Dass wir das demokratische Losverfahren schon die ganze Zeit anwenden – in Form von Meinungsumfragen – ist eine wichtige Tatsache, auf die vor allem David van Reybrouck nicht müde wird hinzuweisen. Sie bedeutet, dass der Schritt hin zu gelosten Bürgerkonventen in gewisser Hinsicht kleiner ist, als er uns zunächst einmal scheinen mag.

Wir erkennen bereits heute an, dass wir alle Bürger, gemäß ihres Vorkommens in der Bevölkerung, an der Politik beteiligen müssen. Und wir erkennen vor allem an, dass Wahlen alle 4-5 Jahre nicht genügen, um die Bürger als Souverän ihres Staates in der Politik zu Wort und zur Wirkung kommen zu lassen.

Wenn wir das alles aber breits faktisch durch unsere momentane politische Praxis anerkennen, können wir mit Blick auf die Alternative: geloste Bürgerversammlungen auch sehen, dass Meinungsumfragen als Einflussgröße in unserer demokratischen Politik ganz beträchtliche Nachteile mit sich bringen:

Wir haben, wenn wir als Bürger durch Meinungsforschungsinstitute befragt werden, kaum die Möglichkeit, uns zu den verschiedenen Themen wirklich vorher zu informieren, zu denen wir genötigt werden, unsere Meinung kund zu tun. Und, noch wichtiger: Wir haben nicht die Möglichkeit, unsere Meinungen vorher untereinander als Bürger miteinander abszustimmen. Wenn ich heute Abend angerufen werde, weil ich zufällig ausgelost wurde, an einer opinion poll teilzunehmen, weiß ich nicht, wie das, was ich dann vertrete, auf meine Mitbürger auswirkt, die in völlig anderen Lebenswelten und -situationen leben als ich selbst, obwohl sie meine Mitbürger sind und wir gemeinsam eine Gesellschaft bilden. Und umgekehrt genauso: Andere Befragte wissen nichts über die Auswirkungen, die das von ihnen Vertretene auf meinen Alltag, mein Leben und meine Möglichkeiten haben wird.

All das findet aber in gelosten Bürgerversammlungen statt: Die Bürger werden nicht nur dorthin gelost, sie werden auch zum Meinungsaustausch untereinander verschiedenen Kleingruppen zugelost, wo sie auf ihre Mitbürger treffen, die völlig anderen Milieus, Altersgruppen und Lebensorten entstammen. Wir bekommen dann unmittelbar mit, was verschiedene politische Entscheidungen, die wir vertreten, für den anderen bedeuten würden, wenn sie so – mit gemeinsamer Staatsgewalt – umgesetzt würden. Und umgekehrt bringe ich selbst zur Sprache und mache für die anderen dort spürbar, was bestimmte Entscheidungen für mich, in meinem Alltag und in meiner Zukunft bedeuten würden.

Die Erfahrung zeigt: Die Bürger, also wir alle, verändern uns, wenn wir in dieser Form miteinander und mit einem konkreten, zu entscheidenden politischen Thema konfrontiert werden.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen der Zufallsauswahl der politischen Meinungsumfragen und der Zufallsauswahl demokratischer Bürgerversammlungen: Wir schreien nicht einfach unsere unterinformierte Meinung hinaus in den gemeinsamen, politischen Raum. Sondern wir verändern uns, weil wir die Gelegenheit haben, uns vorher miteinander abzustimmen und tiefergehender über das politische Thema zu informieren, über das wir dann am Ende – nach bestem Wissen und Gewissen – unsere Meinung kundtun.

Dass solche Prozesse besser sind als das, was wir derzeit praktizieren, ist unschwer einzusehen. Es ist der Unterschied zwischen verbundenem, empathischen Entscheiden, und einem vereinzelten und unverbundenen Entscheiden. Meinungsumfragen nehmen die Vereinzelung und Trennungen unserer Gesellschaft auf und tragen sie in den politischen Raum hinein. Bürgerversammlungen schaffen Verbundenheit im politischen Raum, wo sie vor-politisch: im Privaten heutzutage schlicht nicht mehr entstehen kann. Geloste Bürgerkonvente verbinden die Bürger als Bürger, bevor sie sie jeweils zu ihrem Votum kommen lassen. Geloste Bürgerkonvente sind daher die logische politische Antwort auf eine Moderne Gesellschaft, die aus guten Gründen die Entstehung höchst unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten und Lebenserfahrungen zwischen ihren Bürgern zulässt. In den gelosten Bürgerkonventen kommt diese Unterschiedlichkeit von uns Bürgern auf eine Weise zusammen, die keine Konflikte zwischen uns triggert, sondern ein Gefühl von Gemeinschaft und gemeinsamer Bürgerschaft überhaupt erst entstehen lässt und kultiviert. Teilnehmer solcher geloster Versammlungen sind hinterher aus ihrer subjektiven, eigenen Wahrnehmung „mehr Bürger“ als sie es vorher waren. Sie haben mehr Respekt vor Politik und Politikern. Und sie haben mehr Verständnis füreinander und mehr Einsicht in die Lebenswirklichkeit ihrer Mitbürger und wie politische Entscheidungen sie berühren und beeinflussen.

Ab Minute 14:30 in folgendem kleinen Vortrag bekommt man einen ganz guten Eindruck, wie solche gelosten Bürgerkonvente ganz konkret ablaufen können – Und auch warum eine solche demokratische Praxis deutlich besser wäre, als das, was wir uns momentan gegenseitig mit Meinungsumfragen antun:

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