Auch wenn die Unterschiede beinahe in jeder Hinsicht gewaltig sind: Mich persönlich beschwingt die Beschäftigung mit der ersten Demokratie der Weltgeschichte. Wahrzunehmen, was genau anders war. Aber auch, was möglicherweise zu unserer heutigen gesellschaftlichen Situation nicht ganz unähnlich ist. Vor allem aber beschäftigt mich die Frage, wie es überhaupt dazu kam, dass erstmals eine Demokratie (im engeren Sinne des Wortes) entstand? Was waren die besonderen Umstände? Die besonderen Triebfedern dieser Entwicklung? Was waren die Absichten und Gründe derjenigen Menschen, die sich erstmals demokratische politische Institutionen schufen?

Mit diesen Fragen finde ich mich immer wieder einig mit dem Historiker Christian Meier. Wie es ja oft eher die gemeinsamen Fragen sind, die uns einander besonders nahe bringen, und weniger die gleichen Antworten.

Auch Christian Meier scheint die Frage nach den ganz besonderen Umständen der Entstehung der ersten Demokratie anhaltend beschäftigt zu haben. Immerhin hat er einen ganzen Haufen Aufsätze und ein ganzes Buch zu genau diesem Thema verfasst.

Bei aller Komplexität und Erwägung aller möglichen Faktoren, die Meier anführt, kann man doch herauslesen, dass es seiner Ansicht nach vor allem eine Besonderheit war, die die Entstehung der Demokratie bei den Griechen begünstigte: Dass sich bei den „archaischen“, vor-klassischen Griechen keine Monarchie herausbildete, wohl auch gar nicht herausbilden konnte. Anders als in beinahe allen bekannten Hochkulturen vorher und nachher, die über einen längeren Zeitraum eine bestimmte Region prägten und dominierten, bildete sich kein „Reich“ heraus, kein „Königtum“, dessen Herrschaft dann jeweils religiös-theologisch abgesichert wurde, wie das für die damalige Zeit vollkommen üblich war. Wohl kannte man die „Tyrannis“ in einzelnen Städten. Doch solche politische Versuche blieben an Einzelpersonen gebunden, damit instabil und wurden nur in den allerseltensten Fällen „vererbt“. Und wenn, dann nicht über mehrere Generationen hinweg.

Meier spricht in diesem Zusammenhang auch immer wieder von der fehlenden „Disziplin“ bei den archaischen Griechen. „Herrschaft“ erschien ihnen mit den für Herrschaft notwendigen Anstrengungen kaum erstrebenswert. Ihr überaus ausgeprägter Ehrgeiz und Wettbewergsgeist richtete sich auf anderes. V.a. auf persönlichen Ruhm vor der „Griechenheit“, also vor einer unpolitischen Öffentlichkeit, die alle antik-griechischen Stadtstaaten (Poleis) umspannte und vereinte. Und denjenigen Ruhm, der ihre Energien band und kanalisierte, den konnte man in dieser Öffentlichkeit mit ganz Anderem erringen als dadurch, dass man sich zur Alleinherrschaft aufschwang, alle anderen unterwarf und ein „Reich“ begründete. Es ging ihnen „mehr um Rang als um Macht“ schreibt Meier (z.B. „Athen“, S. 135). Herrschaft und Monarchie waren es für die archaischen Griechen in ihrer emotionalen Kosten-Nutzen-Rechnung schlicht nicht wert, was man für sie aufwenden musste. Das gilt nicht nur für das, was man tun musste, um sie zu erringen, sondern mehr noch für das, was man tun musste, um sie zu erhalten. Es gab für die archaischen Griechen viel Besseres als Herrschaften zu errichten…

Auch wenn Sparta in Vielem eine Ausnahme zu dem hier Gesagten bildete, ist gerade diese Ausnahme das, was den Umstand fehlener Ausbreitung von Monarchien um so erstaunlicher macht: Den anderen Griechen schienen in ihren zahllosen Poleis das Beispiel der Spartaner offenbar nicht gerade nachahmungswürdig. Die Möglichkeiten, die die griechische Allgemeinkultur im vor-klassischen Zeitalter der prägenden Adelsschicht bot, waren zu vielfältig und affektbindend, um Sparta attraktiv zu finden.

Aus heutiger Sicht wirkt alles an dieser Kultur merkwürdig und paradox: Es gab zwar eine dominierende Adelsklasse, aber sie lebte miteinander egalitär und in sich ständig neu ausbalancierenden Gleichgewichten. Die Adelsklasse setzte sich von den Normalbürgern in den Poleis ab, blieb ihnen aber zugleich auch merkwürdig verbunden Es gab wohl eine klasseübergreifend geteilte Kultur und Solidarität innerhalb der Städte, zumindest zwischen „den freien Männern“. Es gab Abstiege aus und Aufstiege in den Adelsstand. Es braucht viel Fantasie, um in sich heute ein Gefühl aufzubauen, wie diese Unterschiede wohl für die damaligen Menschen dagewesen sein mögen. Wie sie sich angefühlt haben. Was den Menschen in ihrem Alltag wirklich wichtig war und was Selbstverklärung durch sie selbst oder rückwirkende Verklärung durch uns Heutige ist. Und natürlich muss man dabei heute ständig über seinen eigenen Moralischen drüber, dass man sich gerade mit einer frauenverachtenden, sklavenhaltenden Krieger- und Räuberkultur auseinandersetzt. Dass der Begriff „Mensch“ von den antiken Griechen nicht in dem Sinne gebraucht wurde, wie wir ihn heute verwenden, so dass es fragwürdig wird, was wir meinen, wenn wir von „den damaligen Menschen“ oder „den Griechen“ sprechen. Unsere modernen, teilweise deutlich höheren Anforderungen an eine Demokratie scheinen überall durch.

Trotz alledem kann man es bemerkenswert finden, dass diejenigen Menschen, die zwischen sich erstmals eine Demokratie errichteten, eine gleiche politische Herrschaft aller Bürger, vor diesem Schritt offenbar ein Haufen eigensinnige Ehrgeizlinge waren, ein Pack aristokratischer Halb-Anarchisten sozusagen.

Das Rätsel der Entstehung der attischen Demokratie fasst Christian Meier in eine doppelte Frage:

1.) Wie konnte eine eigene, formstabile Kultur ohne politische Stabilisierung durch eine Monarchie entstehen? (nach Meiers Ansicht gibt es in der Altertumsgeschichte kein anderes, ähnliches Beispiel für so einen Vorgang)

2.) Wie konnte die Entstehung des Politischen bei den Griechen, da es nicht von einem Monarchen oder vom Adel ausging, von den breiten Schichten her erfolgen? (das war die entscheidende zweite Voraussetzung für die Entstehung der antiken Demokratie)

Nach ausführlicher Ausbreitung seiner Antworten auf die erste Frage und im Übergang zu Antworten auf die zweite Frage gibt es in Meiers „Athen“ eine für mich sehr spannende Passage, die ich daher hier in ihrer ganzen Länge anführe:

„DIE GRIECHEN standen beim Versuch, ihre Gemeinwesen zu disziplinieren, vor eigenartigen Schwierigkeiten. Schließlich ist das Ganze einer Ordnung nach tieferen Erschütterungen sehr viel leichter in einem Willen zu gründen, als dass viele auf ein Ganzes verpflichtet werden können, das nirgendwo ist als in und zwischen ihnen. Wenn im einen Fall der Monarch als Quelle alles öffentlichen Handelns das System funktionieren lässt, müssen im andern Regeln und Institutionen erdacht und eingeführt werden, die von selbst funktionieren und in gewissem Sinne selbst die Quelle politischen Handelns zu sein haben. Es muss ein irgendwie geartetes Allgemeines in ihnen zum Handeln gebracht werden, ein Drittes, das oberhalb von allen ist, ohne dass es eine Instanz über ihnen gäbe. Und es muss mächtig sein, wenn es die Einheit in der konkreten Vielheit, die sie darstellen, zu schaffen imstande sein soll.

Wie aber fängt man die starke Diskrepanz zwischen den individuellen Interessen und dem Allgemeinen auf, die unter vielen herrschen muss? Wie bringt man sie dazu, in der Konkurrenz, im Konflikt ihrer Interessen jenes, das sie miteinander gemeinsam haben, stark und handlungsfähig zu machen?

Hier lag die Rolle des politischen Denkens, ohne das die griechische Demokratie kaum hätte entstehen können. Die Griechen hatten ja keine Griechen vor sich, von denen sie hätten lernen können, dass so etwas wie Demokratie überhaupt möglich war. Die kannten keine „bürgerliche Öffentlichkeit“, keine Universitäten. Während der Usurpator eine Stellung zu gewinnen sucht, die es schon gibt, musste hier allererst die Stellung selbst ausgedacht werden, die das Volk dann einnehmen sollte. Nicht auf einmal, sondern allmählich, aber doch so, dass stets gewisse Antizipationen erfolgten, damit die Ziele einigermaßen klar waren.

In diesem Zusammenhang entstand endlich ein Denken und Handeln, das sich auf die Form der Polis richtete. Hier ging es nicht einfach um Ausleben, Weitermachen und Stabilisieren vorhandener Eigenart, sondern um bewusste, tiefe Eingriffe. Das politische Vakuum sollte gefüllt werden.“

(„Athen“, S. 170)

Warum erscheinen mir diese Fragen, die Meier an die Geschichte Athens stellt und an die Entstehung der ersten, antiken Demokratie, überhaupt so bemerkenswert?

Ganz einfach: Weil sie eine frappierende Ähnlichkeit mit den Fragen haben, die ich mir nun schon länger in Bezug auf unser eigenes, heutiges Gemeinwesen stelle. Also in Bezug auf ein Gemeinwesen, das doch so ganz anders ist. Das doch so ganz andere Voraussetzungen und Gegebenheiten hat als der Stadtstaat von ein paar sklavenhalterischen altgriechischen Hanseln.

DAS erscheint mir bemerkenswert. Dass so verschiedene Zeitalter und Gesellschaften derart ähnliche Fragen hervorrufen, ist eigentlich nicht zu erwarten. Für mich jedenfalls war das eine echte polit-historische Überraschung. Ich hatte nicht erwartet, dass das vordemokratische Athen eine derart relevante Inspirationsquelle sein könnte für die institutionellen Reformen, vor denen wir heute stehen. Nicht in diesem Ausmaß.

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