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Demokratisch ist eine Gesellschaft, wenn die Menschen in ihr als Bürger politisch gleich sind: Gleichwertig, gleichranging, gleichwichtig, gleichwirksam. Wenn es – bei allen privaten Unterschieden zwischen ihnen – keine politische Ungleichwertigkeit zwischen den Bürgern gibt. Dazu braucht es geeignete politische Verfahren und Institutionen, die eben diese bürgerliche Gleichheit wirksam sicherstellen. Ohne die private Unterschiedlichkeit anzugreifen oder zu nivellieren.

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Liberal ist eine Gesellschaft, wenn sie im Privaten alle möglichen Unterschiede zulässt. Wenn sie also nicht politische Einheit über private Homogenität zu erreichen versucht. Wenn die Bürger sich privat unähnlich sein und ihr privates Glück – im Rahmen ihrer selbstgemachten Gesetze – unterschiedlich suchen, verfehlen und finden können. Das liberale Staatsverständnis ist nicht: Wir sind alle gemeinsam Bürger eines Staates, weil wir ähnlich sind. Sondern: Wir sind alle gemeinsam Bürger eines Staates, weil wir durch unsere Unterschiedlichkeit hindurch, im wechselseitigen Respekt vor unserer Gleichwertigkeit, gemeinsam die allgemeinen Gesetze dieses Staates machen.

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Die liberale Gesellschaft braucht die Demokratie. Große private Unterschiedlichkeit ist nur bei politischer Gleichheit erträglich und produktiv: Wenn die Bürger im Politischen wieder zusammenführen, was im Privaten freigegeben wird. Die Demokratie bringt durch geloste Bürgerversammlungen zusammen, was im Privaten bewusst losgelassen und unverbunden ist. Liberalismus ohne Demokratie führt abwechselnd zu Bürgerkrieg und Tyrannei. Die Bürger „leben sich auseinander“, kommen aber nicht mehr zusammen. Denonoch gibt es auch dann natürlich die unvermeidlichen gemeinsamen Fragen (res publica) und damit „einen Staat“. Doch es entsteht dann eben ein sehr unterschiedlicher starker Zugang der verschiedenen Bürger zur staatlichen Macht – Und damit entsteht Herrschaft der einen Bürger über die anderen. Ein solcher liberaler, aber undemokratischer Staat lässt die allermeisten Bürger unbefriedigt, politisch unterprivilegiert, vom Politischen ausgeschlossen. Dabei müssen keine Absichten im Spiel sein. Es ist schlicht „das, was passiert“, wenn Liberalismus ohne Demokratie am Werk ist. Solche Gesellschaften sind dann strukturell in-sich-selbst unfriedlich: voller Spannungen, die keinen Ausgleich finden können. Die Masse der politisch Unterprivilegierten ruft dann über kurz oder lang nach „einem starken Mann“, hinter dem sie sich sammeln kann. Oder es bilden sich zwei, drei ähnlich starke „Haufen“, die sich gegenseitig niedermetzeln. Bis zum nächsten vorübergehenden Burgfrieden. Der ständige Wechsel zwischen Bürgerkrieg und Tyrannei ist dann erwartbar und findet keine Lösung „auf höherer Ebene“, d.h.: in der Politik. Der Tyrann, den die Massen rufen, homogenisiert die privaten Unterschiede der Bürger und wird selbst für sie zu einer unterdrückenden Macht. Und auch im Bürgerkrieg werden wichtige private Unterschiede zugunsten der dominierenden privaten Frontlinien „für unwichtig erklärt“. Der Krieg ist genauso wie die Tyrannei ein großer Vereinfacher. Liberalismus ohne Demokratie zerstört sich selbst auf die eine oder auf die andere Art. Die vielfachen Unterschiede zwischen den Bürgern brechen in sich zusammen, wenn sie nicht über die Gleichwertigkeit der Bürger im Politischen Anerkennung finden. Erst die Demokratie erkennt den Liberalismus vollständig an. Erst in ihr findet die Unterschiedlichkeit der Bürger systematische Anerkennung. Ohne Demokratie bleibt der Liberalismus instabil und unwirklich.

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Der demokratische Staat setzt eine liberale Gesellschaft voraus: Die Unterschiede der Bürger machen es notwendig, dass alle Bürger politisch aktiv teilnehmen. Weil in einer Gesellschaft voller Unterschiede „politische Repräsentanz“ durch einen (Monarchie) oder einige wenige (Aristokratie) nicht mehr sinnvoll möglich ist. Daher müssen sich in einer liberalen Gesellschaft alle im Politischen selbst vertreten. Ohne große Unterschiedlichkeit der Bürger braucht es wahrscheinlich keine Demokratie. In sehr homogenen Gesellschaften ist politische Repräsentanz wahrscheinlich gut möglich und es müssen nicht alle Bürger aktiv an der Politik, an ihrem Staat teilnehmen.

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