Ich lass mich ja immer wieder mit großer Freude leicht verstören. Meine letzte von gefühlten 20 Verstörungen heute stammt von einer etwas unvorsichtigen Nietzsche-Auffrischung, zu der ich mich aus nicht vollständig austherapierten philosophischen Reflexen heraus habe hinreissen lassen. Dabei weiß ich noch dunkel aus früheren Erfahrungen (siehe dazu: „Selbstbildnis des Autors als junger, verzweifelter Mann“), dass man diesen glücklich Durchgeknallten nur in gaaaaanz kleinen Häppchen genießen kann. Und auch dann muss man mit was Hochprozentigem gut nachspülen. – Aber das nur am Rande.

Nach diesem kleinen Verdauungsakt fällt es mir leicht, mich nicht groß drum zu scheren, ob das Folgende nun eher ein monumentalischer, antiquarischer oder kritischer Gebrauch der Historie ist, wovon genau dieser Gebrauch getrieben ist, und ob die Mischung stimmt.

Solche Reflexionen sind laut Nietzsche ja ohnehin nichts für einen „Tätigen Mächtigen“ Menschen in Aktion. Sie können ihn (qua Nietzschescher Vorschrift) gar nicht interessieren, und weil nicht sein kann was nicht sein darf folge ich nun also ganz brav und zitiere einfach munter und völlig unangekränkelt von jeglicher Selbsthinterfragung weiter meinen historischen Kolporteur Christian Meier (auch wenn notorisches Selbsthinterfragen meine eigentliche Super-Power ist, wie manch einer womöglich schon bemerkt hat; aber was will man machen? – Nietzsche hat’s verboten!):

„DIE DEMOKRATIE, die sich unter Perikles ausgebildet hatte, sollte wirklich eine Herrschaft des Volkes sein; außerordentlich weitgehend, wie es in den kleinen Verhältnissen der Polis möglich war, und mit bestimmten Wichtigkeiten, die sich daraus ergaben. Insgesamt war sie so sehr voll von Eigenheiten, dass sich die Frage stellt, ob unsere Demokratien, verglichen mit dem antiken Vorbild überhaupt den Namen verdienen.

Diese Demokratie folgte vor allem zwei Grundsätzen: Erstens sollten alle Entscheidungen möglichst in der Öffentlichkeit, aufgrund öffentlicher Diskussion, gefällt werden, und zwar jeweils vom größtmöglichen Gremium. Zweitens sollten die Bürger, soweit es ging, an der Politik, auch an den Ämtern beteiligt sein. Was zugleich bedeutete, dass deren Besetzung nicht durch organisierten Einfluss, also etwa durch Adelsgruppen bestimmt sein durfte. Es sollte überhaupt Organisation von Einfluss, Manipulation von kleinen Kreisen aus nicht stattfinden.

Um dies zu erreichen, war festgelegt, dass die Volksversammlung in jedem Jahreszehntel mindestens drei- (oder vier)mal zusammentrat. Damit sie dort möglichst weitgehend sachgemäße Entscheidungen treffen könnte, wurden die Materien in kleinerem Kreis, nämlich vom Rat der Fünfhundert vorbesprochen. Da dieser Rat möglichst wenig Macht in seiner Hand vereinen sollte, wurde er jedes Jahr völlig neu zusammengesetzt. Spätestens seit Perikles galt daher: Keiner durfte in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Ratsmann sein, keiner öfter als zweimal im Leben. Außerdem geschah die Bestellung durch das Los. Um weniger Bemittelten die Teilnahme zu ermöglichen, wurden Diäten gezahlt (was früher undenkbar gewesen war: politische Aufgaben hatte nur übernommen, wer es sich leisten konnte).

Die Ratsmänner sollten nicht jene Überlegenheit gewinnen können, die aus anhaltender Ausübung der Funktion, aus Zusammenarbeit, Erfahrung und Verbindung zu erwachsen pflegt. Sie sollten der Volksversammlung dienen, nicht sie bevormunden. Sie sollten also nicht mehr als ein beliebig aus dem Volk herausgegriffener Ausschuss sein. […]

Da die Zahl der Vorlagen des Rats der Fünfhundert (der probouleúmata) sehr groß war  – denn das Volk sollte ja wirklich über alles Wichtige und sehr vieles auch minder Wichtige entscheiden -, wurde Vorsorge dafür getroffen, dass die Volksversammlung wenig strittige Ratsbeschlüsse ohne Diskussion vorab bestätigen konnte. Die Gelegenheit, eine Debatte zu verlangen, bestand immer; aber es wurde versucht, darauf hinzuwirken, dass sich die Sitzungen auf wenige Punkte konzentrierten. Hier öffnete sich die Möglichkeit für Manipulationen. Indes ist angesichts der Zusammensetzung des Rats kaum anzunehmen, dass davon viel Gebrauch gemacht wurde.

In den Punkten, die die Volksversammlung diskutierte, konnten zu den Ratsvorlagen Änderungs- und Zusatzanträge eingebracht werden. Und jeder unbescholtene Bürger hatte das Recht, Vorschläge zu machen, die der Rat dann behandeln und in Form einer Vorlage der Volksversammlung präsentieren musste.

In dieser Volksversammlung galt eines der großen, immer wieder stolz hervorgehobenen Rechte des attischen Bürgers: >>Freiheit ist der Ruf des Herolds: >Wer will der Polis einen nützlichen Ratschlag erteilen?< und dann ist der, der es tut, hochgeehrt, wer es nicht will, schweigt: Wo wäre gleicheres Recht in einer Polis?<< (Euripides). Sokrates bezeugt in Platons Protagoras, dass wirklich Zimmermänner, Schmiede, Schuster, Krämer und Schiffsherren, Reich und Arm, Vornehm und Gering dort das Wort ergriffen. Der Begriff Isegorie (gleiches Rede- und Antragsrecht) konnte sogar dazu dienen, die Isonomie zu bezeichnen.“

(Christian Meier: „Athen“, S. 477 ff.)

Ich gebe aber immerhin soviel zu, dass der Titel dieses Artikels wenn auch nicht ganz falsch, so doch ziemlich irreführend gewesen sein kann. Ganz schlechtes expectation management meinerseits. Aber das ist nun, ganz am Ende dieses Artikels, wahrscheinlich auch schon egal. Ich wünsche Ihnen allen eine philosophisch-unphilosophische demokratische gute Nacht. 🙂

 

 

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