In meiner kleinen Privatwelt ist es eine echte Leistung von Margerete Stokowski, mein verwirrtes Demokratie-Theoretiker-Hirn darauf gestoßen zu haben, dass wir häufig Anarchie mit Anomie verwechseln: Herrschaftslosigkeit mit Gesetzlosigkeit.

Kein Anarchist, so Stokowski, hat sich jemals für Anomie stark gemacht. Allerdings glauben viele, dass Herrschaftsfreiheit automatisch in Gesetzlosigkeit münden müsse.

Dabei ist Demokratie eigentlich genau das: Ein geregeltes Gemeinwesen, dessen Regeln herrschaftsfrei zustande kommen. Indem die Bürger – als Freie und Gleiche – sich selbst ihre Gesetze geben. Wenn in einer Demokratie überhaupt von „Herrschaft“ die Rede sein kann, so müsste man sie „Selbstbeherrschung“ nennen.

Indem die Anarchie, die Herrschaftsfreiheit gerade im Zentrum des Staates am täglichen Werk ist, entsteht „Eunomie“, entstehen gute Gesetze, die von allen mitgetragen werden, die von allen als „auch meine Gesetze“ anerkannt werden können. Zentral für das ständige Neuentstehen einer guten staatlichen Ordnung ist die „Isonomie“: Die Anerkennung absoluter politischer Gleichrangigkeit aller Bürger. Diese allgemeine Anerkennung, dass kein Bürger politisch wichtiger oder weniger wichtig sein soll als ein anderer, begründet eine demokratische Ordnung. Die Demokratie macht alle Bürger in der Politik gleich einflussreich. – Wenn sie denn wirklich eine Demokratie ist und diese Bezeichnung nicht nur im Namen trägt. Durch die gezielte und vorsätzliche Gleich-Privilegierung aller Bürger gewinnt die Demokratie die Kraft, sich selbst ständig institutionell zu reformieren, anzupassen und umzubauen. Diese besondere Fähigkeit zeichnet die Demokratie aus und wird von keiner anderen Staatsform erreicht. Weil sie uns alle mit der immer wieder neu erlebten Sicherheit versorgt, wirksamen politischen Einfluss zu haben, hören wir auf, nötige politische Anpassungen und Veränderungen zu blockieren. Wir haben deutlich weniger Angst, von unseren lieben Mitbürgern vorsätzlich oder aus Versehen untergebuttert zu werden. Wir wissen um unseren politischen Einfluss und unsere politische Mitsprache. Wir entspannen uns und können dadurch sehr viel offener sein für das Neue, das jeweils gerade nötig ist.

Paradoxerweise ist die Demokratie damit genau das, was man stets für unmöglich gehalten hat: Ein anarchischer Staat.

Die Demokratie ist alles andere als „gesetzlos“ (anomisch). Es ist die Art des Zustandekommens ihrer Gesetze, die im buchstäblichen Wortsinne anarchisch ist. Die Demokratie duldet keine Herrschaft der einen Bürger über die anderen. Und um unter modernen Bedingungen sicherzustellen, dass nicht der Staat selbst zu einem Instrument wird, mit dem seine einen Bürger seine anderen Bürger zu beherrschen beginnen, gestaltet die Demokratie diesen Staat in ganz bestimmter Weise. Die Demokratie stellt sicher, dass alle Bürger gleichen Einfluss auf ihren Staat haben: auf seine Gesetzgebung, auf seine exekutiven Maßnahmen.

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