Es ist eine Tatsache, die einen heute durchaus überraschen kann, dass die erste und bislang vollständigste Demokratie der Weltgeschichte keine Parteien in der Bürgerschaft kannte. Parteien waren in der attischen Demokratie ein Adels-Ding, das im Widerspruch zu demokratischen Verfahren und Institutionen stand. Und die antike Demokratie rang in Athen mit der „Tyrannis“ darum, die Lösung für die niemals endenden Kämpfe zwischen den Adligen um Ruhm und Vorherrschaft zu sein. Wir würden heute dabei heute vielleicht von Bürgerkriegen oder von einem anarchisch-vorpolitischen Zustand sprechen. Denn zunächst kannten die griechischen Städte (Poleis) nichts Politisches, keine bewusst gestaltete Gemeinsamkeit: Es gab sehr wohl ein Nebebeinander-her-leben, es gab eine Art „griechische Öffentlichkeit“, aber es gab in den Städten und den mit ihnen verbundenen Regionen kein bewusstes Zusammenleben und kein Bürgertum.

Es gab zunächst also nicht einmal im antiken Sinne eine Einheit, einen „Staat“. Das entwickelte sich alles erst später. Zunächst sah der „Normalzustand“ in griechischen Städten so aus: Die Adligen kämpften um ihren persönlichen Ruhm vor der erwähnten, größeren „Öffentlichkeit“ der griechischen Welt. Sie verbündeten sich untereinander zu Raubzügen, oft auch über Regionen und Städte hinweg. Die Allianzen wechselten ständig. Stabile Herrschaften, etwa Fürstentümer, die über mehrere Generationen vererbt wurden, waren die absolute Ausnahme. Wirtschaftstheoretiker unserer Tage würden wohl von einem „ständigen, funktionierenden Wettbewerb um Ruhm und Ehre sprechen“. Die ebenfalls überregionalen olympischen Spiele, die die gesamte antike griechische Öffentlichkeit einschlossen, passen als Symbol dieser allgemeinen Wettbewerbskultur gut ins Bild. Trotz all ihrer Fremdheit gibt es daher auch einige bemerkenswerte Ähnlichkeiten zu unserer heutigen Gesellschaft. Heute würden solche Adlige ihre Erfolge zur Befriedigung ihres persönlichen Egos wohl in Social Media posten. Gemeinwohlorientierung war unbekannt, weil es „das Gemeine“ (die res publica) schlicht noch nicht gab.

Die Adelskämpfe mit ihren Raubzügen konnten aber wie erwähnt keine Stabilität begründen und führten mit der Zeit zu einigen bedrohlichen gesellschaftlichen Schräglagen, die ihrerseits blutige Aufstände zur Folge hatten, bei denen regelmäßig große Mengen an Menschen zu Tode kamen oder verbannt wurden. Oft verbündeten sich die Verbannten dann wiederum mit anderen, kehrten gestärkt zurück, so dass diejenigen, die eben noch Sieger waren, nun selbst getötet wurden oder ihre Heimat verlassen mussten. Es gab dabei auch eine zunehmende Verelendung unter den Nicht-Adligen, die von selbständigen Haushalten (Subsistenzwirtschaft) in eine Art quasi-Leibeigenschaft gerieten. Denn man haftete für Schulden mit seinem ganzen Haushalt und seinem eigenen Leib. Und diese Unzufriedeneit der Bevölkerung konnte von anderen Adligen ausgenutzt werden bei ihren Kämpfen gegeneinander. Das muss den gesellschaftlichen Zustand nach und nach so drückend gemacht haben, dass die antiken Griechen selbst im 6. Jahrhundert v. Chr. einzusehen begannen, das ein „Weiter So“ keine Option war. Athen war zu diesem Zeitpunkt eher eine „verspätete Nation“, was möglicherweise dazu geführt hat, dass man sich die Entwicklung in anderen Städten anschauen konnte und „aus den Fehlern der anderen lernte“.

Die Solonschen Reformen, der erste Schritt auf einem langen Weg hin zu dem, was wir als „attische Demokratie“ kennen, waren die athenische Antwort auf ihre besondere Variante einer allgemeineren Krise der damaligen griechischen Welt. Diese Reformen scheinen ganz einmalig gewesen zu sein. Zumindest haben wir keine anderen Zeugnisse über Vergleichbares in anderen griechischen Städten. Und es ist über Solon auffällig viel überliefert im Vergleich zu anderen bestimmenden Personen seiner Zeit. Solon war wohl in der ganzen griechischen Welt der erste „Staatsmann“ im engeren Sinne. Exakt ab dem Zeitpunkt seiner Reformen kann man von der „Geburt des Politischen“ und damit von „Verfassung“ und „Staat“ sprechen. Christian Meier schreibt dazu:

In gewissem Sinne war Solon der erste uns bekannte Bürger: Er wollte zwar mehr leisten, aber nichts anderes, nichts Besseres sein als alle anderen.

Meier widmet daher auch lange Absätze der – wohl auch in der Antike selbst diskutierten – Frage, warum sich Solon in und nach seinen Reformen nicht zum dauerhaften Tyrann über Athen aufgeschwungen hat, wie das in vielen anderen griechischen Poleis zu jener Zeit geschehen war (S. 55-85). Solon musste sich wegen seiner diktatorischen Zurückhaltung wohl einige Vorwürfe von seinen Zeitgenossen anhören, die ebendies von ihm erwarteten, wenn nicht verlangten. Er verließ Athen nach den Reformen bewusst und ging freiwillig in ein 10-jähriges Exil, damit die Bürger nicht von ihm verlangen konnte, die von ihm geschaffene Verfassung abzuändern. Der Druck, dem Solon in Athen von allen Seiten ausgesetzt war, lässt sich bis heute nachvollziehen.

Genau dadurch aber gab es plötzlich „ein Gemeinsames“, eine Bürgerschaft, auf die man sich beziehen konnte, es entstand so etwas wie „politische Einheit“ zwischen den Menschen, die vordem einfach nur gemeinsame Bewohner eines Landstrichs waren, die neben einander her lebten, ohne eine Form von gemeinsamer Identität, die gemeinsames Handeln begründen und motivieren kann. Vor allem aber ohne gesellschaftliche Institutionen, die Gemeinschaftshandeln einen Bezugspunkt und eine Form geben. Solons Reformen begünstigen die Entstehung eines allgemeinen Gemeinschaftsbewusstseins. Und dadurch, dass er sie nicht durch eine von ihm ausgefüllte Tyrannis „krönte“, blieb dieses Gemeinschaftsbewusstsein auf die Verfassung, auf die Bürgerschaft selbst gerichtet, anstatt auf eine vergängliche Person, wie das in vielen anderen Städten Griechenlands geschah, die dann eben auch kein ähnliches politisches Bewusstsein entwickelten wie die Athener.

Es lag also in der gesellschaftlichen Ausgangslage begründet, dass die attische Demokratie später eine Demokratie ohne Parteien wurde: Parteien wurde mit den Adligen, ihren ständigen Streitereien und ihrer Suche nach Gefolgschaft assoziiert. Während also der Adel, die Aristokratie, weiterhin Parteien kannte, wurde Demokratie dagegen gerade als eine Einigung der Bürger verstanden, die sich nicht in Fraktionen spalten ließen. Die Athener entwickelten eine „demokratische Haltung“, noch bevor sie eine Demokratie entwickelten: Sie lehnten sowohl die Willkürlichkeit der Adelskämpfe ab, weil sie gesehen hatten, was das in anderen Städten für Unordnung und Elend anrichtete (zum Teil hatten sie das aber wohl auch am eigenen Leib erlebt). Sie lehnten aber auch die Tyrannis ab, die den Adel zwar zurückdrängen konnte, aber zugleich eben auch politische Ungleichheit und Unbeteiligtheit zwischen ihnen erzeugte. Peisistratos, der sich später mehrmals zum Tyrann über Athen aufschwang, scheiterte zwar noch nicht an diesem jungen, proto-demokratischen Bewusstsein der Athener. Wohl aber die Spartaner, die Peisistratos‘ Nachkommen stürzten und eine ihnen wohlgesonnene Tyrannis in Athen zu errichten versuchten. Die Athener waren nicht mehr bereit, Adelswillkür und die Herrschaft einer einzelnen Familie und ihrer Verbündeten über sich zu dulden.

In Absetzung gegen sowohl unpolitischen Adels-Ehrgeiz als auch gegen unpolitische Herrschaft der wenigen entsand jene Einheit der Bürgerschaft, die geschlossen auftrat und politische Einheit begründete. Parteien konnten eine solche Einheit nicht leisten, sondern waren gerade das Problem, gegen das das Politische und der Bürgerbegriff bei den Athenern enstand.

Bewusst muss das spätestens mit den Kleisthenischen Reformen gewesen sein: Der zweite erkennbare „Modernisierungsschub“ der Polis Athen in Richtung Demokratie bestand nämlich darin, die Bürgerschaft im Politischen untereinander bewusst zu durchmischen und der Möglichkeit der Bildung von Parteien in der Bürgerschaft gezielt entgegen zu wirken. – Die Kleisthenischen Reformen wirkten daher, unmittelbarer noch als die Solons, als eine Vorstufe auf der Entwicklung zur Demokratie. Und heutige Historiker scheinen zu streiten, ob man Athen bereits damals „eine Demokratie“ nennen kann, obwohl der Begriff bei den Griechen damals noch nicht im Schwange war. Man sprach stattdessen von „Isonomie“: Von politischer Gleichheit zwischen den Bürgern. Vermutlich um das Neue vom Begriff der „Eunomie“ abzusetzen, den Solon gebrauchte, als er die von ihm geschaffene Timokratie ideologisch als ewige politische Ordnung überhöhte.

Entscheidender als die Details und Diskussion um Begrifflichkeit ist für uns heute bei all dem aber ein anderer Aspekt: Die athenische Demokratie ging erkennbar aus einer Krieger- und Raubbeuter-Kultur hervor. Sie war nicht nur frauenverachtend und auf Sklaverei angewiesen. Sie hielt auch ständigen Krieg und Streitigkeiten für völlig selbstverständlich, wenn nicht erstrebenswert. Sparta und wahrscheinlich auch Athen kann man daher ein „ständiges Heerlager im Frieden“ nennen. In früheren Analysen ist dann auch der Althistoriker Christian Meier der Ansicht, dass ein Aspekt bei der Herausbildung der attischen Demokratie gewesen sein muss, dass man das Gemeinschaftserleben im Krieg, „die Kameradschaft“, auf Dauer stellen wollte und daher auf neue politische Formen drang. Egal, ob diese Spekulation zutrifft: In jedem Fall ist es schwer denkbar, dass die attische Demokratie hätte entstehen können, wenn es nicht ein allgemeines Engagement im Krieg gegeben hätte. Ein kriegerisches Engagement aller Bürger, das ein allgemeines Engagement in der Politik naheliegend erscheinen ließ. Politische Beteiligungsrechte, „Vollbürgerschaft“, hat man entsprechend in der attischen Demokratie genau dann breiteren Schichten zugestanden, als sie in der Kriegsführung unersetzlich wurden. Frei nach der Devise: „Wer mitkämpft, soll auch mitbestimmen“. Oder: „Wer im Krieg dringend gebraucht wird, dem kann politische Mitbestimmung nicht vorenthalten werden.“ Daher war wohl der keineswegs selbstverständliche Schritt, mit dem sich Athen zur Seemacht machte, wodurch im Krieg viel mehr Menschen gebraucht wurden (v.a. als Ruderer), mit der finale Schritt zur Entstehung und Stabilisierung der attischen Demokratie.

Die neuartige politische Einheit der athener Bürgerschaft war daher immer auch erkennbar gegen ein gesellschaftliches Außen gerichtet: Zunächst gegen die bis dahin vorherrschende Macht der Spartaner. Später gegen das Perserreich, dem man sich mit einem an Übermut grenzenden Selbstbewusstsein entgegenstellte.

Die für uns fast schon selbstverständliche Assoziation von „Demokratie“ und „Friedliebendheit“ wäre daher den attischen Demokraten völlig fremd gewesen.

Genau dieser Unterschied bedeutet aber auch, dass wir uns heute in einer völlig neuartigen Situation befinden, in der wir uns von der attischen Demokratie und ihrem so ganz anderen Verständnis von Politik zwar inspirieren lassen können, in der von copy&paste-Lösungen aus der kriegslüsternen Antike aber abzuraten ist.

Wir stehen – anders als die Griechen Athens – heute vor der Frage, ob sich politische Einheit der Bürger auch ohne die Motivierung und Absetzung gegen einen äußeren Feind herstellen lässt. Ob das wirklich menschenmöglich ist, ist tatsächlich eine offene Frage, solange wir den Gegenbeweis nicht handelnd und institutionell erbracht haben.

Die Institutionen der attischen Demokratie scheinen uns in unserer so ganz anderen gesellschaftlichen Situation zumindest einen Hinweis darauf zu geben, wie man ständigen Streit in einer Bürgerschaft wirkungsvoll beilegt: Die attische Demokratie hatte knapp 150 Jahre Bestand, und das in überaus krisenhaften, bewegten Zeiten, in denen sie immer wieder in Frage stand und sich aus Sicht ihrer Bürger bewährte. Die Inspiration durch die attische Demokratie kann auch insofern gerechtfertigt erscheinen, als unsere Situation in einigen Teil-Aspekten nicht ganz unähnlich ist: Auch wir kennen eine allgemeine Fixierung der Bürger auf’s Private. Auch wir leben in Zeiten, in der der Streit zwischen den Bürgern nicht mehr zu enden, sondern immer weiter zu eskalieren scheint.

Die Lehre, die zumindest ich aus der Beschäftigung mit der ersten Demokratie der Weltgeschichte für mich gezogen habe ist: Will man die Vermeidung von Bürgerkriegen, will man demokratische Stabilität…

a) dann kann man nicht auf ständige, verfassungsmäßige Live-Begegnungen der Bürger untereinander in politicis nicht verzichten. Die Bürger selbst müssen „ins Parlament“. Mindestens müssen sie ein eigenes politisches Forum haben, eine eigene Kammer, die realen politischen Einfluss hat, die als Herzkammer der Demokratie gilt. Das demokratische Losverfahren ist auch heute absolut unverzichtbar für eine stabile Demokratie, die sich gegen autoritäre Anmutungen und anti-politische Herausforderungen bewähren will.

b) dann können Parteien der Bürgerschaft kein wichtiges Mittel der demokratischen Willensbildung sein. Demokratie verträgt keine Spaltung der Bürgerschaft. Versucht sich Demokratie vermittelt über Parteien ins Leben zu bringen, erhält man eher etwas, das man „Wahl-Aristokratie“ nennen kann. Die politischen Ungleichheiten zwischen den Bürger nehmen zu, die politische Beteiligung der Bürger schwindet ins Bodenlose und man erhält bestensfall eine Show-, eine Zuschauerdemokratie. Etwas, über das die attischen Griechen gelacht hätten, dass wir es wagen, so etwas „Demokratie“ zu nennen.

Dass wir unsere Parteien als eine wichtige demokratische Institution betrachten, ist daher der bedrohlichste Teil unserer momentanen politischen Verfassung. Derjenige, mit dem wir eine Herausbildung einer stabilen Demokratie institutionell sabotieren. Denn der ewige Wahlkampf, den wir damit in der Politik vorsätzlich erzeugen, spaltet uns als Bürger in feindliche Lager. Und eine Gesellschaft wie die unsere, die glücklicherweise im Privaten viele Unterschiede zwischen uns zulässt, verträgt im Politischen noch einmal deutlich weniger einen ständigen Geist der Spaltung als es die noch vergleichsweise homogenere antike Stadtgesellschaft vertrug.

Will man politische Einheiten, die sich nicht „gegen“ Mitbürger, auch nicht gegen unsere Weltmitbürger richten, wird man statt auf kampfestüchtige Parteien daher auf politische Institutionen und Verfahren setzen, in denen wir wechselseitiges Verstehen kultivieren. Und in denen wir dann, in dieser ständig neu zu erarbeitenden bürgerschaftlichen Verbundenheit gemeinsam entscheiden, was wir gemeinsam politisch wollen.

Wir begreifen dann Demokratie als diejenige Staatsform, die nicht nur äußerliche Bürgerkriege zum erliegen bringt, sondern die die Bürgerschaft wirklich zusammenbringt und durch diese Zusammenkünfte auch innerlich vereint. Demokratie ist dann die institutionelle Praxis des Wegarbeitens von potentiellen Spaltungen und mörderischen Konflikten innerhalb der Bürgerschaft. Sie ist dann aber nicht rein negativ, auf Vermeidung des Schlimmsten gerichtet. Vielmehr begründet Demokratie dann eine ganz neue Qualität des gesellschaftlichen Lebens zwischen uns. Eine Qualität, die man „Bürgerfreundschaft“ nennen könnte, und die weit in unser Privatleben ausstrahlt, die unser ganzes menschliches Zusammenleben erleichtert, beruhigt und belebt.

 

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