Gesellschaft sehr verbreiteter Weg, auf dem sich fixe Hierarchie herausbildet, sind Rechtsverhältnisse, die bestimmte Beteiligungsgruppen, z.B. an einem Unternehmen, einseitig begünstigen, so dass derjenige in der Unternehmenhierarchie um so weiter „oben“ ist, der den Bedürfnissen dieser einen Beteiligungsgruppe besonders entschieden dient.

Für die Demokratie ist solcher Zentralismus und hierarchischer Gesellschaftsaufbau zunächst vor allem ein Problem. Wir sehen das an den Arbeiten des Althistorikers Christian Meier, der sehr deutlich herausarbeitet, dass es eben jene „Zentralgewalt“ in der antiken griechischen Gesellschaft nicht gab. Also auch keinen „Staat“ in unserem heutigen Sinne. Aus unserer heutigen, modernen Perspektive war unter den antiken, vor-demokratischen Griechen eine polyzentrische Aristokratie vorherrschend, die fast schon anarchische Züge hatte. Meiers Reskonstruktion der griechischen Antike arbeitet die hohe Präferenz für Eigenständigkeit in der griechischen Kultur heraus, die sich sowohl weigerte, sich einer Zentralmacht zu unterstellen, die zugleich auch diejenige Form von Selbstdisziplinierung scheute, die nötig ist, „um andere dauerhaft zu beherrschen“. Es gab schlicht wenig Ambition, eine stabile „Monarchie“ oder ähnliches zu bilden. Stattdessen konzentrierte der antike griechische Adel seine Ambitionen auf eine andere, gewissermaßen „dezentrale“ Instanz: Die allgemeine griechische Öffentlichkeit. Man wollte sich durchaus „hervortun“, aber diese „Leistungen“, u.a. auch bei den olympischen Spielen blieben im Kern „privat“. Und wenn sich doch einer von ihnen dazu hinreissen ließ, sich in seinem Stadtstaat zum „Tyrannen“ aufzuschwingen, so blieb auch diese Ambition privat: Sie begründete keine dauerhafte Herrschaft, wurde nur im Ausnahmefall „vererbt“ und brach spätestens in der nächsten Generation wieder in sich zusammen.

Mit anderen Worten: Hierarchien blieben in der vor-demokratischen griechischen Antike situativ. Sie stabilisierten sich nicht. Die anarchisch-aristokratische Struktur der Gesellschaft war gewissermaßen „hierarchieresistent“. – Aus diesem Geist und dieser Vorgeschichte konnte sich unter sehr speziellen Bedingungen die ganz einmalige Demokratie im größten der griechischen Stadtstaaten hervorgehen: Die attische Demokratie. Diese wurde dann selbst zu einer beherrschenden, gewissermaßen „zentralen“ Gewalt nach außen. Sie wurde zugleich auch – was ihr Innenverhältnis anging: das Verhältnis der athenischen Bürger zueinander – eine bleibende Inspiration in der weiteren Geschichte der Menschheit. Also in einer Geschichte, in der wir selbst an einem ganz besonderen, vielleicht neuralgischen Punkt zu stehen scheinen.

Die moderne Gesellschaft und in ihr die moderne Demokratie hat im Vergleich zur antiken Situation nun „das Problem“, dass sie ohne eine Zentralgewalt (die die Griechen in dieser Form nicht kannten) gar nicht bestehen kann. „Der Staat“ ist gewissermaßen ein reines Faktum in der modernen Gesellschaft: Kein Staat – keine Gesellschaft.

Die Moderne hat daher eine ganz andersartige hierarchieaffinität als wir sie bei den antiken Griechen finden. Und es ist daher beinahe ein Wunder, dass wir in der Modernen Gesellschaft überhaupt dahin gekommen sind, über so etwas wie „Demokratie“ zu sprechen.

Der Staat als zentrale Instanz der modernen Gesellschaft erzeugt einen hierarchischen Sog, der nicht anders als „anti-demokratisch“ bezeichnet werden kann: Um so näher man als Bürger der Staatsgewalt steht, um so mehr Einfluss man auf den Staat und sein Gewaltmonopol hat, um so höher steht man in der Hierarchie der modernen Gesellschaft. – Dieser Umstand wird oft vergessen über die Vielzahl an privaten Beschäftigungen und Möglichkeiten, in denen die moderne Gesellschaft die antike bei Weitem übertrifft. Man könnte denken, dass es ja auch viele andere oder Teil-Hierarchien gibt. Schaut man aber auf die einzelnen Menschen und die verschiedenen Milieus, Gruppierungen und Schichten der modernen Gesellschaft, so sieht man eindeutig, dass höherer/niedrigerer Hierarchie-Status in jeder Hinsicht mit größerem/kleinerem Einfluss auf das Staatswesen korreliert: In wessen Sinne die Gesetze gemacht werden. Und vor allem: Welche Gesetze nicht gemacht werden. Und welche staatlichen Maßnahmen ergriffen werden und welche nicht. Selbst das vermeintlich „unabhängige“ Gerichtswesen der moderenen Gesellschaft, das vom Staat garantiert wird, ist weitaus leichter zu aktivieren und im eigenen Vorteil zu beeinflussen, wenn ich zu einer Gruppierungen oder Schicht gehöre, die „politischer“ ist, d.h. in der Moderne: Die mehr Einfluss auf den Staat hat.

Die politische Gleichheit der Bürger, das entscheidende Merkmal der Demokratie, die die vielen privaten Unterschiede und Ungleichheiten zwischen uns relativ unwichtiger macht, kann sich daher unter modernen Bedingungen nicht „am Staat vorbei“ oder „jenseits des Staates“ herausbilden. Die Demokratie muss mit dem Faktum des Staates und seiner unvermeidlichen Auswirkung, gesellschaftliche Hierarchie herzustellen, umgehen. Wir können heute nicht mehr ohne Staat. Doch die damit einhergehende Hierarchisierung der Gesellschaft erzeugt massive Probleme und Beziehungsstörungen zwischen den heute lebenden Menschen. Hierarchie zwischen den Bürgern ist ein Problem. Sie ist strukturell anti-demokratisch. Sie erzeugt Frust und ist weit davon entfernt, eine Gesellschaft dauerhaft zu befrieden und ein positives Verhältnis zwischen den Menschen zu stiften. Die Möglichkeit der Gewalt zwischen den Bürgern wird gewaltsam unterdrückt, die Gewaltneigung wird nicht aufgelöst. So gleicht die moderne Gesellschaft mit ihrem vor-demokratischen Staat einem Dampfkessel, bei dem es nur eine Frage der Zeit ist, wann es jeweils den Deckel wegsprengt.

Die Frage ist also, wie Demokratie heute überhaupt möglich werden kann, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen in unserer modernen Gesellschaft so ganz andere sind als sie die erste, antike Demokratie vorfand? Wenn der zentralistische Staat als gegeben genommen werden muss, der Staat Hierarchiefixierung zwischen den Bürgern verursacht, Hierarchie und Demokratie Widersprüche sind, wie zur Hölle kann dann unter modernen Bedingungen überhaupt Demokratie zwischen uns Bürgern entstehen?

Folgt man diesen Überlegungen, die aus dem Vergleich der antiken, griechischen Gesellschaft und unserer modernen Gesellschaft hervorgehen, und einem Vergleich der antiken Demokratie mit unserer modernen Demokratie, ergibt sich ein zwingender, logischer Schluss:

Demokratie unter modernen Bedingungen kann nur bedeuten, dass der Staat als Hierarchien-anziehende und -begründende Instanz selbst konsequent von uns demokratisiert wird.

Der Staat als Zentrum der Macht muss allen Bürgern gleich zugänglich sein. Wenn es ein Zentrum der Macht gibt, ein „Gewaltmonopol“, und die Gesellschaft, die so etwas hat, „demokratisch“ sein soll, so müssen alle Bürger exakt gleich leichten und gleich großen Zugriff auf diese Zentralgewalt haben.

Formell erkennen wir dies längst an. Z.B. indem wir in „Wahlen“ jedem Bürger eine gleichwertige Stimme zugestehen. Mit der praktischen Umsetzung dieses Prinzips, so dass es sich auch tatsächlich demokratisch auswirkt, damit hapert es in der Tat noch etwas.

Während wir also in unseren Sonntagsreden die Demokratie städnig so sehr loben und preisen, dass es einem schon beinahe zu den Ohren rauskommen kann, haben wir zugleich politische Verfahren und Institutionen geschaffen, die diesen exakt gleichen Zugriff aller Bürger auf die hierarchisch organisierte Zentralgewalt in unserer Gesellschaft nicht wirksam gewährleisten. Stattdessen dient unser Staat einigen von uns deutlich mehr als anderen von uns.

Der Gegensatz von Hierarchie und Demokratie, den die moderne Gesellschaft erzeugt, ist dabei keineswegs so dramatisch, wie er – von der Antike her gesehen – scheinen könnte. Vielmehr haben sich in der modernen Politikgeschichte bereits institutionelle Vorformen herausgebildet, die andeuten, in welche Richtung die demokratische Entwicklung gehen kann, vielleicht auch: gehen muss.

Der Staat ist kein Problem an sich für die Demokratie. Wenn denn alle Bürger der modernen Gesellschaft tatsächlich in seinem Herzen ein- und ausgehen. Ist dies nicht, oder nur unzureichend der Fall, dann gehen eben nur einige in ihm ein und aus. Dann stehen einige von uns dem Staat näher als andere von uns. Dadurch wird unser Staat paradoxerweise geschwächt. Die Privatisierung des Staates durch privilegiertem Zugang zu seinen zentralen, entscheidenden Instanzen bedeutet, dass ein Staat schwächer ist als er in der Moderne sein muss. – Und genau das erzeugt für uns Probleme, die wir nicht auflösen können. Keine private Initiative kann einen schwachen, teil-privaten Staat in seinen negativen gesellschaftlichen Auswirkungen kompensieren. Ein starker, völlig demokratischer Staat ist für uns, für die moderne Gesellschaft ein absolutes „must-have“.

Wir können zwar auch eine Weile mit einem schwachen Staat leben, der allein von bestimmten Milieus und Schichten betrieben wird, anstatt, wie es in einer Demokratie sein müsste: von allen Bürgern.

Aber wir können auf diese Weise in der Moderne nicht gut zusammenleben. Und möglicherweise können wir auf diese Weise nicht einmal überleben. Denn es zeichnet sich ab, dass wir als Weltgesellschaft zwingend einen Weltstaat brauchen, um die Verhältnisse zwischen uns verbindlich zu regeln und durch unser privates Verhalten den Planeten nicht völlig unbewohnbar für uns zu machen.

Mit der erforderlichen Demokratisierung des Staates kann man „im Kleinen“ beginnen: Lokal, Regional, National.

Und erstaunlicherweise führt dieses „Den-Staat-für-alle-gleich-zugänglich-machen“ zu einer unmittelbaren Verbesserung der gesamten Gesellschaft. Die Gesellschaft wird dadurch die Aufgabe aller. Die Politisierung der Bürgerschaft wird dadurch allgemein. Die Verantwortung für das Gemeinwesen wird allgemein: Sie wird nicht auf dem Rücken einiger weniger, „staatstragender“ Menschen abgeladen, sondern verbleibt hübsch da, wo sie hingehört: Auf dem Rücken aller Bürger.

Neben dem eher unbedeutenden Faktum, dass uns die moderne, vollständig ausgebildete Demokratie den Menschheits-Arsch rettet, macht sie also vor allem das Leben für uns alle deutlich angenehmer und befriedigender, indem sie uns alle gleichermaßen politisch in die Verantwortung nimmt und zu aktiven Betreibern unseres Staates macht.

Die Auflösung der Hierarchie, die vom Bestehen eines Staates erzeugt wird, in Demokratie bedeutet also paradoxerweise, dass wir politisch alle mehr belastet werden, und dass wir eben dadurch alle ein besseres, deutlich angenehmes Leben und Zusammenleben erhalten.

„Bürgerschaftliches, kollektives Investment“ könnte man das nennen.

Indem wir uns dieses, in der Moderne nötig gewordene Investment kollektiv ersparen, machen wir uns kollektiv das Leben zur Hölle. Unsere politische Faulheit und unsere bisherige Neigung, „Politik abzudelegieren“, ist der zentrale Misstand in unserer Gesellschaft. Wir brauchen tatsächlich dringend die Demokratie, die uns alle politisch gleich belastet, belästigt, fordert und einbindet in verbindliches, gemeinschaftliches, staatliches Entscheiden.

Wir alle haben die gleiche Pflicht und das gleiche Recht, politische Bürger zu sein. Und wir brauchen politische Institutionen, die genau diese Gleichheit zwischen uns herstellen und gewährleisten.

Enthierarchisiert wird ein Staat dadurch, dass ihm alle Bürger gleich nah sind. Dass nicht einige Bürger politischer sind als andere. Enthierarchisierung und Demokratisierung sind unter modernen Bedingungen Synonyme.

Wir können daran arbeiten, unseren Staat zu einer immer noch vollständigeren Demokratie zu machen.

Welche Rückwirkungen diese politische Demokratisierung auf unsere Hierarchien im Privaten hat, bleibt offen. Wir können darüber spekulieren. Besser ist es jedoch, einfach auszuprobieren, welche privaten Hierarchien sich weiterhin als sinnvoll erweisen und welche sich von ganz alleine aufzulösen beginnen, sobald wir beginnen, wirklich alle gemeinsam, als Freie und Gleiche, unsere staatlichen Gesetze zu machen, die wie gehabt mittels des modernen Gewaltmonopols gesellschaftlich durchgesetzt werden.

Die staatliche, politische Demokratie und Hierarchiefreiheit dürfte uns auch im Privaten neue Formen des Zusammenlebens erschließen. Formen, die derzeit, unter hierarchischen politischen Verhältnissen, unmöglich und undenkbar sind.

Der eine oder andere mag über das „(äußerlich)“ im ersten Absatz dieses Artikels gestolpert sein: hierarchisch organisierte Gesellschaften privilegieren bestimmte Bürger. Aber diese Privilegien sind nicht kostenlos, auch wenn das von Außen manchmal so aussehen mag. Auch die Privilegierten in einer hierarchischen Gesellschaft zahlen einen hohen Preis für die Hierarchie. Entfremdung von eigenen Innenleben: von eigenen Gefühlen, eigenen Bedürfnissen ist das, was eine Gesellschaft, die auf hierarchische Organisation setzt, „ihrer Spitze“ abverlangt.

An der Spitze der Hierarchie-Pyramide und auf dem Weg dahin ist es nicht „einsam“, sondern es ist kalt. Es ist eine künstliche, psychologisch hochproblematische „Maskulinität“, die zur Schau getragen und performed werden muss, um jenes Oben „zu verdienen“ oder aufrecht zu erhalten.

Näher am Zentrum der Macht geht es Menschen daher nur vermeintlich, nur äußerlich gut. Über das Innenleben von Menschen in solchen Positionen schweigt man lieber, denn diese Menschen sind positionsbedingt selbst gezwungen, über ihr Gefühlsleben schweigen. Und worüber man nie spricht, das hat keinen Platz in unserem Bewusstsein, das erhält keine Aufmerksamkeit und keine Zuwendung. Es ist so, als ob es nicht da wäre, während es doch existiert. Hierarchisch fixierte Macht lässt uns Menschen systematisch erkalten, wie mittlerweile auch durch die psychologische Forschung sehr gut nachgewiesen ist. Daher ist es auch kein Wunder, dass mittlerweile viele Menschen, die privat sehr mächtig sind, nach einer politischen Begrenzung ihrer privaten Macht rufen. Der Ruf nach einer demokratischen Politik, an der alle beteiligt sind, geht durchaus auch von hierarchisch privilegierten Menschen aus, denen wir unterstellen, sie müssten doch eigentlch „den Machtverlust fürchten“. Was wir dabei nicht hören, ist dass sie nicht danach rufen, dass sie im gleichen Spiel plötzlich selber „unten“ sind, also nur auf andere Weise unglücklich werden, sondern nach einer Änderung der gesellschaftlichen Spielregeln, die uns als Bürger überhaupt in „unten und oben“ trennen.

Dass hierarchisch abgesicherte Macht innerliches Unglück auslöst, gilt nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für ganze Milieus, für ganze gesellschaftliche Kreise und Schichten. Wir können daher mit einigem Grund sagen, dass Hierarchien menschliche Gesellschaften unglücklich machen: Die unterprivilegierten Bürger äußerlich, die überprivilegierten Bürger innerlich.

Die Demokratie ist die Antwort auf dieses Problem. Und unter modernen Bedingungen bedeutet „Demokratie“ automatisch: Demokratisierung des Staates, systematisch gleichartige Beteiligung aller Bürger an den Entscheidungen über seine Gesetze und Maßnahmen.

Die politische Auseinandersetzung – in der Demokratie / in Tyrannis und Aristokratie

In einer modernen, liberalen Gesellschaft kann freundliche Zugewandtheit und Verbundenheit der Bürger untereinander nicht mehr vorausgesetzt werden. Sie müssen in einer solchen Gesellschaft vielmehr täglich neu „erarbeitet“ werden, und zwar von den Bürgern selbst. – Berufspolitiker können diese Arbeit nicht stellvertretend für die Bürger leisten.

Wenn wir es unter modernen Bedingungen dennoch von ihnen erwarten, führt das in eine Überforderung der Berufspolitiker und eine allgemeine Unzufriedenheit. Nicht nur in eine Unzufriedenheit der Bürger „mit der Politik“, sondern auch in einen allgemeinen Unfrieden der Bürger untereinander und mit ihrer eigenen Gesellschaft und ihren Institutionen.

Der Grund für diese Besonderheit der modernen Gesellschaft ist nicht nur ihre zahlen- und flächenmäßige Größe. Die Besonderheit der modernen Gesellschaft liegt auch in ihrer unglaublichen internen Differenzierung: Die Bürger leben in ihr in so verschiedenen und oft völlig voneinander getrennten Lebenswelten, dass es von sich aus keinen „common sense“ in der modernen Gesellschaft geben kann. Wir können also „Uneinigkeit der Bürgerschaft“ voraussetzen. Als ganz normalen, erwartbaren Dauerzustand.

Der Politik fällt in so einer gesellschaftlichen Konstellation die Aufgabe zu, der Ort zu sein, in dem zusammenkommt, was sonst (im Privaten) nicht mehr zusammenkommt.

Leistet die Politik diese Zusammenführung der Bürger nicht, benutzt sie politische Verfahren und Institutionen, die diese Zusammenkunft der Bürger nicht beinhalten, wird sie zu einem reinen Spiegel der uneinigen, zerklüfteten, in-sich-gespaltenen Gesellschaft. Sie macht dann die Uneinigkeit der Bürgerschaft nur überdeutlich sichtbar, aber sie transformiert sie nicht.

Es ist daher in einer Demokratie als der der modernen Gesellschaft einzig angemessene Staatsform nicht nur die Frage, ob Auseinandersetzung zwischen den Bürgern stattfindet.  – Denn das macht nur den Unterschied der Demokratie zur Tyrannis, die jede politische Auseindersetzung gewaltsam unterdrückt und unterbindet.

Die vielleicht heute noch wichtigere Frage in einer Demokratie ist es, wie sich die Bürger miteinander auseinandersetzen. Was also der genaue Modus der politischen Auseinandersetzung ist.

Wenn es stimmt, was wir oben gesagt haben: dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sich die freundschaftliche Verbundenheit der Bürger untereinander erst herstellen muss und nicht als gegeben vorausgesetzt werden kann, dann kann die Auseinandersetzung der Bürger nicht auf „irgendeine“ Art vollziehen. Sie muss dann in politischen Verfahren und Zusammenkünften stattfinden, die die Herausbildung wechselseitiger Empathie fördern und ermöglichen.

Die typisch aristokratische Form der Auseinandersetzung über Lagerbildung, Parteiung, Wettstreit und Wettbewerb („wer ist der Beste!?“), als Formen, die völlig ohne Empathie auskommen, oder in denen Empathie mit dem Mitbürger sogar ein systematischer Wettbewerbsnachteil ist, sind für eine so liberale, moderne, in-sich-differenzierte Gesellschaft wie die unsere völlig ungeeignet. Es ist die falsche Verfahrensform an der falschen Stelle.

Weil man heute die Demokratie stärken und weiterentwickeln, sollte man daher nicht nur den Unterschied der Demokratie zur Tyrannei klar vor Augen haben („Auseinandersetzung ist grundsätzlich gut“), sondern auch den Unterschied der demokratischen zur aristokratischen Auseinandersetzung:

In der Demokratie trifft man sich nicht, um sich zu messen und zu bekämpfen, sondern die demokratischen Bürger treffen sich, um sich einander zu öffnen und einander besser zu verstehen. Die demokratische „Auseinandersetzung“ besteht ganz wesentlich darin, einander anzuhören und auch selbst mit der eigenen Stimme von allen gehört zu werden.

Das schließt automatisch mitein: Es treffen sich in demokratischen politischen Zusammenkünften – anders als in der Aristokratie – nicht nur einige wenige ausgewählte Bürger, sondern es treffen sich alle Bürger.

Es reicht also keineswegs aus, dass wir heute sagen: „Die Demokratie besteht in der Auseinandersetzung! Politische Auseinandersetzung ist gut!“ – Sondern wir können klar sehen, dass die Aristokratie vor allen anderen Staatsformen die Auseinandersetzung liebt und idealisiert. Differenziert sich die Demokratie gegen die Aristokratie heraus, so wird sie auf zwei Dinge fokussieren: (A) Wie die politische Auseinandersetzung stattfindet: Empathisch und nicht eristisch. (B) Wer an der politischen Auseinandersetzung teilnimmt: Alle Bürger und nicht nur einige wenige, ausgewählte Bürger.

Die Demokratie macht heute vor allem dann Fortschritte und entwickelt sich über die von uns bereits erreichten Formen hinaus, wenn sie sich immer weiter von den aristokratischen Formen der „Auseinandersetzung“ entfernt, hinein in demokratischere Verfahren und politische Institutionen.

Vielleicht sollte man zur größeren Begriffsklarheit auch einfach die Bezeichnungen völlig voneinander trennen und verschiedene Worte benutzen, um deutlich zu unterscheiden, was jeweils in Demokratie und Aristokratie verschieden stattfindet, wie die Bürger sich in beiden Staatsformen jeweils verschieden begegnen:

„Auseinandersetzungen“ der Bürger sind typisch aristokratisch.

„Zusammensetzungen“ der Bürger sind typisch demokratisch.

Und wenn sich die Bürger denn (1) regelmäßig (2) alle (3) unmittelbar (4) als Freie und Gleiche zusammensetzen, dann dürfen und sollen sie sich gerne auch miteinander auseinandersetzen. 😉

Denn das stärkt unsere Demokratie und schwächt sie nicht.

Demokratie: Gute Beziehungen

Mein ursprünglicher Zugang zur Demokratietheorie stammt aus meinem Interesse an der Frage nach guten Beziehungen: Was macht eigentlich „gute Beziehungen“ aus? Und: Aus welchen Gründen sind sie in unserer momentanen Gesellschaft eigentlich so selten?

Antworten auf diese Fragen habe ich für mich vor allem beim Beziehungstheoretiker und vor allem Beziehungspraktiker Thomas Gordon gefunden. Man könnte also sagen: Die von mir bevorzugte Demokratietheorie fußt auf dem Rücken der Antworten, die Gordon in seiner Forschung auf die Frage gefunden hat, wie sich gute Beziehungen zwischen uns Menschen systematisch herstellen, nähren und unterstützen lassen.

Gordon analysiert sehr klar und zugleich differenziert die Wirkung, die Machtungleichheiten und der Einsatz dieser Macht auf unsere Beziehungen haben. Sehr verkürzend zusammengefasst kann man sagen, dass man mit Gordon überaus klar erkennen kann, dass wir keine guten Beziehungen miteinander haben können, wenn Macht im Spiel ist. Belohnungsversprechen und Strafandrohung haben die Wirkung einer Beziehungsstörung, wenn sie einseitig dafür eingesetzt werden, andere Menschen zu einem Verhalten zu bewegen, das sie nicht von sich aus wählen würden:

„Macht erwächst aus der Fähigkeit, zu belohnen und/oder zu bestrafen. Anders ausgedrückt: Macht ist die Fähigkeit, anderen Schmerzen zuzufügen oder Lust zu verschaffen. Wer Macht ausübt, setzt Belohnungen und Strafen ein, um zu bekommen , was er haben möchte. Ist die Strafe schlimm oder die Belohnung verlockend genug, so gelingt ihm das auch.“ (In: „Gute Beziehungen“, S. 21)

Insbesondere dauerhafte Machtasymmetrien, Beziehungen ohne Augenhöhe, lassen beide Beziehungspartner erkranken und nehmen ihnen die Möglichkeit, das Feedback voneinander zu bekommen, dass wir brauchen, um gut miteinander auszukommen. Macht als Belohnen und Bestrafen führt zu einem systematischen Verstummen von Menschen auf beiden Seiten der trennenden Linie von Ohnmacht und Übermacht. Wohl wird dann oft noch viel geredet, aber nicht mehr über Wesentliches. Das Wesentliche der Beziehung bleibt in machtverformten Beziehungen ungesagt. Die Kommunikation wie die Beziehung wird systematisch unauthentisch und unwesentlich. Vorhandene Gefühle und Bedürfnisse werden nicht mehr geäußert. Natürliche Verbundenheit kann nicht mehr entstehen – Künstliche Verbindlichkeit muss in der Folge erzwungen werden.

Berücksichtigt man dann noch zusätzlich, dass es erst das Phänomen zwischenmenschlicher Resonanz ist, das uns überhaupt menschlich macht, kann man allmählich das Ausmaß des Problems erahnen, das wir erzeugen, wenn wir Machtasymmetrien zwischen uns dauerhaft dulden. – Menschen, die ihre Eigenzustände nicht von anderen Menschen gespiegelt bekommen, verheddern sich im Netz ihrer Gedanken und Gewohnheiten. Sie können vorhandene eigene Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen und projizieren sie auf andere. Sie können mit sich selbst nicht mehr bewusst umgehen, sind gefangen in unmenschlichen Automatismen und Gewohnheiten. Indem uns ein menschliches Gegenüber fehlt, das unsere aktuellen Gefühle zwar nicht aktuell teilt, aber grundsätzlich aus eigener Erfahrung kennt und anerkennend spiegeln kann, so dass sie auch unser Bewusstsein erreichen und ein positives Selbstverhältnis begründen, werden psychische Schräglagen zu unserem Normalzustand. Dass wir kauzig oder seltsam werden, ist dann das Mindeste. Wahrscheinlicher sind Verhaltensweisen, mit denen wir uns selbst und andere schädigen.

Nun ist die Realität von Machtungleichheiten allerdings sehr real und beinahe überwältigend in unserer heutigen, modernen Gesellschaft. Sie resultiert heute weniger aus überlegener Körperkraft, sondern aus überlegenem Eigentum (innerhalb von Staaten) und überlegener Waffentechnik (zwischen Staaten).

Entscheidend für den Zusammenhang „Gute Beziehungen – Demokratie“ ist daher eine ganz bestimmte, institutionelle Gegebenheit: Die Monopolisierung von Gewalt durch den Staat in der Modernen Gesellschaft.

Es ist für uns beinahe schon zu selbstverständlich, dass es den Staat gibt und dass er ein Gewaltmonopol hat. Dadurch können wir die Auswirkungen dieser „Gegebenheit“ schwerer wahrnehmen. Der Staat ist wie die Luft: Er ist ständig da und deswegen nur schwer greifbar für uns.

Für die Möglichkeit der Ausbildung guter Beziehungen hat es aber weitreichende Folgen, auf welche Weise genau dieser Staat verfasst ist: Denn die Gewalt, die er in der Form der Durchsetzung von Gesetzen anwendet oder eben nicht anwendet, hat Folgen für unser ganzes Leben. Man könnte auch sagen: Obwohl wir das im Alltag kaum wahrnehmen, wird jede einzelne, alltägliche Handlung, jede alltägliche Interaktion zwischen uns in vielfältigster Weise von dem Staat, seinen Maßnahmen, seinen Gesetzen und dem Grad der Kontrolle ihrer Einhaltung bestimmt.

Die Staatsgewalt ist also eine Realität in unserer Gesellschaft. Bringt man nun die Einsichten Gordons mit den Gegebenheit der Staatsgewalt zusammen, so zeigt sich automatisch, dass wir, damit der Staat nicht selbst ein Übel für uns ist, dass uns „von außen“ ständig dazu zwingt, Dinge zu tun und zu lassen, die wir nicht von uns aus tun würden, selbst Zugang zum Herzen dieses Staates haben müssen: In der Herzkammer des Staates, in seinen entscheidenen Parlamenten, muss exakt jenes Verhältnis zwischen den Bürgern eines Staates herrschen, das Gordon als typisch für „gute Beziehungen“ herausgearbeitet hat, damit unser Staat zu einem echten Gut für uns wird.

Wir brauchen „im Zentrum der Macht“ jene Augenhöhe, jene Machtgleichheit, jene Gleichwichtigkeit aller Bürger, die gute Beziehungen begründet. Wir brauchen jene unmittelbare Gefühlsspiegelung, mit der wir uns erst wechselseitig menschlich machen. Und wir brauchen jene gemeinsame, konstruktive Arbeit aller Bürger für ihre gemeinsame Sache: die res publica, um eine sinnvolle Verbindung zwischen uns herzustellen in einer Großgesellschaft, die sonst nichts verbinden kann.

All das aber kann nur im Losverfahren geschehen: In gelosten Bürgerkonventen, in denen der Zufall Gleichheit zwischen uns als Bürger schafft, in denen wir uns unmittelbar austauschen und gemeinsam darüber entscheiden, was uns alle betrifft. Die gelosten Bürger können das Ganze des Staates repräsentieren. Und das um so mehr, wenn jene Bürgerkonvente regelmäßig ausgelost werden und ständig zusammentreten, so dass nach und nach ein Großteil der Bürger die Erfahrung macht, was es heißt, ein aktiver Politiker zu sein, der gemeinsam mit anderen abwägen muss, was für das Ganze gerade das Beste ist.

Nur die Maßnahmen und die Gesetze eines solchen Staates, der vom demokratischen Losverfahren regelmäßigen und großflächigen Gebrauch macht, sind kein Zwang für uns, der die Beziehungen zwischen uns als Bürgern vergiftet. Nur die regelmäßige Zusammenkunft der Bürger als Freie und Gleiche kann die vom Staat so dringend benötigte Freundschaft zwischen den Bürgenr zuverlässig herstellen.

Soll die Macht des Staates keine Macht von wenigen über viele sein (also keine „Herrschaft“ sein), dann ist eine Demokratisierung des Staates unter den heute gegebenen Umständen eine zwingende Notwendigkeit. Wir brauchen alle Bürger in der Politik, und dabei darf keiner außen vor bleiben, kein einziger, aus keinem Grund. Erst wenn systematisch alle Bürger in ihrem Staat „ein- und ausgehen“, sind Bürger und Staat zwei Worte für die gleiche Sache. Dann tritt der Staat dem Bürger nicht mehr als Äußerliches, Fremdes, Bedrängendes, Ängstigendes, Übermächtiges entgegen. Sondern der Bürger erkennt den Staat als „den seinen“. Weil er exakt gleich viel Einfluss auf ihn hat wie alle seine Mitbürger. Weil niemand politisch privilegiert wird, werden alle privilegiert.

Durch diese Machtgleichheit zwischen den Bürgern, deren Herstellung die  eigentliche Aufgabe von „Politik“ ist, können wir in unserem unpolitischen Alltag auf neue Weise miteinander umgehen. Wir wissen, was auch immer geschieht: Wir sehen uns gleichzeitig immer auch noch einmal im politischen Raum, und dort ist keiner dem anderen an Macht überlegen. Dort hat jeder Einfluss, jeder wird gehört. Und genau das verändert unsere alltäglichen Beziehungen auf entscheidende Weise.

Ohne gleichen Zugang zum Staat aber, regiert nicht nur in der Politik Machtungleichheit und Beziehungsstörungen als Normalfall. Sondern die privaten Kriege, die via Staatsgewalt ausgetragen werden, zerstören auch unsere privaten Beziehungen zueinander. Denn die Art des Staates prägt die ganze Gesellschaft, auch wenn sie sich selten dessen bewusst ist. Undemokratische Staaten leben mit sich selbst in völligem Unfrieden. Wirklich demokratische Staaten ermöglichen es ihren Bürgern aneinander Gefallen und Befriedigung zu finden. Und um so demokratischer ein Staat ist, um so mehr ist das der Fall.

Graduelle Demokratisierungen eines Staates mögen sich mit Verzögerung auswirken. Aber mit dieser Verzögerung wirken sie sich auf sichere Art positiv auf die Beziehungen der Bürger untereinander aus. Sie machen sie miteinander auf neue Weise bekannt, wecken ständig neues Verständnis füreinander und verbinden sie auf eine Weise mit ihrem Staat, die in weniger demokratischen Staaten unmöglich ist, weil dort die einen Bürger den anderen Bürgern bei ihrer Politisierung, ihrem Zugang zum Staat im Wege stehen. Demokratisierungen verschaffen den Bürgern die Sicherheit, dass sie politisch niemals unter ihren Mitbürgern stehen werden. Und da diese Sicherheit allgemeiner wird, werden auch die guten Beziehungen der Bürger untereinander immer allgemeiner. Demokratisierungen führen zu einer allgemeinen Entspannung in einer Gesellschaft. Der versteckte, heimlich-unheimliche Kampfmodus zwischen den Bürgern kommt zum Erliegen. Der Krieg aller gegen alle endet.

Wir brauchen einen starken Staat, der wirklich demokratisch ist

Die moderne Gesellschaft hat seit ihrer Herausbildung vor etwas mehr als 200 Jahren ein ganz bestimmtes Problem, mit dem wir seither leben und das beinahe alle unsere Lebensvollzüge negativ beeinflusst.

Dieses Problem wird manchmal „sinnvolle Verhaltenskoordination in halb-anonymen Großgesellschaften“ genannt. Man kann es auch weniger hochgestochen ausdrücken und einfach sagen: In der Moderne stellt sich das Problem, wie wir gut zusammenleben können, auf eine völlig neue Weise.

Besonders deutlich bekommt man dieses Problem aber in den Blick, wenn man auf das schaut, was man im Wirtschafts-Jargon „die Externalisierung von Kosten“ nennt: Also jenes Phänomen, dass wir alle zur Befriedigung unserer Bedürfnisse meist viele, ganz verschiedene Strategien zur Auswahl haben – und dass einige dieser Strategien gerade deswegen so ganz besonders verführerisch für uns sind, weil sich bei ihnen die Kosten der Strategie ganz leicht auf andere Menschen abwälzen lässt.

Kurz: Viele unserer Handlungen erzeugen „Müll“ im weitesten Sinne: physischen Müll, emotionalen Müll, Folgekosten.

Da dieses Problem völlig allgemein ist – uns also alle sowohl in der Rolle der „Opfer“ als auch in der Rolle der „Täter“ betrifft – kann man mit einigem Grund von einer „Externalisierunsgesellschaft“ sprechen, wie es z.B. der Soziologe Stephan Lessenich tut.

Dorfgemeinschaften oder tribale Gesellschaften lösten das Problem der Handlungskontrolle durch unmittelbare „soziale Kontrolle“, sprich: Wenn Du was machst, was mir schadest, musst Du damit rechnen, dass Du ein größeres Problem hast. Nicht nur mit mir, sondern auch mit allen anderen Dorfmitgliedern, die sich überlegen, was das für sie heißt, wenn sie Dich mit Deiner „faulen“ Lösung davon kommen lassen.

Und da traditionale Gemeinschaften Gesellschaften mit extrem hohen Exit-Kosten waren, gab es einen massiven Anreiz zur Selbstdisziplinierung in Sachen „Externalisierung von Kosten“. Man bereute es meist recht schnell, wenn man das versuchte.

Das ist nun in der modernen Gesellschaft anders. Der Grund dafür ist nicht nur ihre Größe und ihre Halb-Anonymität und dass ich mir die Beziehungspartner (die ich über’s Ohr haue) immer wieder neu suchen und aussuchen kann. Der Grund ist noch ein ganz anderer. Der Evolutionsbiologe Brett Weinstein macht das in einem Ted Talk überaus deutlich und leicht nachvollziehbar:

Zusammengefasst: Der Grund für unsere auffällig asoziale Gesellschaft sind unsere für die Verhältnisse der Moderne immer noch völlig dysfunktionalen Staaten. Es ist das Versagen unserer momentanen politischen Verfahren und Institutionen, das systematisch dafür sorgen, dass sich Externalisierungs-Strategien epidemisch zwischen uns ausbreiten.

Wir haben durch unseren Verzicht auf eine wirksame Politik dafür entschieden, uns selbst systematisch für Verhalten zu belohnen, durch das wir den Kosten für unseren „Erfolg“ oder auch nur für unsere Bedürfnisbefriedigung besonders geschickt anderen Menschen aufbürden.

Meines Erachtens gibt es für dieses Politikdefizit in unserer Gesellschaft einen einfachen und gut benennbaren Grund: Wir scheuen vorsätzlich davor zurück, unserem Staat die Macht zu übertragen, die er bräuchte, um uns von asozialem Verhalten abzubringen. Und wir tun das ganz einfach deswegen, weil wir sehr genau wissen, dass unsere Staaten dafür bisher noch nicht demokratisch genug sind.

Da unsere Staaten freundlich gesagt nur „andemokratisiert“ sind, sind sie Apparate, die für bestimmte Bevölkerungsgruppen mehr arbeiten als für andere. Und solange das so ist, ist ein mächtiger, starker Staat eine Bedrohung für alle: Alle müssen dann ja antizipieren, was passieren würde, würde sich eine gesellschaftliche Gruppe des Staates bemächtigen, zu der man selbst nicht gehört. Oder wenn sich die Machtgewichte im Staat verschieben.

Wir lassen also die Politik und den Staat vorsätzlich schwach und leben lieber mit der systematischen Externalisierbarkeit von Kosten des eigenen. Wir sind also – die momentanen politischen Gegebenheiten vorausgesetzt – ziemlich schlau, wenn wir mit einem dauerhaften Politikstau leben. Dass unser Staat so „unpolitisch“ ist, ist kein Zufall. Es ist die Antwort darauf, dass der Staat, so wir ihn momentan konstruiert haben und leben, tatsächlich eine sehr reale Bedrohung wäre, würde er größere Macht auf das gesellschaftliche Leben entfalten. Sehr wahrscheinlich wäre die Tyrannei der wenigen Bürger, die dem Staat näher stehen als andere Bürger, für uns alle das weitaus größere Übel. Daher wählen wir mit Vorsatz das kleinere und halten unseren Staat auf kleiner Flamme.

Doch was ist dieses „kleinere Übel“? Mit dem Verzicht auf einen starken Staat erziehen wir uns alle systematisch zu asozialem Verhalten: Es möge jeder seinen eigenen Vorteil suchen. Und die, die besonders geschickt darin sind, auf ganz legal bleibendem Wege anderen die Kosten für ihren Erfolg aufzubürden, sind besonders erfolgreich in unserer Gesellschaft. Vor allem auf lange Sicht. Unser Staat stoppt viele Externalisierungen nicht, obwohl es völlig klar ist, dass sie das Gemeinwohl schädigen oder dass einige gesellschaftliche Gruppen ständig ihren Müll bei anderen abladen. – Auch daran kann man sich gewöhnen. Und Menschen, die „besonders ethisch“ sind, zahlen den Preis: Sie sind in einem solchen Spiel die Dummen, die mit absoluter Sicherheit die Lasten für die anderen tragen. So gesehen ist der individuelle Ethikstandard in unserer Gesellschaft derzeit immer noch erstaunlich hoch.

Doch die Verbreitung asozialen Verhaltens kann man, wie Brett Weinstein in seinem Vortrag sehr klar herausarbeitet, unter heutigen Bedingungen nicht uns als Einzelnen anlasten. Weder unsere Flugmeilen, noch unseren Fleischkonsum, noch die Ausnutzung unbezahlter Pflegearbeit, die einige von uns für alle anderen täglich ausüben. Wir alle sind Chancen-Nutzer. Und genauso wenig wie man einem Moskito vorwerfen kann, dass er Blut saugt, wo es möglich ist, kann man in der Modernen Gesellschaft Menschen vorwerfen, dass sie machen, was das Gesetz eben erlaubt oder was der Staat nicht dicht genug kontrolliert. Es gibt daher sowohl Felder in unserer Gesellschaft in der eine himmelschreiend lasche Gesetzgebung herrscht, in der also der Staat seiner Steuerungs- und Schadensverhalten-Eindämmungs-Funktion nicht nachkommt. Und genauso gibt es Felder, in denen es zwar Gesetze gibt, in denen aber aus gutem Grund nicht engmaschig genug kontrolliert wird, ob diese Gesetze auch eingehalten werden, so dass der Gesetzesübertritt der sozial geduldete Normalfall ist.

Unser Staaten können erst dann die Stärke und Wirkung erreichen, die wir als Menschen in der modernen Gesellschaft dringend von ihnen brauchen, wenn wir sie vollständig demokratisieren.

Denn dann werden unsere Staaten überhaupt richtig handlungsfähig.

Denn erst dann sind Staaten für uns keine systematische Bedrohung mehr, sondern arbeiten wirklich „für uns, die Bürger“.

Die Demokratie muss daher in die Herzkammer unserer Staaten vordringen. Es braucht heute dringend geloste Bürgerparlamente, die demokratische Kontrolle sowohl über unsere Gesetzgebung als auch über das Handeln unserer Exekutive ausüben. Das Los garantiert dabei uns als Bürgern, dass wir wirklich alle den gleichen Einfluss haben. Und genau das beruhigt und befriedet uns, weil wir dann nicht die Sorge haben müssen, dass irgend eine besondere Gruppe unter uns irgendwann „unseren Staat kapern könnte“.

Es ist das Verfahren der Zufallsauswahl selbst, das uns Sicherheit gibt, dass immer auch Menschen wie wir selbst an den Schaltstellen der Macht im Staat sitzen, und dass eine Verhaltenskoordination im Kleinen stattfindet, die jene Prozesse simuliert, die in Dorfgesellschaften vorkommen, in einer Großgesellschaft zwischen allen Bürgern unmittelbar aber nicht mehr möglich sind. Indem alle gleichen Zugang zur politischen Macht haben, ist die politische Macht keine Bedrohung mehr. Für keinen von uns. Der Staat wird unser Freund, anstatt eine Instanz, die wir vorsichtshalber klein, schwach und dysfunktional halten müssen, weil sie „in die falschen Hände fallen könnte“.

Die Einrichtung einer gelosten Bürgerkammer wäre dafür ein guter Anfang. Und vielleicht braucht es ja auch gar nicht mehr. Wirksame Befugnisse sollte sie halt erhalten. Macht eben. Power „of the people, by the people, for the people“.

Eine solche geloste Bürgerkammer wäre die „Firewall“ zwischen privater Macht und politischer Macht, von der Brett Weinstein gegen Ende seines Vortrags spricht. Sie sorgt dafür, dass es einen wirksamen negativen Feedback-Loop für sozial unerwünschtes Verhalten gibt. Und dass sich die momentane Logik, nach der aus privater Macht politische Macht hervorgeht und aus politischer Macht private Macht, nicht weiter fortsetzt.

Dass unser Gesellschaftssystem, so wie wir es momentan politisch konfiguriert haben, hochgradig instabil ist und ohne gezielte, verfassungsmäßige Korrekturen auf eine Katastrophe zuläuft, halte ich ebenso wie Brett Weinstein nicht für Schwarzmalerei, sondern für eine leicht erkennbare Tatsache. Man muss dazu nur auf die Problematik der Externalisierung von Kosten schauen und begreifen, dass ungebremste positive Feedbackloops, die sich selbst immer weiter verstärken, niemals stabile Zustände begründen können. Unserem System fehlt derzeit das Feedback, dass es bräuchte, um sich nicht systematisch selbst in eine katastrophale Schieflage hineinzumanövrieren.

Die Demokratie war, auch zum Zeitpunkt ihrer Erfindung, ein solches funktionierendes Feedback-System. Indem die Bürger als Freie und Gleiche regelmäßig zusammen kamen, sich miteinander abstimmten und erst dann gemeinsam Beschlüsse fassten, die durchgesetzt wurden, gibt die Demokratie einer Gesellschaft diejenige Form von Selbststeuerung, die sie braucht, wenn sie Wettbewerb gezielt nutzt, den Ehrgeiz des Einzelnen anheizt oder zumindest nicht unterdrückt, und ihn dabei gesellschaftlich nutzbar zu machen versucht.

Eine private Wettbewerbskultur ohne Ergänzung durch eine funktionierende Demokratie im Politischen kann dagegen mit absoluter Sicherheit nur Super-Gaus erzeugen. Es braucht einen starken demokratischen Staat, damit die liberale Gesellschaft sich nicht selbst zerstört.

Und der kleine, unerhebliche Bonus für uns dabei ist: In der Kombination von politischer Demokratie und privaten Wettbewerb machen uns beide deutlich mehr Spaß, als wenn eine von beiden Seiten als Ausfallerscheinung verbucht werden muss. Die weitgehend freudlosen Veranstaltungen, die wir derzeit in Politik und im Privaten haben, könnten uns auch schon für sich misstrauisch machen, ob wir heute bereits wirklich in einer menschengemäßen Verfassung leben.

Das, was auf gelosten Bürgerversammlungen faktisch passiert, fühlt sich jedenfalls deutlich anders an als das, was man sonst so als „Politik“ kennt und erlebt. Und dass Entscheidungen, die Bürger wirklich aller Schichten und Gruppen gemeinsam fällen, das Potential haben, unsere wirtschaftlichen und sonstigen privaten Spiele deutlich lustvoller und weniger schädlich für uns zu rahmen, ist auch nicht sonderlich spekulativ, sondern erwartbar.

Wir brauchen das demokratische Kollektivhandeln, wir brauchen eine funktionierende Politik in der Modernen Gesellschaft. Und Fakt ist: Momentan haben wir das nicht. Wir halten den Staat klein, weil er derzeit leicht von Einzelgruppen dominiert werden kann und seine Gemeinwohlorientierung unsicher ist. Weil unser Staat noch nicht so demokratisch ist, wie wir ihn heute eigentlich bräuchten.

Warum wir unseren Berufspolitikern mehr zuhören sollten. Richtig zuhören.

Ich persönlich kann es ja nicht mehr hören und lesen: All jene Wahlplakate und Veranstaltungsankündigungen, in denen ein Politiker/eine Partei ankündigt, dass sie dort mal den Bürgern so richtig zuhören wolle.

Meine kalte Wut über das Alibimäßige solcher Veranstaltungen und meine deutlich nüchternere Analyse, wer wem heutzutage eigentlich regel- und verfassungsmäßig zuhören müsste, wenn wir mit der Demokratie ernst machen, habe ich hier mal freundlich einfließen lassen. Da ist also schon viel von meiner Emotionalität dahin.

Auch dass ich generell nicht zur Politikerschelte neige, wird hoffentlich häufig genug deutlich.

Und darum möchte ich hier noch einen oben drauf setzen: Ich finde nicht, dass Berufspolitiker uns Bürgern mehr oder besser zuhören sollten. Ich finde vielmehr umgekehrt, dass wir Bürger mal unseren Berufspolitikern deutlich mehr und besser zuhören sollten.

– Natürlich nicht ihrem Wahlkampf-, Talkshow- und Offizielles-Statement-Gerede. Das ist ja nur Show. Und da lohnt sich Zuhören nun wirklich nicht. Was da nur kommen kann, ist ebenso erwartbar wie frustrierend.

Nein, wenn Politik im Grunde der Raum für authentische anstatt für strategische Kommunikation ist, wäre für uns in unserer Funktion als Bürger deutlich interessanter zu erfahren, wie es den Menschen hinter den ständiger-wahlkampf-bedingt-notwendigen Masken des Politikers geht, was sie aus ihrer Rolle heraus wahrnehmen, was das mit ihnen macht, dieses „In-der-Politik-Sein“, wenn wir unsere Politik so organisieren, wie wir das momentan eben machen.

Und das bei Politikern „im Amt“ oder „in der politischen Wahlkampfschlacht“. Also nicht bei Menschen, die ihren politischen Weg und ihren Dienst an ihrem Gemeinwesen bereits hinter sich haben und nun ihre zusammen mit einem Journalisten verfasste Autobiografie vermarkten wollen. – Politiker „im Dienst“ sind für uns die deutlich informativeren Menschen. Denn da greift die rückblickende Verklärung noch nicht ganz so dolle.

Wir könnten also mal unsere lieben Berufspolitiker, in ihrer Funktion als Mensch, der sie „nebenberuflich“ auch noch sind, mal zum Reden bringen. Über Dinge, die sie abseits von der Funktion wahrnehmen, ihrer Partei bei der jeweils nächsten Wahl maximale Wahlkampfstimmen einzubringen und sich selbst zur gleichen Zeit möglichst weit nach oben in die jeweilige Parteihierarchie zu reden. So eine Aktion: Wir Bürger hören Euch jetzt einfach mal wirklich zu. Nicht in unserer Funktion von „Wir wollen was von Euch und warum liefert Ihr das eigentlich nicht!?“. Sondern von Mensch zu Mensch. Aus purer, nackter Neugier und Interesse am Anderen. Was der in seiner überaus speziellen Bubble so alles wahrnimmt, was einem selber höchstwahrscheinlich entgeht. Weil man DAZU selbst einfach keinen Zugang hat.  Was erleben und wie erleben diejenigen Menschen eigentlich unsere momentane Politik, die „für uns Politik machen sollen“?

Ich vermute ja, dass wir von diesen Menschen auf diese Weise einiges wirklich Interessante zu hören bekämen, das uns als Gesellschaft doch tatsächlich weiterbringen könnte.

Falls Sie sich also mal wieder eingeladen sehen, zu einem „Bürgerdialog“, einer „Bürgersprechstunde“, oder Ähnlichem: Ärgern sie sich nicht. Gehen Sie hin. Und drehen sie den Spieß um: Hören sie stattdessen mal dem Menschen hinter der Maske zu. Und bringen sie ihn dazu, sie abzulegen und ganz offen mit Ihnen zu reden.

Das geht. Ich mache das jeden Tag mit allen möglichen Menschen. Obwohl ich dafür ziemlich unbegabt bin. Das Geheimnis meiner Vertrauenswürdigkeit ist: Dem anderen überdeutlichst zu zeigen, dass er von mir gerade nichts zu befürchten hat. Dass ich keinerlei Ambition habe, „ihn anzugreifen“. Das allein reicht bereits. Bei jedem Menschen. – Und wenn an dem dunklen Gerücht was dran ist, dass Politiker doch vielleicht eventuell Menschen sind und keine bösen Aliens, die bloß unser Zwerchfell fressen wollen, dann funktioniert das auch bei Politikern.

Natürlich nicht in der Öffentlichkeit. Da kann ja keiner offen und ehrlich reden unter Bedingungen eines von uns verfassungsmäßig gewollten, ständigen Wahlkampfs. Aber unter vier Augen, da geht was. Dafür stehe ich mit meinen vier Ohren. Vor allem mit meinem Selbstoffenbarungsohr.

Meine Eingangsfrage wäre ähnlich wie beim Anbaggern: Etwas Harmloses, Offensichtliches benennen, was uns beide gerade als Menschen gleichermaßen betrifft. Z.B.: „Ganz schön heiß heute, was?“ Oder was Menschlich-Allzumenschliches, gänzlich Unpolitisches beim Anderen ansprechen: „Sie haben da was auf Ihrer Jacke, darf ich mal…?“ Und meine nächste Frage nach dieser Mini-Dosis Small Talk und zwischenmenschlicher Kontaktaufnahme ginge gleich in die Vollen: „Was mich mal interessieren würde, Frau/Herr …, wie geht’s Ihnen persönlich eigentlich gerade mit der Politik? So ganz allgemein?“

Und danach nur noch: Aufmerksam Zuhören. Und reden lassen. Und wirken lassen.

Denn wir Bürger hören unseren Politikern einfach viel zu wenig zu. Also was man so zwischen uns Menschen „richtig gut zuhören“ nennt.

Und wenn uns dieses persönliche Politiker-Anbaggern und -Zum-Reden-Bringen zu mühselig erscheint, können wir alternativ auch einfach die ständigen Wahlkämpfe abschaffen oder entschärfen. Das ist vermutlich doch etwas einfacher, wenn man sinnvolle politische Gespräche will und ihre allgemeine Ausbreitung.

Denn so wie jetzt kann sich ja kein Berufspolitiker auch nur einigermaßen sinnvoll äußern. Und dass man da keine Lust mehr hat zuzuhören, scheint mir wiederum nur allzu verständlich. Es ist doch schließlich ein Akt der Menschlichkeit, nicht nur mit dem Menschen hinter dem Berufspolitiker empathisch zu sein, sondern genauso mit dem Bürger, der in jener bemerkenswert merkwürdigen Verfassung, die wir gemeinsam geschaffen haben, ähnlich arm dran ist. Zumindest was sinnvolle politische Kommunikation angeht. Das will ja alles keiner hören.

Bei der Art, wie wir momentan Politik organisieren, einander zuzuhören, kann man keinem Menschen zumuten. Keinem Menschen auf keiner der beiden Seiten der alle frustrierenden Trennlinie „aktiver, dienstleistender Politiker“/“passiver, konsumierender Bürger“. – Dass da einige der Meinung werden können, man solle zum allgemeinen Besten doch besser gleich die Kategorie des Berufspolitikers ganz abschaffen, kann eigentlich nicht erstaunen.

Ich würde nicht soweit gehen. Aber das Verhältnis Berufspolitiker-Bürger einmal sehr grundsätzlich zu überdenken, das scheint mir heute durchaus angebracht. Denn auch politische Institutionen sind nicht für die Ewigkeit, sondern erfüllen ganz bestimmte, menschliche Zwecke. Sie können daher stets darauf überprüft werden, ob andere Institutionen die gleichen Zwecke nicht besser erfüllen können. Vor allem dann, wenn die politische Unzufriedenheit gerade groß ist.

Über Demokratische Freiheit

1

Die Demokratie genauso wie die Politik erzeugt ein Verhältnis von Freien und Gleichen, die sich dann als sogenannte „Bürger“ begegnen.

2

D.h. als Menschen, die es für sich kategorisch ablehnen, einander beherrschen, einander von der Politik, vom statusmäßigen Gleichheitsverhältnis ausschließen zu wollen.

3

Und das auch dann, wenn einer von ihnen den Eindruck hat, „man wüsste mehr“ als der liebe oder gar nicht so liebe Mitbürger.

4

Daher beschließen die demokratischen Bürger, in der Politik alle gemeinsam zu herrschen. Sich als Bürgerschaft selbst zu beherrschen. Damit kein Dritter sie beherrsche. Und damit keiner von ihnen beherrscht werde.

5

„Freiheit“, so verstehen es Demokraten, ist die Freiheit vom Beherrscht-Werden durch andere Menschen.

6

Und genau diese Freiheit wollen Demokraten nicht nur für sich selbst, sondern für alle ihre Mitbürger.

7

Damit aber nicht „aus Versehen“ einer von ihnen die anderen beherrscht (und dadurch alle gemeinsam unfrei werden), müssen alle Bürger zu gleichen Teilen an der Herrschaft beteiligt werden.

8

Daher besteht die demokratische Freiheit in der Pflicht der Bürger zur Beteiligung an gleicher Herrschaft.

9

Demokratische Freiheit kommt ebenso wie demokratische Herrschaft nur dann zustande, wenn sich alle gleichermaßen an der Herrschaft beteiligen. Kein Bürger mehr. Kein Bürger weniger.

10

Im Herzen der Demokratie ist die politische Gleichheit, die etwas ganz anderes ist als private Gleichheit.

11

Jenseits davon, dass die Demokratische Freiheit in der Pflicht der Bürger besteht, das Schicksal ihres Gemeinwesens mitzubestimmen und damit auch Mitverantwortung für seine Gesetze und staatliche Aktivitäten zu übernehmen,

12

So besteht die Freiheit der Demokratie äußerlich betrachtet in einer Unfreiheit oder vielleicht besser in einer Unmöglichkeit: In der Unmöglichkeit für den einzelnen Bürger, sich vom Staat, vom Gemeinwesen, von der Politik, von den res publica völlig distanzieren zu können. Der unpolitische Bürger ist unfrei. Er ist daher in der Demokratie etwas Unvorstellbares.

13

Da Demokratische Freiheit nur durch die Beteiligung aller zustande kommt, kann niemand frei sein unfrei werden zu können. Ließe man dem einzelnen Bürger solche Entscheidungsspielräume (sein Bürgertum als solches zu negieren), hätten wir als Einzelne die Macht, die Freiheit aller anderen zu zerstören.

14

Demokratische Freiheit bedeutet, dass die anderen ein Recht auf unser Bürgertum haben: Dass wir unser Bürgertum aktiv ausüben. Nicht als Bürger, die sich über unsere Mitbürger stellen. Sondern als Bürger, die sich in unserer Beteiligung am gemeinsamen Staat unseren Mitbürgern gleich stellen.

15

Unsere Mitbürger haben in der Demokratie das Recht darauf, dass wir uns nicht in die politische Verantwortungslosigkeit davonstehlen. Dass wir uns nicht zu „Untertanen“ machen, indem wir uns nicht am Politischen beteiligen. – Wenn, und das ist demokratische Bedingung für das Einfordern der Beteiligungspflicht am Politischen, das Politische so organisiert ist, dass es die Position des gleichrangigen Bürgers überhaupt gibt.

16

Demokratische Freiheit und Politische Gleichheit kommen durch unsere bürgerliche Aktivität zustande. Dadurch, dass wir gleichermaßen politisch teilnehmen, mithören, mitreden, mitberaten, mitentscheiden, mitgestalten, was uns allen gleichermaßen gehört: Unser gemeinsamer Staat, unser Gemeinwesen.

 

 

Aristokratischer Streit, tyrannische Unterdrückung, demokratischer Dialog

In vielen Artikeln hier auf wyriwif wurde es als die Hauptfrage unserer Tage dargestellt, ob sich unsere heutige Aristokratie mit demokratischen Elementen in eine vollständige Demokratie entwickeln kann. Und wenn ja, wie genau eine solche Entwicklung zur Demokratie aussehen und vonstatten gehen könnte.

Auch der doppelte Gegensatz einer voll entwickelten Demokratie zur sowohl Tyrannen-Herrschaft als auch zu einer aristokratischen Zusammenlebensform, die den Wettbewerb unter den Bürgern zur Verfassung macht, war bereits mehrfach Thema. – Allerdings nicht immer unter diesen Bezeichnungen, nicht unter diesen „Labeln“: Aristokratie, Tyrannis, Demokratie.

Nach meiner Auffassung wird die demokratische Weiterentwicklung unserer Gesellschaft und unserer Verfassung dadurch blockiert, dass wir Demokratie anhand der falschen Leitunterscheidung begreifen: In den allermeisten heutigen Beiträgen, die die Gefährdung unserer Demokratie thematisieren, wird Demokratie hauptsächlich in ihrem Gegensatz gegenüber der Tyrannis thematisiert. Demokratie wird dabei vor allem von „autoritärer Herrschaft“ unterschieden. – Das ist keineswegs falsch. Die Frage ist nur, ob das wirklich der relevanteste Gesichtspunkt ist, wenn wir heute über die Reform unserer demokratischen Institutionen nachdenken.

Denn wesentlich weiter führt es uns heute, wenn wir Demokratie vor allem in ihrem Gegensatz zu aristokratischen Gesellschaftsformen verstehen. Wir bekommen dann unsere heutigen Demokratiedefizite deutlicher erkennbar auf den Tisch. Und wir nehmen die Weiterentwicklungsmöglichketen unserer Verfasssung in Richtung einer vollständigeren Demokratie unmittelbarer wahr.

Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass „Demokratie oder Aristokratie?“ die eigentliche Frage unserer Zeit ist; und ein Hinweis darauf, dass „Demokratie oder Diktatur/Tyrannis?“ eher eine Folgefrage ist, die nicht den größeren Teil unserer Aufmerksamkeit verdient.

Man kann das zentral fest machen an der unterschiedlichen Haltung zum Thema „innergesellschaftlicher Streit“, den die drei Verfassungen einnehmen:

Die Tyrannis unterdrückt Streit durch Hierarchie. Hierarchie ist vor allem ein Streit-Vermeidungs-Tool. Wenn klar ist, wer oben und wer unten ist, ist Streit ausgeschlossen. Ober sticht Unter. Alle müssen sich fügen und „einfügen“ in die hierarchische Gesellschaftsstruktur, in der es darum geht, „dem Zentrum der Macht“ möglichst nahe zu sein.

Die Aristokratie hingegen liebt den Streit und seine Freisetzung. Sie idealisiert das freie Spiel der Kräfte. Freilich unter der Voraussetzung, dass gerade nicht alle an ihm teilnehmen, sondern eben nur „der Adel“ oder „die Besten“, wie die Aristokratie von sich selber sagt. Auch hier geht es darum, „nach oben zu kommen“, allerdings nicht in einer starren, festgelegten Struktur, sondern vor allem in den Augen der allgemeinen Öffentlichkeit. Es geht der Aristokratie um das Sich-Bewähren des Einzelnen (Adligen) im Wettbewerb, es geht ihr um „Ruhm und Ehre“. – Alle Wettkampfsportarten sind daher im Kern aristokratisch, Siegerehrungen inklusive.

Die Demokratie hat ein völlig anderes Verhältnis zu Streit und Auseinandersetzung. Weder unterdrückt sie den Streit wie die Tyrannis. Noch idealisiert sie ihn wie die Aristokratien. Sie ist im Grunde die anspruchsvollste und voraussetzungsreichste Verfassung, weil sie Konflikte nicht verleugnet, sondern beansprucht, sie produktiven, neuen Institutionen zuführen zu können. – Um das zu leisten, braucht die Demokratie die Kultivierung von Empathie zwischen ihren Bürgern als Bürgern. Es gibt also auch in der Demokratie durchaus „Auseinandersetzung“, aber es ist eine ganz anders geartete Auseinandersetzung als ihn Aristokratien kennen und forcieren. Im Grunde handelt es sich um zwei ganz verschiedene Dinge, die wir unter dem gleichen Namen führen. – Und das könnte durchaus ein ganz zentraler Teil des Problems sein, das derzeit unsere Gesellschaft zerlegt und unsere bereits etablierten demokratischen Ansätze zu zertrampeln droht, so dass wir tatsächlich in tyrannische Strukturen zurückfallen können.

Die Auseinandersetzung der Demokratie ist gerade nicht das ständige Kräftemessen, das Aristokratien lieben und institutionalisieren. Sondern es besteht in der permanenten Erarbeitung von Verständnis zwischen den Bürgern als Verschiedenen, die sich erst einmal nicht verstehen, auch gar nicht verstehen können. Für die Demokratie ist das wechselseitige respektvolle Zuhören zentral. Und auch, dass sich alle Bürger als sie selbst äußern und eine für alle gut hörbare politische Stimme haben. Der Dialog der Bürger miteinander (und nicht der mit Politikern) ist daher der zentrale demokratische Vorgang, ohne den eine Demokratie nur schlecht so genannt werden kann.

Demokratien führen keine Debatten, keine Kriege mit anderen Mitteln, sie bilden keine Lager in der Bürgerschaft, die sich wechselseitig belauern und bekriegen, sondern sie treffen sich regelmäßig und verfassungsmäßig „als Freie und Gleiche“ im eigens dafür geschaffenene Raum des Politischen.

Genau dafür haben sich demokratische Verfahren und Institutionen bewährt: Losverfahren, Bürgerkonvente, Bewusste Durchmischung der Bürger, Gespräche in Kleingruppen, in denen jeder zu Wort kommt, gemeinsame Beschlussfassung nach allgemeiner Information untereinander und mit unterschiedlichsten Experten und Betroffenengruppen zum Thema.

Wenn unsere zarte Demokratie, die trotz allem bereits Erreichten und verfassungsmäßig Institutionalisierten noch in ihren ersten Anfängen steckt, heute davon bedroht zu sein scheint, sich in eine Tyrannis zu verwandeln, so liegt das ganz offensichtlich nicht daran, dass Diktaturen so überaus verlockend wären. Es liegt vielmehr daran, dass autoritäre Herrschaft manchmal als relative Verbesserung zu einem Zustand sinnlosen und unproduktiven Streits erscheint, in denen sich eine halbgare Demokratie erschöpft, die eigentlich eher eine Aristokratie ist: Wettbewerb gegeneinander und „immer feste druff“. Die pure Erschöpfung und erlebte Sinnlosigkeit eines ins Allgemeine ausgeweiteten aristokratischen Wettbewerbs führt dazu, dass Stimmen laut werden, die sich wünschen, es möge eine Art Alexander der Große kommen, der das Schwert nimmt und den gordischen Knoten der Gesellschaft einfach entzwei hauen möge.

Lob des Streits, Lob der Auseinandersetzung, Lob des Wettbewerbs hilft dann nur noch wenig, um das Entstehen von Diktaturen zu verindern: Denn man lobt dann gerade das, woran eine solche Gesellschaft leidet, wogegen sie sich gerade zu richten beginnt. Man hat dann das Problem nicht verstanden, aus welchen heraus selbst die Tyrannis plötzlich attraktiv erscheint.

Historisch gesehen waren sowohl Tyrannis als auch Demokratie konkurrierende Antworten auf ein sinnloses Spiel von Aristokraten mit ihren Gesellschaften. Gesellschaften, die den verlustreichen Kämpfen der Aristokratie überdrüssig waren, mit ihrer ständigen Suche nach „Gefolgschaft“, suchten Zuflucht sowohl in der Tyrannis als auch in der Demokratie.

Die Tyrannis ist jene Lösung, die oben Herrschaft einsetzt, die allen Streit der verschiedenen Adelsparteien unterdrücken und dadurch zum Erliegen bringen soll. Die Einheit der Bürger wird erzwungen. Alles, was diese tyrannische Ordnung gefährdet, wird top-down unterdrückt. Im Namen der Abwehr aristokratischer „Anarchie“. Wenn es in der Tyrannis noch Wettbewerb gibt, so besteht er stets darin, dem Zentrum der Macht möglichst nahe zu sein: Möglichst nah verwandt oder möglichst nah befreundet mit der Herrscher-Familie oder Herrscher-Clique.

Die Demokratie ist jene Lösung, die die Bürger regelmäßig in einem Raum zusammenbringt, in dem sie sich dann gerade nicht streitend und konkurrierend begegnen, sondern in dem sie sich miteinander verständigen können. Politische Innovation wird durch das demokratische Vorgehen genauso auf Dauer gestellt (alle gesellschaftlichen Institutionen gelten als verfügbar und änderbar), wie eben die Erarbeitung mitbürgerschaftlicher Empathie. Weil gezielt erarbeitetes, wechselseitiges Verständnis die unmittelbare Auseinandersetzung der Bürger trägt, wird in demokratischen Verfahren nicht „gestritten“. Demokratische Institutionen forcieren vielmehr wechselseitige Beratung und gemeinsames Entscheiden. Auf diese Weise, durch ständiges Sich-Verständigen auf politischer Ebene kann auch privater Wettbewerb gut ausgehalten werden. Weil dieser Wettbewerb dann von einer „höheren“ gesellschaftlichen Ebene getragen wird: Er geht nicht bis auf’s Blut. Er geht uns nicht an die Substanz. Er bleibt spielerisch. Das demokratische Politische trägt das aristokratische Private. Die Bürgerschaft misst sich dann in zahlreichen gesellschaftlichen Spielen aneinander, aber sie hat zugleich immer eine Ebene zur Verfügung, auf der man sich als Freie und Gleiche begegnet, auf Augenhöhe. Die Demokratie ermöglicht es der Aristokratie, privat bleiben zu können, und nicht „aus Versehen“ politisch zu werden. Sie unterdrückt – anders als die Tyrannis – nicht den menschlichen Wettbewerbsdrang, sondern weist ihm einen produktiven Platz in der Gesellschaft zu, von dem aus er nicht schädlich wird, alles in sich hineinreisst und die ganze Gesellschaft ins Chaos stürzt.

Den gesellschaftlichen Streit der Bürger aber zu idealisieren und zu behaupten, dieser Streit sei „demokratisch“, bedeutet, dass man die heißgeliebten Schlachten, die Aristokraten untereinander führen, auf die gesamte Gesellschaft ausweitet. Tut man das, wird man – ganz dialektisch – eine tiefe Sehnsucht nach entweder Tyrannei oder nach Demokratie in den Bürgern wecken. Denn kein Mensch lebt gerne in einem andauernden, allgemeinen Bürgerkrieg „aller gegen alle“.

Einmal etabliert stellt die Tyrannis freilich gern die Angst vor dem ständigen Bürgerkrieg auf Dauer. Sie tut das, um ihr Dasein zu rechtfertigen. Um den Sinn der Tyrannei wach zu halten und die Entwicklung in eine Demokratie zu verhindern, braucht es immer irgendwo einen „Feind“ oder „Aufwiegler“ oder „Terroristen“. Der einzige Rechtfertigungsgrund der Tyrannis ist, besser als ständiges innergesellschaftliches Chaos zu sein. Notfalls wird der für die Tyrannis nötige Feind konstruiert, angestiftet oder bezahlt.

Die Aristokratie dagegen kann ihre Kämpfe immer als Abwehr der Ambition der anderen Seite darstellen, sich zum Tyrannen aufzuschwingen. Auf diese Weise wird wirksam für das eigene aristokratische Lager rekrutiert und mobilisiert. Auf dass man den Sieg im Kampf gegen die anderen Aristokraten und ihre Gefolgsleute davontragen möge, die natürlich das Gleiche tun: „Wir sind die Guten, denn die anderen wollen die Tyrannei!“

Es gibt daher eine heimliche Allianz zwischen den Verfassungen der Tyrannei und der Aristokratie. Sie nutzen die berechtigten Ängste voreinander, um sich selbst zu rechtfertigen. Eine stabil etablierte Demokratie braucht solche Ängste nicht. Sie hat keinen Abwehr-, keinen Angst-Fokus. Sie konzentriert sich vielmehr auf die gemeinschaftliche Lösung von gesellschaftlichen Problemen. Generell kommt sie mit deutlich weniger Angst und Wut aus, um gesellschaftliche Prozesse voranzubringen und zu gestalten, als ihre beiden Alternativen.

Das alles könnte man, wenn man wollte, anhand der Geschichte sehen; und für unsere heutige Zeit Schlüsse aus dieser Geschichte ziehen.

Politische Einheit: Wie man ein „Wir“ bildet, das gegen kein „Die“ gerichtet ist

Es ist eine Tatsache, die einen heute durchaus überraschen kann, dass die erste und bislang vollständigste Demokratie der Weltgeschichte keine Parteien in der Bürgerschaft kannte. Parteien waren in der attischen Demokratie ein Adels-Ding, das im Widerspruch zu demokratischen Verfahren und Institutionen stand. Und die antike Demokratie rang in Athen mit der „Tyrannis“ darum, die Lösung für die niemals endenden Kämpfe zwischen den Adligen um Ruhm und Vorherrschaft zu sein. Wir würden heute dabei heute vielleicht von Bürgerkriegen oder von einem anarchisch-vorpolitischen Zustand sprechen. Denn zunächst kannten die griechischen Städte (Poleis) nichts Politisches, keine bewusst gestaltete Gemeinsamkeit: Es gab sehr wohl ein Nebebeinander-her-leben, es gab eine Art „griechische Öffentlichkeit“, aber es gab in den Städten und den mit ihnen verbundenen Regionen kein bewusstes Zusammenleben und kein Bürgertum.

Es gab zunächst also nicht einmal im antiken Sinne eine Einheit, einen „Staat“. Das entwickelte sich alles erst später. Zunächst sah der „Normalzustand“ in griechischen Städten so aus: Die Adligen kämpften um ihren persönlichen Ruhm vor der erwähnten, größeren „Öffentlichkeit“ der griechischen Welt. Sie verbündeten sich untereinander zu Raubzügen, oft auch über Regionen und Städte hinweg. Die Allianzen wechselten ständig. Stabile Herrschaften, etwa Fürstentümer, die über mehrere Generationen vererbt wurden, waren die absolute Ausnahme. Wirtschaftstheoretiker unserer Tage würden wohl von einem „ständigen, funktionierenden Wettbewerb um Ruhm und Ehre sprechen“. Die ebenfalls überregionalen olympischen Spiele, die die gesamte antike griechische Öffentlichkeit einschlossen, passen als Symbol dieser allgemeinen Wettbewerbskultur gut ins Bild. Trotz all ihrer Fremdheit gibt es daher auch einige bemerkenswerte Ähnlichkeiten zu unserer heutigen Gesellschaft. Heute würden solche Adlige ihre Erfolge zur Befriedigung ihres persönlichen Egos wohl in Social Media posten. Gemeinwohlorientierung war unbekannt, weil es „das Gemeine“ (die res publica) schlicht noch nicht gab.

Die Adelskämpfe mit ihren Raubzügen konnten aber wie erwähnt keine Stabilität begründen und führten mit der Zeit zu einigen bedrohlichen gesellschaftlichen Schräglagen, die ihrerseits blutige Aufstände zur Folge hatten, bei denen regelmäßig große Mengen an Menschen zu Tode kamen oder verbannt wurden. Oft verbündeten sich die Verbannten dann wiederum mit anderen, kehrten gestärkt zurück, so dass diejenigen, die eben noch Sieger waren, nun selbst getötet wurden oder ihre Heimat verlassen mussten. Es gab dabei auch eine zunehmende Verelendung unter den Nicht-Adligen, die von selbständigen Haushalten (Subsistenzwirtschaft) in eine Art quasi-Leibeigenschaft gerieten. Denn man haftete für Schulden mit seinem ganzen Haushalt und seinem eigenen Leib. Und diese Unzufriedeneit der Bevölkerung konnte von anderen Adligen ausgenutzt werden bei ihren Kämpfen gegeneinander. Das muss den gesellschaftlichen Zustand nach und nach so drückend gemacht haben, dass die antiken Griechen selbst im 6. Jahrhundert v. Chr. einzusehen begannen, das ein „Weiter So“ keine Option war. Athen war zu diesem Zeitpunkt eher eine „verspätete Nation“, was möglicherweise dazu geführt hat, dass man sich die Entwicklung in anderen Städten anschauen konnte und „aus den Fehlern der anderen lernte“.

Die Solonschen Reformen, der erste Schritt auf einem langen Weg hin zu dem, was wir als „attische Demokratie“ kennen, waren die athenische Antwort auf ihre besondere Variante einer allgemeineren Krise der damaligen griechischen Welt. Diese Reformen scheinen ganz einmalig gewesen zu sein. Zumindest haben wir keine anderen Zeugnisse über Vergleichbares in anderen griechischen Städten. Und es ist über Solon auffällig viel überliefert im Vergleich zu anderen bestimmenden Personen seiner Zeit. Solon war wohl in der ganzen griechischen Welt der erste „Staatsmann“ im engeren Sinne. Exakt ab dem Zeitpunkt seiner Reformen kann man von der „Geburt des Politischen“ und damit von „Verfassung“ und „Staat“ sprechen. Christian Meier schreibt dazu:

In gewissem Sinne war Solon der erste uns bekannte Bürger: Er wollte zwar mehr leisten, aber nichts anderes, nichts Besseres sein als alle anderen.

Meier widmet daher auch lange Absätze der – wohl auch in der Antike selbst diskutierten – Frage, warum sich Solon in und nach seinen Reformen nicht zum dauerhaften Tyrann über Athen aufgeschwungen hat, wie das in vielen anderen griechischen Poleis zu jener Zeit geschehen war (S. 55-85). Solon musste sich wegen seiner diktatorischen Zurückhaltung wohl einige Vorwürfe von seinen Zeitgenossen anhören, die ebendies von ihm erwarteten, wenn nicht verlangten. Er verließ Athen nach den Reformen bewusst und ging freiwillig in ein 10-jähriges Exil, damit die Bürger nicht von ihm verlangen konnte, die von ihm geschaffene Verfassung abzuändern. Der Druck, dem Solon in Athen von allen Seiten ausgesetzt war, lässt sich bis heute nachvollziehen.

Genau dadurch aber gab es plötzlich „ein Gemeinsames“, eine Bürgerschaft, auf die man sich beziehen konnte, es entstand so etwas wie „politische Einheit“ zwischen den Menschen, die vordem einfach nur gemeinsame Bewohner eines Landstrichs waren, die neben einander her lebten, ohne eine Form von gemeinsamer Identität, die gemeinsames Handeln begründen und motivieren kann. Vor allem aber ohne gesellschaftliche Institutionen, die Gemeinschaftshandeln einen Bezugspunkt und eine Form geben. Solons Reformen begünstigen die Entstehung eines allgemeinen Gemeinschaftsbewusstseins. Und dadurch, dass er sie nicht durch eine von ihm ausgefüllte Tyrannis „krönte“, blieb dieses Gemeinschaftsbewusstsein auf die Verfassung, auf die Bürgerschaft selbst gerichtet, anstatt auf eine vergängliche Person, wie das in vielen anderen Städten Griechenlands geschah, die dann eben auch kein ähnliches politisches Bewusstsein entwickelten wie die Athener.

Es lag also in der gesellschaftlichen Ausgangslage begründet, dass die attische Demokratie später eine Demokratie ohne Parteien wurde: Parteien wurde mit den Adligen, ihren ständigen Streitereien und ihrer Suche nach Gefolgschaft assoziiert. Während also der Adel, die Aristokratie, weiterhin Parteien kannte, wurde Demokratie dagegen gerade als eine Einigung der Bürger verstanden, die sich nicht in Fraktionen spalten ließen. Die Athener entwickelten eine „demokratische Haltung“, noch bevor sie eine Demokratie entwickelten: Sie lehnten sowohl die Willkürlichkeit der Adelskämpfe ab, weil sie gesehen hatten, was das in anderen Städten für Unordnung und Elend anrichtete (zum Teil hatten sie das aber wohl auch am eigenen Leib erlebt). Sie lehnten aber auch die Tyrannis ab, die den Adel zwar zurückdrängen konnte, aber zugleich eben auch politische Ungleichheit und Unbeteiligtheit zwischen ihnen erzeugte. Peisistratos, der sich später mehrmals zum Tyrann über Athen aufschwang, scheiterte zwar noch nicht an diesem jungen, proto-demokratischen Bewusstsein der Athener. Wohl aber die Spartaner, die Peisistratos‘ Nachkommen stürzten und eine ihnen wohlgesonnene Tyrannis in Athen zu errichten versuchten. Die Athener waren nicht mehr bereit, Adelswillkür und die Herrschaft einer einzelnen Familie und ihrer Verbündeten über sich zu dulden.

In Absetzung gegen sowohl unpolitischen Adels-Ehrgeiz als auch gegen unpolitische Herrschaft der wenigen entsand jene Einheit der Bürgerschaft, die geschlossen auftrat und politische Einheit begründete. Parteien konnten eine solche Einheit nicht leisten, sondern waren gerade das Problem, gegen das das Politische und der Bürgerbegriff bei den Athenern enstand.

Bewusst muss das spätestens mit den Kleisthenischen Reformen gewesen sein: Der zweite erkennbare „Modernisierungsschub“ der Polis Athen in Richtung Demokratie bestand nämlich darin, die Bürgerschaft im Politischen untereinander bewusst zu durchmischen und der Möglichkeit der Bildung von Parteien in der Bürgerschaft gezielt entgegen zu wirken. – Die Kleisthenischen Reformen wirkten daher, unmittelbarer noch als die Solons, als eine Vorstufe auf der Entwicklung zur Demokratie. Und heutige Historiker scheinen zu streiten, ob man Athen bereits damals „eine Demokratie“ nennen kann, obwohl der Begriff bei den Griechen damals noch nicht im Schwange war. Man sprach stattdessen von „Isonomie“: Von politischer Gleichheit zwischen den Bürgern. Vermutlich um das Neue vom Begriff der „Eunomie“ abzusetzen, den Solon gebrauchte, als er die von ihm geschaffene Timokratie ideologisch als ewige politische Ordnung überhöhte.

Entscheidender als die Details und Diskussion um Begrifflichkeit ist für uns heute bei all dem aber ein anderer Aspekt: Die athenische Demokratie ging erkennbar aus einer Krieger- und Raubbeuter-Kultur hervor. Sie war nicht nur frauenverachtend und auf Sklaverei angewiesen. Sie hielt auch ständigen Krieg und Streitigkeiten für völlig selbstverständlich, wenn nicht erstrebenswert. Sparta und wahrscheinlich auch Athen kann man daher ein „ständiges Heerlager im Frieden“ nennen. In früheren Analysen ist dann auch der Althistoriker Christian Meier der Ansicht, dass ein Aspekt bei der Herausbildung der attischen Demokratie gewesen sein muss, dass man das Gemeinschaftserleben im Krieg, „die Kameradschaft“, auf Dauer stellen wollte und daher auf neue politische Formen drang. Egal, ob diese Spekulation zutrifft: In jedem Fall ist es schwer denkbar, dass die attische Demokratie hätte entstehen können, wenn es nicht ein allgemeines Engagement im Krieg gegeben hätte. Ein kriegerisches Engagement aller Bürger, das ein allgemeines Engagement in der Politik naheliegend erscheinen ließ. Politische Beteiligungsrechte, „Vollbürgerschaft“, hat man entsprechend in der attischen Demokratie genau dann breiteren Schichten zugestanden, als sie in der Kriegsführung unersetzlich wurden. Frei nach der Devise: „Wer mitkämpft, soll auch mitbestimmen“. Oder: „Wer im Krieg dringend gebraucht wird, dem kann politische Mitbestimmung nicht vorenthalten werden.“ Daher war wohl der keineswegs selbstverständliche Schritt, mit dem sich Athen zur Seemacht machte, wodurch im Krieg viel mehr Menschen gebraucht wurden (v.a. als Ruderer), mit der finale Schritt zur Entstehung und Stabilisierung der attischen Demokratie.

Die neuartige politische Einheit der athener Bürgerschaft war daher immer auch erkennbar gegen ein gesellschaftliches Außen gerichtet: Zunächst gegen die bis dahin vorherrschende Macht der Spartaner. Später gegen das Perserreich, dem man sich mit einem an Übermut grenzenden Selbstbewusstsein entgegenstellte.

Die für uns fast schon selbstverständliche Assoziation von „Demokratie“ und „Friedliebendheit“ wäre daher den attischen Demokraten völlig fremd gewesen.

Genau dieser Unterschied bedeutet aber auch, dass wir uns heute in einer völlig neuartigen Situation befinden, in der wir uns von der attischen Demokratie und ihrem so ganz anderen Verständnis von Politik zwar inspirieren lassen können, in der von copy&paste-Lösungen aus der kriegslüsternen Antike aber abzuraten ist.

Wir stehen – anders als die Griechen Athens – heute vor der Frage, ob sich politische Einheit der Bürger auch ohne die Motivierung und Absetzung gegen einen äußeren Feind herstellen lässt. Ob das wirklich menschenmöglich ist, ist tatsächlich eine offene Frage, solange wir den Gegenbeweis nicht handelnd und institutionell erbracht haben.

Die Institutionen der attischen Demokratie scheinen uns in unserer so ganz anderen gesellschaftlichen Situation zumindest einen Hinweis darauf zu geben, wie man ständigen Streit in einer Bürgerschaft wirkungsvoll beilegt: Die attische Demokratie hatte knapp 150 Jahre Bestand, und das in überaus krisenhaften, bewegten Zeiten, in denen sie immer wieder in Frage stand und sich aus Sicht ihrer Bürger bewährte. Die Inspiration durch die attische Demokratie kann auch insofern gerechtfertigt erscheinen, als unsere Situation in einigen Teil-Aspekten nicht ganz unähnlich ist: Auch wir kennen eine allgemeine Fixierung der Bürger auf’s Private. Auch wir leben in Zeiten, in der der Streit zwischen den Bürgern nicht mehr zu enden, sondern immer weiter zu eskalieren scheint.

Die Lehre, die zumindest ich aus der Beschäftigung mit der ersten Demokratie der Weltgeschichte für mich gezogen habe ist: Will man die Vermeidung von Bürgerkriegen, will man demokratische Stabilität…

a) dann kann man nicht auf ständige, verfassungsmäßige Live-Begegnungen der Bürger untereinander in politicis nicht verzichten. Die Bürger selbst müssen „ins Parlament“. Mindestens müssen sie ein eigenes politisches Forum haben, eine eigene Kammer, die realen politischen Einfluss hat, die als Herzkammer der Demokratie gilt. Das demokratische Losverfahren ist auch heute absolut unverzichtbar für eine stabile Demokratie, die sich gegen autoritäre Anmutungen und anti-politische Herausforderungen bewähren will.

b) dann können Parteien der Bürgerschaft kein wichtiges Mittel der demokratischen Willensbildung sein. Demokratie verträgt keine Spaltung der Bürgerschaft. Versucht sich Demokratie vermittelt über Parteien ins Leben zu bringen, erhält man eher etwas, das man „Wahl-Aristokratie“ nennen kann. Die politischen Ungleichheiten zwischen den Bürger nehmen zu, die politische Beteiligung der Bürger schwindet ins Bodenlose und man erhält bestensfall eine Show-, eine Zuschauerdemokratie. Etwas, über das die attischen Griechen gelacht hätten, dass wir es wagen, so etwas „Demokratie“ zu nennen.

Dass wir unsere Parteien als eine wichtige demokratische Institution betrachten, ist daher der bedrohlichste Teil unserer momentanen politischen Verfassung. Derjenige, mit dem wir eine Herausbildung einer stabilen Demokratie institutionell sabotieren. Denn der ewige Wahlkampf, den wir damit in der Politik vorsätzlich erzeugen, spaltet uns als Bürger in feindliche Lager. Und eine Gesellschaft wie die unsere, die glücklicherweise im Privaten viele Unterschiede zwischen uns zulässt, verträgt im Politischen noch einmal deutlich weniger einen ständigen Geist der Spaltung als es die noch vergleichsweise homogenere antike Stadtgesellschaft vertrug.

Will man politische Einheiten, die sich nicht „gegen“ Mitbürger, auch nicht gegen unsere Weltmitbürger richten, wird man statt auf kampfestüchtige Parteien daher auf politische Institutionen und Verfahren setzen, in denen wir wechselseitiges Verstehen kultivieren. Und in denen wir dann, in dieser ständig neu zu erarbeitenden bürgerschaftlichen Verbundenheit gemeinsam entscheiden, was wir gemeinsam politisch wollen.

Wir begreifen dann Demokratie als diejenige Staatsform, die nicht nur äußerliche Bürgerkriege zum erliegen bringt, sondern die die Bürgerschaft wirklich zusammenbringt und durch diese Zusammenkünfte auch innerlich vereint. Demokratie ist dann die institutionelle Praxis des Wegarbeitens von potentiellen Spaltungen und mörderischen Konflikten innerhalb der Bürgerschaft. Sie ist dann aber nicht rein negativ, auf Vermeidung des Schlimmsten gerichtet. Vielmehr begründet Demokratie dann eine ganz neue Qualität des gesellschaftlichen Lebens zwischen uns. Eine Qualität, die man „Bürgerfreundschaft“ nennen könnte, und die weit in unser Privatleben ausstrahlt, die unser ganzes menschliches Zusammenleben erleichtert, beruhigt und belebt.