Wir leben in einer Gesellschaft, die so neu ist, dass ihr die Begriffe fehlen, ihre eigene Neuartigkeit zu erfassen.

So bleibt uns nur eine Annäherung über vereinzelte Beispiele, um das Neuartige, das wir selber sind und selber leben, halbwegs in unser Bewusstsein zu bekommen.

Dazu gehören z.B. auch die sich wechselseitig spiegelnden Phänomene der „Gastarbeit“ oder des „Tourismus“. Es fehlt mir persönlich die Zeit, die Kraft und – offen gesprochen – auch das Interesse, historische, ethnologische, soziologische und psychologische Studien zur Kenntnis zu nehmen, die zu beiden Phänomenen existieren.

Ich kann daher nur dreist behaupten, was andere dann leicht überprüfen und korrigieren mögen:

Dass beide Phänomene, in ihren Formen und in ihrer Ausbreitung völlig neuartig und einmalig sind in der bisherigen Menschheitsgeschichte.

Die Gastarbeit

Dass Massen an Menschen als Einzelne, nicht als große Familienverbände oder politische Einheiten, sich regional und global auf Wanderschaft begeben und von den Menschen, die dort derzeit ansässig sind, bewusst nur eine Teil-Integration erfahren (die z.B. politische Mitbestimmungsrechte & -pflichten bewusst ausschließt), ist mir von unserer Gegenwart in dieser Allgemeinheit und diesem Ausmaß bekannt.

Das antike Griechenland kannte zwar bereits „Metöken“ („Haushalts-Mitbewohner“) und bereits zu dieser Zeit wie auch später warb man in den unterschiedlichsten Gesellschaften um fähige Handwerker oder Menschen mit anderen, bestimmten Fähigkeiten. Häufig für die Kriegsführung. Oder aus taktischen Erwägungen in innenpolitischen Machtkämpfen. Auch die gezielte Ansiedelung ganzer Massen von Menschen in bestimmen Landstrichen hat es immer wieder gegeben. Ebenfalls aus den unterschiedlichsten Gründen. – Doch das, was wir heute „Gastarbeit“ nennen, ist spezifisch modern und ein überaus spannendes Phänomen, an dem sich viele Besonderheiten der heutigen Weltgesellschaft ablesen lassen.

Wir sind heute an einem Punkt, an dem sowohl die Quantität in die Qualität der Beziehung umschlägt, als auch an dem die Qualität der so gestifteten Beziehung Folgen für die mögliche Quantität der als zeitlich begrenzt gedachten Arbeitsmigration hat. Beides lässt Fragen aufkommen, die ursprünglich (zu Beginn der arbeits-bezogenen Auswanderung/Einwanderung) keine der beteiligten Seiten stellen wollte: Weder die mobilen Menschen noch die bereits dort ansässigen Menschen.

Diese ungern gestellten Fragen betreffen die menschlichen Gefühle der Zugehörigkeit, die wichtiger für uns sind als wir uns in einem Zustand unklarer, uneindeutiger Zugehörigkeit eingestehen möchten.

Eine gewisse Absurdität bekommen unsere Gefühle in Bezug auf die Gastarbeiterschaft vor dem Hintergrund der ebenso großen Allgemeinheit des Tourismus.

Der Tourismus

Der Tourismus sieht, oberflächlich betrachtet, aus wie eine einfache gegenläufige Wanderungsbewegung, die zwar zeitlich deutlich begrenzter ist und dem genau gegenläufigen Zweck dient: Anderen dienen & Geld verdienen hier / Sich-bedienen-lassen & Geld ausgeben dort, die aber interessanterweise ebenfalls Fragen nach Zugehörigkeit aufkommen lässt.

Es gibt heute nicht wenige Menschen „in reichen Ländern“, die von sich selber sagen, eine andere Weltregion, die typischerweise einkommensschwächer, vermögensschwächer und militärisch schwächer ist, sei „ihre zweite Heimat“. Inklusive persönlicher Bindungen und Freundschaften zu dort fest ansässigen Menschen.

Die Frage, wie der „Gast“ zum Mitbürger wird, stellt sich auch für jene Rentner, die aus Kosten-, Klima- oder Kulturgründen irgendwann andernlands einen festen Wohnsitz besorgen, an dem sie sich dann überwiegend aufhalten.

Sie mögen sich zwar als „Gäste“ fühlen und als solche behandelt werden. Doch „sie gehen nicht mehr weg“. Sie fangen stattdessen neue Dinge an in ihrer neuen Heimat, von denen anfangs nicht die Rede war und von denen auch sie selbst anfangs nichts ahnten. Es handelt sich also oft nicht um bewusste Vorhaben, sondern um „Entwicklungen“. Auch darin ähneln sie vielen „Gastarbeiten“.

Die Frage stellt sich vielleicht noch schärfer bei jenen Menschen, die aus reiner Begeisterung für „Land & Leute“ (Klima und Kultur) „auswandern“. Ganz allgemein sind Touristen ja zeitlich begrenzte Kultur- und Klimaflüchtlinge. Nur dass eben die zeitliche Begrenzung bei einigen von uns nicht mehr gar so ausgeprägt ist.

Oder bei „Expatriats“, die einfach nur Gastarbeiter mit akademischen Abschlüssen, gefragten Qualifikationen (wie unsere antiken Metöken) und mit Möglichkeiten sind, in ihrer neuen Heimat auch viel Geld auszugeben. „Vermögende Menschen“ eben.

Die Grenzen und Übergänge sind ganz offensichtlich fließend, und in dem Kunstwort „Expatriats“ (und anhand der Menschen, die so bezeichnet werden) wird dies nur besonders deutlich.

Erdenbürger?

Die Frage nach dem Mitbürgertum, „da wir hier nun schon einmal eine ganze Weile zusammen leben“ – und wichtiger noch, auch in Zukunft voraussichtlich wohl zusammenleben werden! – stellt sich heute überall auf der Welt. Es ist eine globale Frage. Und es ist eine global ungelöste Frage.

Wann der „Gastarbeiter“ zum „Expatriat“ wird (oder der „Flüchtling“) und wann der ausgewanderte Dauertourist zum gefühlten Mitbewohner wird, sind dabei nur Vorstufen zu einer Frage nach einem global-lokalen Mitbürgertum, das es uns ermöglicht, unser Zusammenleben (global wie lokal) friedlich miteinander zu regeln.

Und natürlich stellt sich dabei auch die globale Klassenfrage: Ob wir politische Pflichten und Rechte, also den Bürgerstatus rein oder vorwiegend nach finanziellem Vermögen vergeben wollen. Oder doch eher nach anderen Kategorien. Oder prinzipiell. Weil wir alle Menschen sind. Und weil wir als Menschen Verschiedenstes miteinander anfangen können; wovon sich vieles gut über Geld aushandeln lässt, manches von unserer finanziellen Ausstattung indirekt mitbeeinflusst wird und wieder anderes von unserem unterschiedlichen Vermögen völlig unabhängig ist. Vor allem aber lässt es sich nicht absehen, was wer in Zukunft mit wem wie anfangen kann und welche Rolle welches Vermögen dabei spielen wird. Menschliche Beziehungsdynamiken sind prinzipiell zukunftsoffen und voller unabsehbarer Überraschungen. Vor allem in einer liberalen Gesellschaft, die gesellschaftliche Einheit nicht mehr über Homogenitäts-Ideale zu erreichen sucht.

Es braucht hingegen nur wenig Fantasie, um sich auszurechnen, wohin uns als Menschheit unsere allgemeine Gastarbeit und unser allgemeiner Tourismus nach und nach führen: In eine Weltgesellschaft, in der die Frage nach politischer Zugehörigkeit (Pflichte und Rechte zur Mitbestimmung der Gesetze des Zusammenlebens) von uns auf etwas neue Weise verhandelt wird.

Denn unsere bestehenden, von unseren Vorfahren ererbten politischen Institutionen spiegeln eine Weltgesellschaft, in der die menschliche Mobilität keineswegs so allgemein war, wie sie heute für uns selbstverständlich ist. Und wenn die Mobilität in der menschlichen Vergangenheit doch einmal derart allgemein war, so lief sie keineswegs so friedlich und bürgerschaftlich ab, wie das Gastarbeit und Tourismus heute tun.

Es scheint mir daher als sicher, dass wir einen Weltstaat bekommen werden.

Unabhängig davon übrigens, ob unsere momentane persönliche Meinung die Entstehung einer solchen neuartigen politischen Institution für wünschenswert oder wenig wünschenswert hält.

Wir müssten schon allgemein Gastarbeit und Tourismus „verbieten“, um keinen Weltstaat zu bekommen. Beide Verbote erscheinen heute wenig wahrscheinlich.

 

 

 

 

 

 

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