Überall auf der Welt konnte man beobachten und erleben, wie der Deal zwischen Gast und Gastgeber in traditionaleren Kulturen aussieht:

Der Gast hält sich extrem zurück, ist demonstrativ höflich, indem er die Vorgaben und Regeln des Gastgebers achtet. Er nimmt demonstrativ eine Tiefstatus-Haltung ein.

Der Gastgeber ist extrem fokussiert auf die Bedürfnisse des Gastes. Er ist ebenfalls demonstrativ höflich, indem er ihn umsorgt wie einen König. Auch er nimmt demonstrativ eine Tiefstatus-Haltung an.

Ganz offensichtlich geht es in diesen Interaktionsmustern traditionalerer Kulturen und ihrem sehr hoch gehängten „Gastrecht“ um Deeskalation: Man möchte sich nicht ständig gegenseitig niedermetzeln, wenn man sich zufällig begegnet.

Den städtischeren Bewohnern relativ modernerer Kulturen ist das stets aufgefallen. Und es ist auch heute noch eine Triebkraft des „Tourismus“. Wenn man etwas fies sein will, könnte man sagen: Die städtische Moderne beutet den ländlichen Traditionalismus aus hinsichtlich seiner Empathie- und Zugewandtheitsressourcen, die die Moderne aus sich heraus nicht mehr erzeugen kann. Und das traditionalere Land lässt sich von den Menschen aus der moderneren Stadt gerne diesbezüglich ausbeuten, weil die Stadt materielle Ressourcen erzeugt, die das Land niemals aus sich heraus hervorbringen kann.

Ein neuer Deal also. Ein Deal, der vor dem Hintergrund der fortlaufenden immer-weiter-Verstädterung der Weltbevölkerung auf jeden Fall spannend ist.

Die moderne Umgangsform von Gast und Gastgeber wirkt dagegen beinahe „anomisch“. Symptomatisch stehen für das Gastrecht und Gastgeberrecht in der Moderne Teenager-Parties: Die Gäste fallen in das Haus des Gastgebers ein, verwüsten alles nach Lust und Laune, während der Gastgeber sich keinen Millimeter um seine Gäste kümmert, sondern einfach selber weiter sein Ding durchzieht. – Und hinterher kommen die Eltern, werfen die Gäste raus und verhängen 3 Wochen Stubenarrest über den jugendlichen Gastgeber… 😉

Wenn also „Gastarbeiter“ aus ländlicheren, traditionaleren Gesellschaften in Länder mit städtischeren, moderneren Strukturen einwandern, kann man sich ausrechnen, was passiert:

Die „Gäste“ sind erstaunt über die Rüpelhaftigkeit und Gleichgültigkeit, mit der sie von ihren Gastgebern behandelt werden. Das kennen sie nicht aus ihrer ehemaligen Heimat. – Es ist der exakt gegenteilige Eindruck der „unglaublichen Freundlichkeit der Menschen vor Ort“, von dem Touristen immer ganz beglückt zu berichten pflegen, wenn sie aus traditionaler geprägten Orten zurückkehren.

Die städtisch-modernen „Gastgeber“ hingegen verstehen nicht, warum sich ihre ländlich-traditionalen Gäste so schwer tun, bei ihnen klar zu kommen. Warum nehmen sie sich denn nicht einfach selbst das Bier aus dem Kühlschrank? – Solche Gastgeber suhlen sich in ihrer Hochstatus-Position, ohne sie durch Gastgeberverhalten zu entschärfen. Ganz so wie Gäste in einem Zugabteil, „die aber zuerst da waren“.

Nach einiger Zeit kommt es zu „Anpassungen“ der Gäste: Sie verlieren ihre Höflichkeit, ihre Kultur und ihre Zurückhaltung und erleben fortan die Vor- und Nachteile moderner Regellosigkeit auf eigene Rechnung.

Dann aber sind sie keine Gäste mehr. Auch wenn sie nicht gekommen waren um zu bleiben, gibt es für sie nun kein zurück mehr. Ihre „Heimat“ ist nun ein Ort, an dem sich jeder selbst der nächste ist und an dem man sich für die Regelung des ewigen Problems zwischenmenschlicher Gewalt auf die Polizei verlässt.

In jenem Zwischenstadium, in dem man schon längst kein Gast mehr ist, aber noch lange kein Mitbürger, – lost in translation – in dieser Vorhölle lebt es sich erwartbar unbequem.

Auf eine gewisse Weise wird erst ein globales Weltbürgertum – mit zugehörigem demokratischem Weltstaat – diesen Schwebezustand beenden, in dem wir uns momentan alle gemeinsam befinden. Gast und Gastgeber, fixierter Tief- und fixierter Hochstatus können kaum privat überwunden werden.

In der Demokratie: in einem verfassungsmäßig instutionalisiertem Mitbürgertum wird anerkannt, dass wir alle gekommen sind, um zu bleiben. Das Vorübergehende des „Gastes“ wird zu einer ständigen Frage nach den jeweils gerade besten Formen des Zusammenlebens. Eine Frage, die nur von allen gemeinsam beantwortet werden kann. Unter bewusstem Verzicht auf jegliche Statusspiele.

Wir werden dadurch sozusagen alle zu Gastgebern unserer selbst. Zu politischen Gastgebern unserer privaten Selbste: Wir geben uns selbst die Rahmen, in denen wir leben. Wir kümmern uns alle gemeinsam um uns alle. Demokratie ist kollektive gute Selbstsorge über Bande mit unseren staatlichen Institutionen.

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