Was wir heute von der attischen Demokratie lernen können geht noch etwas darüber hinaus, dass das Losverfahren das zentrale Verfahren der Demokratie ist – und gerade nicht Wahlen. Es geht auch darüber hinaus, dass es vielleicht keine ganz so kluge Idee ist, Demokratie mittels Parteien zu organisieren. Die antike Demokratie stellte sich ganz bewusst der Parteibildung innerhalb der Bürgerschaft entgegen. Demokratie wurde geradezu als Institutionalisierung der Parteilosigkeit konstruiert. Von daher erscheint es wie ein schlechter Witz, dass wir in der Moderne dazu übergegangen sind, Parteien eine zentrale Rolle bei der Organisation von Demokratie zuzuweisen.

Um so länger ich mich mit der athenischen Demokratie und vor allem ihrer Vorgeschichte befasse, um so mehr springen mir drei weitere Aspekte ins Auge, die auch für unsere heutige Gesellschaft Bedeutung haben könnten:

1.) Die Demokratie wurde bewusst als Instrument geschaffen, den ewigen Streitereien und Eskapaden der Oberschicht ein starkes Gegengewicht innerhalb der Gesellschaft zu schaffen. Die Bändigung des damaligen Adels war ein erklärtes Ziel der Solonschen wie der Kleisthenischen Reformen. Und diese Bändigung der Oberschicht setzte sich im weiteren Entstehungsweg der attischen Demokratie fort. Die Eskapaden des Adels führten zu weitgehender Verarmung und Leibeigenschaft großer Teile der Bevölkerung, genauso wie – oft als Reaktion darauf – zum immer neuen Entstehen kurzlebiger „Tyrannenherrschaften“, die die Griechen nicht zur Ruhe kommen ließen und die von ihnen als überaus drückend empfunden wurden. Doch andererseits kannte man nichts anderes: Man war hin- und hergeworfen zwischen einer sich-überbietenden aristokratischen Anarchie und Freibeuterei einerseits und einer diktatorischen Tyrannis andererseits. Bis zur Entstehung der Demokratie kannte man kein „Drittes“, das dieses Hin- und Her zwischen zwei unmöglichen Zuständen aufzulösen vermochte. Noch Solon wurde von seinen Zeitgenossen zum Vorwurf gemacht, dass er sich nicht selbst zum Tyrannen aufschwang. Und Solons Leistung kann auch vor allem darin gesehen werden, dass er dieser Versuchung widerstand, der so viele andere erlagen.

2.) Demokratie besteht in politischer Gleichheit zwischen den Bürgern. Sie wurde als eine vom Privaten getrennte Sphäre geschaffen, was es der antiken Demokratie ermöglichte, weiterhin große private Ungleichheit zuzulassen. Die Bürger waren durch ihre politische Beteiligung politisch mit dem Adel auf Augenhöhe. Aber die antike Demokratie war keine „kommunistische“ Gesellschaft, die darauf abzielte, private Gleichheit zu schaffen. Sie trennte die beiden Welten sehr bewusst. Die mittleren und unteren Schichten konnten dem Adel gegenüber „liberal“ sein und der Adel gegenüber den durch Herkunft weniger Privilegierten, weil die Demokratie im Raum des Politischen Gleichheit zwischen ihnen herstellte. Die Oberschicht wurde nicht zuunterst gekehrt und an ihrer Stelle eine andere Oberschicht etabliert (das wäre nur ein gewöhnlicher Vorgang in den gewöhnlichen Adelskämpfen gewesen). Sondern es wurde mit der Politik ein eigener Raum geschaffen, in dem Gleichheit herrschte, während man außerhalb dieses Raums, im Privaten, mit der gegebenen Ungleichheit sehr gut leben konnte. Der Adel hatte weiterhin Anteil an der Politik. Doch er war in ihr nicht mehr tonangebend oder alleinbestimmend. Durch die Demokratie erwuchs der Oberschicht in der Bürgerschaft ein kraftvolles Gegengewicht. Und offenbar war man in der Oberschicht klug genug, in der neuen Ordnung seinen Platz zu finden. Möglicherweise auch, weil ihre ständige eigene Bedrohtheit durch Umstürze mittels populistischer Aktivierung „der Massen“ überdeutlich geworden war.

3.) Die Demokratie hatte das Ziel, die Bürgerschaft zu einen und politische Stabilität herzustellen. Was die antike Polisgesellschaft in ihrem vor-demokratischen Jahrhundert destabilisiert hatte, war die Möglichkeit einzelner Oberschichts-Adliger, die Massen in ihrem Kampf gegen andere Adlige zu mobilisieren und auf dieser Grundlage immer wieder eine „Tyrannis“ zu errichten. – Der von einzelnen Oberschichtlern erklärte „Kampf gegen das Establishment“ ist also keine Erfindung der Moderne. Es gab ihn auch schon im vordemokratischen Athen. Und die politischen Institutionen, die man als Reaktion darauf erfand und die schließlich zur Demokratie führten, hatten gerade das Ziel, eine solche Operation sowohl unmöglich als auch unnötig zu machen. Indem die Bürgerschaft bewusst zusammengebracht, bewusst durchmischt und bewussst eine ständige aktive politische Präsenz der Bürger institutionell hergestellt wurde, wurden Populismus und Tyrannis unmöglich. Die Gesellschaft war knapp 150 Jahre lang stabil demokratisch, obwohl sie in diesem Zeitraum zahlreichen Anfeindungen und Herausforderungen von Außen ausgesetzt war.

Alle drei „Learnings“ der antiken Demokratie:

1) Notwendigkeit eines wirksamen politischen Gegengewichts gegen das ungezügelte Treiben und Wettbewerbsstreben der Oberschicht 2) Politik als integrierende „Beiordnung“ zur erhalten bleibenden Gesellschaftsordnung anstatt als ihre revolutionierende „Umkehrung“ 3) Politische Stabilität durch die gezielt institutionalisierte Integration aller Bürger in die politische Aktivität

sind ganz offensichtlich untereinander verbunden und haben miteinander zu tun.

Sie könnten darauf hindeuten, dass auch unser heutiges politisches System dringend eine Art „Reset“ braucht, wenn es eine Demokratie sein will. Und vielleicht braucht unsere Gesellschaft dieses institutionelle Reset eben nicht nur für das hehre, ideale Ziel der Herstellung politischer Gleichheit. Sondern auch, um überhaupt dauerhafte politische Stabilität herzustellen. Es kann auch für uns gelten, dass dauerhafte politische Stabilität nur durch eine institutionell auf Dauer gestellte politische Aktivierung aller Bürger erreichbar ist. Demokratie hätte dann den Zweck, innergesellschaftliche politische Katastrophen schon in ihrem Entstehen aufzulösen und wegzuarbeiten. Demokratie würde dann aus der Einsicht entstehen, dass ohne sie das regelmäßige Auftreten von gesellschaftlichen Spaltungen, Bürgerkriegen und autoritären Diktaturen kein Zufall ist, sondern sozusagen ein gesellschaftlicher Mechanismus, mit dem wir fest rechnen können und sollten.

Denn die standige Wiederkehr eines autoritären Populismus, der unsere modernen Demokratien immer wieder heimsucht, ist ein deutliches Anzeichen, dass die politischen Institutionen, die wir in der Moderne geschaffen haben, und die so ganz anders sind als die der attischen Demokratie, aus sich selbst heraus politische Probleme erzeugen, die eben jene antiken Verfahren (Sicherstellung politischer Gleichheit zwischen den Bürgern, Dialogorientierung und Parteivermeidung in der Politik, großflächiger Einsatz des Losverfahrens, alle Bürger sind aktive Politiker) erfolgreich lösen können.

Trotz allem, was man völlig zurecht gegen die antike Gesellschaft und ihre politischen Formen einbringen kann (ihr Chauvinismus, ihre Kriegslust, ihre Ausschluss von Frauen, Sklaven und Fremden aus der politischen Mitbestimmung), gibt es also möglicherweise für uns heute durchaus einiges aus der Geschichte der Entstehung der ersten Demokratie der Weltgeschichte zu lernen.

Ansonsten scheint zu drohen, dass wir uns unsere demokratischen Lektionen wie die griechische Antike auf die eher schmerzhafte Tour verschaffen. Und wie heißt es so schön? – „Man muss nicht alle Fehler selber machen, man kann auch aus den Fehlern anderer lernen.“

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