Mein ursprünglicher Zugang zur Demokratietheorie stammt aus meinem Interesse an der Frage nach guten Beziehungen: Was macht eigentlich „gute Beziehungen“ aus? Und: Aus welchen Gründen sind sie in unserer momentanen Gesellschaft eigentlich so selten?

Antworten auf diese Fragen habe ich für mich vor allem beim Beziehungstheoretiker und vor allem Beziehungspraktiker Thomas Gordon gefunden. Man könnte also sagen: Die von mir bevorzugte Demokratietheorie fußt auf dem Rücken der Antworten, die Gordon in seiner Forschung auf die Frage gefunden hat, wie sich gute Beziehungen zwischen uns Menschen systematisch herstellen, nähren und unterstützen lassen.

Gordon analysiert sehr klar und zugleich differenziert die Wirkung, die Machtungleichheiten und der Einsatz dieser Macht auf unsere Beziehungen haben. Sehr verkürzend zusammengefasst kann man sagen, dass man mit Gordon überaus klar erkennen kann, dass wir keine guten Beziehungen miteinander haben können, wenn Macht im Spiel ist. Belohnungsversprechen und Strafandrohung haben die Wirkung einer Beziehungsstörung, wenn sie einseitig dafür eingesetzt werden, andere Menschen zu einem Verhalten zu bewegen, das sie nicht von sich aus wählen würden:

„Macht erwächst aus der Fähigkeit, zu belohnen und/oder zu bestrafen. Anders ausgedrückt: Macht ist die Fähigkeit, anderen Schmerzen zuzufügen oder Lust zu verschaffen. Wer Macht ausübt, setzt Belohnungen und Strafen ein, um zu bekommen , was er haben möchte. Ist die Strafe schlimm oder die Belohnung verlockend genug, so gelingt ihm das auch.“ (In: „Gute Beziehungen“, S. 21)

Insbesondere dauerhafte Machtasymmetrien, Beziehungen ohne Augenhöhe, lassen beide Beziehungspartner erkranken und nehmen ihnen die Möglichkeit, das Feedback voneinander zu bekommen, dass wir brauchen, um gut miteinander auszukommen. Macht als Belohnen und Bestrafen führt zu einem systematischen Verstummen von Menschen auf beiden Seiten der trennenden Linie von Ohnmacht und Übermacht. Wohl wird dann oft noch viel geredet, aber nicht mehr über Wesentliches. Das Wesentliche der Beziehung bleibt in machtverformten Beziehungen ungesagt. Die Kommunikation wie die Beziehung wird systematisch unauthentisch und unwesentlich. Vorhandene Gefühle und Bedürfnisse werden nicht mehr geäußert. Natürliche Verbundenheit kann nicht mehr entstehen – Künstliche Verbindlichkeit muss in der Folge erzwungen werden.

Berücksichtigt man dann noch zusätzlich, dass es erst das Phänomen zwischenmenschlicher Resonanz ist, das uns überhaupt menschlich macht, kann man allmählich das Ausmaß des Problems erahnen, das wir erzeugen, wenn wir Machtasymmetrien zwischen uns dauerhaft dulden. – Menschen, die ihre Eigenzustände nicht von anderen Menschen gespiegelt bekommen, verheddern sich im Netz ihrer Gedanken und Gewohnheiten. Sie können vorhandene eigene Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen und projizieren sie auf andere. Sie können mit sich selbst nicht mehr bewusst umgehen, sind gefangen in unmenschlichen Automatismen und Gewohnheiten. Indem uns ein menschliches Gegenüber fehlt, das unsere aktuellen Gefühle zwar nicht aktuell teilt, aber grundsätzlich aus eigener Erfahrung kennt und anerkennend spiegeln kann, so dass sie auch unser Bewusstsein erreichen und ein positives Selbstverhältnis begründen, werden psychische Schräglagen zu unserem Normalzustand. Dass wir kauzig oder seltsam werden, ist dann das Mindeste. Wahrscheinlicher sind Verhaltensweisen, mit denen wir uns selbst und andere schädigen.

Nun ist die Realität von Machtungleichheiten allerdings sehr real und beinahe überwältigend in unserer heutigen, modernen Gesellschaft. Sie resultiert heute weniger aus überlegener Körperkraft, sondern aus überlegenem Eigentum (innerhalb von Staaten) und überlegener Waffentechnik (zwischen Staaten).

Entscheidend für den Zusammenhang „Gute Beziehungen – Demokratie“ ist daher eine ganz bestimmte, institutionelle Gegebenheit: Die Monopolisierung von Gewalt durch den Staat in der Modernen Gesellschaft.

Es ist für uns beinahe schon zu selbstverständlich, dass es den Staat gibt und dass er ein Gewaltmonopol hat. Dadurch können wir die Auswirkungen dieser „Gegebenheit“ schwerer wahrnehmen. Der Staat ist wie die Luft: Er ist ständig da und deswegen nur schwer greifbar für uns.

Für die Möglichkeit der Ausbildung guter Beziehungen hat es aber weitreichende Folgen, auf welche Weise genau dieser Staat verfasst ist: Denn die Gewalt, die er in der Form der Durchsetzung von Gesetzen anwendet oder eben nicht anwendet, hat Folgen für unser ganzes Leben. Man könnte auch sagen: Obwohl wir das im Alltag kaum wahrnehmen, wird jede einzelne, alltägliche Handlung, jede alltägliche Interaktion zwischen uns in vielfältigster Weise von dem Staat, seinen Maßnahmen, seinen Gesetzen und dem Grad der Kontrolle ihrer Einhaltung bestimmt.

Die Staatsgewalt ist also eine Realität in unserer Gesellschaft. Bringt man nun die Einsichten Gordons mit den Gegebenheit der Staatsgewalt zusammen, so zeigt sich automatisch, dass wir, damit der Staat nicht selbst ein Übel für uns ist, dass uns „von außen“ ständig dazu zwingt, Dinge zu tun und zu lassen, die wir nicht von uns aus tun würden, selbst Zugang zum Herzen dieses Staates haben müssen: In der Herzkammer des Staates, in seinen entscheidenen Parlamenten, muss exakt jenes Verhältnis zwischen den Bürgern eines Staates herrschen, das Gordon als typisch für „gute Beziehungen“ herausgearbeitet hat, damit unser Staat zu einem echten Gut für uns wird.

Wir brauchen „im Zentrum der Macht“ jene Augenhöhe, jene Machtgleichheit, jene Gleichwichtigkeit aller Bürger, die gute Beziehungen begründet. Wir brauchen jene unmittelbare Gefühlsspiegelung, mit der wir uns erst wechselseitig menschlich machen. Und wir brauchen jene gemeinsame, konstruktive Arbeit aller Bürger für ihre gemeinsame Sache: die res publica, um eine sinnvolle Verbindung zwischen uns herzustellen in einer Großgesellschaft, die sonst nichts verbinden kann.

All das aber kann nur im Losverfahren geschehen: In gelosten Bürgerkonventen, in denen der Zufall Gleichheit zwischen uns als Bürger schafft, in denen wir uns unmittelbar austauschen und gemeinsam darüber entscheiden, was uns alle betrifft. Die gelosten Bürger können das Ganze des Staates repräsentieren. Und das um so mehr, wenn jene Bürgerkonvente regelmäßig ausgelost werden und ständig zusammentreten, so dass nach und nach ein Großteil der Bürger die Erfahrung macht, was es heißt, ein aktiver Politiker zu sein, der gemeinsam mit anderen abwägen muss, was für das Ganze gerade das Beste ist.

Nur die Maßnahmen und die Gesetze eines solchen Staates, der vom demokratischen Losverfahren regelmäßigen und großflächigen Gebrauch macht, sind kein Zwang für uns, der die Beziehungen zwischen uns als Bürgern vergiftet. Nur die regelmäßige Zusammenkunft der Bürger als Freie und Gleiche kann die vom Staat so dringend benötigte Freundschaft zwischen den Bürgenr zuverlässig herstellen.

Soll die Macht des Staates keine Macht von wenigen über viele sein (also keine „Herrschaft“ sein), dann ist eine Demokratisierung des Staates unter den heute gegebenen Umständen eine zwingende Notwendigkeit. Wir brauchen alle Bürger in der Politik, und dabei darf keiner außen vor bleiben, kein einziger, aus keinem Grund. Erst wenn systematisch alle Bürger in ihrem Staat „ein- und ausgehen“, sind Bürger und Staat zwei Worte für die gleiche Sache. Dann tritt der Staat dem Bürger nicht mehr als Äußerliches, Fremdes, Bedrängendes, Ängstigendes, Übermächtiges entgegen. Sondern der Bürger erkennt den Staat als „den seinen“. Weil er exakt gleich viel Einfluss auf ihn hat wie alle seine Mitbürger. Weil niemand politisch privilegiert wird, werden alle privilegiert.

Durch diese Machtgleichheit zwischen den Bürgern, deren Herstellung die  eigentliche Aufgabe von „Politik“ ist, können wir in unserem unpolitischen Alltag auf neue Weise miteinander umgehen. Wir wissen, was auch immer geschieht: Wir sehen uns gleichzeitig immer auch noch einmal im politischen Raum, und dort ist keiner dem anderen an Macht überlegen. Dort hat jeder Einfluss, jeder wird gehört. Und genau das verändert unsere alltäglichen Beziehungen auf entscheidende Weise.

Ohne gleichen Zugang zum Staat aber, regiert nicht nur in der Politik Machtungleichheit und Beziehungsstörungen als Normalfall. Sondern die privaten Kriege, die via Staatsgewalt ausgetragen werden, zerstören auch unsere privaten Beziehungen zueinander. Denn die Art des Staates prägt die ganze Gesellschaft, auch wenn sie sich selten dessen bewusst ist. Undemokratische Staaten leben mit sich selbst in völligem Unfrieden. Wirklich demokratische Staaten ermöglichen es ihren Bürgern aneinander Gefallen und Befriedigung zu finden. Und um so demokratischer ein Staat ist, um so mehr ist das der Fall.

Graduelle Demokratisierungen eines Staates mögen sich mit Verzögerung auswirken. Aber mit dieser Verzögerung wirken sie sich auf sichere Art positiv auf die Beziehungen der Bürger untereinander aus. Sie machen sie miteinander auf neue Weise bekannt, wecken ständig neues Verständnis füreinander und verbinden sie auf eine Weise mit ihrem Staat, die in weniger demokratischen Staaten unmöglich ist, weil dort die einen Bürger den anderen Bürgern bei ihrer Politisierung, ihrem Zugang zum Staat im Wege stehen. Demokratisierungen verschaffen den Bürgern die Sicherheit, dass sie politisch niemals unter ihren Mitbürgern stehen werden. Und da diese Sicherheit allgemeiner wird, werden auch die guten Beziehungen der Bürger untereinander immer allgemeiner. Demokratisierungen führen zu einer allgemeinen Entspannung in einer Gesellschaft. Der versteckte, heimlich-unheimliche Kampfmodus zwischen den Bürgern kommt zum Erliegen. Der Krieg aller gegen alle endet.

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