Die kleisthenischen Reformen werden in der historischen Forschung gemeinhin als der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Demokratie angesehen. Diese Reformen sorgten in Athen dafür, dass sich die Bürger „politisch durchmischten“. Sie richtete sich sowohl gegen die ständigen aristokratischen Kämpfe als auch gegen die Errichtung einer Tyrannis unter der bei den Griechen stets kurzlebig bleibenden Führung „eines starken Mannes“. – Übertragen auf unsere heutige Zeit richtete sie sich diese institutionellen Reformen also sowohl gegen ritualisierte Politikkämpfe der unterschiedlichen Adelsparteien als auch gegen autoritäre Anwandlungen und die „Segnungen“ einer Diktatur, die auch im antiken Athen mindestens ambivalent gesehen wurden. Doch damit ist die Parallele zwischen dem vor-demokratischen Athen und unserer heutigen Situation noch nicht zu Ende.

Die kleisthenischen Reformen waren nämlich nicht nur vom Zweck her gegen ähnliche Probleme in der Politik gerichtet, wie jenen, an die wir uns heute gewöhnt haben. Sie reagierte auch auf eine nicht ganz unähnliche Ausgangslage in der Bürgerschaft: Damit die Bürger in der Politik Gewicht bekommen konnten, mussten sie zu allererst überhaupt zusammen gebracht werden. Zur Besonderheit Athens unter den damaligen griechischen Poleis (Stadtstaaten) gehört, dass Athen neben Sparta am ehesten einem Flächenstaat gleich kam. Athen war sowohl flächenmäßig als auch zahlenmäßig die größte unter den griechischen Poleis. Erst die Zerstreuung der Bürger, ihr fehlender Kontakt untereinander, machte die Kleisthenischen Reformen in dieser Form überhaupt notwendig, wenn man sowohl der Tyrannis als auch den Politikkämpfen der Parteien eine beruhigende und einende Macht entgegenstellen wollte. Die Bürger mussten einander auf einer regelmäßigen, täglichen Basis „gegenwärtig“ gemacht werden, um politische Macht zu erlangen. Ohne diesen Schritt: ohne die gezielte institutionelle Bekanntschaft und Durchmischung der Bürger hätte sich auch in Athen niemals eine Demokratie etablieren können, die dann knappe 150 Jahre durch zahlreiche Unruhen und Kriege hindurch Stabilität, Frieden und Einigkeit der athenischen Bürger untereinander schuf. Indem die gesellschaftliche Segregation der Bürger politisch aufgehoben wurde und sie untereinander gezielt vermischt wurden. Der Fremdheit der Bürger untereinander wurde durch die kleisthenischen Reformen also institutionell aktiv entgegengewirkt.

„Jedenfalls ergab sich durch die Reform die Möglichkeit, gegen alle Übergriffe relativ rasch zu protestieren, überhaupt die Gelegenheit zu aufmerksamer Beobachtung von Politik und Amtsführung der Adligen; die Bürgerschaft konnte regelmäßig ins Spiel gebracht werden […]. Denn gerade dran hatten doch die Nicht-Adligen der vorangegangenen Zeit gelitten: dass sie keine eigene Führungsschicht hatten, dass sie selten zusammenkamen und dann zumeist zur Passivität verurteilt waren oder doch nur gutheißen konnten, was ohnehin so oder so geschah.

Ein Ratsmann kam künftig auf sechzig Bürger, schon mittelgroße Dörfer schickten drei oder vier, und wenn dann noch alle Jahre neue bestellt wurden, so ergab sich ein außerordentlich hohes Maß an Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie. Sicher konnte Ratsmann nur werden, wer nicht dem alten Adelsrat auf dem Areopag angehörte. Nicht also die Einflussreichsten, die Mächtigsten, dafür eben die Angehörigen der mittleren Schicht, denen vermutlich mach einer aus vornehmer Familie zuzurechnen war, der sich in die Solidarität der übrigen fand.

[…]

Platon wie Aristoteles haben eindrucksvoll dargelegt, wie ungemein wichtig die direkte Bekanntschaft der Bürger für die griechischen Gemeinwesen war. Die gegenseitige Vertrautheit hing davon ab. […] Sie mussten sich aufeinander verlassen können. Nicht zuletzt weil sie sich zuvor kaum gekannt hatten und auf den kleinen Radius der nachbarschaft beschränkt geblieben waren, waren die Bauern nach Aristoteles „schwach an Organisation und Zusammenhalt“ gewesen. Daher pflegten Tyrannen Wert darauf zu legen, ihre Untertanen gegeneinander zu isolieren und Misstrauen zwischen ihnen zu säen. So ist es vor allem für Sizilien bezeugt. In Athen wird das kaum der Fall gewesen sein, eine gewisse Isolierung ergab sich dort aber bei der Größe des Landes von selbst.

Die Adligen dagegen kannten sich. Ihre Beziehungen trugen zu ihrer Überlegenheit bei. Nun glich sich das weitgehend aus. Wo in der einen Phyle Bürger verschiedenster Landesteile miteinander vertraut wurden, wurden es ihre Nachbarn aus anderen Dörfern mit denen aus andern Phylen. Insofern kamen die Bürger in vielfältigsten Kontakt miteinander. Die Bewahrung des alten Systems könnte dazu gedient haben, die schon bestehenden Verbindungen unter neuen Vorzeichen am Leben zu erhalten – um ein Höchstmaß von gegenseitiger Durchdringung und Zusammenhalt der Bürgerschaft zu ermöglichen.“

(Christian Meier: „Athen“, S. 196 f.)

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