Die moderne Gesellschaft hat seit ihrer Herausbildung vor etwas mehr als 200 Jahren ein ganz bestimmtes Problem, mit dem wir seither leben und das beinahe alle unsere Lebensvollzüge negativ beeinflusst.

Dieses Problem wird manchmal „sinnvolle Verhaltenskoordination in halb-anonymen Großgesellschaften“ genannt. Man kann es auch weniger hochgestochen ausdrücken und einfach sagen: In der Moderne stellt sich das Problem, wie wir gut zusammenleben können, auf eine völlig neue Weise.

Besonders deutlich bekommt man dieses Problem aber in den Blick, wenn man auf das schaut, was man im Wirtschafts-Jargon „die Externalisierung von Kosten“ nennt: Also jenes Phänomen, dass wir alle zur Befriedigung unserer Bedürfnisse meist viele, ganz verschiedene Strategien zur Auswahl haben – und dass einige dieser Strategien gerade deswegen so ganz besonders verführerisch für uns sind, weil sich bei ihnen die Kosten der Strategie ganz leicht auf andere Menschen abwälzen lässt.

Kurz: Viele unserer Handlungen erzeugen „Müll“ im weitesten Sinne: physischen Müll, emotionalen Müll, Folgekosten.

Da dieses Problem völlig allgemein ist – uns also alle sowohl in der Rolle der „Opfer“ als auch in der Rolle der „Täter“ betrifft – kann man mit einigem Grund von einer „Externalisierunsgesellschaft“ sprechen, wie es z.B. der Soziologe Stephan Lessenich tut.

Dorfgemeinschaften oder tribale Gesellschaften lösten das Problem der Handlungskontrolle durch unmittelbare „soziale Kontrolle“, sprich: Wenn Du was machst, was mir schadest, musst Du damit rechnen, dass Du ein größeres Problem hast. Nicht nur mit mir, sondern auch mit allen anderen Dorfmitgliedern, die sich überlegen, was das für sie heißt, wenn sie Dich mit Deiner „faulen“ Lösung davon kommen lassen.

Und da traditionale Gemeinschaften Gesellschaften mit extrem hohen Exit-Kosten waren, gab es einen massiven Anreiz zur Selbstdisziplinierung in Sachen „Externalisierung von Kosten“. Man bereute es meist recht schnell, wenn man das versuchte.

Das ist nun in der modernen Gesellschaft anders. Der Grund dafür ist nicht nur ihre Größe und ihre Halb-Anonymität und dass ich mir die Beziehungspartner (die ich über’s Ohr haue) immer wieder neu suchen und aussuchen kann. Der Grund ist noch ein ganz anderer. Der Evolutionsbiologe Brett Weinstein macht das in einem Ted Talk überaus deutlich und leicht nachvollziehbar:

Zusammengefasst: Der Grund für unsere auffällig asoziale Gesellschaft sind unsere für die Verhältnisse der Moderne immer noch völlig dysfunktionalen Staaten. Es ist das Versagen unserer momentanen politischen Verfahren und Institutionen, das systematisch dafür sorgen, dass sich Externalisierungs-Strategien epidemisch zwischen uns ausbreiten.

Wir haben durch unseren Verzicht auf eine wirksame Politik dafür entschieden, uns selbst systematisch für Verhalten zu belohnen, durch das wir den Kosten für unseren „Erfolg“ oder auch nur für unsere Bedürfnisbefriedigung besonders geschickt anderen Menschen aufbürden.

Meines Erachtens gibt es für dieses Politikdefizit in unserer Gesellschaft einen einfachen und gut benennbaren Grund: Wir scheuen vorsätzlich davor zurück, unserem Staat die Macht zu übertragen, die er bräuchte, um uns von asozialem Verhalten abzubringen. Und wir tun das ganz einfach deswegen, weil wir sehr genau wissen, dass unsere Staaten dafür bisher noch nicht demokratisch genug sind.

Da unsere Staaten freundlich gesagt nur „andemokratisiert“ sind, sind sie Apparate, die für bestimmte Bevölkerungsgruppen mehr arbeiten als für andere. Und solange das so ist, ist ein mächtiger, starker Staat eine Bedrohung für alle: Alle müssen dann ja antizipieren, was passieren würde, würde sich eine gesellschaftliche Gruppe des Staates bemächtigen, zu der man selbst nicht gehört. Oder wenn sich die Machtgewichte im Staat verschieben.

Wir lassen also die Politik und den Staat vorsätzlich schwach und leben lieber mit der systematischen Externalisierbarkeit von Kosten des eigenen. Wir sind also – die momentanen politischen Gegebenheiten vorausgesetzt – ziemlich schlau, wenn wir mit einem dauerhaften Politikstau leben. Dass unser Staat so „unpolitisch“ ist, ist kein Zufall. Es ist die Antwort darauf, dass der Staat, so wir ihn momentan konstruiert haben und leben, tatsächlich eine sehr reale Bedrohung wäre, würde er größere Macht auf das gesellschaftliche Leben entfalten. Sehr wahrscheinlich wäre die Tyrannei der wenigen Bürger, die dem Staat näher stehen als andere Bürger, für uns alle das weitaus größere Übel. Daher wählen wir mit Vorsatz das kleinere und halten unseren Staat auf kleiner Flamme.

Doch was ist dieses „kleinere Übel“? Mit dem Verzicht auf einen starken Staat erziehen wir uns alle systematisch zu asozialem Verhalten: Es möge jeder seinen eigenen Vorteil suchen. Und die, die besonders geschickt darin sind, auf ganz legal bleibendem Wege anderen die Kosten für ihren Erfolg aufzubürden, sind besonders erfolgreich in unserer Gesellschaft. Vor allem auf lange Sicht. Unser Staat stoppt viele Externalisierungen nicht, obwohl es völlig klar ist, dass sie das Gemeinwohl schädigen oder dass einige gesellschaftliche Gruppen ständig ihren Müll bei anderen abladen. – Auch daran kann man sich gewöhnen. Und Menschen, die „besonders ethisch“ sind, zahlen den Preis: Sie sind in einem solchen Spiel die Dummen, die mit absoluter Sicherheit die Lasten für die anderen tragen. So gesehen ist der individuelle Ethikstandard in unserer Gesellschaft derzeit immer noch erstaunlich hoch.

Doch die Verbreitung asozialen Verhaltens kann man, wie Brett Weinstein in seinem Vortrag sehr klar herausarbeitet, unter heutigen Bedingungen nicht uns als Einzelnen anlasten. Weder unsere Flugmeilen, noch unseren Fleischkonsum, noch die Ausnutzung unbezahlter Pflegearbeit, die einige von uns für alle anderen täglich ausüben. Wir alle sind Chancen-Nutzer. Und genauso wenig wie man einem Moskito vorwerfen kann, dass er Blut saugt, wo es möglich ist, kann man in der Modernen Gesellschaft Menschen vorwerfen, dass sie machen, was das Gesetz eben erlaubt oder was der Staat nicht dicht genug kontrolliert. Es gibt daher sowohl Felder in unserer Gesellschaft in der eine himmelschreiend lasche Gesetzgebung herrscht, in der also der Staat seiner Steuerungs- und Schadensverhalten-Eindämmungs-Funktion nicht nachkommt. Und genauso gibt es Felder, in denen es zwar Gesetze gibt, in denen aber aus gutem Grund nicht engmaschig genug kontrolliert wird, ob diese Gesetze auch eingehalten werden, so dass der Gesetzesübertritt der sozial geduldete Normalfall ist.

Unser Staaten können erst dann die Stärke und Wirkung erreichen, die wir als Menschen in der modernen Gesellschaft dringend von ihnen brauchen, wenn wir sie vollständig demokratisieren.

Denn dann werden unsere Staaten überhaupt richtig handlungsfähig.

Denn erst dann sind Staaten für uns keine systematische Bedrohung mehr, sondern arbeiten wirklich „für uns, die Bürger“.

Die Demokratie muss daher in die Herzkammer unserer Staaten vordringen. Es braucht heute dringend geloste Bürgerparlamente, die demokratische Kontrolle sowohl über unsere Gesetzgebung als auch über das Handeln unserer Exekutive ausüben. Das Los garantiert dabei uns als Bürgern, dass wir wirklich alle den gleichen Einfluss haben. Und genau das beruhigt und befriedet uns, weil wir dann nicht die Sorge haben müssen, dass irgend eine besondere Gruppe unter uns irgendwann „unseren Staat kapern könnte“.

Es ist das Verfahren der Zufallsauswahl selbst, das uns Sicherheit gibt, dass immer auch Menschen wie wir selbst an den Schaltstellen der Macht im Staat sitzen, und dass eine Verhaltenskoordination im Kleinen stattfindet, die jene Prozesse simuliert, die in Dorfgesellschaften vorkommen, in einer Großgesellschaft zwischen allen Bürgern unmittelbar aber nicht mehr möglich sind. Indem alle gleichen Zugang zur politischen Macht haben, ist die politische Macht keine Bedrohung mehr. Für keinen von uns. Der Staat wird unser Freund, anstatt eine Instanz, die wir vorsichtshalber klein, schwach und dysfunktional halten müssen, weil sie „in die falschen Hände fallen könnte“.

Die Einrichtung einer gelosten Bürgerkammer wäre dafür ein guter Anfang. Und vielleicht braucht es ja auch gar nicht mehr. Wirksame Befugnisse sollte sie halt erhalten. Macht eben. Power „of the people, by the people, for the people“.

Eine solche geloste Bürgerkammer wäre die „Firewall“ zwischen privater Macht und politischer Macht, von der Brett Weinstein gegen Ende seines Vortrags spricht. Sie sorgt dafür, dass es einen wirksamen negativen Feedback-Loop für sozial unerwünschtes Verhalten gibt. Und dass sich die momentane Logik, nach der aus privater Macht politische Macht hervorgeht und aus politischer Macht private Macht, nicht weiter fortsetzt.

Dass unser Gesellschaftssystem, so wie wir es momentan politisch konfiguriert haben, hochgradig instabil ist und ohne gezielte, verfassungsmäßige Korrekturen auf eine Katastrophe zuläuft, halte ich ebenso wie Brett Weinstein nicht für Schwarzmalerei, sondern für eine leicht erkennbare Tatsache. Man muss dazu nur auf die Problematik der Externalisierung von Kosten schauen und begreifen, dass ungebremste positive Feedbackloops, die sich selbst immer weiter verstärken, niemals stabile Zustände begründen können. Unserem System fehlt derzeit das Feedback, dass es bräuchte, um sich nicht systematisch selbst in eine katastrophale Schieflage hineinzumanövrieren.

Die Demokratie war, auch zum Zeitpunkt ihrer Erfindung, ein solches funktionierendes Feedback-System. Indem die Bürger als Freie und Gleiche regelmäßig zusammen kamen, sich miteinander abstimmten und erst dann gemeinsam Beschlüsse fassten, die durchgesetzt wurden, gibt die Demokratie einer Gesellschaft diejenige Form von Selbststeuerung, die sie braucht, wenn sie Wettbewerb gezielt nutzt, den Ehrgeiz des Einzelnen anheizt oder zumindest nicht unterdrückt, und ihn dabei gesellschaftlich nutzbar zu machen versucht.

Eine private Wettbewerbskultur ohne Ergänzung durch eine funktionierende Demokratie im Politischen kann dagegen mit absoluter Sicherheit nur Super-Gaus erzeugen. Es braucht einen starken demokratischen Staat, damit die liberale Gesellschaft sich nicht selbst zerstört.

Und der kleine, unerhebliche Bonus für uns dabei ist: In der Kombination von politischer Demokratie und privaten Wettbewerb machen uns beide deutlich mehr Spaß, als wenn eine von beiden Seiten als Ausfallerscheinung verbucht werden muss. Die weitgehend freudlosen Veranstaltungen, die wir derzeit in Politik und im Privaten haben, könnten uns auch schon für sich misstrauisch machen, ob wir heute bereits wirklich in einer menschengemäßen Verfassung leben.

Das, was auf gelosten Bürgerversammlungen faktisch passiert, fühlt sich jedenfalls deutlich anders an als das, was man sonst so als „Politik“ kennt und erlebt. Und dass Entscheidungen, die Bürger wirklich aller Schichten und Gruppen gemeinsam fällen, das Potential haben, unsere wirtschaftlichen und sonstigen privaten Spiele deutlich lustvoller und weniger schädlich für uns zu rahmen, ist auch nicht sonderlich spekulativ, sondern erwartbar.

Wir brauchen das demokratische Kollektivhandeln, wir brauchen eine funktionierende Politik in der Modernen Gesellschaft. Und Fakt ist: Momentan haben wir das nicht. Wir halten den Staat klein, weil er derzeit leicht von Einzelgruppen dominiert werden kann und seine Gemeinwohlorientierung unsicher ist. Weil unser Staat noch nicht so demokratisch ist, wie wir ihn heute eigentlich bräuchten.

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