Seit sich der Trend zur Herausbildung einer einzigen, globalen Weltgesellschaft abzeichnet (also nicht eben erst seit gestern), breiten sich Geschichten aus, die von Angriffen von Außen auf diese Gesellschaft erzählen: Der Angriff einer nicht-menschlichen Übermacht, die uns Menschen dazu bringt, alle unsere zwischenmenschlichen Konflikte beizulegen, uns zusammen zu schließen und auf diese Weise vereint dem äußeren Feind ebenso geschlossen wie entschlossen entgegen zu treten.

Bevorzugt ist das dann Science Fiction vom Stil „Independence Day“, „Matrix, „Terminator“ oder „Krieg der Welten“. Aber es gibt auch ein paar andere Geschichten, die wir uns heute erzählen und die das gleiche Strukturmerkmal an sich haben.

So ist z.B. auch „Game of Thrones“ so eine Geschichte: Angesichts einer äußeren Bedrohung („die weißen Wanderer“) schließen sich am Ende auch solche Parteien zusammen, die grade eben noch erbittertste, tödliche Feinde waren und die sich wechselseitig die größten Grausamkeiten angetan haben, die unter Menschen möglich sind.

Es wurde und wird nicht immer ganz wahrgenommen, dass Geschichten dieses Typs Erlösungsgeschichten sind: Der äußere Feind erlöst Gesellschaften, die nach Innen in einem nie endenden Bürgerkrieg miteinander liegen und vereint sie. Die gesellschaftliche Einheit stellt sich eben gegen einen äußeren Feind her. Dass der Winter kommt, ist im Narrativ von „Game of Thrones“ keine Bedrohung, sondern der Winter ist eine Erlösung der dort dargestellten Gesellschaft. Eine Erlösung von der in ihr herrschenden, niemals endenden Vergeltungslogik, wie wir sie auch aus Aischylos‘ Orestie kennen. Nur der äußere Feind, so erzählt es uns Game of Thrones, kann verhindern, dass Mord und Totschlag untereinander zum Erliegen kommen. Ohne einen äußeren Feind sind die Menschen von Westeros zum ewigen Verfolgen einer stupiden Rachelogik verurteilt, die uns irgendwann selbst schon beim Zusehen ermüdet: „Du hast meinen Onkel umgebracht, weswegen Du mein Kind umbringst, weswegen mein anderes Kind Deine Frau umbringt, weswegen mein Enkel Deinen Enkel umbringt, usw. usf.“ – Bei Aischylos kommt diese Rachelogik auf ganz andere Weise zum Erliegen. Aber das nur am Rande.

Die Moderne Gesellschaft, die – das ist eine ihrer zentralen Besonderheiten – eine Gesellschaft ohne Außen ist, hat erkennbar Probleme, ihre Besonderheit positiv anzunehmen und zu ihrer selbstverständlichen Operationsbasis zu machen. Dazu gehört nicht nur das Fehlen eines gesellschaftlichen Außens, das eine Befriedung nach Innen motiviert und sicherstellt, sondern auch ihr unglaublich hoher interner Differenzierungsgrad, der, so kann man ohne Übertreibung behaupten, menschheitsgeschichtlich ganz einmalig ist und noch von keiner anderen menschlichen Gesellschaft vorher erreicht wurde.

Fantasien über einen „Äußeren Feind der ganzen Menschheit“, die gesellschaftliche Befriedung und Zusammenschluss motivieren, können daher interpretiert werden als vormoderne Reflexe auf einen modernen Gesellschaftszustand, auf den wir bisher noch keine schlüssigen Antworten gefunden haben.

Unsere gesellschaftliche Situation ist also:

Das Narrativ des äußeren Feinds ist in der Moderne dysfunktional geworden, weil es faktisch nur noch ein Innen dieser Gesellschaft gibt: Wir sind alle Teil einer globalen Weltbürgerschaft. Und das ganz unabhängig davon, ob uns das überhaupt gefällt oder nicht. Es handelt sich um ein Faktum, nicht um etwas, über das wir privat oder politisch verfügen könnten…

Gut, wir können uns auf den Mond schießen, uns eingraben oder Einsiedeleien aufsuchen. Aber auch dort wird uns mit großer Sicherheit über kurz oder lang die Moderne Gesellschaft „ereilen“.

Unser Bedarf an Einheit der menschlichen Gesellschaft besteht unabhängig vom Vorhandensein äußerer Feinde. Das lernen wir gerade. Und da uns äußere Feinde nicht mehr zur Verfügung stehen (außer wir bauen uns deswegen Terminator-Maschinen oder suchen genau für diesen Zweck gezielt menschenfressende Aliens), lernen wir zugleich auch, wie sich gesellschaftliche Einheit herstellen lässt, ohne dass „die Reihen zum Krieg geschlossen“ werden.

Die wunderbar schrecklich einfache Bildung von gesellschaftlicher Einheit durch den Krieg gegen ein Äußeres steht uns jedenfalls nicht mehr zur Verfügung. Jedes Außen, das wir heutzutage konstruieren können, befindet sich bereits innen oder es existiert nur ganz allein in unserer Fantasie.

Die Erlösung von Außen bleibt also aus. Der Winter wird niemals kommen. Nicht in unserer modernen gesellschaftlichen Realität.

Gesellschaftliche Einheit stellt sich in der Modernen Weltgesellschaft auf ganz andere Weise her. Und es steht an, dass wir uns zu diesem Zweck neuartige Formen und Vorgehensweisen erfinden.