Nun, selbst wenn wir gewagter Weise annehmen, es gäbe so etwas oder es ließe sich so etwas wie „Geschwisterlichkeit“ herstellen in der Menschheitsfamilie:

Nirgendwo ist die Konkurrenz so groß und so scharf wie eben unter Geschwistern.

Um das zu erkennen müssen wir nicht Kain und Abel bemühen. Wir können auch einfach in unsere eigene Familien und unsere Umgebung schauen.

Allerdings gibt es auch eine erkennbare Bedingung, unter der sich heftige geschwisterliche Konkurrenz herausbildet und verselbständigt. Und auch sie finden wir sowohl in alten Mythen wie in unserer alltäglichen Gegenwart:

Wenn nicht jeder genug Liebe und Aufmerksamkeit bekommt, bzw. wenn sie all zu ungleich verteilt sind, dann entsteht mit unschöner Zuverlässigkeit Geschwisterhass.

Doch woher sollen „Liebe und Aufmerksamkeit“ im Fall der „Menschheitsfamilie“ kommen?

Wirklich aus der übergroßen „Landesvater-/Landesmutterbrust“? Eine alle Bürger umschlingende politische Liebe? Eine Aufmerksamkeit starker Führer an der Spitze unserer Staaten, so dass sich alle Bürger von ihnen gleichermaßen bedacht fühlen? Kann das funktionieren? Kann ein Mensch so viel Bezug zu allen anderen entwickeln, dass man mit Fug und Recht von „Liebe“ sprechen kann? Dass das alles nicht nur ein leicht durchschaubares und wahrscheinlich mörderisches Politschauspiel wird? Eins, das nur deswegen mit Vorsatz nicht durchschaut wird, weil man in einer lieblosen Gesellschaft als Mensch nach jedem Strohhalm greift, der einem hingehalten wird? Und sei er auch noch so misstrauenserweckend? Weil man es gar nicht so genau wissen will und notfalls die Illusion des Geliebtseins nimmt? – Liebesbedürftige Menschen sind leicht verführbar.

Man kann den Möchtegern-Tyrannen dieser Welt daher nur raten, sich im privaten Alltag für die üblichen Verhaltensweisen der Lieblosigkeit stark zu machen – denn solche Reservoire des emotionalen Verzichts lassen sich politisch wunderbar ausbeuten.

Wenn es aber auch und gerade in der Politik ganz unvermeidlich um Gefühle geht, um den Eindruck, hinreichend Aufmerksamkeit zu bekommen, so stellt sich tatsächlich die Frage, wie sich eine solche allgemeine Aufmerksamkeit für alle Bürger faktisch zustande kommen soll? Wie man sie institutionalisiert?

Wenn wir einmal für einen kurzen Moment annehmen, dass wir auch als Bürger „Erwachsen werden“ und uns aus der Kindposition lösen können, dann kann diese allgemeine politische Aufmerksamkeit und Zuwendung nicht top-down erfolgen. Dann kann es nicht darum gehen, dass sich Berufspolitiker paternalistisch zu uns Bürgern herabbeugen, uns Bürgerkindern zur Beruhigung mehr oder weniger liebevoll den Kopf tätscheln – und dann unter sich die Dinge regeln, wie sie annehmen, dass sie für uns gut sind.

Für unsere Ausgangsfrage, wie politische „Geschwisterlichkeit“ zustande kommen könnte, bleibt dann nur noch eine Option: Wir Bürger müssen institutionell in die Lage versetzt werden, uns wechselseitig jene Aufmerksamkeit und Zuwendung zu geben, die wir alle auch im Politischen benötigen.

Die Menschheitsfamilie kann nur dann aus dem Zustand einer mörderischen Konkurrenz heraustreten und Geschwisterlichkeit in ihrem positiven Aspekt hoher zwischenmenschlicher Verbundenheit leben, wenn wir konsequent von autoritären „Lösungen“ auf demokratische Institutionen umstellen. Und in diesen demokratischen Institutionen wenden sich zunächst die Bürger wechselseitig einander zu, bevor sie überhaupt in Kontakt mit ihrer politischen Exekutive treten.

Anders ist heute kein Staat mehr zu machen. Auch aus psychologischen Gründen, die heute sehr gut erforscht sind und von uns auch politisch schon zur Genüge erfahren wurden.

Demokratische Institutionen erwachsen dann auch aus der Einsicht, dass Freiheit und Gleichheit zwischen den Bürger verfahrenstechnisch überhaupt erst erzeugt und erlebbar gemacht werden müssen, damit eine bejahenswerte „Geschwisterlichkeit“ zwischen uns entstehen kann. Gute Beziehungen zwischen uns als Bürgern sind das erklärte Ziel, nicht die Voraussetzung von Politik und Demokratie. Institutionell gesetze Freiheit und Gleichheit sind die demokratischen Mittel, eine anteilnehmende Haltung zwischen uns hervorzubringen, immer wieder neu.

Demokratie ist also auch Beziehungspflege zwischen den Bürgern. Nur wenn sie regelmäßig stattfindet, verschwinden die autoritären Sehnsüchte nach den politischen „Vätern“, die für uns die Welt in Ordnung bringen sollen. Diese Sehnsüchte verschwinden nicht durch wohlmeinende Appelle, denn sie existieren auf einer viel fundamentaleren emotionalen Ebene. Sie brauchen kontinuierliche politische Zuwendung. Anders gesagt: Ihre eigentlichen, emotionalen Gründe müssen von uns allen gemeinsam beständig mit Aufmerksamkeit versorgt werden. Demokratische Zuwendung ist keine „Ein-für-alle-Mal-Geschichte“, Demokratie ist beständige Arbeit, an der sich alle Bürger gemeinsam beteiligen.

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