Machen wir uns nichts vor: Jegliches politisches Engagement steht in Konkurrenz zu privater Erfüllung: Zu unseren privaten Möglichkeiten, unsere Zeit zu verbringen, unser Herz in die Dinge und in unsere Mitmenschen zu legen.

Alle Formen politischer Engagiertheit gehen also unweigerlich auf Kosten unseres Privatlebens. Nur Götter: Wesen mit unbegrenzten zeitlichen und affektiven Ressourcen würden nicht leiden, wenn sie sich politisch engagierten. Nur leider brauchen eben gerade Götter keine Politik.

Das war auch bei den Bürgern Attikas nicht anders, die sich in der ersten Demokratie auf europäischem Boden engagierten. Auch ihr politisches Engagement bedeutete, dass sie ihr Privatleben systematisch vernachlässigen mussten.

Es erstaunt daher aus heutiger Sicht, wie in der attischen Demokratie die allgemeine Beteiligung der Bürger an der Politik so große Ausmaße nehmen konnte. Wie so viele Menschen so regelmäßig partizipierten. Trotz teilweise beträchtlicher individueller Kosten, die das für sie mit sich brachte. Und wie stabil und dauerhaft dieses politische Engagment aller Bürger in der attischen Demokratie war.

Die Gründe, aus denen heraus sich die antike Polisgesellschaft derart allgemein politisieren konnte, sind sicher nicht auf uns heute übertragbar: Der Ehrgeiz der damaligen „Mittelschicht“ zum Adel aufzuschließen; die relative Homogenität dieser Gesellschaft bei gleichzeitigen offenen Wertunterschieden zwischen den Menschen (= allgemein akzeptierter Aristokratie); die fehlenden privaten Alternativen, zu gesellschaftlicher Bedeutung zu kommen; der ausgeprägte, ständig kultivierte Ehrgeiz und die Möglichkeiten, als Gemeinwesen nach außen in der griechischen „Weltöffentlichkeit“ etwas her zu machen, etc.

Wollten wir das demokratische Kunststück wiederholen, das uns das antike Athen vorgemacht hat, so müssen wir unsere eigenen Quellen und Antriebe finden, die sich auf unsere Situation, unsere Ressourcen und unsere Gewohnheiten beziehen. Das könnten u.a. sein:

Unser Anspruch auf wirklich allgemeine Mitbestimmung; unser Wunsch nach einem friedlichen, koordinierten Zusammenleben, wobei weder Frieden noch Koordination im Modus der diktatorischen Unterdrückung erreicht werden sollen; unsere andersartigen psychologischen Einsichten, wie wir Menschen „ticken“; unsere spezifisch-heutigen politischen Probleme, derer wir anders nicht mehr Herr werden…

Generell sind 4 Möglichkeiten denkbar, unter modernen Bedingungen eine allgemeine Politisierung der Bürgerschaft zu bewirken, die wohl nicht nur für die antike Demokratie notwendig und typisch war:

  1. Zwang: Man macht die Beteiligung an der Politik zu einer allgemeinen „Bürgerpflicht“. Man sanktioniert das Privat-Bleiben-Wollen der Bürger. Man erwartet zwingend von uns allen, dass wir uns an Politik aktiv beteiligen.
  2. Einmal-Anreize: Z.B. „Bürgerdiäten“ oder „Aufwandsentschädigungen“ an ausgeloste Bürger, damit sie an deliberativen Bürgerversammlungen teilnehmen.
  3. Dauer-Anreize: Man führt z.B. ein „Bedingtes aktives Bürgergeld“ ein, eine Art institutionalisierte Positiv-Unterstellung, dass alle Bürger doch eigentlich „politische Wesen“ sein wollen. Ein Anreiz, der nur dann wegfällt, wenn man ihm deutlich willentlich widerspricht. Bürger müssten dann das Politische sozusagen aktiv mit beiden Händen von sich wegschubsen, um nicht hineingesaugt zu werden in den Politischen Raum.
  4. Man gestaltet politische Verfahren so, dass sie in-sich-selbst attraktiv und lustvoll sind. Oder salopper: Wir bauen Politik so, dass sie uns unmittelbar Freude macht und Spaß bereitet. So dass jeder von sich aus unbedingt dabei sein will. Dass jeder von uns das Gefühl hat: „Ich verpasse dort etwas, das mir mein Privatleben in keiner Form bieten kann, etwas, das ich nur dort, im Raum des Politischen bekomme!“ Wir machen Politik vorsätzlich auf eine Weise, in der die politische Last für uns subjektiv zur politischen Lust wird.

Ich sehe überaus große Probleme bei allen 4 Formen, wie man heute politische Beteiligung unter uns als Bürgern allgemein, gewöhnlich und gewohnheitsmäßig machen könnte. Alle 4 Institutionen, mit denen wir heute eine allgemeine Politisierung der Bürgerschaft erreichen könnten, haben überdeutliche Pferdefüße.

Wir sollten aber so ehrlich zu uns selbst sein, dass wir uns eingestehen, dass wir keine Demokratie haben können, ohne mit der Bejahung mindestens eines dieser Übel zu bezahlen. Ohne aktive und regelmäßige Beteiligung aller Bürger an der Politik gibt es keine Demokratie. Nicht in der Antike. Und in der modernen Gesellschaft ebenfalls nicht.