In vielen Artikeln hier auf wyriwif wurde es als die Hauptfrage unserer Tage dargestellt, ob sich unsere heutige Aristokratie mit demokratischen Elementen in eine vollständige Demokratie entwickeln kann. Und wenn ja, wie genau eine solche Entwicklung zur Demokratie aussehen und vonstatten gehen könnte.

Auch der doppelte Gegensatz einer voll entwickelten Demokratie zur sowohl Tyrannen-Herrschaft als auch zu einer aristokratischen Zusammenlebensform, die den Wettbewerb unter den Bürgern zur Verfassung macht, war bereits mehrfach Thema. – Allerdings nicht immer unter diesen Bezeichnungen, nicht unter diesen „Labeln“: Aristokratie, Tyrannis, Demokratie.

Nach meiner Auffassung wird die demokratische Weiterentwicklung unserer Gesellschaft und unserer Verfassung dadurch blockiert, dass wir Demokratie anhand der falschen Leitunterscheidung begreifen: In den allermeisten heutigen Beiträgen, die die Gefährdung unserer Demokratie thematisieren, wird Demokratie hauptsächlich in ihrem Gegensatz gegenüber der Tyrannis thematisiert. Demokratie wird dabei vor allem von „autoritärer Herrschaft“ unterschieden. – Das ist keineswegs falsch. Die Frage ist nur, ob das wirklich der relevanteste Gesichtspunkt ist, wenn wir heute über die Reform unserer demokratischen Institutionen nachdenken.

Denn wesentlich weiter führt es uns heute, wenn wir Demokratie vor allem in ihrem Gegensatz zu aristokratischen Gesellschaftsformen verstehen. Wir bekommen dann unsere heutigen Demokratiedefizite deutlicher erkennbar auf den Tisch. Und wir nehmen die Weiterentwicklungsmöglichketen unserer Verfasssung in Richtung einer vollständigeren Demokratie unmittelbarer wahr.

Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass „Demokratie oder Aristokratie?“ die eigentliche Frage unserer Zeit ist; und ein Hinweis darauf, dass „Demokratie oder Diktatur/Tyrannis?“ eher eine Folgefrage ist, die nicht den größeren Teil unserer Aufmerksamkeit verdient.

Man kann das zentral fest machen an der unterschiedlichen Haltung zum Thema „innergesellschaftlicher Streit“, den die drei Verfassungen einnehmen:

Die Tyrannis unterdrückt Streit durch Hierarchie. Hierarchie ist vor allem ein Streit-Vermeidungs-Tool. Wenn klar ist, wer oben und wer unten ist, ist Streit ausgeschlossen. Ober sticht Unter. Alle müssen sich fügen und „einfügen“ in die hierarchische Gesellschaftsstruktur, in der es darum geht, „dem Zentrum der Macht“ möglichst nahe zu sein.

Die Aristokratie hingegen liebt den Streit und seine Freisetzung. Sie idealisiert das freie Spiel der Kräfte. Freilich unter der Voraussetzung, dass gerade nicht alle an ihm teilnehmen, sondern eben nur „der Adel“ oder „die Besten“, wie die Aristokratie von sich selber sagt. Auch hier geht es darum, „nach oben zu kommen“, allerdings nicht in einer starren, festgelegten Struktur, sondern vor allem in den Augen der allgemeinen Öffentlichkeit. Es geht der Aristokratie um das Sich-Bewähren des Einzelnen (Adligen) im Wettbewerb, es geht ihr um „Ruhm und Ehre“. – Alle Wettkampfsportarten sind daher im Kern aristokratisch, Siegerehrungen inklusive.

Die Demokratie hat ein völlig anderes Verhältnis zu Streit und Auseinandersetzung. Weder unterdrückt sie den Streit wie die Tyrannis. Noch idealisiert sie ihn wie die Aristokratien. Sie ist im Grunde die anspruchsvollste und voraussetzungsreichste Verfassung, weil sie Konflikte nicht verleugnet, sondern beansprucht, sie produktiven, neuen Institutionen zuführen zu können. – Um das zu leisten, braucht die Demokratie die Kultivierung von Empathie zwischen ihren Bürgern als Bürgern. Es gibt also auch in der Demokratie durchaus „Auseinandersetzung“, aber es ist eine ganz anders geartete Auseinandersetzung als ihn Aristokratien kennen und forcieren. Im Grunde handelt es sich um zwei ganz verschiedene Dinge, die wir unter dem gleichen Namen führen. – Und das könnte durchaus ein ganz zentraler Teil des Problems sein, das derzeit unsere Gesellschaft zerlegt und unsere bereits etablierten demokratischen Ansätze zu zertrampeln droht, so dass wir tatsächlich in tyrannische Strukturen zurückfallen können.

Die Auseinandersetzung der Demokratie ist gerade nicht das ständige Kräftemessen, das Aristokratien lieben und institutionalisieren. Sondern es besteht in der permanenten Erarbeitung von Verständnis zwischen den Bürgern als Verschiedenen, die sich erst einmal nicht verstehen, auch gar nicht verstehen können. Für die Demokratie ist das wechselseitige respektvolle Zuhören zentral. Und auch, dass sich alle Bürger als sie selbst äußern und eine für alle gut hörbare politische Stimme haben. Der Dialog der Bürger miteinander (und nicht der mit Politikern) ist daher der zentrale demokratische Vorgang, ohne den eine Demokratie nur schlecht so genannt werden kann.

Demokratien führen keine Debatten, keine Kriege mit anderen Mitteln, sie bilden keine Lager in der Bürgerschaft, die sich wechselseitig belauern und bekriegen, sondern sie treffen sich regelmäßig und verfassungsmäßig „als Freie und Gleiche“ im eigens dafür geschaffenene Raum des Politischen.

Genau dafür haben sich demokratische Verfahren und Institutionen bewährt: Losverfahren, Bürgerkonvente, Bewusste Durchmischung der Bürger, Gespräche in Kleingruppen, in denen jeder zu Wort kommt, gemeinsame Beschlussfassung nach allgemeiner Information untereinander und mit unterschiedlichsten Experten und Betroffenengruppen zum Thema.

Wenn unsere zarte Demokratie, die trotz allem bereits Erreichten und verfassungsmäßig Institutionalisierten noch in ihren ersten Anfängen steckt, heute davon bedroht zu sein scheint, sich in eine Tyrannis zu verwandeln, so liegt das ganz offensichtlich nicht daran, dass Diktaturen so überaus verlockend wären. Es liegt vielmehr daran, dass autoritäre Herrschaft manchmal als relative Verbesserung zu einem Zustand sinnlosen und unproduktiven Streits erscheint, in denen sich eine halbgare Demokratie erschöpft, die eigentlich eher eine Aristokratie ist: Wettbewerb gegeneinander und „immer feste druff“. Die pure Erschöpfung und erlebte Sinnlosigkeit eines ins Allgemeine ausgeweiteten aristokratischen Wettbewerbs führt dazu, dass Stimmen laut werden, die sich wünschen, es möge eine Art Alexander der Große kommen, der das Schwert nimmt und den gordischen Knoten der Gesellschaft einfach entzwei hauen möge.

Lob des Streits, Lob der Auseinandersetzung, Lob des Wettbewerbs hilft dann nur noch wenig, um das Entstehen von Diktaturen zu verindern: Denn man lobt dann gerade das, woran eine solche Gesellschaft leidet, wogegen sie sich gerade zu richten beginnt. Man hat dann das Problem nicht verstanden, aus welchen heraus selbst die Tyrannis plötzlich attraktiv erscheint.

Historisch gesehen waren sowohl Tyrannis als auch Demokratie konkurrierende Antworten auf ein sinnloses Spiel von Aristokraten mit ihren Gesellschaften. Gesellschaften, die den verlustreichen Kämpfen der Aristokratie überdrüssig waren, mit ihrer ständigen Suche nach „Gefolgschaft“, suchten Zuflucht sowohl in der Tyrannis als auch in der Demokratie.

Die Tyrannis ist jene Lösung, die oben Herrschaft einsetzt, die allen Streit der verschiedenen Adelsparteien unterdrücken und dadurch zum Erliegen bringen soll. Die Einheit der Bürger wird erzwungen. Alles, was diese tyrannische Ordnung gefährdet, wird top-down unterdrückt. Im Namen der Abwehr aristokratischer „Anarchie“. Wenn es in der Tyrannis noch Wettbewerb gibt, so besteht er stets darin, dem Zentrum der Macht möglichst nahe zu sein: Möglichst nah verwandt oder möglichst nah befreundet mit der Herrscher-Familie oder Herrscher-Clique.

Die Demokratie ist jene Lösung, die die Bürger regelmäßig in einem Raum zusammenbringt, in dem sie sich dann gerade nicht streitend und konkurrierend begegnen, sondern in dem sie sich miteinander verständigen können. Politische Innovation wird durch das demokratische Vorgehen genauso auf Dauer gestellt (alle gesellschaftlichen Institutionen gelten als verfügbar und änderbar), wie eben die Erarbeitung mitbürgerschaftlicher Empathie. Weil gezielt erarbeitetes, wechselseitiges Verständnis die unmittelbare Auseinandersetzung der Bürger trägt, wird in demokratischen Verfahren nicht „gestritten“. Demokratische Institutionen forcieren vielmehr wechselseitige Beratung und gemeinsames Entscheiden. Auf diese Weise, durch ständiges Sich-Verständigen auf politischer Ebene kann auch privater Wettbewerb gut ausgehalten werden. Weil dieser Wettbewerb dann von einer „höheren“ gesellschaftlichen Ebene getragen wird: Er geht nicht bis auf’s Blut. Er geht uns nicht an die Substanz. Er bleibt spielerisch. Das demokratische Politische trägt das aristokratische Private. Die Bürgerschaft misst sich dann in zahlreichen gesellschaftlichen Spielen aneinander, aber sie hat zugleich immer eine Ebene zur Verfügung, auf der man sich als Freie und Gleiche begegnet, auf Augenhöhe. Die Demokratie ermöglicht es der Aristokratie, privat bleiben zu können, und nicht „aus Versehen“ politisch zu werden. Sie unterdrückt – anders als die Tyrannis – nicht den menschlichen Wettbewerbsdrang, sondern weist ihm einen produktiven Platz in der Gesellschaft zu, von dem aus er nicht schädlich wird, alles in sich hineinreisst und die ganze Gesellschaft ins Chaos stürzt.

Den gesellschaftlichen Streit der Bürger aber zu idealisieren und zu behaupten, dieser Streit sei „demokratisch“, bedeutet, dass man die heißgeliebten Schlachten, die Aristokraten untereinander führen, auf die gesamte Gesellschaft ausweitet. Tut man das, wird man – ganz dialektisch – eine tiefe Sehnsucht nach entweder Tyrannei oder nach Demokratie in den Bürgern wecken. Denn kein Mensch lebt gerne in einem andauernden, allgemeinen Bürgerkrieg „aller gegen alle“.

Einmal etabliert stellt die Tyrannis freilich gern die Angst vor dem ständigen Bürgerkrieg auf Dauer. Sie tut das, um ihr Dasein zu rechtfertigen. Um den Sinn der Tyrannei wach zu halten und die Entwicklung in eine Demokratie zu verhindern, braucht es immer irgendwo einen „Feind“ oder „Aufwiegler“ oder „Terroristen“. Der einzige Rechtfertigungsgrund der Tyrannis ist, besser als ständiges innergesellschaftliches Chaos zu sein. Notfalls wird der für die Tyrannis nötige Feind konstruiert, angestiftet oder bezahlt.

Die Aristokratie dagegen kann ihre Kämpfe immer als Abwehr der Ambition der anderen Seite darstellen, sich zum Tyrannen aufzuschwingen. Auf diese Weise wird wirksam für das eigene aristokratische Lager rekrutiert und mobilisiert. Auf dass man den Sieg im Kampf gegen die anderen Aristokraten und ihre Gefolgsleute davontragen möge, die natürlich das Gleiche tun: „Wir sind die Guten, denn die anderen wollen die Tyrannei!“

Es gibt daher eine heimliche Allianz zwischen den Verfassungen der Tyrannei und der Aristokratie. Sie nutzen die berechtigten Ängste voreinander, um sich selbst zu rechtfertigen. Eine stabil etablierte Demokratie braucht solche Ängste nicht. Sie hat keinen Abwehr-, keinen Angst-Fokus. Sie konzentriert sich vielmehr auf die gemeinschaftliche Lösung von gesellschaftlichen Problemen. Generell kommt sie mit deutlich weniger Angst und Wut aus, um gesellschaftliche Prozesse voranzubringen und zu gestalten, als ihre beiden Alternativen.

Das alles könnte man, wenn man wollte, anhand der Geschichte sehen; und für unsere heutige Zeit Schlüsse aus dieser Geschichte ziehen.

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